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StartseiteUmwelt und VerbraucherFrisch auf den Müll08.09.2011

Frisch auf den Müll

Lebensmittelverschwendung in Deutschland

Schief gewachsene Karotten, nicht mehr ganz frisch aussehendes Fleisch, Lebensmittel mit gerade abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum: Wir werfen viel zu viel Essen weg. Verbraucherschützerin Silke Schwartau zeigt auf, wie wir unsere Nahrungsverschwendung begrenzen können.

Silke Schwartau im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Nicht alle Kartoffeln sind so perfekt - und werden schon auf dem Feld "entsorgt" (Jan-Martin Altgeld)
Nicht alle Kartoffeln sind so perfekt - und werden schon auf dem Feld "entsorgt" (Jan-Martin Altgeld)

Susanne Kuhlmann: Ein Drittel aller Lebensmittel weltweit kommt nicht auf den Teller, sondern landet im Müll. In Deutschland soll es sogar die Hälfte sein. Allein von dem, was in Europa weggeworfen wird, könnte die ganze Welt leben, theoretisch zumindest. Die Bilder zu dieser schockierenden Tatsache sind ab heute im Kino zu sehen, im Dokumentarfilm "Taste the Waste" von Valentin Thurn.

Wie kommt es zu dieser gigantischen Verschwendung? Gemüse, Fleisch, Milch und Brot: Vom Landwirt oder Hersteller führt der Weg in den Supermarkt und schließlich zum Kunden nach Hause. Wo auf diesem Weg verderben Lebensmittel? Das fragte ich vor der Sendung die Ernährungswissenschaftlerin Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Silke Schwartau: Da gibt es viele Bereiche. Die drei größten sind einmal die Produktion. Es gelangen zum Beispiel viele Kartoffeln gar nicht in den Handel, weil sie kleine Fehler haben, weil sie zu klein sind oder zu groß. Bei der Fischerei wird vieles, was als Beifang mit an Bord gekommen ist, wieder verworfen.

Dann gibt es das Problem im Supermarkt. Dort werden viele Produkte aussortiert, die eigentlich noch in Ordnung sind, zum Beispiel, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum knapp erreicht ist, oder weil das Gemüse nicht mehr ganz so knackig aussieht, wie es die Verbraucher wünschen.
Und zuletzt auch der Bereich zu Hause. Auch viele Verbraucher werfen Produkte weg, weil sie zu viel gekauft haben, weil die Verpackung zu groß war, weil sie in der hinteren Ecke des Kühlschranks Tomaten vergessen haben, oder einfach, weil die Lebensmittel ihnen nicht so schmecken, wie sie gedacht hatten.

Kuhlmann: Über welche Mengen reden wir? Ist es tatsächlich die Hälfte dessen, was in Deutschland produziert wird?

Schwartau: Es gibt es sehr unterschiedliche Zahlen darüber. Ich denke, hier die Hälfte zu nennen, das, denke ich, ist übertrieben. Aber es kommen natürlich diese ganzen drei Bereiche, Landwirtschaft, Handel und Verbraucher, zusammen. Es gibt Zahlen von 400 Kilo pro Person, oder wenn man das mal ganz konkret sagt: Drei Joghurts oder zwei Eier von Zehnen (nachträgliche Korrektur der Interviewpartnerin) gelangen unverarbeitet in den Müll.

Kuhlmann: Es findet sich also längst nicht nur Verdorbenes im Müll.

Schwartau: Das zeigen leider die Studien. Es ist erschreckend, wenn man sich Bilder anguckt von Mülltonnen, die dann geöffnet wurden und daraufhin untersucht werden. Da finden sich Pizzen, die noch innerhalb des MHDs sind, aber überhaupt nicht angebrochen, einfach so weggeworfen wurden. Es finden sich Joghurts, ganz viel Brot, Kuchen. Also das ist eine Riesenpalette. Bei einigen jungen Leuten hat sich ja auch das Containern, wie sie sagen, eingebürgert. Das heißt, die gehen nachts an die Supermarktcontainer, holen da Lebensmittel raus, um sich damit zu versorgen.

Kuhlmann: Zehn Prozent aller verpackten Lebensmittel sollen ungeöffnet im Hausmüll landen. Wie kommt es eigentlich dazu? Dann hat doch niemand probiert, ob die Ware tatsächlich ungenießbar ist.

Schwartau: Nein. Die Verbraucher haben gar nicht richtig probiert, sie haben einfach für sich entschieden, dass sie das Produkt nicht mehr essen wollen, oder was weiß ich, jemand in der Familie hat was gekauft, was der andere nicht haben will, und wirft es dann einfach weg. Also die Wertschätzung von Lebensmitteln, die ist doch in Europa sehr gering geworden.

Kuhlmann: Die Wertschätzung von Geld ist ja eigentlich relativ hoch und es heißt, dass rund 400 Euro pro Haushalt im Jahr mit diesen nicht verbrauchten Lebensmitteln weggeworfen werden. Das ist doch eine Menge Geld.

Schwartau: Es gibt halt Menschen, die darauf nicht so achten und denen es dann auch offensichtlich egal ist, weil sonst würden sie ja ihren Einkauf besser planen und dafür sorgen, dass nicht so viel vernichtet wird. Ich merke bei vielen Diskussionen, dass gerade ältere Menschen noch mit Resten kochen, aber bei jüngeren Leuten scheint das Bewusstsein für die Qualität und den Wert von Lebensmitteln nicht mehr so ausgeprägt zu sein. Vielleicht müssen wir das in den Schulen wieder mehr lernen.

Kuhlmann: Was läuft sonst noch schief?

Schwartau: Sicherlich müssen wir auch bei den Supermärkten ansetzen, die ja auch ganz viel wegwerfen. Unserer Ansicht nach muss nicht kurz vor Schluss des Geschäftes noch das gesamte Brotangebot da sein. Ich denke, hier könnten sich Verbraucher auch darauf einstellen, dass es halt am Ende der Geschäftszeit etwas weniger wird. Wichtig wäre uns auch, beim Einkauf zu wissen, was macht ein Supermarkt mit den Resten. Ich könnte mir auch Hinweise im Internet sehr gut vorstellen, wenn Tafeln beliefert werden, weil das würde man als Verbraucher dann ja auch gerne unterstützen, wenn man weiß, dass nicht alles vernichtet wird. Natürlich kann man auch nicht alles mehr essen, sondern muss auch bei Schimmel oder Verkeimung natürlich vorsichtig sein. Wir haben gerade hier eine große EHEC-Epidemie in Deutschland gehabt, das heißt Hygiene ist natürlich auch wichtig. Aber das heißt nicht, dass man jeden Joghurt nach Beendigung des MHDs gleich wegschmeißen muss.

Kuhlmann: Hat unsere Verschwendung, die Verschwendung von Lebensmitteln in der westlichen Welt, Konsequenzen für den Rest der Welt?

Schwartau: Leider hat diese Verschwendung große Konsequenzen für den Rest der Welt. Man sagt ja immer, wir können unser Brot, oder unsere Wurst dort nicht hinfahren. Sicherlich nicht. Aber wir haben natürlich Einfluss durch dieses Verhalten auch auf den Getreidepreis. Wenn wir hier ganz viel Brot einfach nur wegwerfen, dann wird die Nachfrage nach Getreide größer und in den Entwicklungsländern kann dann dieser Preis nicht mehr bezahlt werden. Von daher sind wir auch ein Stück mitverantwortlich für Hungerkatastrophen, wenn wir so viele Lebensmittel einfach in den Müll werfen.

Kuhlmann: Im vorigen Jahr die Fernsehdokumentation "Frisch auf den Müll", ab heute der Kinofilm "Taste the Waste", beides von Valentin Thurn. Das war Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg über die Hintergründe der großen Lebensmittelverschwendung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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