Kultur heute / Archiv /

 

Freilufttheater nach Victor Hugo

Christoph Nix inszeniert den "Glöckner von Notre Dame" auf dem Konstanzer Münsterplatz

Von Cornelie Ueding

Victor Hugo
Victor Hugo (CC BY-SA 2.0 / paukrus)

Urban performing, städtisches Veranstalten, outdoor performing: Am Bodensee gelang das nun mit einem wahrhaft alten und gruseligen Stoff. Intendant Christoph Nix hat den Glöckner von Notre Dame, nach Victor Hugo, auf dem Münsterplatz aufgeführt. Der taube Bucklige wurde von mehreren Chören begleitet, um die schöne Zigeunerin Esmeralda zu retten.

Gaukler, Magier, Feuerschlucker. Schaulustige, theaterfein gemachte Zeitgenossen und mittelalterlich kostümiertes "Volk" lassen sich von Musikanten und zirzensischen Künstlern vom Münstervorplatz aufs Zuschauerpodest neben dem Konstanzer Münster locken. Dort versucht ein ebenso egomanischer wie verzweifelter Dichter Aufmerksamkeit für sein Moralitätenstück zu wecken. Vergebens. Denn keifende Weiber, Rechthaber und Streithähne sind kaum zu bändigen, das Gedränge ist trotz patrouillierender Ordnungshüter die Chance für Gauner und Taschendiebe – und zieht auch noch unerwünschtes Publikum an: Zigeuner. Gegen die richtet sich unvermittelt der geballte Volkszorn der feinen und der sehr viel weniger feinen Leute. Nur eine kann durchschlüpfen: La Esmeralda mit ihrer hinreißenden Puppenspieler-Ziege. Jung und schön und begehrenswert wird sie zur Projektionsfigur aller verbotenen Begierden und des Hasses und zur Hauptperson für den Dichter und für den verkrüppelten Glöckner von Notre Dame.

Prall, bunt, opulent und mitreißend – so kann Freilichtspiel-Sommertheater sein. Und genau so ist es in der Konstanzer Uraufführung von Christoph Nix gelungen, der zusammen mit seinem Dramaturgen-Team Victor Hugos weltbekannten Roman für die theatralische Adaption geschickt in effektvolle szenische Momentaufnahmen zerlegt hat. Volkstheater. Lärmender Pöbel, brutale Soldaten, tanzende Zigeuner und singende Kinder. Schüsse, Schreie, Pulverdampf und Irrlichter – alles, was man von einem lebendigen Theatermittelalter erwarten darf, Folter und Hinrichtung auf offener Bühne inklusive.

Und die Münsterfassade spielt bis in die Turmspitzen mit. Doch dieser Konstanzer Sommernachts-Albtraum um die als Hexe verurteilte Zigeunerin Esmeralda, den mit Unterwerfung und mörderischer Entschlossenheit nach der schönen Zigeunerin gierenden Priester Frollo und das unglückliche Monster Quasimodo bot weitaus mehr als diese professionellen Effekte.
Nix, seinem Regieteam und den Schauspielern, Musikanten und Scharen von Statisten gelang in den besten Momenten das Kunststück, Massenwirkung und Feineinstellung, grelle Effekte und psychologische Nuancen so aufeinander zu beziehen, dass mehr entstand als großes Sommertheater: dann schwieg die mitreißende Musik, wurde die große Maschinerie angehalten. Das klägliche Meckern der kleinen Ziege geriet unter die Schaftstiefel eines Schergen;

Kinder wurden dazu benutzt, mit ihren kleinen Stimmchen den Verurteilten, als wär's eine fromme Idylle, aufs Schafott zu geleiten; oder aber seitlich, weitab vom Geschehen, verschwand der gespenstische Schatten des Mörders Frollo im Dunkel, während die unschuldige Esmeralda vors Blutgericht gezerrt, gnadenlos von ganz weit oben abgeurteilt und als Hexe gehenkt wurde.

Gänsehaut-Gefühle. Ganz aktueller Art. Denn es wurde geradezu einsehbar, dass und wie in diesem Schau-Gericht die Massengefühle, die Instinkte, Urteile und Vor-Urteile der gefährlich wankelmütigen und daher lenkbaren Massen, von gewissenlosen, hartgesottenen Sadisten erfolgreich gesteuert wurden. Ganz unverstellt und direkt vor den Augen der Öffentlichkeit. Vor unseren Augen. Während landaus landein allüberall die Lust an historisierenden Umzügen wächst, ist es diesem poetisch befremdenden Spektakel in Konstanz gelungen, trotz Lumpengesindel und historischer Kostümierung, einen grande danse macabre der Ohmmacht und des Widerstands dagegenzusetzen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Salzburger Festspiele"Blut ist die beste Soße"

Festspielhäuser an der Hofstallgasse  in Salzburg

Bei den Salzburger Festspielen gibt es den Young Directors Club. Künstler, von denen man sich wegweisende Impulse erhofft, werden dort gezeigt. Jetzt feierte das Stück "Hinkemann" von Ernst Toller, inszeniert vom serbischen Regisseur Miloš Lolić, Premiere. Der Kriegsheimkehrer hat keine Kraft zum Kämpfen, Leben und Träumen mehr.

Christenvertreibungen im Irak"Scheitern der islamischen Kultur"

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad befürchtet neue Gewalt

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad macht die radikalen Islamisten der ISIS für eine Welle der Christenvertreibung verantwortlich. Es sei traurige Wirklichkeit, dass die 2.000-jährige Geschichte des orientalischen Christentums gerade zu Ende gehe, sagte Abdel-Samad im DLF.

Zum Tod Harun Farockis"Er hat die Grenze zwischen dokumentarischem Arbeiten und Kunst aufgelöst"

Der deutsche Filmkünstler Harun Farocki in seiner Ausstellung "Spiel und Spielregeln"  im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg, April 2013

"Was ist eigentlich Arbeit?" - Diese Frage stand im Zentrum des Schaffens von Harun Farocki. Das Verhältnis von Arbeit und Theatralisierung war ein roter Faden in den Arbeiten des Filmemachers, Drehbuchautors und Künstlers und machte ihn einzigartig, sagte der Kulturjournalist Stefan Reinecke im Deutschlandfunk.

 

Kultur

Christenvertreibungen im Irak"Scheitern der islamischen Kultur"

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad befürchtet neue Gewalt

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad macht die radikalen Islamisten der ISIS für eine Welle der Christenvertreibung verantwortlich. Es sei traurige Wirklichkeit, dass die 2.000-jährige Geschichte des orientalischen Christentums gerade zu Ende gehe, sagte Abdel-Samad im DLF.

Zum Tod Harun Farockis"Er hat die Grenze zwischen dokumentarischem Arbeiten und Kunst aufgelöst"

Der deutsche Filmkünstler Harun Farocki in seiner Ausstellung "Spiel und Spielregeln"  im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg, April 2013

"Was ist eigentlich Arbeit?" - Diese Frage stand im Zentrum des Schaffens von Harun Farocki. Das Verhältnis von Arbeit und Theatralisierung war ein roter Faden in den Arbeiten des Filmemachers, Drehbuchautors und Künstlers und machte ihn einzigartig, sagte der Kulturjournalist Stefan Reinecke im Deutschlandfunk.

The Forbidden ZonePerfekte Inszenierung für Salzburger Festspiele

Die Schauspielerin Jenny König als Claire Haber in "The Forbidden Zone", Salzburger Festspiele 2014

Es ist eine feministische Geschichte von der Ohnmacht der Frauen im Krieg, die Katie Mitchell und Duncan Macmillan in "The Forbidden Zone" erzählen: Claire Haber, Chemikerin während des Zweiten Weltkriegs in den USA, ergründet darin ihre familiäre Vergangenheit - die voller Tragödien steckt.