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StartseiteCampus & KarriereNeue Professur soll Alternativen zu Tierversuchen fördern 02.02.2016

FU BerlinNeue Professur soll Alternativen zu Tierversuchen fördern

Tierversuche sind nicht nur ethisch umstritten, sondern auch in wissenschaftlicher Hinsicht nicht immer hilfreich. In Berlin wird jetzt eine Professur eingerichtet, um Alternativen dazu zu erforschen.

Von Philip Banse

Ein Mikroskop (picture alliance / dpa - Martin Schutt)
Ein Forschungsschwerpunkt der neuen Professur wird das Züchten menschlicher Hautlappen sein. (picture alliance / dpa - Martin Schutt)
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"So sieht die Maus aus."

"Oh."

"Wir haben hier eine Nacktmaus, die mit UV-B-Strahlung bestrahlt wurde, was dem natürlichen Entstehungsprozess von Hautkrebs nachempfunden ist und die Maus entwickelt dann da Tumore."

Christian Zoschke, Doktorand am Institut für Pharmazie der FU Berlin, zeigt das Foto einer Maus, übersät mit roten Hautkrebstumoren.

"Und wenn Sie sich das Bild so ansehen, ist klar, dass da auch eine Belastungssituation für das Tier vorhanden ist."

Christian Zoschke erforscht, wie sich Medikamente gegen hellen Hautkrebs entwickeln lassen – ohne oft ungenaue, langwierige und quälende Tierversuche. "Alternativen für Tierversuche" – dazu hat die Freie Universität eine neue Professur eingerichtet, die dieses Jahr besetzt werden soll. Die Professur ist eingebettet in den Berlin-Brandenburger Forschungsverbund BB3R. Die 3R stehen für die englischen Begriffe Reduction, Refinement und Replacement, also Forschungen, mit denen Tierversuche reduziert, schonender gestaltet oder sogar ganz ersetzt werden sollen.

"Uns geht es primär darum, Arzneimittel besser und schneller zu entwickeln und effizienter zu entwickeln. Ziel unserer Forschungen ist immer noch die Verbesserung der Therapielage für den Menschen. Die ethischen Aspekte sind willkommen, aber der Mensch steht bei uns im Fokus", sagt Doktorand Christian Zoschke. An seinem Institut für Pharmazie gebe es keine Tierversuche mehr.

Doch Schnippelkurse sind in vielen Fächern noch an der Tagesordnung: Seminare, in denen Studierende aus anatomischem Interesse Tiere zerlegen. Die Tierschutzorganisation PETA appelliert an die Hochschulen, gänzlich auf Tiere im Studium zu verzichten und Studierenden eine Lehre ohne Tierleid anzubieten. Tierversuche in der Lehre machen Europaweit nur rund ein Prozent der Tierversuche aus. Sie abzuschaffen, ist nicht Forschungsschwerpunkt der neuen Professur.

"Meine Motivation war es von Anfang an, näher an den Menschen herankommen zu können, bessere Ergebnisse erzielen zu können, eigentlich mehr so intuitiv der Gedanke, dass das Tier nicht die ideale Prediktivität haben kann."

"Bei mir ist das Ethische zweitrangig"

Tierversuche sagen also zu wenig aus über Wirkungen beim Menschen, sagt die Sprecherin des Berlin-Brandenburger Forschungsverbund BB3R, Monika Schäfer-Korting.

"Es gibt auch Kollegen, die sehen es mehr von der ethischen Seite als das wichtigste Argument. Bei mir ist das Ethische zweitrangig."

Im Seminarraum des Instituts für Pharmazie der FU ist die Haltung etwas anders.

"Ich entschuldige mich auch hier schon mal, dass ich nicht so viele Fotos habe, aber ich finde das auch immer ein bisschen eklig."

Doktorandin Anna Löwa unterrichtet an der "Alternativen für Tierversuche", Pflicht für Pharmaziestudierende im 6. Semester. Beispiel: Der Draize Test.

"Bei diesem Test werden die Substanzen direkt in das Auge eines Kaninchens geträufelt, um deren Wirkung auf die Schleimhäute zu prüfen."

Bis überprüft wurde, ob Kaninchenaugen, die ganz anders aufgebaut sind als menschliche Augen, wirklich Rückschlüsse auf den Menschen zulassen:

"Und anhand der Ergebnisse konnte man sehen, dass der Versuch eigentlich vollkommen ungeeignet für zuverlässige Rückschlüsse über die schädliche Wirkung von chemischen Stoffen ist. Es erlaubt keine zuverlässige Aussage über eine Gefahr für den Menschen."

"Ich finde es ist ein ganz wichtiges Thema", sagt die Pharmazie-Studentin Anna Müller-Schöll nach dem Seminar.

"Mir persönlich geht es vor allem um die ethische Sache. Unnötige Tierversuche wie einem Kaninchen irgendwelche Säuren in die Augen zu tropfen, wo man schon davor weiß, dass es Schmerzen auslösen wird und dass es ätzend sein wird, das muss nicht sein."

Forschungsschwerpunkt der neuen Professur wird sein, woran Doktorand Christian Zoschke forscht: Statt Mäuse mit einem Tumor zu infizieren, züchtet er menschliche Hautlappen:

"Unser Ansatz ist, dass wir den Arzneistoff zunächst im Hautmodell testen mit humanen Zellen, dort gucken, wie macht er sich? Welche Wirkungen, welche Nebenwirkungen hat er, lokal aber immer nur. Und die vielversprechenden Kandidaten, die im Hautmodell positiv getestet wurden, die gebe ich in den Tierversuch und gucke dann: Hat es einen ganzkörperlichen Effekt und wie macht sich der Arzneistoff da?"

Auch mit der neuen Professur werden sich Tierversuche also nicht ganz vermeiden lassen.

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