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Fremd-vertraute Bilder aus Russland

Olaf Kühl: "Tote Tiere". Rowohlt Verlag

Von Hartmut Kasper

Michail Chodorkowski wollen die Romanhelden befreien.
Michail Chodorkowski wollen die Romanhelden befreien. (picture alliance / dpa)

Mit einem Fahrplan, aber nicht so recht mit einem Plot, schreibt Olaf Kühl sein Romandebüt "Tote Tiere", in dem zwei Freunde nach Russland reisen, um den inhaftierten Oppositionellen Chodorkowskij zu befreien.

Olaf Kühl hat bislang als Übersetzer aus dem Polnischen und Russischen geglänzt. Seit 1996 ist er Russlandreferent des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. "Tote Tiere" ist sein Romandebüt. Kühls Geschichte verbindet die drei Länder, deren Sprachen sich in seiner Arbeit begegnen: Deutschland, Polen und Russland.

Der Ich-Erzähler des Romans ist ein deutscher Journalist aus Berlin; er hat einen polnischen Freund, den Schriftsteller Andrzej Karymsiuk. Dieser wieder hat einen Schäferhund, der "Dojczland" heißt. Nach Deutschland reist der polnische Schriftsteller ungern; Russland meidet er ganz. Warum? Karymsiuk sagt:

"Ich kann mir vorstellen, wie es dort aussieht. Die Menschen sind eingeschüchtert und dumpf, sonst würden sie so ein Regime nicht dulden. Das geht schon seit Jahrhunderten so. Obrigkeitsdenken. Daran hat sich nichts geändert."

Der Ich-Erzähler kontert, dass, wenn man Änderung verlangt, man eben hinfahren und als vorangehendes gutes Beispiel etwas unternehmen müsse. Was?

"Irgendwas. Chodorkowskij befreien."

Ein naheliegender Gedanke, wird der Oligarch Michael Borissowitsch Chodorkowskij doch wie kein zweiter Putin-Gegner von den Medien hierzulande und anderswo im Bewusstsein präsent gehalten.
Als wäre Chodorkowskij – oder doch seine Befreiung – der archimedische Punkt, von dem aus Russland – oder doch das Obrigkeitsdenken der Einheimischen – aus den Angeln zu heben sei, machen sich die beiden Männer kurz darauf auf den Weg. Da bei solchen Missionen Ehefrauen wie Schäferhunde, die auf den Namen Dojczland hören, eher stören, bleiben diese daheim.

Nun rechnet, wenn man den Nachrichten Glauben schenken will, Chodorkowskij nicht zu denjenigen Inhaftierten Russlands, denen eine resozialisierungsfreudige Justiz viel Auslauf einräumte, auf dass vorbeischauende Schriftsteller ihn kurzerhand in die Freiheit entführen könnten.

Er ist im Gegenteil einer des bestbewachten Insassen des russischen Justizvollzugssystems. Ob Chodorkowskij überhaupt noch in dem Lager einsitzt, zu dem sich die beiden auf den Weg machen? Wer weiß. Ob er gegebenenfalls überhaupt befreit werden möchte? Keine Ahnung.

Mit solchen Bagatellen befasst man sich nur beiläufig. Gefängnismauern, Wachen, die Kräfte der OMON-Milizen des Innenministeriums schrecken die Helden ebenfalls nicht. Die Erfolgsaussichten ihres Unternehmens dürften ähnlich groß sein wie beim Versuch, via Zeitreise das Attentat auf Julius Cäsar zu verhindern oder sich in Castrop-Rauxel zum Jedi-Meister ausbilden zu lassen.

Der Plan des deutsch-polnischen Zweimannkreuzzugs hat deswegen viel von Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen. Dem spanischen Ritter stand mit Sancho Pansa immerhin die Stimme der Vernunft zur Seite. Im Fall der privaten Chodorkowskij-Befreiungsarmee aber ist reichlich Don Quichotte, nur wenig Sancho Pansa.

Damit könnte nun der Boden bereitet sein für eine wahnwitzig Geschichte, für eine hanebüchend-humoreske Eskapade ins Imperium der Putins und Medwedews.

Weit gefehlt.

Der Leser muss, mal mehr, mal weniger erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass sowohl die Figuren wie auch die Erzählung selbst sich ernstnehmen. Die Reise nach Sibirien wirkt vor dem Hintergrund des absurden Motivs geradezu fotorealistisch: ein Roadmovie in den wilden Osten, zugleich die Fabel einer abgründigen Männerfreundschaft.

Tatsächlich sind die Landschaftsaufnahmen wunderbar, die Erzählung ist reich an einer nicht klinisch reinen, sondern erdfarbenen, manchmal verfallenden Exotik: Der Baikalsee, Ivolginsk, Irkutsk, Zabajkalsk, das burjatische Ulan-Ude, Bahnhofshallen, Flughäfen und Hotels, das uferlose Landmeer Sibiriens und das über die Staatsgrenze nach Russland hineinleuchtende China, in das Chodorkowskij baldmöglichst gerettet werden soll. Und überall der Rost:

"Der wichtigste Stoff, aus dem das Land seit der Revolution gebaut wurde, war überall im Zerfall begriffen. Industrie und Rüstung. T 34-Panter. Stalinorgeln. Alles rostete. Russland, Rostland. Die Menschen hier aber erneuerten sich immer wieder."

Alles wird herzenswarm erzählt und ist ein bisschen so, wie man es von großen TV-Dokumentationen beispielsweise eines Klaus Bednarz kennt.
Warum auch nicht. Wer weiß schon, ob zwischen Klischee und Wirklichkeit wirklich jene Abgründe klaffen, die die Fürsprecher des Unergründlich-Eigenartigen behaupten.

Den beiden Helden geht es den Umständen entsprechend gut: Mag sein, dass sie an Bord eines Taxis schon einmal einen Schusswechsel miterleben. Ihr Fahrer beruhigt:

"Konkurrenz unter Taxifahrern. Sogar die Stadtregierung mischt sich ein, sie betreibt ihr eigenes Unternehmen. Geschossen haben sie früher schon einmal, aber getroffen noch nie. Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen."

Tschita, die transbaikalische Stadt, in deren Gefängnis Chodorkowskij einsitzt – wenigstens zum Zeitpunkt der Romanhandlung, mittlerweile ist er nach Karelien verlegt – Tschita also wird zum Wendepunkt in der Geschichte: Die Befreier lernen dort Natascha kennen, ein junges Mädchen, das Zutritt zum Gefängnis hat – als Gelegenheitsprostituierte, wie sich herausstellt. Über sie hoffen die beiden, Kontakt zum Gefangenen herstellen zu können. Aber Natascha wird ermordet. Die beiden Helden fliehen.

Ende der Geschichte? Nein. Am Ende wenden die beiden, der Grenze schon nah, ihren Wagen und, mit ein wenig neu geschöpfter Hoffnung im Gepäck, versuchen sie ihr Glück erneut.

Immer wieder gelingen kühl frappierende Momentaufnahmen, fremd-vertraute Bilder:

"Die Bewohner von Zabajkalsk waren pragmatisch, ließen es sich wohl sein im Bauch des Walfischs. Sie lebten weiter vor sich hin und verließen sich ganz auf den kleinen Zaren, den Präsidenten mit den Knopfaugen, der einen so warmherzigen und intelligenten Eindruck machte. Im Kreml würde man sich schon etwas ausdenken. Niemand merkte, dass er schon verdaut wurde."

Zu dieser Fremd-Vertrautheit passt, dass die Frauen des Romans, enthüllt man sie ihrer schwermütigen Russizität, fast wieder archetypisch wirken, Heilige oder Hure oder beides zugleich. Der Ich-Erzähler vergisst sich mit der liebenswürdigen Mascha, Karymsiuk liebt die nicht minder liebenswürdige Natascha. Alles gut und schön.

Das Manko des Romans bleibt, dass er wohl etwas wie einen Fahrplan hat, aber keinen Plot, der seinen Hauptfiguren einen glaubwürdigen Beweggrund verleihen würde. Aber vielleicht ist Russland – wenigstens das Russland dieses Romans – ja auch ein Kosmos eigener Art, an dem anders gedacht und verfahren wird, als es unserer Psychologie vertraut ist:

"Russland war zu groß. Russland war ja gerade das Loch, durch das man aus der Wirklichkeit fiel."

Ein Ort, an dem die Helden ihrer absurden Bemühungen nicht müde werden. Ein Ort, an dem, wie der Ich-Erzähler es in einer abschließenden Vision erlebt, all die titelgebenden "toten Tiere", die man unterwegs gesehen hat, die gerissenen Lämmer, vergifteten Hunde, verendeten Hirschkühe, wieder auferstehen.

Buchinfos:
Olaf Kühl: "Tote Tiere", Rowohlt Verlag Berlin, Roman, 285 Seiten, Preis: 19,95 Euro

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