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StartseiteBüchermarktFreiheit ohne Tugend ist ein Irrweg15.11.2007

Freiheit ohne Tugend ist ein Irrweg

René Weiland über das Äußerste, was ein Mensch sein kann

Nach Thomas von Aquin sind die menschlichen Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maßhalten. Der Berliner Philosoph René Weiland hat nun für den Verlag AQUINarte den Begriff der Tugendhaftigkeit zum Gegenstand seiner Überlegungen gemacht. Der Essayband "Das Äußerste, was ein Mensch sein kann" erscheint zum zehnjährigen Bestehen des kleinen Verlages aus Kassel.

Von Matthias Eckoldt

In seinem Buch verzichtet Weiland   auf   jegliche Form von Grabenkämpfen.  (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)
In seinem Buch verzichtet Weiland auf jegliche Form von Grabenkämpfen. (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)

Etwas an der Gegenwart fehlt mir, etwas bedrängt mich. Die Gegenwart bedrängt mich, sosehr ihr etwas fehlt. Dass mir etwas gefehlt hat, zeigt mir, nachträglich, die Flüchtigkeit meiner Gegenwart. Und doch stellt sich die Gegenwart immer wieder als unüberwindlich dar. Wie hinter sie kommen? Wie mich von ihrer Aufdringlichkeit freihalten?

Das sind die Grundfragen, die sich René Weiland für seinen Essayband mit dem Titel "Das Äußerste, was ein Mensch sein kann" vorlegt. Dabei meint er mit Gegenwart nicht die geschichtliche Epoche, in der wir leben, nicht jene durchs Feuilleton geisternden Markennamen wie Posthistorie oder Mediengesellschaft, sondern das gleichsam private Hier und Jetzt. Die Gegenwart des Heute, die man nicht abzuschütteln vermag und die sich mit aller Macht auf uns legt. Zur Beantwortung holt Weiland weit aus. In seinem vorsichtig tastenden und dabei doch immer klaren, von hoher geistiger Präsenz getragenen Stil geht er auf Thomas von Aquin zurück, um die Gegenwartsproblematik bedenken zu können. Eine durchaus ungewöhnliche Volte, die der Autor schlägt. Die aber liegt haargenau auf der Linie des kleinen Kasseler Verlages AQUINarte, weshalb sich der Verleger Gerald Aschenbrenner dazu entschlossen hat, Weilands Buch als Jubiläumsband herauszubringen. Zehn Jahre gibt es AQUINarte nunmehr. Im Namen ist bereits das Konzept beschrieben. Der Philosoph René Weiland:

"Mit dem Jubiläumsband ist sozusagen das Versprechen, das der Verleger sich selbst gegeben hat, eingelöst worden. Die Interpretation dieses Namens ist: Die Verbindung von Mittelalter und Moderne. Aquin ist klar - das steht für Thomas von Aquin - und arte eigentlich als einer der Leitbegriffe der Moderne, der Kunst, der Autonomie. Die eine Hälfte repräsentiert den Begriff der unverfügbaren Ordnung - metaphysisch, theologischen Ordnung, einerseits und den Begriff der künstlerischen Freiheit, der Moderne, andererseits. Damit ist die Spannung eigentlich formuliert, in der sich der Kunstbegriff und der Philosophiebegriff dieses Verlages wiederspiegeln soll."

Alle Bücher von AQUINarte befassen sich mit dem Begriffspaar Freiheit und Ordnung. Dass sie das auf ganz unterschiedliche Art und Weise tun, macht den Reiz des Verlagsprogramms aus. Hier stehen Rilkes "Duineser Elegien" als Symptom für die Bewusstseinserweiterung der Kunst neben dem Versuch, die Biografie eines mit achtzehn Jahren verunglückten Bergsteigers zu rekonstruieren, wobei sich in jeder Zeile die metaphysische Frage stellt, ob Schreiben und Leben überhaupt etwas miteinander zu tun haben, wie hoch der Preis ist, wenn man die Freiheit des Lebens der Ordnung des Schreibens unterwirft. Explizit wird die Grundspannung des Verlagsprogramms in den Essaybänden mit Titeln wie: "Narziss und Cosmos", "Melancholie und Abstraktion" oder "Der Engel ohne Kopf". Darüber hinaus merkt der Leser auch den Büchern selbst an, dass sie etwas Besonderes sind. Und das trotz der Preisspanne von 11 bis 22 Euro. Aschenbrenner gelingt es mit seinen handgebundenen, auf edelsten Papieren gedruckten Büchern die so fragile Balance zwischen bibliophilem Selbstzweck und purer Informationsübermittlung zu halten. So ist es allein ein sinnliches Ereignis, den Jubiläumsband von René Weiland in Händen zu halten. Den Titel gab Thomas von Aquin, der Tugend definierte als:

Das Äußerste, was ein Mensch sein kann.

Der Heilige, der von seinen Interpreten nach dem Grad der Nähe zu seiner Person, auch einfach nur Thomas oder - wie es Umberto Eco mit dem wirkmächtigsten Philosophen des Mittelalters hält - "der dicke Thomas" genannt wird, schrieb über die so genannten Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maßhalten. René Weiland beweist allein dadurch, dass er im Anschluss an Thomas von Aquin den Begriff der Tugendhaftigkeit zum Gegenstand seiner Überlegungen macht, Tapferkeit im Sinne von Mut. Denn er stellt sich damit gegen die populären Strömungen der gegenwärtigen Philosophie, die alle moralischen Begriffe dem Hohn ihres Relativismus preisgeben. In seinem Buch verzichtet Weiland - und nicht zuletzt deswegen folgt man ihm gern - auf Provokationen und jegliche Form von Grabenkämpfen. Sein Text kommt so daher, als ließe er den Leser an einem intensiven Selbstgespräch teilhaben:

"Die Frage: Ist Freiheit und Ordnung zusammenzubringen? Also: Wie können wir einerseits selbstbestimmt leben und andererseits uns nicht selbst verlieren? Gibt es etwas, das uns hält? Gibt es eine Konstante, die die Menschheit miteinander verbindet. Was mich jetzt interessiert ist der Gedanke, dass Freiheit immer an Bedingungen geknüpft ist, die die Freiheit selbst nicht gesetzt hat. Und dass sich deswegen Freiheit bewähren muss und dass es deswegen Tugend braucht, um frei zu sein und dass die Vorstellung, frei zu sein ohne tugendhaft zu sein, ein Irrweg ist. Es ist so, dass die Freiheit ja nicht nur die Freiheit meiner eigenen Individualität meint, sondern es meint auch die Freiheit derer, die kommen werden und die Freiheit derer, die vor uns waren, deren Freiheitskampf ich beerbe. Das heißt, mein eigener Freiheitsbegriff innerhalb meiner eigenen endlichen Existenz ist ja eingeschlossen in transzendente Fragestellungen: Wie geht es weiter mit der Menschheit und woher kam sie? Von daher brauchen wir selbst dafür, um hier und jetzt unserer inneren Freiheit gerecht werden zu können, ein überindividuelles, auch überzeitliches Maß, das über unsere eigene Endlichkeit hinausgeht. "

Das Buch "Das Äußerste, was ein Mensch sein kann" gliedert sich in vier Kapitel. Zuerst gibt Weiland eine Einführung in das Denken des Thomas von Aquin. Daran schließt sich ein Diskurs über die Kardinaltugenden und ein Gespräch mit dem katholischen Philosophen Josef Pieper an, bevor einen Weiland im letzten Kapitel ins Offene seines freien Essays mitnimmt. Ganz im Sinne der ursprünglichen Bedeutung der Textgattung, die ihr Montaigne gab, arbeitet sich Weiland an einem Versuch ab. Dem Versuch, von sich als einem nach Freiheit dürstenden und zugleich die Schmerzen der Freiheit wahrnehmenden Menschen zu reden. Oder andersherum: Sein Menschsein zwischen den Wunden, die die Ordnung schlägt und dem Trost, den sie zu spenden vermag, zu bedenken.

Ich gehe nirgends auf. Ich trage eine Reserve in mir. Niemand kann mir abnehmen, der zu werden, der ich meinen Möglichkeiten nach bin. Ich kann mich ebenso gut verfehlen. Und doch bleibe ich noch als der, der sich verfehlt, ich selbst, und sei es in niederer Potenz.

In jener naturgegebenen Trunkenheit taumelnd, die Montaigne in der Erstausgabe seiner "Essays" vor über vierhundert Jahren als Grundverfassung des Essayisten bezeichnete, bahnt sich auch Weiland seinen Weg durch die unbeantwortbaren gleichwohl aber sehr bedenkenswerten Fragen der menschlichen Verfasstheit. So ist sein Buch als Ganzes nicht weniger als eine Aufmunterung, für Momente dem Diktat der Gegenwart die Stirn zu bieten:

"Wenn man sich Menschen vor Augen stellt, die in Haft sitzen, die sich nicht vorstellen können, aus dieser Zelle rauszukommen. Sie werden es sich dennoch vorstellen können, weil sie in der Lage sind, dieses Hier und Jetzt zu transzendieren. Die Gegenwart ist sogar in dem Maße, als sie sich als vollkommen unüberwindbar darstellt, vielleicht sogar am gefährdetsten. Und das hilft uns - denke ich - in Augenblicken der Einschüchterung, in Augenblicken der Entmutigung, uns auf etwas zu besinnen, was in dieser Wirklichkeit, was in dieser Gegenwart schon anwesend ist, aber abwesend anwesend ist. Und das nenne ich die Freiheit der geschlossenen Augen. Ich schließe die Augen und weiß, es gibt noch etwas nach diesem Heute, und ich werde dieses Heute überstehen und das morgige Heute wird anders sein."

René Weiland: "Das Äußerste, was ein Mensch sein kann", 16 Euro, 80 Seiten, AQUINarte

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