• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 02:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Alles, was mit Krieg zu tun hat, trifft auf meinen größten Widerwillen"30.03.2017

Fritz Pleitgen"Alles, was mit Krieg zu tun hat, trifft auf meinen größten Widerwillen"

Fritz Pleitgen war von 1995 bis 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks. Als Auslandskorrespondent in Moskau interviewte er als erster Westjournalist den Generalsekretär der KPDSU, Leonid Breschnew und begleitete in Washington die Präsidentschaft Ronald Reagans. Geboren 1938 erlebte Pleitgen den Krieg "bei vollem Bewusstsein".

Fritz Pleitgen im Gespräch mit Rainer Burchardt

Der Journalist und Vorsitzende des Beirats der RAG-Stiftung Fritz Pleitgen steht auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen (Imago)
Fritz Pleitgen auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. In der Stadt im Ruhrgebiet verbrachte er die ersten Jahre seiner Kindheit. (Imago)

Rückblickend lässt sich vielleicht sagen, er ging, bevor die Klüfte in der Medienlandschaft groß, teils kaum überbrückbar wurden. Über zehn Jahre lang hatte Fritz Pleitgen als Intendant der größten deutschen Sendeanstalt, des WDR, gearbeitet, als er Ende 2006 seine Abschiedsinterviews gab. In einem sagte er über seine Jahrzehnte als Journalist: "Es war die interessanteste Zeit, die ich mir aussuchen konnte, um als Reporter auf dieser Erde zu wandeln."

Eingestiegen war Pleitgen, Jahrgang 1938, im Alter von kaum 25 Jahren beim WDR als Sportreporter. Rasch machte er sich einen Namen. Der Kölner Sender schickte ihn in alle Welt. In Moskau führte Pleitgen, bekennender Fan von Willy Brandt und dessen Ostpolitik, als erster Westjournalist ein Interview mit dem Generalsekretär der KPDSU, Leonid Breschnew. Nach sieben Jahren Sowjetunion wechselte Pleitgen 1977 in die DDR. 1982 ging er nach Washington. Hier begleitete er die Präsidentschaft Ronald Reagans beinah vollständig.

1988 holte der damalige WDR-Intendant Friedrich Nowottny Pleitgen zurück nach Köln. Das Ende der deutsch-deutschen Teilung erlebte er als Chefredakteur des Fernsehbereichs Politik und Zeitgeschehen. 1993 wurde er WDR-Hörfunkdirektor, wechselte vom Fernsehen zum Radio. Der Sprung als Reporter zu tiefsten Kalten-Kriegszeiten aus der DDR in die USA sei ihm nicht so groß vorgekommen wie der Sprung vom Gebäudeteil des WDR-Fernsehens in den des WDR-Hörfunks im Schatten des Kölner Doms, erzählt er.

"Dann wurden wir auch einfach zwangsweise einquartiert. Wir mussten ja irgendwo unterkommen, aber ich habe so in Erinnerung behalten, wie das Leben als Flüchtling ist. Es ist kein Spaß."

Kindheit im Ruhrgebiet und in Schlesien. Flucht nach Ostwestfalen

Rainer Burchardt: Herr Pleitgen, Sie sind Jahrgang 1938, Ihr Vater war Kruppianer, also in der Stahlschmiede damals tätig, und auf der anderen Seite sind Sie heute noch Mitglied im Kuratorium der Krupp-Stiftung. Haben Sie Krupp im Blut?

Fritz Pleitgen: Ein bisschen schon. Also ich habe es als eine große Ehre angesehen, als Berthold Beitz mich angesprochen hat, ob ich Interesse hätte, im Kuratorium der Krupp-Stiftung mitzuwirken, und wie er ist und war, drückte er gleich aufs Tempo und sagte, also ich gebe Ihnen bis morgen früh Zeit, und dann habe ich ihm gesagt, ich brauche nicht so viel Zeit, ich bin sofort dabei und mache gerne mit. Nun liegt das auch daran, dass ich für Berthold Beitz großen Respekt hatte und auch Sympathie. Sein Lebensweg ist sehr beeindruckend, seine Lebensleistung ebenfalls, und deswegen habe ich gerne mitgemacht.

Burchardt: Sie sind sieben Jahre alt gewesen, vielleicht auch acht, als der Krieg zu Ende ging 1945. In dem Alter erlebt man ja schon einiges mit. Wie ist das bei Ihnen als Wirkung angekommen, auch dass der Vater in der Produktion war.

Pleitgen: Also den Krieg habe ich schon bei vollem Bewusstsein erlebt. Ich bin, wie gesagt, 1938 in Duisburg-Meiderich geboren. Das war ein nun nicht gerade so begünstigter Stadtteil, der lag direkt neben Thyssen, und da kam der ganze Dreck des Stahlwerks dort runter. Meine Eltern sind dann sehr bald nach meiner Geburt nach Essen gezogen, weil mein Vater nach langer Zeit der Arbeitslosigkeit dort ein sehr gutes Angebot bekommen hatte. Es war eigentlich die beste Berufszeit seines Lebens. Er war auch eben so ein gebeuteltes –

Burchardt: Wann war das?

Pleitgen: – Menschenkind, das den Ersten Weltkrieg mitgemacht hat und später den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hat, und dann die doch sehr erratischen Jahre der Weimarer Republik mit sehr, sehr viel Arbeitslosigkeit. Also da hatte er endlich einen guten Beruf gefunden. Er wurde dort zu einem technischen Zeichner ausgebildet. Wir hatten endlich eine anständige Wohnung bekommen. Das war alles sehr gut, aber dann begann eben der Krieg, und der begann in Essen sehr früh, weil Essen Ziel von Bombenangriffen der alliierten Streitkräfte war als Waffenschmiede, und ich kann mich da als Kleinstkind daran erinnern, dass meine ersten Wahrnehmungen in diesem Leben Sirenengeheul war und Flammen. Am Ende hat es dann eben auch unser Haus erwischt; es ist mit einer Luftmiene in die Luft gejagt worden. Wir sind dann, meine Mutter mit ihren beiden jüngsten Kindern – ich war das jüngste Kind …

Burchardt: Sie waren insgesamt fünf Kinder.

Pleitgen: Ja. … sind wir dann nach Schlesien evakuiert worden.

"Gebt mir fünf Jahre und ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen" steht in Deutsch und Englisch auf einem Schild vor einem Trümmerberg, ein Mann liest das Schild, schwarz-weiß-Aufnahme. (AFP)Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs standen die Menschen in Deutschland vor dem Nichts. (AFP)

Burchardt: Warum Schlesien?

Pleitgen: Ja, das wurde so angeordnet, weil Schlesien damals noch im tiefsten Frieden war. Dort waren auch sehr viele Werke hin evakuiert worden. Wir wurden da bei Liegnitz einquartiert bei Kleinstbauern. Das waren außerordentlich ärmliche Verhältnisse. Die Leute waren sehr freundlich zu uns. Sie mussten das Allerletzte mit uns teilen. Später haben wir in einem Behelfsheim eine kleine Wohnung bekommen. Meine Mutter musste dann in einer Konservenfabrik mitarbeiten damals. Wir lebten im tiefsten Frieden. Das einzige, was wir hin und wieder mal sahen, waren Kondensstreifen am Himmel, dann waren wir Kinder völlig außer uns und spielten dann auch noch zum Leidwesen unserer Mütter auch noch Krieg. Das fanden wir natürlich sehr spannend, und auf einmal sahen wir, wie lange Tracks an uns vorbeizogen. Das waren Flüchtlinge, die vor der heranrückenden Roten Armee –

Burchardt: Da war der Krieg angekommen.

Pleitgen: – auf die Flucht gegangen waren und auch gezwungen waren, nun ihre Heimat zu verlassen, und erzählten dann immer wieder schreckliche Dinge und forderten wohl die Erwachsenen bei uns auf, nun auch die Flucht zu ergreifen. Das ging aber nicht so ohne Weiteres. Das durfte man nur auf Anordnung der örtlichen Behörden. Das waren dann natürlich alles Nazileute, und die hatten offensichtlich kein Interesse, dass es dort zu einer geordneten Flucht kam. Möglicherweise spielte man mit dem Gedanken, dass die Kampfkraft der letzten verbliebenen deutschen Truppen mobilisiert werden könnte, wenn sie das Gefühl hatten, sie verteidigen dort die Zivilbevölkerung. Ich weiß nur, dass wir an einem Tag aus unserer Siedlung herausgeholt wurden, an einen Sammelpunkt gebracht wurden in Parchwitz bei Liegnitz an der Katzbach, und dort standen wir dann herum. Wir wussten nun gar nicht, was passieren sollte. Es hieß, es gibt dann einen Sammeltransport, und dann werden wir nach Liegnitz gebracht, um dort in Zügen dann in den Westen transportiert zu werden. Also dieses haben … Sie merken, das ist mir sehr lebhaft noch in Erinnerung. Das hat mich auch in meinem Leben immer wieder beschäftigt und bestimmte Entscheidungen auch beeinflusst, und wenn ich jetzt das Elend der Flüchtlinge sehe, dann bin ich zutiefst betroffen, wenn ich höre, dass wir alles tun sollten, um diese Menschen, die Schlimmstes mitgemacht haben, abzuweisen, damit wir weiter unseren Wohlstand genießen können. Das stand damals Spitz auf Knopf, wir sind gerade noch aus der Siedlung rausgekommen.

Burchardt: Wann war das?

Pleitgen: Das war im Januar, Februar 1945, also kurz vor Ultimo. Die Familie hatte sich verabredet, weil sie nachher verstreut war. Da war also die Parole ausgegeben worden, weil ja Telefon nicht … wir hatten überhaupt kein Telefon, aber Telefonnetz funktionierte nicht, die Post funktionierte auch kaum noch. Ja, was machen wir, wenn alles zusammenbricht. Dann hieß es also, bis jetzt ist Ostwestfalen gut davongekommen, wir treffen uns in Ostwestfalen, und da gab es irgendwie eine verwandtschaftliche Beziehung. Dann haben wir gesagt, gut, dann treffen wir uns in Bünde in Ostwestfalen, und dahin hat sich dann meine Mutter mit meiner Schwester und meinem Bruder und mir auf den Weg gemacht, und wir sind dann dort auch angekommen, und man kann sich natürlich vorstellen, die waren auch nicht beglückt, als wir dort abgerissen auftauchten, und dann wurden wir auch einfach zwangsweise einquartiert. Wir mussten ja irgendwo unterkommen, aber ich habe so in Erinnerung behalten, wie das Leben als Flüchtling ist. Es ist kein Spaß.

"Und was macht der Reagan – legte begütigend den Arm um meine Schulter und sagte dann zu seinem Pressesprecher: 'Bob, he had his job to do.'"

Beeindruckt von Willy Brandt. Als US-Korrespondent in Washington

Burchardt: Man merkt Ihrer Schilderung an, Herr Pleitgen, wie nahe Ihnen das alles noch ist. Vielleicht war es auch eine Zeit lang bei Ihnen verdrängt, weil Sie ein sehr bewegtes Leben gehabt haben, aber Sie haben diesen Hintergrund natürlich gehabt und diese Erfahrungen.

Pleitgen: Ja, also alles, was mit Krieg zu tun hat, trifft auf meinen größten Widerwillen, und deswegen sind auch immer meine Antennen raus, wenn ich so eine solche Gefahr herannahen sehe, dann beschäftigt mich das sehr, auch beispielsweise, das jetzt wieder in Europa nicht gut klappt, denn mein Leben, wenn ich das rückblickend betrachte, hatte einen großen Vorteil: Die schlimmsten Jahre waren am Anfang, aber dann nachher ging es mir, noch nicht rapide, sehr stetig bergauf. Gut, nach dem Krieg kamen ziemlich harte Hungerjahre, die so bis 49 für unsere Familie dauerte, weil wir erst mal wieder Boden unter die Füße bekommen mussten, und die älteren männlichen Mitglieder waren nun auch nicht so Ellenbogentypen, die sich sofort durchsetzten, aber es ging dann immer bergauf.

Burchardt: Sie waren sieben Jahre Korrespondent in Moskau, anschließend fünf Jahre in Washington, dann noch zwei Jahre in New York. Also Sie haben schon eine beachtliche journalistische, sage ich jetzt einmal, Vita. Wie weit ist das eigentlich, was Sie jetzt sehr engagiert auch schildern, wie weit ist das in Ihre Berichterstattung eingeflossen?

Pleitgen: Wenn ich so Stellung beziehen musste zu politischen Entwicklungen, dann habe ich immer der Verständigung unter den Völkern das Wort gewählt. Dabei bin ich auch sehr stark beeinflusst worden von dem schon erwähnten Politiker Willy Brandt. Dann habe ich das Glück gehabt, auch Heinrich Böll kennenzulernen und seinen guten Freund Lew Kopelew, einen Russen, in Moskau, und das waren auch Menschen, die immer entschieden für die Wahrung der Menschenrechte eingetreten sind, aber auf der anderen Seite auch sehr für die Verständigung unter den Völkern und auch im Verhältnis des Westens zur Sowjetunion, wie sie damals hieß, oder Russland – das war ja das Kernland der Sowjetunion –, auch dafür immer wieder eingetreten sind und sich gegen Rüstungsspiralen gewandt haben. Heinrich Böll hat dagegen demonstriert, war da ganz entschieden. Das waren also Menschen, die den Krieg mitgemacht haben, und das sind Menschen, die von ihrer Lebenserfahrung geprägt worden sind. Man kann den heutigen Politikern das ja nicht vorwerfen, dass sie im Frieden ihre Karriere gemacht haben. Das ist ja auch gut so.

US-Präsident Donald Trump spricht vor der Unterzeichnung eines Dekrets, mit dem die Umweltauflagen seines Vorgängers Barack Obama aufgehoben werden. (AFP / Jim Watson)Pleitgen über US-Präsident Donald Trump: "Der gegenwärtige amerikanische Präsident hat ein ganz festes demokratisches System im Handstreich aus den Angeln gehoben" (AFP / Jim Watson)

Burchardt: Ist da zu viel Pragmatismus unterwegs?

Pleitgen: Ich glaube, man kann einfach nicht einschätzen, wie schnell eine Situation aus dem Ruder geraten kann. Man denkt, man hat alles im Griff. Wir haben ja auch geglaubt, die Europäische Union ist eine Ewigkeitsschöpfung. Wir waren ja so selbstgewiss, und jetzt sind nur ein paar Kleinigkeiten passiert, und wir sind völlig aus dem Tritt geraten. Einmal die schwierige Situation von Griechenland, das haben wir ja schon nicht hinbekommen. Dann kommt der Brexit dazu, und auf einmal kommt wider Erwarten so ein Rechtspopulismus in Gang, der ja unsere Politik schon sehr stark beeinflusst, und es gibt eben im Augenblick nicht oder seit Jahren schon nicht so charismatische Typen, denen man anmerkt, die haben schon einiges gesehen und einige Erfahrungen gemacht. Politik ist auch heute schwieriger geworden. Sie geht ja viel schneller. Also man hat ja gesehen, der gegenwärtige amerikanische Präsident hat ein ganz festes demokratisches System im Handstreich aus den Angeln gehoben. Er ist ja im Alleingang gewissermaßen Präsident geworden gegen den Willen der Partei sogar, für die er dann angetreten ist.

Burchardt: Aber Sie waren doch während der Reagan-Zeit in den USA. Haben Sie da nicht gewisse Parallelen jetzt wieder entdecken können?

Pleitgen: Nein, nein. Also Ronald Reagan war ein ganz anderes Kaliber als Donald Trump. Ronald Reagan hatte ja politische Überzeugungen …

Burchardt: Na ja, SDI wollte er schon etablieren.

Pleitgen: Ja, er hatte politische Überzeugungen, er war ein knochenharter Konservativer und war auch ein Politiker der Stärke. Das war schon dort, aber er hatte auch politische Erfahrung. Er war ja immerhin zwei Amtsperioden lang Gouverneur von Kalifornien gewesen, und er hatte auch die Demokratie auch mit der Muttermilch aufgenommen. Wir haben uns ja immer lustig gemacht, weil er ein, wie wir sagten, ein zweitrangiger Schauspieler vorher gewesen war, aber er hatte auch Achtung vor der Würde des Menschen, und das war so ein Typ, den man sich als Nachbarn gut hätte vorstellen können. Immer prima drauf, gut gelaunt, auch hilfsbereit. Er war nicht der Politiker meiner Couleur, er war auch nicht – oder meines Geschmacks –, er war auch nicht von einem wahnsinnig tiefen Gedankengang geprägt, aber er war ein Demokrat. Also ich habe mal eine Interviewrunde geleitet, da ging es um seinen Besuch in Deutschland, und weil der Besuch in Deutschland war, wurden – es ging um den damaligen G8-Gipfel …

Burchardt: War das nicht Bitburg?

Pleitgen: Ja. … und da gab es ein Problem: Ronald Reagan sollte auf Einladung von Helmut Kohl den Friedhof in Bitburg besuchen, und Helmut Kohl hatte sich vorgestellt, dass er mit dem amerikanischen Präsidenten das hinbekommt, was er mit dem französischen Präsidenten hinbekommen hat. Man hatte sich über die Gräber des Zweiten Weltkrieges die Hände gereicht. Mit Francois Mitterrand war das in Verdun gewesen, und hier wollte er das in Bitburg machen. Dann hatte man etwas übersehen, und als dann Journalisten auf den Friedhof kamen, stellten die fest, hier sind auch SS-Soldaten begraben, und in Amerika war das ein großes Thema. Viele hatten … Selbst die Frau des amerikanischen Präsidenten, die großen Einfluss hatte, Nancy Reagan, hatte zu ihrem Mann gesagt, du solltest nicht nach Bitburg fahren, und er hat gesagt, ich habe es aber dem Kohl versprochen, und der Kohl hat zu mir in der Nachrüstungsfrage auch gestanden, und ich lasse den jetzt nicht sitzen.

Bundeskanzler Helmut Kohl (l) in Begleitung des ehemaligen Luftwaffeninspekteurs der Bundeswehr Johannes Steinhoff (2.v.l.). US-Präsident Ronald Reagan (M) in Begleitung von US-General Matthew Ridgeway, auf dem Militärfriedhof in Bitburg. (dpa, picture alliance,  )Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl mit Ex-US-Präsident Ronald Reagan auf dem Militärfriedhof in Bitburg (dpa, picture alliance, )

Burchardt: War das ein Deal aus Ihrer Sicht?

Pleitgen: Ja, also es war nicht ein Deal, sondern das war ein Altmännerversprechen, und da hat er gesagt, das muss ich halten. Die Administration hat dann alles getan, um Ronald Reagan von der Presse abzuschirmen, und die hatten eines vergessen, dass er noch ein Interview mit ausländischen Korrespondenten führte, und ich war der Host, der Gastgeber gewissermaßen, weil das –

Burchardt: WDR, ja.

Pleitgen: – Treffen ja in Bonn stattfand, und dann wurde ich da ins Weiße Haus gebeten, und die kamen mich auch besuchen. Ansonsten haben die ja ausländische Korrespondenten eigentlich eher von oben herab behandelt. Ich war erst sehr angetan, dann merkte ich aber, was los war. Dann haben die gesagt, pass mal auf, es geht hier um den Weltwirtschaftsgipfel und nicht um das bilaterale Treffen in diesem Gespräch mit dem Präsidenten – und keine Frage zu Bitburg, und wenn Sie eine Frage zu Bitburg stellen, dann wird der amerikanische Präsident Sie übergehen, und er wird Sie in dieser ganzen Runde nicht einmal mehr zum Zuge kommen lassen.

Burchardt: Und hat er?

Pleitgen: "It would be against the rules." Also …

Burchardt: Haben Sie und hat er …?

Pleitgen: Na ja, dann habe ich den Präsidenten begrüßt, und er schaute mich auch ganz leutselig an, und dann habe ich gesagt, ja, wir freuen uns auf Ihren Besuch in Deutschland. Dann habe ich den ganz schlicht nur gefragt, "why do you go to Bitburg?" Dann habe ich zum ersten Mal gesehen, dass sich die Augenfarbe auch schlagartig verändern kann. Er hatte da vorher so graublaue Augen, und die wurden plötzlich sehr dunkel. Ich dachte, na, das kann jetzt furchtbar in die Hose gehen. Dann sehe ich wie der Gelackmeierte aus, aber er hat geantwortet. So, und als diese Veranstaltung vorbei war, da stürzten sich die Pressesprecher des Präsidenten auf mich und haben gesagt, also Sie werden hier nie wieder eingeladen, Sie haben gegen die Regeln gespielt, und was macht der Reagan: legte begütigend den Arm um meine Schulter und sagte dann zu seinem Pressesprecher: "Bob, he had his job to do." Also, Bob, er musste seinen Job machen.

Burchardt: Klasse.

Pleitgen: Da habe ich gedacht, Donnerwetter, denn die Erklärungen haben Reagan große Schwierigkeiten bereitet. Er wurde angegriffen vom Senat, vom Kongress und von den Medien, und dann kriegt er auch noch Zunder von seiner eigenen Frau, und das ist ja meist das Schlimmste.

"Dann träumte ich davon, ich denke, entweder ich mach jetzt eine Reportage, dass ich rausfliege – dann bin ich wenigstens zu Hause Held –, oder ich muss irgendwie an den Breschnew ran."

Die 70er-Jahre in Moskau. Freundschaft mit Lew Kopelew

Burchardt: Wir müssen vielleicht auch mal ja noch auf Ihre Moskauer Erfahrungen zu sprechen kommen. Sie waren ja auch, wenn ich das richtig sehe, sieben Jahre in Moskau, und Sie haben einen Scoop gelandet, indem Sie der erste westliche Journalist gewesen sind, der mit Breschnew damals ein Interview bekommen hat. Wie ist das zustande gekommen?

Pleitgen: Ja, damals, Moskau war schon eine harte Nummer. Also anders als heute. Heute kann man ja in Moskau so arbeiten wie in westlichen Ländern auch. Damals standen wir quasi unter Zensur. Um ein Beispiel zu sagen: Ich hatte noch nicht mal einen eigenen Kameramann. Ich musste jedes Mal beim Außenministerium der ruhmreichen Sowjetunion einen Antrag stellen, dass ich, sagen wir, eine Reportage über den Brotladen Nummer 28 drehen wollte.

Burchardt: Und der Kameramann hatte einen Aufpasser?

Pleitgen: Und der Kameramann, den musste ich dann bestellen bei einer Agentur namens "Nowosti", also Neuigkeiten, Nachrichten. Ich bekam meist auf meine Anträge überhaupt keine Antwort, obwohl ich flammend schrieb, sehr geehrter Herr so und so, im Namen des Friedens und der Völkerfreundschaft bitte ich um die Genehmigung für einen Drehtermin dort und dort und um die Stellung eines Kamerateams. So waren die Verhältnisse, und ich war da ziemlich verzweifelt. Ich bekam noch nicht mal eine Antwort, also kriegte ich keinen Stich. Dann träumte ich davon, ich denke, entweder ich mache jetzt eine Reportage, dass ich rausfliege – dann bin ich wenigstens zu Hause Held –, oder ich muss irgendwie an den Breschnew ran – das war ja damals der allmächtige Parteichef –, aber diese Reportage, um rauszufliegen, die konnte ich ja gar nicht machen, weil ich kein Team hatte.

ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen in Moskau (undatierte Aufnahme).  (picture-alliance / dpa)ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen in Moskau (undatierte Aufnahme). (picture-alliance / dpa)

Burchardt: Und das war in den 70er-Jahren.

Pleitgen: Das war Anfang der 70er, es war immer noch so …

Burchardt: Es war Kalter Krieg.

Pleitgen: Der Kalte Krieg, der war noch nicht zu Ende. Es begann zwar die Entspannungszeit, aber die spürten wir noch nicht, und dann kam mir der französische Präsident Pompidou zu Hilfe. Der kam zu einem Arbeitsbesuch in die Sowjetunion, und er landete auf einem Militärflughafen im heutigen Weißrussland bei Minsk, Saslawl heißt das, dieser Platz, und dann habe ich gesagt, och, da fahre ich hin. Dann kam durch ein Missverständnis dieser Parteichef Breschnew mit seiner Entourage, mit dem gesamten Politbüro, weil es der französische Staatspräsident war, der da zu Besuch erschien, aus dem Hangar raus und ging so in unsere Richtung, weil er glaubte, der Präsident sei schon gelandet. Der kam raus, und dann stand er da unschlüssig auf dem Flugplatz und winkte. Ich habe zurückgewunken und bin dann über die Absperrung gestiegen und auf den Breschnew los, und die Sicherheitsleute waren völlig konsterniert, weil es das noch nicht gegeben hatte, und ich kam aber lebend bei Breschnew an, und der war ganz freundlich, wie so ein plüschiger Bernhardiner.

Ich habe dann an ihn ein paar Fragen gestellt. Es war das Unglück, dass sich der sowjetische Kameramann, der mit mir gefahren war, nicht getraut hatte. Nun war aber die Pressemaschine des französischen Präsidenten angekommen, und die Leute kannten keine Hemmungen, die rannten und drehten einfach drauf los, sodass ich dann einen wenigstens kleinen Teil meiner Fragen dann nachher noch zusammenstoppeln konnte. So, und nun hatte ich dieses Interview, und dann bin ich 1,91 groß, und war also deutlich größer als der Rest der anderen Korrespondenten, und jetzt wurden Fotos gemacht, und diese Fotos zeigten den Breschnew im Gespräch mit mir. Wir beide hatten verwegene Pelzmützen auf dem Kopf, und dann am nächsten Tag war in der Presse – "Iswestija", "Komsomolskaja Prawda" und was es alles gab – Fotos, und da drunter stand, Leonid Breschnew im Gespräch mit ausländischen Korrespondenten, und ganz eindeutig war ich dort zu erkennen, und das war so der Durchbruch. Auf einmal dachten die, das scheint ja ein toller Typ zu sein. Auf alle Fälle wurde ich von "Nowosti" viel netter behandelt, und ich bekam dann auch ein Team öfter gestellt.

Also das war gewissermaßen so ein kleiner Befreiungsschlag. Dann habe ich aber auch Interviews mit Andersdenkenden gemacht, und eine Person muss ich nennen, die für mein Leben sehr wichtig war: Das war Lew Kopelew. Das war ein Germanist, ein enger Freund von Solschenizyn, mit dem er zusammen im Lager gesessen hat. Kopelew war in seinen jungen Jahren ein überzeugter Kommunist und später auch Stalinist gewesen.

Burchardt: Er stand auch Böll nahe.

Pleitgen: Ja, und er war eine wandelnde Enzyklopädie. Er kannte sich wie kein anderer in der russischen und in der westlichen Literatur aus. Der hatte alles kurz und klein gelesen. Ich habe gestern noch das einer Gesellschaft erzählt. Der war für uns wie Google, nur besser, weil es stimmte, was er sagte, und bei Google kannst du ja neben den vielen Wahrheiten eben noch mehr Lügen entdecken. Kopelew hat mir vieles an Russland erklärt, an der Kultur, an der Geschichte, sodass ich das Land kennengelernt habe. Er hat mich aufmerksam gemacht auf die Literatur. Es gab da damals sehr wichtige Schriftsteller wie Trifonow, Rasputin, Orlow, Astafjew, Schukschin, und ich habe über die dann Geschichten gemacht. Dann hat er mir gesagt, ja, ich verstehe dich, du kannst das ja nicht drehen. Sag doch, du willst ein Porträt über diese Schriftsteller drehen, denn die beschäftigen sich mit Alltagsproblemen. Das war ein ausgeschlafener Typ, dieser Kopelew, und dann habe ich einfach das gedreht oder drehen lassen, was die geschildert haben. Wenn die von Alltagsproblemen dort berichteten oder in ihren Essays oder Novellen oder in ihren Romanen Alltagsprobleme behandelten, beispielsweise der schlimme Umgang mit der Natur – das war ein Thema, was der Schriftsteller Valentin Rasputin aus Irkutsk immer wieder behandelte –, dann konnte ich das filmen. Dadurch sind diese Schriftsteller eben auch bei uns bekannt geworden. Das hat mir dann später in der DDR geholfen, weil die durch das Westfernsehen auf einmal auf sowjetische, richtig gute Schriftsteller aufmerksam geworden waren.

Burchardt: DDR – Sie sind ja im Grunde genommen ein – ja, wie soll man sagen – Wanderer zwischen den Welten gewesen. Sie waren in der Sowjetunion, Sie waren in Amerika, und Sie waren dann auch eben in Ostberlin und haben im Grunde genommen auch zwar in der Vorphase der deutschen Einheit, aber doch schon so Einiges damals erlebt. Haben Sie damals geahnt, oder in irgendeiner Form durch Kontakte mit Dissidenten dort, geahnt, dass wir irgendwann 89 dann da …

Pleitgen: Nein. Das hat überhaupt keiner geahnt. Ich konnte ja jeden Morgen aus dem Fenster beobachten, dass sich die Welt überhaupt nicht verändert hatte, denn wir wohnten an der Leipziger Straße, und wenn ich nach Westen rausguckte, dann sah ich, dass die Mauer immer noch ziemlich unerschütterlich dort stand. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass die so ohne Kraftanstrengung verschwinden könnte, dass die einfach eines Tages aufgehen würde. Das war etwas, was nicht im Entferntesten in unseren kühnsten Träumen auftauchte. Natürlich war die Hoffnung da, dass Deutschland eines Tages wiedervereint würde, aber für mich war eben das auch sehr, sehr wichtig gewesen, dass ich in die DDR geschickt wurde. Ich wollte dort nicht hin. Ich mochte die nicht. Immer wenn ich nach Russland mit dem Auto fuhr, hatte ich dort sehr unangenehme Erfahrungen gemacht. Wenn ich durch die DDR fahren musste, dort die Kontrollen, die waren mir zuwider. Dann hatten die Willy Brandt auch noch einen Spion in den Pelz gesetzt. Also ich wollte da nicht hin. Ich war ein richtiger Wessi, obwohl ich sehr lange in Moskau tätig war – sechseinhalb Jahre –, aber dort bin ich zu einem gesamtdeutschen Menschen geworden, denn ich habe eben erkannt, dieses ist Kerndeutschland. Wir haben auch darüber berichtet: Wir haben so Alltagsthemen auch behandelt, und dann haben die Menschen festgestellt, Mann, das ist ja deutsche Kultur, deutsche Geschichte, die dort in Thüringen, in Sachsen, in Mecklenburg-Vorpommern ist. Diejenigen, über die wir berichtet haben, die fühlten sich wahrgenommen, sagten, Mensch, die haben uns im Westen nicht vergessen, die kommen ja hier hin. Wir haben Filme gemacht über das Erzgebirge, über den Thüringer Wald, über Eisenach, über Dresden, über Usedom, über Rügen und so weiter. Also das war eine sehr, sehr wichtige Zeit für mich gewesen, und ich habe auch immer noch eine sehr starke Affinität zu den Menschen in Ostdeutschland, die es ja nicht so leicht gehabt haben wie wir, und deshalb kann ich den Hochmut, den wir manchmal zeigen, nicht verstehen. Wir hatten einfach die Gnade, dass wir die reichen Sieger geerbt haben, die hatten nur den armen Sieger geerbt und mussten dafür eben auch die Konsequenzen tragen.

"Dann rief der WDR an. Die hatten Reportagen von mir gesehen und fragten, ob ich zur "Tagesschau" kommen wollte. Ich war so blöd, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass die mich als Journalisten haben wollten. Ich dachte, ich bin doch kein Sprecher."

Reformen in Funk und Fernsehen. Der Vorgesetzte und Gestalter

Burchardt: Sie sind dann ja auch Programmdirektor geworden im Radio und haben etwa mit 1Live, Sie haben WDR 5 mit auf die Bühne gebracht, das heißt also auch Informationsprogramme, die sehr wichtig sind. Welche Wirkung hat das für Sie eigentlich gehabt, dass Sie irgendwann dann, als Sie dann schließlich auch Programmdirektor und Intendant wurden, als Nachfolger von Fritz Nowottny, dass Sie da eben auch gesagt haben, Mensch, das war jetzt auch fällig, das musste ich machen, oder haben Sie eigentlich Ihre vielen Stationen, die ja so bunt sind wie das Leben, haben Sie die vermisst?

Pleitgen: Nein, ich war mit Leib und Seele Journalist, und ich habe einfach viel Glück gehabt, wie ich das am Anfang gesagt habe. Die schlimmen Zeiten waren am Anfang, danach ging es stetig bergauf. Ich habe ja sehr früh mit dem Journalismus begonnen, schon als Schüler für Zeitungen geschrieben.

Burchardt: Als 14-Jähriger im Sport.

Pleitgen: Ja, im Sport habe ich angefangen, und ich fühle mich dem Sport auch weiter sehr verbunden. Ich habe also einfach Glück gehabt. Ich habe mich nie bewerben müssen. Dann rief der WDR an. Die hatten Reportagen von mir gesehen und fragten, ob ich zur "Tagesschau" kommen wollte. Ich war so blöd, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass die mich als Journalisten haben wollten. Ich dachte, ich bin doch kein Sprecher. Dann haben die gesagt, ja, dann kommen Sie doch mal vorbei, arbeiten Sie mal bei uns ein bisschen mit, soll nicht Ihr Schaden sein, Sie werden gut honoriert. So war das, auf einmal warb der WDR um mich, und ich bekam dafür sogar noch ein schönes sattes Honorar. Dann haben die gesagt, dann kommen Sie zu uns. Ich habe lange überlegt, denn Fernsehen war für uns Zeitungsjournalisten eigentlich ein klarer Abstieg. Wir machten uns da lustig, wir haben gesagt, die Fernsehleute können doch kein richtiges Deutsch, die sprechen doch immer nur so halbe Sätze.

Burchardt: Die brauchen auch nur Bilder.

Fritz Pleitgen als ARD-Korrespondent in Ostberlin, aufgenommen im Juli 1979 vor dem Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz.  (picture-alliance / dpa)Fritz Pleitgen als ARD-Korrespondent in Ostberlin, aufgenommen im Juli 1979 vor dem Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz. (picture-alliance / dpa)

Pleitgen: Die haben die Bilder dort. Dann habe ich lange hin und her überlegt, aber dann nachher zugesagt. Dann bin ich zum WDR gegangen, habe das nicht bereut und hatte dort einen ziemlichen Auslauf. Damals gab es noch wenige Auslandskorrespondenten. Mein Blick war ganz eindeutig nach Westen gerichtet. Also mir hat keiner gezwitschert, dass Russland mal ein beruflicher Schwerpunkt für mich werden könnte, und erst durch Willy Brandt bin ich auf den Osten aufmerksam gemacht worden. Er war damals Außenminister geworden, und er hatte eine kleine Runde von Journalisten, und er sagte, es müsste uns gelingen, was Adenauer im Westen geschafft hat, im Osten fortzusetzen, wir müssten aus Erzfeindschaften Erzfreundschaften machen, so wie Adenauer das mit Frankreich geschafft hat, müssten wir das mit Polen schaffen. Das war mitten im Kalten Krieg, und dann sagte er noch den bedeutungsvollen Satz, aber der Schlüssel liegt in Moskau. Als junger Korrespondent war ich fasziniert von dieser Idee. Endlich mal eine neue Idee, und der WDR war damals sehr fortschrittlich unter dem Intendanten Klaus von Bismarck. Der Hörfunk war damals das Leitmedium, das habe ich noch in Erinnerung, und ab und zu wurde ich dahingeschickt, um an den Konferenzen teilzunehmen, und das war immer eine intellektuelle Delikatesse, wie dort diskutiert wurde. Das war bei uns auf der Fernsehseite nicht so der Fall gewesen. Das ist sicher heute der Fall, aber damals war es eben meine Beobachtung. Dann nach Washington kam New York, und dann hat Nowottny eines Tages gesagt, der ja der Star unter den politischen Journalisten in Deutschland gewesen ist …

Burchardt: Mister Bonn, ja.

Pleitgen: Jetzt ist aber genug – er war inzwischen Intendant geworden – mit dem Herumkurven im Ausland, und ich wurde dann Chefredakteur für Fernsehen im WDR, und das ist natürlich eine sehr glückliche Karriere. Dann hat er mich zum Hörfunkdirektor gemacht. Es war eine für mich sehr ertragreiche Zeit und für den Hörfunk in einer gewissen Weise auch, weil ich dort eine Programmreform gemacht habe, eine Strukturreform gemacht habe in sehr kurzer Zeit. Die Struktur steht heute noch. Sie haben vorhin 1LIVE erwähnt: Ich bin sehr froh darüber, dass wir das damals geschaffen haben – das erfolgreichste Jugendradio in Europa –, und WDR 5, was so eine große Ähnlichkeit zum Deutschlandfunk hatte, ganz klassischer Hörfunk. Mein Vorbild war damals Radio Four von der BBC gewesen. Ich hatte viele Impulse aufgegriffen in meinem Journalistenleben, die ich im Ausland gesammelt hatte, beispielsweise mit der Schaffung des Fernsehmorgenmagazins, das hatte ich auch aus Amerika mitgebracht, und die Idee, einen Fernsehkanal zu schaffen wie Phoenix, in dem dann das Publikum versorgt wird mit den Debatten im Bundestag oder in wichtigen Einrichtungen, und das ist auch ein großer Erfolg geworden, und ein schönes Ergebnis ist auch Funkhaus Europa, also so ein Radio, das sich an die Menschen wendet, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind.

"Ich würde Spaß haben, so ein Buch zu machen. Dann müsste ich allerdings alle meine Ehrenämter aufgeben, die ich habe."

Vom Horror der Loveparade. Die Freude am Ehrenamt

Burchardt: Herr Pleitgen, ganz zum Schluss des Gesprächs: Wir können natürlich eine Phase nicht unterschlagen, das ist Ihre Funktion bei der Ruhrtriennale als Geschäftsführer, leider mit einem traurigen Ereignis, nämlich den Vorgängen in Duisburg mit 21 Toten damals. Sie haben damals sehr ehrenwert – und ich glaube, Sie waren ziemlich der einzige – auch gesagt, also ich fühle mich da auch moralisch mit in der Verantwortung. Ist da eigentlich auch vom Oberbürgermeister damals in Duisburg richtig reagiert worden?

Pleitgen: Nein, ich glaube, es sind ja nachher eigentlich alle, die dafür gewesen sind, sind dort da eigentlich diesem Anspruch nicht gerecht geworden. Da ist ja Entsetzliches passiert, da sind 21 junge Menschen ums Leben gekommen. Ich war auch völlig fassungslos. Es war kein originäres Programm der Kulturhauptstadt. Es hatte diese Loveparade schon vorher in Essen und in Dortmund gegeben, und dann haben die gesagt, ja, wir können das auch in das Programm mit einbringen. Wir waren also organisatorisch gar nicht beteiligt gewesen. Wir waren auch nicht finanziell beteiligt.

Fotos der Opfer, Kerzen und Blumen an der Loveparade-Gedenkstätte in Duisburg.  (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)Die Loveparade-Gedenkstätte in Duisburg (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)

Burchardt: Sie konnten es auch nicht verändern.

Pleitgen: Ja, wir haben es … Ich habe es ja begrüßt auch, wie alle anderen, weil man wollte den jungen Menschen im Ruhrgebiet, die ja leider damals in Scharen noch das Ruhrgebiet verließen, eine Attraktion bieten. Da kamen ja auch viele 100.000 Menschen hin, und die Zeitungen haben über die Vorläufer, die ja auch nicht von ohne gewesen sind, da war es ja auch immer ganz knapp an einer Katastrophe vorbeigegangen, haben die ja enthusiastisch gefeiert. Als ich davon hörte, bin ich nach Duisburg gefahren und habe mir das dort angesehen und war dort in dem Krisenzentrum und sah, dass man weiter daran arbeiten musste, dass nicht eine weitere Katastrophe folgte. Es waren noch viele 100.000 unterwegs. Dann wurde ich vom ZDF gefragt, wie sehen Sie das, und dann habe ich von mir aus gesagt, ja, wenn ich das hier so sehe, muss ich sagen, fühle ich mich moralisch auch mit verantwortlich, denn ich habe es ja befürwortet, dass es hierhin kommt. Das hat dann dazu geführt, dass daraufhin dann Strafanzeige gestellt wurde wegen fahrlässiger Tötung, dann mussten natürlich …

Burchardt: Gegen Sie?

Pleitgen: Ja, ja. Und das wurde auch im WDR, in meinem Sender ordentlich verbreitet, weil dann wurde ich auch nicht mehr als ehemaliger WDR-Intendant genannt, aber das ist nun mal so. Im Journalismus muss man sich kurzfassen. Also das hatte mich schon sehr mitgenommen diese Tragödie. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, und als ich dann später hörte, welche Fahrlässigkeiten begangen worden waren, war ich erst recht entsetzt, und was mich sehr bedrückt hat, wie schnell Urteile gefällt wurden in den Medien wie auch in der Politik, wer alles schuld war. Ich hatte dann damals gesagt, ein so komplexes Ereignis, das wird Jahre dauern, um das aufzuklären. Jetzt sind wir schon fünf oder sechs Jahre darüber hinaus, und die Angehörigen der Opfer haben bis jetzt noch keine Klarheit, und es ist immer noch kein Verfahren in Gang gesetzt worden. Das ist natürlich schlimm. Daran habe ich auch immer noch schwer getragen.

Burchardt: Was kommt jetzt bei Ihnen? Sie haben Buchprojekte, insbesondere … Sie haben angekündigt, Sie wollen in den USA irgendein Buch machen. Ist das richtig?

Pleitgen: Ja, das weiß ich noch nicht. Ich bin auch oft gebeten worden, doch noch ein Buch zu schreiben, fühle mich da im Augenblick auch ein bisschen überfordert, da in eine Biografie einzusteigen. Ich wüsste auch gar nicht wie. Es gibt so viele Biografien, und das sind ja meist dann so geschönte Dinge, weil man sich ja nicht schlecht darstellen will. Ich würde Spaß haben, so ein Buch zu machen. Dann müsste ich allerdings alle meine Ehrenämter aufgeben, die ich habe. Ich bin ja Präsident der Deutschen Krebshilfe. Das Amt Kopelew Forum, das habe ich jetzt an Thomas Roth weitergegeben, Hochschulrat. Da wird mich auch ein noch aktiver Kollege des WDR in Zukunft vertreten. Es gibt aber dann noch andere … Kinder von Perm. Wir haben ja mal eine Kinderkrebsklinik in Perm am Ural gebaut, und das möchte ich so schnell nicht hergeben, weil das so eine wunderbare Sache ist, die auch im Sinne von Lew Kopelew eine Brücke schlägt zu Russland auch in schwierigen Zeiten. Diese Kinderklinik hat im Laufe von 20 Jahren gewiss 2.000 Kindern, die sonst verloren gewesen wären, das Leben gerettet, und das sind tüchtige Ärztinnen und Ärzte dort am Werk, und mit denen macht es einfach Freude zusammenzuarbeiten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk