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StartseiteBüchermarktFremdling im eigenen Haus01.04.2004

Fremdling im eigenen Haus

Robert Schindel zum sechzigsten Geburtstag

Es ist zwar nicht das berühmte Hawelka nahe dem Stephansdom, in dem wir uns treffen, aber ein Kaffeehaus soll es schon sein. Das Hawelka hat Robert Schindel auch schon mal, mit der ihm eigenen Selbstironie, seine "erste Universität" genannt. Es blieb nicht seine einzige. Von Anfang an musste sich erst das Kind, dann der Jugendliche mit der kommunistischen Glaubenslehre auseinandersetzen. Die vertrat seine Mutter. Gleichzeitig verleugnete sie die eigene jüdische Herkunft, indem sie das Judentum zu einer Religionsgemeinschaft erklärte, der man halt nicht angehöre. Seine jüdische Physiognomie zwang den kleinen Robert jedoch von früh auf, sich den antisemitischen Ressentiments seiner Umwelt zu stellen. Schutz bot nicht zuletzt die Sprache, in der das Kind – mit einer Formulierung des von Schindel verehrten Hölderlin – ein Fremdling im eigenen Haus war.

von Jan Koneffke

Robert Schindel (AP)
Robert Schindel (AP)

Als Judenbub ...war ich natürlich auch der Fremde, der eigentlich nicht daher gehört hat. Und ich sprach das breiteste Wienerisch, das man sich vorstellen konnte, das heißt, man konnte, wenn man die Augen zugemacht und nur zugehört hat, nicht einen Moment bemerken, dass ich nicht daher gehöre. Ich war ein Ur-Wiener in der Sprache, in der Gestik, in der Modulation. Das war eine Reaktion auf das, das man mir gesagt hat, du gehörst nicht daher, und zwar doppelt, einerseits, geh rüber, das heißt nämlich in die Sowjetunion, als Kommunistenkind, und als Jude war ich sowieso kein Gesprächspartner..." 19:37 "...und die Sprache hat mir dann auch immer geholfen, auch in späteren Zeiten, wo es darauf angekommen ist, Angriffe abzuwehren..." 20:18 "... dass ich zum Schriftsteller wurde ist ein Nebenprodukt, das Hauptprodukt ist, glaube ich, eben diese Abwehr aufzubauen.

"Mein Wien ist ein nachblutender Witz", schreibt Schindel in einem seiner neuen Essays, die der Band Mein liebster Feind versammelt. Poetologische Reflexionen wechseln sich mit Anmerkungen zu Geschichte und Gegenwart des jüdisch-nichtjüdischen Verhältnisses ab, Gedichtinterpretationen mit Preisreden auf Kollegen. Immer sind diese Texte lesenswert, weil sie in ganz eigener Diktion das Allgemeine mit dem Besonderen zu verbinden wissen, und das Besondere bei Schindel lautet auf den Namen: Erfahrung. Es ist nicht nur das bewegte Leben eines in die Nachkriegszeit hineingeborenen Juden, der die Schule schmeißt, eine Buchhändlerlehre abbricht, durch Europa reist und als Tellerwäscher in Schweden arbeitet, 1967 sein Abitur nachholt, und gleich darauf zum Wortführer der Kommune Wien wird, dem radikalsten Teil der Wiener Studentenbewegung; der zwar 1967 die kommunistische Partei verlässt, dafür aber in den 70ern einer maoistischen Gruppe angehört. Zur Erfahrung werden Schindels Erlebnisse, weil sie der klugen, bisweilen spöttischen Selbstkritik unterworfen werden – nicht anders zu erwarten bei einem Autor, der sich selber, mit hintergründiger Ironie, als seinen "liebsten Feind" bezeichnet.

In schöner Bildlichkeit heißt es über das Wien der Nachriegszeit: "Dieser Wiener nun, eine Mischung aus Blockwart, Schütze Arsch und Heurigensänger, saß auf der Galerie und spuckte auf unsere Kindheitsbühne." Schindel erzählt immer wieder vom verlogenen Mief einer Zeit, in der Verbrechen tabuisiert wurden und die Vergangenheit in den Köpfen umso hartnäckiger überdauern konnte. Vor allem aber kommt er auf seine kommunistische Sozialisation, die ideologischen Irrtümer seiner Kindheit, Adoleszenzzeit und ersten Erwachsenenjahre zu sprechen. Stichwort: Ideologieinfektion.

Die Ideologieinfektion hab ich mit der Muttermilch mitbekommen, klarerweise, und ganz im Gegenteil, es war die Studentenbewegung 68, der erste Versuch, aus der Ideologieinfektion herauszukommen, mit einem Weg ins Freie, mit einer Selbstemanzipation, wo ich gesagt habe, es geht nicht nur um den Sozialismus, sondern es geht auch um die die Selbstbefreiung, es geht auch um das Loswerden der eigenen Komplexe, der eigenen Verkrampfungen, das ist natürlich insgesamt auch eine Ideologie, aber es war mehr eine Utopie, und, das sozusagen wir die Menschen nicht befreien können als Unfreie, wir müssen mit uns selbst anfangen..." 13: 48 "...und als dann das Ganze abgebröckelt, und die Schminke ab war, sozusagen, die ganze ideologische Schminke ab war, ist man in den Hemdsärmeln der Freiheit dagestanden und hat gesagt, ja, wer bin ich..." 8:09 "...und dann ist sozusagen die Zeit gekommen, nicht nur in Wien, sondern auch Frankfurt, Zürich, Berlin, wo linke Juden, die oft in diesen sozialen oder ideologieintensiven Bewegungen drinnen waren – die sind ja alle zusammengebrochen diese Bewegungen Ende der 70er Jahre – und dann sind diese linken Juden, ich auch, dagestanden, jetzt haben wir gar nichts mehr g’habt, gar nichts, außer das Judentum, und dann haben wir beschlossen, zu fragen, wer sind wir eigentlich, was für Juden sind wir überhaupt, wie sind Juden, woher kommen wir, wo gehen wir hin, was wollen wir überhaupt, und es haben sich quasi simultan in allen möglichen größeren Städten, wo eben Juden leben, jüdische Gruppen außerhalb der Kultusgemeinde gebildet.

Diese Erfahrungen werden zur Voraussetzung, eine eigene poetische Sprache zu finden. Zwar waren Schindels frühe Lyrik-Versuche, anfangs in unbeholfener Anlehnung an Schiller oder Kästner, bisweilen auch an Morgenstern, später seine an Brecht orientierten, den zeittypischen Linksdiskursen verhafteten Verse nie krude Partei- oder Agitationsliteratur, wie Volker Kaukoreit in seinem Schindel-Beitrag für das Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur bemerkt hat. Deutlich unabhängiger in der Form und den revolutionären Veränderungsimpetus konterkarierend, zeigte sich der Autor bereits in seinem mit 24 Jahren geschriebenen Prosawerk "Kassandra", einem offenen, bewusst fragmentarisch angelegten und gleichzeitig kryptischen Roman. Mag die Gattungsbezeichnung Roman auch in Klammern stehen – gewiss dachte der junge Autor nicht daran, mit seinem Prosawerk der von ihm und den Seinen des "Formalismus" und "reinen Sprachemachens" bezichtigten "Wiener Gruppe" Referenz zu erweisen. Die literarischen Techniken entlehnte er eher der Filmsprache Jean-Luc Godards, einem der vier Vorbilder Schindels. Isaak Babel, Dashiel Hammet, besagter Godard und Paul Celan – unterschiedlicher konnten die Vorbilder des werdenden Dichters eigentlich nicht sein:

Sie stehen auch immer für ganz bestimmte Dinge. Babel steht für eine expressive sinnliche Sprache und gleichzeitig für Kürze und für das Verhältnis zwischen Linken und Juden..." 22:46 "...Dashiel Hammet war, das habe ich geschrieben, für seine federnden Dialoge, für seine unglaubliche Lakonie und seinen Sarkasmus, der sozusagen nicht lange fackelt, sondern, die Sachen sozusagen immer auf den Punkt bringt..." 23:36 "... Godard war sozusagen für mich wichtig als Eintritt in die Moderne, als Umstoßen des Chronos, die Schnitttechnik, die er sozusagen in den Filmen ja aus der Moderne verwendet hat und das ja neuartig, sagen wir mal so, hab ich dann versucht, dann auch in meinen Texten zu machen, zu brechen, verschiedene Ebenen ..." 25:01 "...Celan, da gibt es, nach dem Urteil von Reich-Ranicki ist der Einfluß Celans der stärkste, zwar nicht von der Form, nicht vom Ton, ich hab schon meinen eigenen Ton, sondern von der Art, das Wort, das Wort selbst als einen Kontinent zu sehen.

Zusammenklingen können diese unterschiedlichen Einflüsse aber durch die den Erfahrungen geschuldete sprachliche Autonomie, die sich der Dichter Robert Schindel mit der Zeit erwerben sollte. Sein den modernen Techniken des Verschneidens, Montierens und Fragmentarisierens verpflichteter Roman Gebürtig konnte Geschlossenheit erlangen, weil eine Epoche der Irrtümer zu Ende gegangen und reflektiert worden war. Meint Schindel:

Und als ich dann noch begonnen habe, den Roman "Gebürtig" zu schreiben, der ja im Kern ja diese ganzen Auseinandersetzungen enthält, wer ist man selber und wie findet man sich in dieser Zeit der Lager, der Ideologien und der Herkünfte, der verschiedenen, wie findet man sich hier zurecht und was für einen Weg geht man.

In der Tat handelt Gebürtig auf komplexe und lesbare Weise von der Identitätsproblematik in erster Linie der Nachgeborenen, dies aber niemals abstrakt, sondern immer vor dem Hintergrund einer übermächtigen Geschichte. Geschichte, die durchs Individuum und seine Ängste, seine Welt- und Sinnenlust hindurchgeht oder ihm bedrohlich gegenübersteht, bildet auch den Kern der Schindelschen Gedichte, die in ihrer Vielstimmigkeit die Kritik anfangs nicht selten irritierten und zur spöttischen Ettikettierung "Fiakergulasch" provozierten – heute findet Schindels poetischer Reichtum umso mehr Anerkennung. In seinen Versen finden sich, in Anlehnung an Celan, poetische Neologismen ganz eigener Art, neben Lakonie, Verspieltheit, der Kunst des Indirekten, hat auch der direkte, bisweilen derbe, meistens dem Wienerischen geschuldete Ausdruck seinen Platz, Reime oder Formen von Lied und Sonett scheut der Dichter nicht. Um Geschichte geht es auch in ihnen, die kollektive sowie die private, die vergangene sowie die gegenwärtige, etwa in Schindels Gedichtzyklus aus den 90er Jahren, der dem Jugoslawienkonflikt gewidmet war.

In einem neuen Sonett wendet Robert Schindel den Blick in die Zukunft und antwortet auf Adornos häufig missverstandenes Wort vom "falschen Leben": "Fadet sich Zeit an, schnürt das Geklopf/ Wander ich in den Mittag, neige und nicke/ Im Allkrampfgeluder den Kopf Komme zum Abend. Als Ganzer stopf/ Ich den Zukunftsmuskel in den Knauf jener Krücke/ Mit der ich davonhumpel über die Brücke".

Robert Schindel
Mein liebster Feind", Essays, Reden, Miniaturen
Suhrkamp, 150 S., EUR 9,00

Fremd bei mir selbst. Die Gedichte
Suhrkamp-Verlag, 420 S., EUR 24,90

Kassandra
Haymon-Verlag, 128 S., EUR 15,90

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