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StartseiteBüchermarktFröhliche Demut05.09.2004

Fröhliche Demut

Rafik Schami: "Die dunkle Seite der Liebe"

Damaskus, Syrien, 1953. Eine Gruppe Jugendlicher sitzt beim Tee und tut, was junge Menschen im Alter zwischen 14 und 18 immer machen, wenn sie unterschiedlichen Geschlechtern angehören. Lachen, scherzen, Anspielungen üben. Schüchtern und höflich, jede Ablehnung schmerzt, und da ist schließlich noch die Sache mit der Herkunft. Zur Zeit sitzt man bei einem muslimischen Freund. Das wird toleriert, der Kontakt der Religionen untereinander ist wenn nicht herzlich, so doch von gegenseitiger Achtung geprägt:

Von Florian Felix Weyh

Rafik Schami: "Die dunkle Seite der Liebe", Coverausschnitt (Hanser Verlag)
Rafik Schami: "Die dunkle Seite der Liebe", Coverausschnitt (Hanser Verlag)

Es gibt Redewendungen, die man in Damaskus unbemerkt einflicht, um zu erkunden, ob ein fremder Gesprächspartner derselben Religion angehört wie man selbst. Wenn ein Muslim unvermittelt ausruft: Gott segne unseren Propheten Muhammad, dann wiederholt der andere, wenn er auch Muslim ist: "Gott segne unseren Propheten Muhammad." Ist er aber Jude oder Christ, so antwortet er: "Gott segne alle Propheten.

Schon Jugendliche wissen, dass unlösbare Konflikte auf sie warten, wenn sich ihr Herz falsch entscheidet. Eine Liebe zwischen Angehörigen unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse ist unmöglich, ja oft sogar tödlich. Da sitzt nun der 15-jährige Farid der gleichaltrigen Rana gegenüber und tastet sich voran. Nicht mit den Händen – Gott bewahre! – sondern mit Worten. Die Annäherung erfolgt topographisch. Wo man in Damaskus lebt, sagt viel aus:

"Aha, du wohnst also unter den Christen?", fragte sie und lächelte.
"Was heißt unter? Ich bin Christ", erwiderte er. Ranas Herz raste. Sie fing an zu lachen.
"Was ist daran so lustig?", fragte er erstaunt.
"Gar nichts. Ich lache, weil ich dich für einen Muslim gehalten habe. Ich bin nämlich auch Christin", antwortete sie leise, so dass nur er sie verstehen konnte. Sie wurde rot.
"Das freut mich, obwohl mir die Religion eigentlich egal ist", erwiderte Farid. Seine Erleichterung machte die aufgesetzte Gleichgültigkeit wenig glaubhaft.
"Mir auch, aber der Welt ist es nicht egal", sagte Rana und augenblicklich überzog Trauer ihr Gesicht. Er schaute sie an und in diesem Augenblick war es um ihn geschehen. Farid musste tief durchatmen, damit ihm das Herz nicht stehen blieb.
Er suchte ihre Hand unter dem Tisch, und als er sie berührte, zuckte Rana nur einen Moment, doch dann drückte sie ihre fest in die seine. Und für eine Minute blieb die Erde stehen und die Welt wurde zu einem unendlichen Raum der Ruhe. Nur zwei Menschen saßen in diesem Augenblick in Damaskus und hielten sich die Hände. Eine tiefe Stille flatterte fast hörbar über ihren Köpfen. Dann kam die Welt mit dem Lärm und dem Tee und dem Lachen der Freundin zurück.


Christ zu sein, erlaubt zwar eine klare Abgrenzung gegenüber anderen, doch stellt der gemeinsame Bezugspunkt Jesus nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für ungestörtes Liebesglück dar. Die syrischen Christen gehören zwei Fraktionen an, der griechisch-orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen. Wie immer im Leben fällt die friedliche Koexistenz mit den deutlich unterschiedlichen Nachbarn wie Muslimen und Juden leichter als die mit den engen Anverwandten. Zwischen griechisch-orthodoxen und römisch-katholischen Christen geht gar nichts. Am allerwenigsten, wenn die eigenen Wurzeln im fiktiven Gebirgsdorf Mala liegen – dort, wo Traditionen einen anderen Stellenwert besitzen als im westlich-liberalen Milieu von Damaskus.

"Du bist auch aus Mala?", sagte Farid kaum hörbar, weil er die Antwort bereits wusste.
Sie nickte still. Ihr Lachen war verflogen.
Er fasste ihre Hand. Sie war kalt und er spürte, dass Rana zitterte. (...)
Rana schaute Farid an. In seinen Augen sah sie Sehnsucht und Trauer, und obwohl sie große Angst hatte, war sie in diesem Augenblick sicher, dass sie mit ihm leben wollte. Doch einen Moment später erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter: "Ein Muslim ist immerhin ein Mensch, aber die Muschtaks sind Ratten! Ratten! Ratten!", hallte die Stimme durch ihren Kopf. "Und du hast auch von der letzten Katastrophe gehört, die über meine Familie hereingebrochen ist?", fragte sie.
Er nickte und ihm war klar, sie wusste, dass man seiner Familie unterstellte, hinter der Verhaftung von Ranas Onkel und dem wirtschaftlichen Ruin zu stehen, der die ganze Familie Schahin traf. Sie wusste nicht viel von der Feindseligkeit der beiden Clans, sondern nahm nur wahr, dass ihre Eltern jedes Mal einen Namen wiederholten, wenn sie das Hässliche, Gemeine, Verachtens- und Hassenswürdige darstellen wollten: Muschtak.
"Warum muss das Leben so kompliziert sein?", fragte Rana.
"Weil ich ein Pechvogel bin", antwortete er.


Wahrlich, das ist Farid, denn seine erste und zugleich lebenslange Liebe Rana entstammt einer Familie, die mit der eigenen in erbitterter Feindschaft lebt. Dass dabei die Religion als Hindernis gehandelt wird – die Schahins sind griechisch-orthodox, die Muschtaks römisch-katholisch –, ist freilich nur vorgespiegelt. Der wahre Ursprung der Feindschaft liegt in der Macht- und Ökonomiekonkurrenz vor Ort. Doch entspricht das Religionsklischee nicht genau der Sichtweise des Westens auf das Morgenland? Religion definiere die Sozialbeziehungen, Religion dominiere das tägliche Leben, Religion gäbe die Leitlinien allen Handelns vor? Vielleicht, sagt Rafik Schami mit diesem Roman, vielleicht auch nicht. Denn er stellt eine andere unüberwindliche und durch keine Ideologie zu bändigende Kraft des Orients in den Mittelpunkt seines Romans:

Arabische Sippen und Pyramiden nehmen Zeit nicht zur Kenntnis.

Die Sippe. Der Clan. Das Gruppen-Wir vor dem individuellen Ich. Es ereilt jeden, der sich fortpflanzt, und Fortpflanzung ist unabweisbare Menschenpflicht für Anhänger aller Glaubensrichtungen. Ein westliches Wort wie "Selbstverwirklichung" lässt sich in diesem Zusammenhang gar nicht denken, weil schon dessen Voraussetzung, die Selbstbestimmung, keine Basis im Familienleben findet. Das Selbst bestimmt sich ausschließlich von anderen, respektive den Nachkommen her:

Claire saß still in sich versunken auf dem Sofa in Madeleines Salon. (...) Endlich, ein halbes Jahr nach der Geburt, hatte sie angefangen, etwas vom Glück zu kosten. Sie genoss es – wie das in Damaskus üblich war –, Um Farid, Farids Mutter, genannt zu werden. Die Namen der Väter und Mütter verschwanden, sobald sie das erste Kind bekamen. Man wurde Abu und Um, Vater von oder Mutter von und dann hängte man den Namen des Erstgeborenen an. Elias mochte die Sitte nicht. Er wollte Monsieur Elias gerufen werden, so wie die Franzosen ihn nannten, aber kein Araber folgte dieser europäischen Sitte. Sie nannten ihn nur noch Abu Farid. Elias korrigierte sie ein Jahr lang, danach gab er auf.

Drei Generationen, vom Großvater bis zum Enkel, genügen, um alle Spielarten der menschlichen Tragikomödie vorführen zu können, von Liebe und Ehrgeiz, Hass und Demut, Geschäftstüchtigkeit und Ruin. Sippengeschichte ist Sozialgeschichte, ist Wirtschaftsgeschichte, ist Staatsgeschichte, denn überall hat die Sippe Vorrang vor anderen Formationen. Einen Militärdiktator, wie er im Syrien der Vor-Assad-Zeit in rascher Folge wechselt, erweicht man immer noch am besten über seinen Bruder und nicht über ideologische Konformität mit seinen Verlautbarungen – seien sie nun marxistisch oder nationalistisch gefärbt. Dasselbe gilt für Religions-, Rechts- und Wirtschaftsfragen. Wohl dem, der gute familiäre Verbindungen besitzt, wehe dem, der nicht wenigstens durch kluge Heirat Anschluss gefunden hat. Klug heißt in diesem Fall: Nicht auf Herz und Neigung zu hören, sondern ausschließlich auf den durch Eheschließung erzielbaren Vorteil zu schielen. Rana und Farid machen das völlig verkehrt und büßen diesen Schritt über viele Jahre. Ihr gemeinsamer Fluchtversuch in den Libanon scheitert, die daraufhin verhängte Kontaktsperre muss mühsam von Treffen zu Treffen unterlaufen werden. Schließlich kann Rana, während Farid als Lehrer im Grenzgebiet zu Israel unterrichtet und später als aktiver Jugendfunktionär der Kommunisten im Gefangenenlager darbt, die Ehe mit einem anderen Mann nicht mehr verhindern. Ein Cousin vergewaltigt sie aus taktischen Gründen, um sie danach zur Frau zugesprochen zu bekommen. In solchen Konstellationen liegt der Grund, warum das Genre im Westen als Gegenwartsstoff kaum mehr taugt, denn Gesellschaften mit sozialer Wahlfreiheit bei Vermählung wie bei der Scheidung schaffen keine solch verzweifelten Konflikte. Im orientalischen Verständnis bedarf es dazu hingegen nicht mal der genetischen Verwandtschaft:

Samia und Samer waren in demselben großen Haus aufgewachsen und hatten wie Geschwister zusammen gespielt. Von Kindheit an liebten sie sich, aber sie hatten einander nicht heiraten dürfen, da Samer als Baby mehrere Wochen am Busen von Samias Mutter gesäugt worden war, so lange, wie seine eigene Mutter eine Entzündung an ihren Brustwarzen ausheilen musste. Nach damaliger Sitte waren Samia und Samer deshalb Stillgeschwister. Ihre Ehe hätte als Inzucht gegolten.

Rafik Schami, der seit zwei Jahrzehnten auf Deutsch schreibende Doktor der Chemie aus Damaskus schafft in seinem Roman "Die dunkle Seite der Liebe" ein gewaltiges Sippenbild, das die Leser durch Sinnlichkeit, Angst, Humor, Schrecken, Liebe, orientalische Brutalität und orientalische Weisheit überwältigt.

"Eine Frau liebte einen Mann", erzählte Gibran, "der eine große Warze auf der Nase hatte. Sie hielt ihn für den schönsten Mann auf Erden. Jahre später fiel ihr aber eines Morgens die Warze auf. ›Seit wann hast du diese hässliche Warze auf der Nase?‹, fragte sie. ›Seitdem du mich nicht mehr liebst‹, antwortete der Mann traurig."

Man kann die Gerüche von damaszenischen Garküchen riechen, verzehrt sich voller Gier nach Leckereien aus der Konditorei des Vaters von Farid, staunt über die vitale und lebensbejahende Kraft, mit der geschlagene und vergewaltige Frauen – nicht gering an der Zahl! – ihren Peinigern dennoch ein Schnippchen schlagen, trauert um ermordete Opfer aus familiärer Ehre, schüttelt entgeistert den Kopf über die Fähigkeit der Sippen, Brudermörder leichter zu integrieren als Abtrünnige aus Liebe, stöhnt unter den Folterungen in syrischen Wüsten-Gulags, deren Perfektion erst durch ostdeutsche Hilfe gelingt, erfreut sich der Lebenslust dieses Vielvölkergemischs und ist zugleich fassungslos über dessen politische Naivität, wenn Putsche und Revolutionen stoisch hingenommen, sinnlose kriegerische Auseinandersetzungen mit Israel dagegen bejubelt werden. Der in jeder Beziehung dominierende Irrationalismus, dem sich nur die von der französischen Kolonialmacht beeinflusste Oberschicht entgegenstellt, hat einen zentralen Ursprung, den wir Westeuropäer nur noch aus sehr alter Literatur kennen: die Ehre.

"Hör mal gut zu, Junge", ergänzte Sadik, der Gemüsehändler, "du kannst einem Araber alles nehmen, nur nicht die Ehre. Die Europäer mögen uns in vielem überlegen sein, aber nicht in diesem Punkt. In Sachen Ehre sind wir vorn."
Rasuk warf Farid einen Blick zu, der Bände sprach. Ausgerechnet Sadik, der seine Kunden mit allen Tricks betrog! Dieser Geizkragen sprach von arabischer Ehre?
"Also, an deiner Stelle", fuhr ihn Farid an, "würde ich lieber nicht so laut von den Werten der Araber reden. Weißt du, welche Eigenschaft unsere Vorfahren am meisten verabscheuten?"
"Welche?", fragte Sadik mit seinem blöden Blick.
"Geiz", antwortete Farid und ein Johlen und Glucksen, Trillern und Pfeifen erhob sich gegen den Gemüsehändler.
"Aber trotzdem hat Sadik Recht", riefen Badi, der Lehrer, und Basil, der Maurer, über den Lärm hinweg. "Man hat uns alles genommen, aber unsere Ehre bleibt und ich möchte lieber sterben als eine Frau heiraten, mit der vorher schon andere geschlafen haben.", fügte Basil hinzu. Einige nickten. Auch Amin. Er war mit Basil und Badi befreundet.
"Und ihr findet das nicht komisch?", sagte Azar leise.
"Lauter", forderte Taufik, "ich verstehe kein Wort."
"Findet ihr das denn nicht komisch, dass ausgerechnet die Jungfräulichkeit bei uns heilig ist?"
"Was soll daran komisch sein?", knurrte ein kleiner Mann, den Farid nicht kannte. Er wurde Edward genannt.
"Komisch ist, dass die Männer, die die Frauen ansonsten kaum achten, ihre ganze Ehre dorthin verlegen, wo die Frau pinkelt? Was für elende ehrlose Männer sind doch diese Europäer, die Luft und Meere erobern und bis in die Welt der Atome vordringen, während unsere stolzen Männer ihren Schnurrbart in Rückständigkeit zwirbeln, sich aber überlegen fühlen, weil sie Frauen geheiratet haben, die noch jungfräulich waren."
Aus verschiedenen Richtungen hörte man ärgerliches Murmeln gegen Azar.
"Und ihr wisst bestimmt alle", unterstützte Rasuk ihn, "dass ein paar Gynäkologen bei uns nichts anderes mehr machen als das Häutchen wieder anzunähen. Sie studieren in Amerika und opfern Jahre ihres Lebens, um danach zurückzukehren und nur noch Schusterarbeit für die Männerehre zu leisten."


Die Sippe ist das weibliche Prinzip Arabiens, die Ehre das männliche. Beide geben ob ihrer Unflexibilität höchst ineffiziente Maßstäbe für die praktische Lebensführung ab und erklären, warum trotz des immensen Reichtums etlicher arabischer Staaten, trotz der Jahrhunderte alten Handelstradition syrischer Kaufleute kein allgemeiner Wohlstand existiert. Der Vorrang der eigenen Angehörigen vor denen anderer Familien verhindert den glättenden gesellschaftlichen Ausgleich; der Vorrang der Ehre vor der Vernunft riskiert lieber wirtschaftlichen Ruin, als das eigene, tönerne Selbstwertgefühl zu gefährden. Selbst als der Kommunismus neben Christentum, Islam und Judentum als vierte Religion Einzug hält, vermag er sich nicht gegen die Grundpfeiler Ehre und Sippe durchzusetzen. Die Militärexperten aus der DDR, die im Lager Tad Abweichler von der zu diesem Zeitpunkt offiziell propagierten stalinistischen Linie foltern, machen sich freilich nur die Hälfte der Wahrheit klar:

Plötzlich wurden seine Frau und seine drei kleinen Kinder hereingeführt. Sie weinten und baten ihn aufzugeben, weil sie ihn brauchten und vermissten. Faleh hielt diesen Druck nicht aus und unterschrieb die Erklärung seiner Reue. Er bekam von der Verwaltung saubere Kleider und etwas Geld, danach fuhr man ihn mit seiner Familie in einem Landrover nach Damaskus. Darauf waren die Gefangenen in Tad nicht vorbereitet gewesen. Das Neue, das die deutschen Experten mitbrachten, war, dass sie die Familie als Verlängerung der Folter einsetzten. Für viele Gefangene waren die Tränen ihrer Kinder, ihrer Frau oder Mutter härter als jede Peitsche.

Wenn Gefangene körperliche Brutalitäten leichter ertragen als die Angst um ihre Angehörigen, dann müssen sozialistische, auf überfamiliäre Strukturen setzende Experimente im Kern fehlschlagen. Aber das schert die syrischen Machthaber wenig, denn mit welchem ideologischen Mäntelchen sich ein Regime jeweils bedeckt, hängt mehr mit Waffenlieferungen zusammen als mit gefühlten Überzeugungen. Politik lässt sich unter diesen Voraussetzungen nur noch als Schweijkiade wahrnehmen:

Oberst Hablan bezog mit seiner Frau den Palast und ernannte sich zwei Wochen später zum Marschall. Als er aus einer Illustrierten erfuhr, dass Marschälle immer einen Stab trügen, bestellte er einen aus purem Gold bei einem Juwelier. Der Stab sollte massiv, die Form einmalig sein, wünschte Hablan. Doch der Juwelier, der sich über den Auftrag freute, hatte noch nie einen Marschallstab gesehen. Also nahm er ein Nudelholz als Vorbild, das er zufällig an dem Tag gekauft hatte und dessen Form ihm gefiel.

Was für ein pralles, lebenssattes Opus Magnum! In der deutschsprachigen Literatur steht "Die dunkle Seite der Liebe" einzigartig da, denn Rafik Schami hat einen so fabulierfreudigen wie ironisch-distanzierten Ton gefunden, mit dem er auf all die Schrecknisse des Lebens in nachgerade fröhliche Demut reagiert: Was sich ereignet, hätte auch besser ablaufen können, aber so wie es nun mal kam, ist es auch erzählenswert. Nach dem Prinzip bilderloser arabischer Mosaike, die mit komplexen Formen und Farbschattierungen operieren, erzeugt er in tausendundeiner Geschichte die Stimmung des Buches ohne den im Westen für unerlässlich gehaltenen individualpsychologischen Kitt. So überindividuell die Sippe agiert, so wenig vermögen Neurotizismen und andere Erklärungsmuster aus dem flachen Denken des 20. Jahrhunderts Geist, Seele und Handlungsweisen einzelner Figuren zu begründen. Auch die reichlich vorhandene Erotik hebt sich wohltuend von der plakativen Sexualität westeuropäischer Provenienz ab. Schami aphrodisiert durch Poesie, wo hiesige Autoren Penislängen vermessen und Schamhaare zählen. Eingerahmt vom Trennungs- und Liebesdrama Ranas und Farids tut sich ein quirliges, stets in Bewegung befindliches Panorama auf, mit Rück- und Überblendungen zu den Lebensgeschichten von Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Das geht zeitlich und räumlich munter ineinander über und ist doch perfekt komponiert. Vielleicht, weil der damaszenische Autor zwei Seelen in seiner Brust vereint: die geradlinig-antike und die arabisch-gewundene:

Die Hand, die Damaskus bis heute geprägt hat, ist die eines griechischen Städteplaners namens Hippodamos von Milet. Er hatte die Stadt in streng geometrische rechtwinklige Quartiere mit großen Paradestraßen aufgeteilt. Die Griechen liebten gerade Linien, die Araber dagegen den Bogen, die Krümmung. Manche behaupten, das hinge mit ihren so ermüdend gerade verlaufenen Reisen durch die Wüste zusammen. Krümmung verkürzt, zumindest für den Blick, die Entfernung. Andere sagen, Leben hat mit Bögen zu tun: Der Olivenzweig biegt sich unter der Last seiner Früchte, der Bauch schwangerer Frauen ist ein Bogen und die Zweige einer Palme bilden eine Rundung. Geradlinig ist nur der Tod. Profaner ist die Erklärung der alten Damaszener: Die Gassen lassen sich besser verteidigen, je mehr Windungen sie haben.

So führt dieses grandiose Buch – eines der kühnsten, ergiebigsten und schönsten Welterfassungsprojekte der letzten Jahre – Gerades und Geschwungenes zusammen. Die über dreihundert Kapitel sind in sich abgeschlossen wie geschliffene Mosaiksteinchen; zusammengesetzt mit anderen machen sie ein wogendes Gesamtbild aus, das sich mit Lineal und Zirkel nicht vermessen lässt. Literatur als Horizonterweiterung ist ein abgegriffenes Etikett, hier trifft es ohne Wenn und Aber zu. Wer "Die dunkle Seite der Liebe" verschlungen hat, ist klüger als zuvor und wird gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach Verhältnissen verspüren, in denen man sich frei bewegen kann, ohne damit zugleich alle familiären Bindungen zu entwerten. Aus Sicht arabischer Kulturen ist der Westen dabei weit übers Ziel hinausgeschossen, weswegen sich seine Modelle auch nicht exportieren lassen, weder nach Syrien, noch in den Irak. Dem Morgenland steht aber noch jener Teil der Aufklärung bevor, der sich im wunderbaren Motto über Kapitel 146 ankündigt:

Meister wird, wer trotz der Schule Bücher liest.

Bücher wie diese.

Rafik Schami
Die dunkle Seite der Liebe
Hanser, 896 S., EUR 24,90

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