• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteInterviewFriedensforscher Galtung: Nahost-Resolution des UN-Sicherheitsrats behandelt Symptome07.08.2006

Friedensforscher Galtung: Nahost-Resolution des UN-Sicherheitsrats behandelt Symptome

Johan Galtung, Friedensforscher und Träger des Alternativen Nobelpreises, sieht in den diplomatischen Bemühungen der UNO keine Lösung für den Nahost-Konflikt. Für eine dauerhafte Friedenslösung müssten nach seiner Ansicht die Grenzen von 1967 wiederhergestellt und eine Zwei-Staaten-Lösung erreicht werden.

Moderation: Peter Lange

Israelische Panzer an der Grenze zum Libanon (AP)
Israelische Panzer an der Grenze zum Libanon (AP)

Peter Lange: Im Weltsicherheitsrat in New York wird in diesen Tagen wieder einmal um Worte gerungen. Sofortige oder vollständige Einstellung der Feindseligkeiten, Waffenruhe oder Waffenstillstand, mit oder ohne Rückzug Israels - es wird wohl noch Tage dauern, bis die UNO-Resolution steht. Im Nahen Osten gehen die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah derweil mit unverminderter Härte weiter. Und selbst wenn die Waffen schweigen, von Sicherheit und Frieden ist die Region weiter entfernt denn je. Was sind die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden und wie kann er gelingen? Am Telefon begrüße ich nun Johan Galtung, gewissermaßen den Nestor der Friedens- und Konfliktforschung. Guten Morgen, Herr Galtung.

Johan Galtung: Guten Morgen, Herr Lange.

Lange: Wir haben uns daran gewöhnt, dass es im Nahen Osten in Wellenbewegungen vorwärts geht, auf jeden Fortschritt folgt ein gewisser Rückschritt. Und doch hat man diesmal den Eindruck, alles wieder zurück auf Anfang. Sehen Sie das so ähnlich?

Galtung: Ja, das ist ja nur Symptombehandlung, was sie dort in der UNO tun. Die Hisbollah ist keine Ursache des Problems, Hisbollah ist ein Symptom davon. Die Ursache ist selbstverständlich, dass es keine Lösung gibt heute. Aber die Bausteine für diese Lösung, meines Erachtens, sind vorhanden.

Lange: Welche sind das?

Galtung: Ja, das sind eigentlich drei: Nummer eins: die Sicherheitsresolution 242, also Rückzug zu Grenzen von 1967, vor dem Krieg. Das ist also ein Israel kleiner als heute. Nummer zwei: die Resolution vom Palastinian National Council, dass man eine Zwei-Staaten-Lösung annehmen kann, das ist von 1988. Und Nummer drei: der Vorschlag von Saudi-Arabien, die arabischen Staaten könnten möglicherweise Israel anerkennen, mit dem Rückzug zu 1967er Grenzen. Und dann schlagen wir das alles zusammen und wir kriegen, würde ich sagen, eine Gemeinschaft für den Mittleren Osten, für den Nahen Osten, etwas der EG von 1958 ähnlich, wo Deutschland also völlig integriert war, und wo Israel integriert sein könnte mit den fünf Nachbarstaaten. Israel wünscht ja sichere Grenzen, und das ist selbstverständlich völlig legitim. Aber das kriegt Israel nur durch Frieden.

Lange: Das hört sich jetzt sehr kühn an. Es geht im Kern dieses Konflikts um das Existenzrecht Israels, um das Recht auf Eigenstaatlichkeit der Palästinenser. Und eigentlich weiß doch jede Seite, was sie der anderen zumuten kann, was geht und was nicht geht. Warum versagt die Nahost-Politik trotzdem in dieser Regelmäßigkeit?

Galtung: Ja, leider ist das meistens deswegen, weil es Maximalisten gibt. Diese Maximalisten auf Israels Seite möchten gerne eine Ausdehnung haben, ein Eretz-Israel, ein Groß-Israel. Und auf der anderen Seite gibt es Maximalisten, die überhaupt kein Israel akzeptieren könnten. Aber ich glaube, das sind eigentlich kleine Gruppen. Und wenn diese, ich würde sagen, Lösungsmöglichkeit für die Mehrheit klar sein könnte, und das kann die EU von heute tun, also die EU nicht als Vermittler, sondern als Modell, könnte sich so vorstellen. Dann glaube ich, die Chancen sind sehr, sehr viel höher.

Lange: Herr Galtung, im Kalten Krieg, da haben die Konfliktparteien immer sehr genau antizipiert, was der Gegenseite zumutbar ist, wo und wie sich die Gegenseite bewegen wird, und was auf jeden Schritt folgen wird. Das hat zumindest das Schlimmste verhindert. Ist es nicht ein Ausdruck des Versagens der Politiker in dieser Region, dass dieses Weiterdenken der Folgen bis zum Ende eigentlich gar nicht passiert?

Galtung: Es gab nicht so viel Weiterdenken während des Kalten Krieges. Auf der militärischen Seite schon, ja, genau wie Sie sagten, Herr Lange. Es war so, dass man die Experten hatte. Aber das war Regierungsmacht und es war sehr viel mehr voraussehbar. Jetzt gibt es die Volksmacht, es gibt peoples war, wie in Vietnam, das ist sehr schwierig vorauszusehen. Nein, es waren bis zum Ende des Kalten Krieges eigentlich sehr wenige Perspektiven, wie ein friedensvolles Europa aussieht. Schade, leider. Und ich glaube, diese Denkweise muss man jetzt haben und das braucht man. Deutschland könnte hier einen Riesenbeitrag leisten, indem es sagt, wie fantastisch es für Deutschland war, in die EG integriert zu sein. Das hat ja geklappt, es war ein Riesenerfolg.

Lange: Aber nach 100 Jahren Krieg.

Galtung: 100 Jahre, da bin ich nicht so ganz sicher. Sagen wir, das waren 6 Jahre, mit '39, oder sagen wir, nach 1870, Frankreich-Einfall und so weiter. Na ja, das war ein Riesengebiet, Europa, hier haben wir ein sehr kleines Gebiet und dies ist Krieg Nummer Sechs. Wir können es nicht leiden, es ist grausam, was vor sich geht.

Lange: Zuweilen sah das ja aus wie eine Feindschaft alter Männer, Sharon gegen Arafat. Und nun sind beide als politische Akteure ausgeschieden, trotzdem gibt es diese Tragödie. Also doch am Ende eine Frage von Strukturen und von Mentalitäten?

Galtung: Genau, genau so ist es. Und vielleicht hat man auf der israelischen Seite den selben Fehler gemacht, den die USA so häufig tut. Weil, die USA hat immer die Hauptperson auf der anderen Seite in Sicht und sagen immer, das ist das Problem, Bin Laden ist das Problem, Saddam Hussein ist das Problem, jetzt ist Nasrallah das Problem und Ahmadinedschad im Iran ist das Problem. So ist es nicht, es sind tiefere Sachen, strukturell und mentalitätsweise. Und die Mentalität Israels, leider, scheint zwei Möglichkeiten zu haben: Entweder sind wir Juden Opfer, gedemütigt, oder wir sind stark und wir könnten andere als Opfer haben und demütigen. Und das geht auch nicht. Aber man muss eine dritte Möglichkeit haben, ganz einfach einen Kompromiss, eine überschreitende Möglichkeit, die eine Gemeinschaft für den Nahen Osten als eine Möglichkeit sieht. Und ich glaube, das wird in Israel nur mit einer jüngeren Generation gehen. Auf der arabischen Seite bin ich viel optimistischer.

Lange: Sie haben den Iran erwähnt. Es gibt ja neben den bekannten Interessengegensätzen jetzt zusätzlich das Interesse des Iran, sich zu einer atomar bewaffneten regionalen Hegemonialmacht aufzuschwingen. Macht das den Unterschied zu früheren Konflikten aus, dass diese Krise jetzt so gefährlich erscheint?

Galtung: Ja, das wissen wir nicht, also das sagen die Amerikaner, das sagen die Israelis, wir wissen es nicht. Ich sehe nur, dass während des Vietnamkrieges gab es immer zwei Großmächte, die Sowjetunion und China und die USA hat immer darüber geredet und hat die Problemstellung des Vietnams nicht verstanden. Jetzt geht es um Iran und Syrien und man versteht das Problem, könnten wir sagen, des Gebietes nicht.

Lange: Was ist das Problem des Gebietes?

Galtung: Ja, das wissen wir nicht, das kann sein, und alles was jetzt vor sich geht, treibt Iran in diese Richtung.

Lange: Sie sind alt genug, um alle, nunmehr sechs Nahost-Kriege als Erwachsener bewusst mitbekommen zu haben. Sie haben 1959 in Oslo das Institut für Friedensforschung gegründet. Wie frustrierend ist das, wenn man ein Leben lang die Bedingungen für Frieden lehrt, aber die Praxis regelmäßig ganz anders aussieht?

Galtung: Ja, ich glaube, das kommt mit einer jüngeren Generation in Israel und im Nahen Osten. Es gibt eine Bewegung jetzt, und die ist ganz groß, und die hatten eine Tagung in Berlin Anfang April. Und die Bedingung als Mitglied ist, dass man weniger als 35 Jahre alt ist, also sie haben die ältere Generation aufgegeben. Aber das ist nicht nur eine Bewegung in Israel und Palästina, sondern auch in den anderen Nachbarstaaten. Es muss eine neue Welle geben.

Lange: Das heißt, unter dem Strich sind Sie ein bisschen optimistisch geblieben?

Galtung: Ja, ich sehe Pessimismus als sehr, sehr billig und intellektuell auch sehr billig. Und ich habe intellektuell auch Ambitionen, nicht nur politische, deswegen suche ich immer das Licht.

Lange: In den Informationen am Morgen war das Johan Galtung, der Friedens- und Konfliktforscher. Herr Galtung, ich danke ihnen sehr herzlich für das Gespräch.

Galtung: Vielen Dank.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk