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Fünf Sichtweisen

"Sehen und Gesehen werden" war zentrales Thema der Einsendungen zu unserem Juni-Motto "Ich sehe was, was du nicht siehst".

Die unten genannten fünf Gedichte haben die Jury besonders überzeugt. Angesichts der vielen und sehr unterschiedlichen Ideen ist uns die Auswahl auch im Juni nicht leicht gefallen.
Ein Trost für alle, die im Juni nicht gewonnen haben: Noch sechsmal gibt es die Chance, sich mit einem Gedicht für die Auswahlrunde zu qualifizieren, aus der Anfang 2009 die zwölf Jahresgewinner gewählt werden. Als Preis winkt ein viertägiger Aufenthalt in Berlin mit Lyrikworkshop im Literarischen Colloquium Berlin am Wannsee. Im Juli suchen wir ein Magisches Feriengedicht.

Die fünf Monatsgedichte zum Leitmotiv "Ich sehe was, was Du nicht siehst":


philosophie

so traurig macht
es mich dass
ich sie niemals
werde betrachten können
die gesamte schönheit der sonne
denn
sie würde mich
blind machen

lieber gott
ist dies auch
bei dir
bedingung?


(Sophia Barthelmes aus Eckersdorf, Markgräfin-Wilhelmine Gymnasium Bayreuth, Jahrgangsstufe 13, Muttersprache deutsch)

Der Schwarze Mann

Ich sehe was, was du nicht siehst
Der schwarze Mann steht hinter dir
Dreh dich nicht um, sonst holt er dich
Der schwarze Mann kennt dein Gesicht

Ich sehe was, was du nicht siehst
Der Schwarze Mann weiß, wer du bist
Das hinter dir ist nur sein Bild
Denn der Schwarze Mann bin ich

Ich sehe was, was du nicht siehst
Der Schwarze Mann hat kein Gesicht
Man sieht nur mit dem Herzen gut
Drum habe ich kein Augenlicht

Ich sehe was, was du nicht siehst
Der Schwarze Mann bist du, bin ich
Der Schwarze Mann ist überall
Und deshalb hat er kein Gesicht

Der Schwarze Mann hat kein Gesicht
Die Welt besitzt kein Augenlicht
Nur einer sieht mit seinem Herzen:
"Ich sehe was, was du nicht siehst"


(Jana Freund aus Maintal, Albert-Einstein-Schule, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache deutsch)

Ich sehe was, was du nicht siehst

Was du nicht siehst, das sehe ich.
Nein, ein Schläger bist du nicht!
Zieh deine Springerstiefel aus,
den Baseballschläger lass zu Haus!

Was du nicht siehst, das sehe ich.
Nein, ein Fascho bist du nicht!
Gib deinem Nachbarn mal die Hand,
kommt er auch aus einem anderen Land.

Was du nicht siehst, das sehe ich.
Er ist ein Mensch, wie du und ich.
Gewalt und Grausamkeit sind out,
es steckt ein Mensch in jeder Haut.

Was du nicht siehst, das sehe ich:
Du bist o.k. – versteck es nicht!


(Julia Große aus Stendal, Winckelmann-Gymnasium Stendal, Klasse 8, Muttersprache deutsch)

Sehen

Ich seh' etwas, das du nicht siehst
Sobald du deinen wunden Geist
Vor neuer Lebensglut verschließt
Und du dein Herz den Tränen weihst

Ich seh' etwas, das du nicht siehst
Bei Nacht, wenn dich die Leere führt
Die sich in deinen Blick ergießt
Und bitterkalte Flammen schürt

Ich seh' etwas, das du nicht siehst
Wenn nichts als Schatten aus dir spricht
Und deine Welt zu Stein zerfließt
Ich seh' etwas - ich seh' Dein Licht


(Kai-Oliver Gutacker aus Niddatal, Sankt Lioba Schule, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache deutsch)

Seele

Im Körper tief vergraben,
vom Auge unberührt,
von Hand nie angetastet,
liegt, was der Mensch so fühlt.

Im Schatten unerkennbar,
vom Licht nicht angestrahlt,
vom Ohr nie wahrgenommen,
zuckersüß und wie gemalt.

Durch Liebe endlich sichtbar,
als Puls des Menschengeists,
Spiegel, Grund des Lebens,
was einfach 'Seele' heißt.


(Simone Riegler aus Bamberg, Dientzenhofer-Gymnasium, Jahrgangsstufe 11, Muttersprache deutsch)

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