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Fuchs: Atomkatastrophe wie in Japan wäre in Deutschland undenkbar

Unionsfraktionsvize glaubt an die deutsche Ingenieurskunst

Michael Fuchs im Gespräch mit Peter Kapern

Michael Fuchs ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag.
Michael Fuchs ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. (Deutscher Bundestag)

Deutschland habe in Europa die sichersten Kernkraftwerke, betont der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Fuchs (CDU). Seit dem Ausstieg aus der Atomkraft seien aber häufig Stromimporte aus Nachbarländern nötig. Die Situation sei damit nicht sicherer geworden.

Peter Kapern: Am kommenden Sonntag ist es genau ein Jahr her, dass Japan von einer dreifachen Katastrophe getroffen wurde: erst das Erdbeben, dann der Tsunami und schließlich auch noch der Gau in den Atomkraftwerken von Fukushima. Bei uns am Telefon ist nun Michael Fuchs, der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag. Guten Morgen, Herr Fuchs!

Michael Fuchs: Guten Morgen, Herr Kapern.

Kapern: Sie waren einer der härtesten Kritiker der Energiewende, die die Bundesregierung nach der Katastrophe von Fukushima hier in Deutschland eingeleitet hat. Haben Sie mittlerweile Ihren Frieden mit dem Atomausstieg gemacht?

Fuchs: Na ja, eins ist für mich völlig klar: Wenn ein Großteil der Bevölkerung - und hier reden wir ja von 80 Prozent der Bevölkerung - der Meinung ist, dass diese Technologie für Deutschland nicht mehr in Frage kommt, dann kann ich mich nicht als Einzelner hinstellen und sagen, ich will es aber trotzdem. Ich habe es zwar, ich sage mal, technisch nicht richtig verstanden, aber auf der anderen Seite habe ich das Votum der Bevölkerung, des großen Teils der Bevölkerung zu akzeptieren. Ich bin Demokrat.

Kapern: Was haben Sie da technisch nicht verstanden?

Fuchs: Na ja, in Deutschland ist ein Tsunami dieser Größenordnung, dieses Ausmaßes überhaupt nicht denkbar. Es ist auch nicht denkbar, dass wir ein Erdbeben dieser Größenordnung bekommen. Im pazifischen Raum haben wir nun mal völlig andere tektonische Verhältnisse als in Deutschland und das bedeutet, dass das Unglück in Deutschland überhaupt nicht entstehen könnte. Und ich sage es mal so: Wir haben in Deutschland mit Sicherheit die in Europa sichersten Kernkraftwerke. Und es macht mir schon Sorge, wenn wir unsere Kernkraftwerke abschalten, aber in Temelín in Tschechien laufen sie weiter, in Cattenom, für mich als Koblenzer das an mir am nächsten gelegene Kernkraftwerk, laufen sie weiter. Da beziehen wir auch jetzt Strom her. Ob das richtig ist, frage ich mich.

Kapern: Worauf stützt sich Ihre Sicherheit, Ihre Zuversicht, Herr Fuchs, dass andere Katastrophen, also andere als in Japan, deutsche Atomkraftwerke nicht treffen können?

Fuchs: Weil ich einfach an deutsche Ingenieurskunst glaube, weil ich einfach davon überzeugt bin, dass wir so vorsichtig sind, ja vielleicht übervorsichtig, ja sogar redundante Maßnahmen in den Kernkraftwerken eingebaut haben, dass ein solches Unglück in Deutschland nicht passieren könnte. Aber selbst wenn es in Deutschland nicht passiert, weil sie jetzt alle abgeschaltet werden, dann kann es natürlich unmittelbar in unserer Nachbarschaft passieren. Wir sind deswegen nicht sicherer geworden.

Kapern: Sie sagen, Sie glauben an die deutsche Ingenieurskunst. Ist die AKW-Sicherheit Glaubensfrage?

Fuchs: Ich denke schon. Wir müssen alles dafür tun, dass die Kernkraftwerke sicher sind. Es wird ja auch sehr viel dort investiert, in der ganzen Welt wird da viel investiert. Nur es ist so, dass in ganz Europa, in der ganzen Welt ja Kernkraftwerke neu gebaut werden. Die Amerikaner haben gerade ihr 30-jähriges Moratorium aufgegeben und gesagt, wir müssen wieder in die Kerntechnologie einsteigen. Das ist nun mal der Fall, da können wir uns hier in Deutschland froh machen und sagen, wir schalten sie aber ab, während in der Welt es genau anders herum läuft.

Kapern: Aber es werden weit weniger Atomkraftwerke neu gebaut, als in den nächsten Jahren aus Altersgründen vom Netz genommen werden. Kann man da tatsächlich von so einer Renaissance der Atomkraft sprechen, wie das aus Ihren Worten gerade herausklingt?

Fuchs: Ich möchte nicht von einer Renaissance sprechen. Ich möchte davon sprechen, dass die Welt die Situation anders betrachtet als Deutschland. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Aber das heißt nicht für mich, dass wir in Deutschland anders verfahren, als wir jetzt beschlossen haben.

Kapern: Könnte es denn bedeuten, dass die Welt falsch liegt und Deutschland richtig?

Fuchs: Ich habe so ein bisschen ein Problem damit, Herr Kapern, dass wir so eine Struktur da haben wie: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Das war schon mal falsch.

Kapern: Aber man muss doch eines festhalten: Die Argumente, die vor einem knappen Jahr gegen den Atomausstieg angeführt worden sind, die haben sich doch eher als Horrorszenarien erwiesen. Beispielsweise war immer die Rede davon, dass es einen Blackout geben würde. Der kam nicht, auch nicht im strengsten Winter.

Fuchs: Na ja, da muss man sagen, wir haben Glück gehabt. Es war sehr, sehr eng gewesen, es war an mehreren Tagen so, dass wir wirklich nur mit Glück diesen Blackout verhindert haben. Und die Situation ist ja auch nur deswegen so stabil, weil wir Strom aus dem Ausland zusätzlich einkaufen können. Es ist nun mal so, dass wir mit den erneuerbaren Energien noch nicht so weit sind, dass wir zum Beispiel Stromspeicher haben. Die brauchen wir dringend. Die Sonne scheint tagsüber, manchmal sehr stark, und wir haben viel Sonnenstrom, aber nachts ist es nun mal so, dass die Sonne immer noch nicht scheint, das wird auch sich nicht ändern. Wir haben auch nicht immer Wind. Das heißt, wir müssen Strukturen schaffen, dass wir den Strom, der aus den erneuerbaren Energien erzeugt wird, auch speichern, damit wir ihn immer dann zur Verfügung haben, wenn eben die erneuerbaren nicht zur Verfügung stehen. Das sind alles Dinge, die noch gemacht werden müssen. Wir müssen vor allen Dingen aber auch völlig neue Leitungssysteme schaffen. Was nützt uns der schönste Strom in Niedersachsen an der Küste, wenn er in Bayern gebraucht wird. Also müssen Leitungen gebaut werden. Da müssen die Leute auch, da muss die Bevölkerung auch mitspielen, denn es gibt ja überall Widerstand gegen diesen Leitungsbau. Das kann nicht sein. Zum Ausstieg, oder sagen wir mal besser, zum Einstieg in erneuerbare Energien gehört auch die Bereitschaft, bestimmte Dinge auf sich zu nehmen.

Kapern: Sie sagten eben, der Blackout sei in Deutschland nur vermieden worden, weil Deutschland Strom importiert habe. Aber festzuhalten bleibt doch: Unterm Strich ist Deutschland auch mit den vielen abgeschalteten Atomkraftwerken netto Stromexporteur geblieben. Widerspricht das nicht auch den Argumenten, die vor einem knappen Jahr angeführt worden sind?

Fuchs: Nein, das ist nicht so. Wir sind netto Stromexporteur und -importeur. Wenn wir besonders viel erneuerbare Energien haben, weil Wind weht und die Sonne scheint, dann sind wir Exporteur. Aber wir sind sehr häufig darauf angewiesen, Strom zu importieren, vor allen Dingen dann, wenn eben Erneuerbare nicht vorhanden sind, kein Wind, keine Sonne. Wir haben nur 920 Stunden so starken Sonnenschein, dass daraus Strom erzeugt werden kann in Deutschland. Auf dem Land haben wir 1870 Windstunden. Im Meer ist es natürlich besser, zwischen 3000 und 5000, aber das Jahr hat 8760 Stunden. Allein diese paar Zahlen zeigen, wir müssen nach wie vor in Speicherkapazitäten, aber auch in andere, in fossile Energien investieren, weil wir eben grundlastfähige Stromerzeugung brauchen. Ohne das geht es nicht.

Kapern: Sie haben eben geschildert, wo es bei der Energiewende überall klemmt. Passt denn in das Konzept der Energiewende die Kürzung der Solarförderung, über die heute der Bundestag berät?

Fuchs: Unbedingt, denn die Solarförderung ist eine Überförderung. Wir fördern heute schon die Solarindustrie mit 7,2 Milliarden Euro pro Jahr, und zwar für 20 Jahre. Es werden jetzt noch mal gut zwei Milliarden dazukommen, aber das für weniger als drei Prozent unseres Stroms. Die Bürgerinnen und Bürger, die müssen das bezahlen, und auch die Unternehmen. Das ist nicht in Ordnung. Wir müssen in andere, bessere, günstigere Energien, erneuerbare Energien mehr investieren, aber nicht in Solar.

Kapern: Michael Fuchs war das, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag. Herr Fuchs, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Fuchs: Schönen Tag, Herr Kapern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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