Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteSonntagsspaziergangDie Blasket Islands vor der irischen Küste12.11.2017

Friedliche Landschaft Die Blasket Islands vor der irischen Küste

Drei Meilen vor der Küste der Grafschaft Kerry, am äußersten Westrand von Irland, liegen die Blasket Islands. Einst waren die sieben Inseln von Menschen besiedelt, die dort ein einsames Leben führten. 1953 verließen die letzten Insulaner ihre Heimat und ließen dabei einen literarischen Schatz zurück.

Von Michael Marek und Anja Steinbruch

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Great Blasket von der Dingle Halbinsel aus gesehen.  (Fáilte Ireland)
Great Blasket von der Dingle Halbinsel aus gesehen. (Fáilte Ireland)
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Dunquin an der irischen Westküste: Das schwarze Schlauchboot der "Laird of Staffa" - eine Mischung aus Fischerboot und Ausflugsdampfer - hat uns vom kleinen Pier des 180-Seelendorfes abgeholt. Wir tragen rote Schwimmwesten, es schaukelt ordentlich. Der Skipper hält Kurs auf das offene Meer.

In der Ferne erscheint eine zerklüftete und baumlose, aber grüne Insel. Great Blasket, die wohl berühmteste Geisterinsel Irlands ist über fünf Kilometer lang und einen Kilometer breit. Ihr 300 Meter hoher aufragender Buckel erscheint wie ein Wurmfortsatz jener Hügelkette, die sich über die gesamte Dingle-Halbinsel erstreckt und an deren Küste ins Meer abtaucht. Ihre aus dem Wasser aufragenden Kuppen bilden den Blasket-Archipel. Von den einfachen Häusern der Insel stieg einst Rauch auf. Doch das ist längst Geschichte: Seit 1953 lebt niemand mehr auf den sechs Blasket Islands. Nur die Grundmauern verlassener Höfe zu erkennen sind bei der Ankunft am rutschigen, in die Felsen gebauten Anleger von Great Blasket. Und mittendrin: fünf weiß-gestrichene renovierte Häuser.

Leben in einer anderen Welt

"Die Bewohnersprachen von der Rückkehr, wenn sie zurückkamen, und vom Hinausgehen, wenn sie zum Festland fuhren. Für sie war die Große Blasket Insel die Heimat, ein vertrauter Ort, um heimzukehren. Und sie gingen hinaus in die große ungewisse Welt des Festlandes," das schrieb 1929 der Fischer, Bauer und Dichter Tomás O'Crohan, der auf Great Blasket lebte: "Den Festlandbewohnern, die hinüber zur Insel schauen, erscheint die Insel winzig im Vergleich zu dem ungeheuer großen Meer. Die Inselbewohner hatten eine andere Perspektive: Sie blickten auf das Festland und hatten den größten Teil ihres Lebens das offene Meer in ihrem Rücken. Das ist eine Sichtweise, die gleichzeitig Gefühle von Nähe und Trennung hervorruft."

Seit Anfang 2015 gibt es keine regelmäßige Fährverbindung nach Great Blasket mehr. Besucher müssen mit dem Motorboot übersetzen.  (Fáilte Ireland)Seit Anfang 2015 gibt es keine regelmäßige Fährverbindung nach Great Blasket mehr. Besucher müssen mit dem Motorboot übersetzen. (Fáilte Ireland)

Über mehrere Jahrhunderte hatten Menschen hier ihre Heimat. Noch im 20. Jahrhundert lebten sie völlig unberührt von modernen Einflüssen. O'Crohan ahnte wohl, dass ihre Gemeinschaft keine Zukunft mehr haben würde: Die Blasket-Inseln sind seit über 60 Jahren menschenleer und verlassen. Bis dahin lebten ihre Bewohner zwar nur fünf Kilometer vom Festland entfernt, aber sie führten ihr Leben in einer anderen Welt: unter einfachsten Bedingungen, ohne Strom und ohne fließend Wasser, auf einer Insel, wo es keine Läden und keine Handwerker gab, wo nur überleben konnte, wer geschickt in allen möglichen Arbeiten war. Immer von Stürmen gebeutelt und vom Hungertod bedroht.

Die Frauen hatten es besonders schwer

Auf der Great Blasket begleitet uns Muireann Ni Chearna. Ihre Großeltern und Ur-Großeltern kamen von der Insel, der Alltag war beschwerlich – vor allem für die Frauen: "Auf ihren Schultern lag so viel Verantwortung: Sie mussten sich um das Essen kümmern. Und immer die Sorge um ihre Männer, die mit einfachen Booten aufs Meer fuhren", erklärt Ni Chearna. "Es waren fast immer nur die Männer, die aufs Festland gingen - zum Beispiel um Fisch zu verkaufen. Aber die Frauen nie. Die Frauen waren es, die sich um die Kinder kümmerten, die Landwirtschaft. Das war ein hartes Leben für sie!"

Es gab keine Hebamme, keinen Einkaufsladen und keinen Arzt– dafür aber einen gewählten Inselkönig, erzählt Muireann Ni Chearna. Die 29-Jährige schlanke Irin mit den großen dunklen Augen führt uns auf der Insel umher. Von Frühjahr bis Spätsommer ist Poseidon gnädig, und seine Wellenmaschine lässt die Überfahrt zu den Blasket Islands zu. Mit einfachsten Mitteln schafften die Insulaner es, dem fruchtbaren Eiland genügend abzutrotzen, um zu überleben, sagt sie stolz. 

Die Erzählungen der Insulaner lockten Gelehrte vom Festland an

1916 lebten noch 179 Menschen auf den Blaskets. Sie pflegten ihre Sprache und ihre Geschichten: von tollkühnen Meeresfahrten und Jagden, von Festen mit Spiel und Trunk, von Jubel und Trauer, von bitterem Hunger, wenn der Fischfang missglückte, von Saus und Braus, wenn der Wind das begehrte Strandgut eines verlorenen Schiffes an die Insel spülte. Sie sprachen ein reines Irisch, das von den Briten verboten war. Und sie erzählten so gut, dass Gelehrte vom Festland kamen und sie anspornten, ihre Geschichte so aufzuschreiben, wie sie auch mündlich über ihre archaische Welt erzählen würden. In Romanen, Anekdoten und Liedern vom Inselalltag, vom Überlebenskampf, aber auch von der Liebe und den Stunden im Kerzenlicht, die sie miteinander verbrachten, sagt Skipper Kevin Wright.

Zu den berühmtesten Werken der Blasket-Bewohner zählt "Die Boote fahren nicht mehr aus" von Tomás O'Crohan. Der 1929 erschienene Roman gilt als bedeutendes Werk der irischen Literatur und wurde in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche von Annemarie und Heinrich Böll. Der deutsche Literaturnobelpreisträger hatte ganz in der Nähe ein Ferienhaus, lebte und arbeitete hier.

Heute lebt niemand mehr auf den sieben Blaskets. Nur ein paar Grundmauern verlassener Höfe stehen noch. (Fáilte Ireland)Heute lebt niemand mehr auf den sieben Blaskets. Nur ein paar Grundmauern verlassener Höfe stehen noch. (Fáilte Ireland)

"Die Bewohner der Blaskets haben unsere irische Kultur ganz wesentlich beeinflusst"

O'Crohan schrieb damals: "Zur Zeit, wo die jungen Möwen ausschlüpfen und anfangen flügge zu werden, pflegten die Jungens aus dem Dorf, sich welche zu fangen. Mein ältester Sohn wollte eine Stelle in den Klippen aufsuchen, wo es wahrscheinlich junge Möwen gab; die Kinder hielten sich gern zahme Möwen, die oft ein Jahr oder noch länger mit den Hühnern zusammen im Haus lebten. Er machte sich also auf den Weg zu den Nistplätzen, um sich ein paar junge Vögel zu holen. Die Nistplätze lagen an einer gefährlichen Stelle, und als mein Junge gerade eine junge Möwe greifen wollte, flog diese auf, und das Kind stürzte von der Klippe hinunter in die See. Gott erspare denen, die dieses lesen, ein gleiches Schicksal."

"Die Bewohner der Blaskets haben unsere irische Kultur ganz wesentlich beeinflusst - vor allem durch ihre Literatur. Und genau das zeigen wir in unserem Museum. "

"Globalisierung? Es schadet nicht, auf eigenen Beinen zu stehen"

Hier arbeitet Dáithí de Mórdhaist Wissenschaftler. Der Enddreißiger arbeitet am Ionad an Bhlascaoid Mhóir, dem Blasket Centre: "Jeder Ausstellungsbesucher kann sich ein eigenes Bild machen von den Menschen, die auf den Blaskets lebten. Deshalb zeigen wir auch ihre Alltagsgegenstände. Wir sind kein Museum, in dem alles hinter Glaskästen versteckt ist. Uns geht es darum zu fragen: Was kann man in unserer globalisierten Welt von den Blaskets lernen? Und da würde ich sagen: Es schadet nicht, auf eigenen Beinen zu stehen."

Szenenwechsel: Gegenüber von Great Blaskethaben Historiker, Anthropologen und Archäologen der Inselgruppe und ihren Bewohnern ein Denkmal gesetzt: das Blasket Zentrum. Das Museum für irische Geschichte und Sprache ist ein Muss für alle, die etwas über die irische Seele erfahren möchten. Der Weg in die Ausstellung führt über einen langen verglasten Korridor, der stets den Blick auf die Inseln freigibt. Der Boden ist uneben, so wellig wie die Überfahrt zu den Blaskets. Links und rechts zweigen Räume ab, in denen Alltagsgegenstände ausgestellt sind: Boote, Werkzeuge, Teekessel. Zwischen alten Fotos, Cafeteria und dem Archiv geben große Fenster die Sicht frei auf die Blaskets.

In ihrer Isolation wurden die Bewohner zu fleißigen Geschichtenerzählern

Im ganzen Museum hört manhistorische Tonbandaufnahmen aus den Lautsprechern - Stimmen mit den Erzählungen der Inseldichter. Und im Kinosaal kann man eine wunderbare, mehrsprachige Dokumentation über das Leben der Insulaner sehen.

Niemand weiß, wann sich die ersten Menschen auf Great Blasket niedergelassen haben. Vielleicht waren es Bauern aus der Eisenzeit, die ihre Schafe auf das Eiland zum Grasen getrieben und sich dann nach und nach selbst auf der Insel niedergelassen hatten. Archäologen fanden Jahrtausende alte Ruinen. Ob damals oder im 18. Jahrhundert - die Inselbewohner lebten vom Fischfang und der Schafzucht. Der Boden taugte allenfalls für den Anbau von Steckrüben, Hafer und später Kartoffeln. Seehunde wurden gejagt, die Eier der brütenden Möwen, Papageientaucher, Kormorane und Lummen gesammelt.

In ihrer Isolation wurden die Bewohner zu fleißigen Geschichtenerzählern. Doch Armut und Entbehrung gab es überall in Irland. Was machte diese Menschen und diese Inseln so besonders, dass man ihnen ein Museum widmet?

"Wir haben es hier mit einer Volksdichtung zu tun"

Es ist die Qualität ihrer Erzählungen, die Intensität und atmosphärische Dichte ihrer Texte, erklärt Dáithí de Mórdha: "Schriftsteller kommen meist aus der Mittel- oder Oberschicht. Aber hier haben wir es mit einer Volksdichtung zu tun - einzigartig und außerordentlich kunstvoll. Dreißig Bücher gehen auf die Blasket Islanders zurück. Das ist ziemlich viel für eine so winzige ländliche Gemeinde. Selbst heute in einer Großstadt würde es keine so große Buchproduktion geben wie einst auf den Blaskets."

Die Abgeschiedenheit der Großen Blasket-Insel sorgte dafür, dass sich dort nicht nur die archaische Lebensweise, sondern auch alte Traditionen länger hielten als anderswo in Irland. Hier wurde nur das angeblich schönste Irisch im ganzen Land gesprochen, hier blieben Legenden und Märchen ohne Fremdeinflüsse erhalten. Aus Frankreich, Großbritannien, Irland, sogar aus Norwegen und Schweden reisten die Gelehrten an und hielten den erstaunten Insulanern ihre Mikrofone unter die Nasen.

Anlegestelle bei Dún Chaoin, für Schiffsverbindungen zu den Inseln (Fáilte Ireland)Anlegestelle bei Dún Chaoin, für Schiffsverbindungen zu den Inseln (Fáilte Ireland)

Viele Geschichten erzählen von realen Begebenheiten 

Das veranlasste die Bewohner, selbst zur Feder zu greifen. Menschen, die von der Geschichtsschreibung übergangen wurden, schrieben in ihren eigenen Worten über ihr Leben, sagen Wissenschaftler wie Dáithí de Mórdha: "Sie hatten diesen Reichtum - in ihrer Sprache, in ihren Geschichten, ihren Liedern, Legenden und Märchen. Gelehrte ermunterten sie, alles aufzuschreiben. Doch viele konnten weder lesen noch schreiben, weil Irisch im britischen Bildungssystem verboten war. Also lernten sie, Irisch zu schreiben. Und am Ende entstanden Werke, die zu Klassikern der irischen Literatur wurden. "

Viele Geschichten erzählen von realen Begebenheiten - davon, wie die Inselbewohner gerade eben dem Tod entrannen. Doch noch häufiger ereigneten sich Unglücksfälle, die kein gutes Ende nahmen. So berichtet Tomás O'Crohan, wie sieben seiner neun Kinder starben.

"Die Regierung hat sich nicht um die Inselbewohner gekümmert"

Auch Muireann Ni Chearnas Familie war vom Schicksal gebeutelt: So starb der Sohn der Urgroßeltern an Meningitis, denn niemand auf der Insel kannte die Krankheit oder konnte sie behandeln: "Mein Ur-Großvater hat immer gesagt: Es war nicht die Meningitis, die seinen Sohn umgebracht hat, sondern die Regierung, weil sie sich nicht um die Inselbewohner gekümmert hat!"

Die letzten 21 Bewohner verließen am 17. November 1953 die grün bemoosten Felsen im Atlantik, die irischen Behörden hatten die Insel räumen lassen, wegen der unmenschlichen Lebensbedingungen, wie es offiziell hieß. Viele zog es in Richtung der Vereinigten Staaten. Das 2.000 Seemeilen entfernte Nordamerika lag ihnen näher als das irische Festland. Viele ihrer Nachkommen ließen sich in Springfield, Massachusetts, nieder.

Heute kann man auf den Blaskets Urlaub machen - ohne Strom und Internetverbindung

Tomás O'Crohan wurde dort sogar ein Denkmal gesetzt - ein zweites steht im riesigen Garten des Blasket Centres bei Dingle: eine Wind trotzende Gestalt, den Hut tief ins Gesicht gedrückt und ein Buch in der Manteltasche: "Über manches, das wir taten, habe ich ausführlich berichtet, denn es war mein Wunsch, unserem Leben ein Denkmal zu setzen, und ich habe meine Bestes getan, die Eigenart der Menschen, mit denen ich lebte, festzuhalten, damit unser Gedächtnis uns überlebe, denn Menschen wie uns gibt es nicht mehr, wird es nicht mehr geben. "

Es ist dieses Gefühl der Zeitlosigkeit, das jeden ergreift, der die Blaskets besucht. Was Menschen vor 100 Jahren sahen, sieht heute noch genauso aus. Eine Insel, an der die Industrielle Revolution und das Internet spurlos vorbei gegangen sind, Kultur- und Religionskämpfe, heiße und kalte Kriege, all die Wandlungen der letzten Jahrhunderte. Die Insulaner haben ein Vermächtnis hinterlassen, das Wissenschaftler erstaunt, die Iren stolz macht und die Gegenwartsliteratur inspiriert. Heute kann man in zwei restaurierten einfachen Häusern Urlaub machen. Ohne Strom und Internetverbindung.

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