Interview / Archiv /

 

Für die Waffenlobbyisten steht viel Geld auf dem Spiel

Politologe Christer Garrett über die Akzeptanz von Waffen in der US-Gesellschaft

Christer Garrett im Gespräch mit Peter Kapern

Eine Frau macht von ihrer Schusswaffe Gebrauch.
Eine Frau macht von ihrer Schusswaffe Gebrauch. (Stock.XCHNG / Yarik Mission)

Nach dem Massaker an einer Grundschule in Newtown haben Waffenlobbyisten behauptet, die vielen Toten hätten verhindert werden können, wenn die Lehrer an der Schule bewaffnet gewesen wären - eine verbreitete Ansicht in den USA. Doch eine leichte Mehrheit der US-Bürger sei inzwischen für deutlich schärfere Gesetze gegen Waffenbesitz, sagt Christer Garrett.

Peter Kapern: So weit der Bericht von Sabine Müller. "Ich besitze Waffen, um meine Freiheit zu garantieren", so der junge Amerikaner am Anfang ihres Beitrags. Ihre Freiheit lieben Deutsche, Luxemburger oder Schweden gewiss nicht weniger als die Amerikaner und trotzdem glauben sie nicht, zur Verteidigung dieser Freiheit privat Waffen besitzen zu müssen. Was ist die Quelle dieser in den USA so verbreiteten Auffassung? Das habe ich kurz vor der Sendung den amerikanischen Politikwissenschaftler Christer Garrett gefragt, der an der Universität in Leipzig lehrt.

Christer Garrett: Es hat lange Tradition, die zurückgeht auf die Revolution in den USA und eine Idee, die noch gilt und trägt und greift in den USA, dass Gewalt nicht nur ausschließlich bei der Regierung sein sollte. Viele Amerikaner stimmen dieser Meinung nicht zu, eine leichte Mehrheit in den USA ist für deutlich schärfere Regeln gegen Waffenbesitz. Aber es ist eine sehr umstrittene Frage in der amerikanischen Gesellschaft, gar kein Thema!

Kapern: Also, die Gewaltmittel sollen nicht ausschließlich beim Staat konzentriert sein. Aber wogegen wollen denn die Menschen, die dann auf den privaten Waffenbesitz bestehen, wogegen wollen die denn diese Waffen richten?

Garrett: Die haben, die allermeisten natürlich, keine bewusste Strategie, diese Waffen gegen jemanden zu richten. Der Feind in diesem Sinne ist nicht klar definiert. Und es gibt Randgruppen natürlich, die das so meinen, die sich gegen den Staat bewaffnen, aber das ist eine äußerst kleine Minderheit. Für die anderen ist es eher eine philosophische Frage: Ich habe das Recht auf Waffenbesitz und ich nehme dieses Recht in Anspruch. Und die allermeisten Waffenbesitzer natürlich begehen solche Taten nicht. Nichtsdestotrotz noch einmal sind eine knappe Mehrheit der Amerikaner gegen diesen Waffenbesitz, weil er es durchaus einfacher macht, dass solche Ereignisse stattfinden.

Kapern: Diese Idee, dass man selbst Waffen besitzen will, um sich verteidigen zu können, um dem Staat nicht das Monopol auf Waffen zu überlassen, die mag es ja auch andernorts auf dem Globus gegeben haben. Aber gleichwohl hat sich in vielen Staaten doch die Idee – auch ein philosophisches Konzept – des Gewaltmonopols des Staates durchgesetzt. Warum kann sich so eine Idee in den USA nicht durchsetzen? Denn die Revolution liegt ja nun auch schon lang zurück!

Garrett: Na ja, also, es ist nicht so lange zurück, dass in Europa dieser Konsens nicht existierte! Dafür brauchte man Kriege gegen Menschen in Europa auf dem Kontinent, um endlich diese Idee durchzusetzen. Es ist nur 60 Jahre her, und das nicht überall in Europa natürlich. Und Amerika hat natürlich einen anderen Zweiten Weltkrieg erlebt. Da sehen wir einen Grundunterschied.

Kapern: Nun haben wir in diesem Beitrag auch einen Waffenlobbyisten gehört, der gesagt hat: Wenn die Lehrer der Schule in Newtown bewaffnet gewesen wären, dann wäre diese Katastrophe nicht passiert. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas hören?

Garrett: Das ist so eine Theorie, die man oft hört von Lobbyisten, aber auch von Philosophen sogar. Das heißt, der Abschreckungsmechanismus wäre dann in der Gesellschaft implantiert und jeder würde davor zurückschrecken, irgendwann eine Waffe herauszurücken. Das ist die Theorie natürlich. Und manche Philosophen, nicht nur in den USA, sagen, dass es in der Idee an und für sich eine bestimmte Logik gibt. Und diese Logik haben wir sogar in den USA in bestimmten Bundesstaaten umgesetzt, zum Beispiel in Florida und in Texas sind die Waffenbesitzgesetze geändert worden, wo es deutlich einfacher ist, eine Waffe zu besitzen. Noch einmal: Eine klare Mehrheit der Amerikaner findet das unangemessen und unerwünscht, aber die Idee hat Geltung in den USA noch, in bestimmten Bundesstaaten.

Kapern: Nun leben Sie in Leipzig, Sie haben Kinder. Wie käme Ihnen das vor, wenn die Lehrer der Schule in Leipzig oder des Kindergartens in Leipzig bewaffnet wären?

Garrett: Oh, also, mir ganz persönlich, ich bin gegen Waffenbesitz, ich teile diese Meinung nicht. Sagen wir so: In dieser kleinen Stadt in Connecticut haben alle Eltern von dieser Schule einen sogenannte Notrückruf bekommen. Das heißt, die Notrufnummern in den USA, 911, in Deutschland 112, hat automatisch alle Eltern von dieser Schule angerufen und gesagt, die Schule ist abgesperrt, die Kinder sind drin, wir versuchen, die Situation zu retten, bleiben Sie bitte zu Hause, wir informieren Sie, wenn wir weitere Informationen haben.

Wenn ich mir vorstelle, so einen Anruf zu bekommen als Eltern von zwei Töchtern, also, da ist man schon sehr, sehr betroffen! Also … Die USA sind ein sehr großes Land mit vielen, vielen Meinungen. Ein paar, die für Waffenbesitz sind, vertreten die USA überhaupt nicht, aber die zeigen eine deutlich andere politische Kultur in diesem Sinne. Und ich wünsche mir nicht, dass die Lehrer von meinen Töchtern Waffen besitzen. Es ist natürlich ein anderes Modell, aber wir wissen inzwischen in Deutschland, das rettet eine Gesellschaft vor Amokläufern nicht. Es ist mir klar, dass unglücklicherweise an einem bestimmten Tag etwas an den Schulen von meinen Töchtern durchaus etwas passieren kann, und mit Waffengewalt. Das ist nicht ausgeschlossen, natürlich.

Kapern: Glauben Sie, Herr Garrett, dass die Waffendebatte in den USA diesmal anders verläuft, vor dem Hintergrund dieses Massakers von Newtown?

Garrett: Es gibt Indizien dafür. Ich bin hoffnungsvoll, nicht sehr hoffnungsvoll. Sie haben Lobbyisten erwähnt, da ist zum Teil viel Geld im Spiel, sind auch ernst gemeinte Ideen und Philosophien. Es geht nicht ausschließlich um Lobbyisten und, ja, um das grob auszudrücken, durchgeknallte Ideen, da ist eine ernst gemeinte Debatte da, die geführt werden muss und wird. Aber ich habe den Eindruck, das könnte eine Art Moment sein, wo diese knappe Mehrheit in der Gesellschaft möglicherweise die Oberhand gewinnt und durchaus Bundesgesetze beeinflussen kann. Das ist mein persönlicher Wunsch.

Und ich denke, es wird eine Gedächtnisfeier bestimmt stattfinden, wo höchstwahrscheinlich der Präsident Worte äußern wird. Und diese Worte, schauen wir auf diese Worte, könnte der Anfang sein von einem neuen Versuch, einer neue Debatte in dem Land, um eine neue Balance zwischen Waffenbesitz und Bürgersicherheit zu lancieren. Waffen werden nicht aus der Gesellschaft verbannt, das wird in den USA nicht stattfinden, aber neue Sicherheitsvorkehrungen, schärfere Vorkehrungen können durchaus durchgesetzt werden. Und das würde ich doch in diesem kommenden Jahr erwarten zum Teil von einem Anstoß des Präsidenten.

Kapern: Der amerikanische Politikwissenschaftler Christer Garrett, das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Sicherheitsmängel am "Fraport""Nicht auf Kosten der Sicherheit sparen"

Irene Mihalic, Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen für innere Sicherheit.

Nach einem Bericht über gravierende Mängel der Sicherheitskontrollen am Frankfurter Flughafen werden Forderungen nach schärferen Kontrollen der Sicherheitsfirmen laut. Die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic, sagte im DLF, solche Unternehmen müssten künftig zertifiziert werden, bevor der Staat sie in sensiblen Bereichen einsetze.

Pegida"Was heißt denn Islamisierung?"

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, spricht am 21.11.2014 in Bonn (Nordrhein-Westfalen). Die Herbstvollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ist in Bonn zusammengekommen.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, hat sich dagegen ausgesprochen, die Pegida-Demonstrationen pauschal zu verurteilen. Im DLF sagte der CSU-Politiker, Angst vor gewalttätigem Islam sei berechtigt. Niemand dürfe aber Muslime pauschal mit Gewalttätern gleichsetzen.

Präsidentschaftswahl in Tunesien"Ein sehr gutes Ergebnis"

Die Tunesier sind in der Stichwahl am Sonntag aufgerufen, ihren ersten demokratisch legitimierten Präsidenten zu bestimmen.

Die Stichwahl um das tunesische Präsidentenamt ist wohl überraschend knapp ausgegangen. Der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Tunesien, Joachim Paul, sagte im DLF, der Sieger stehe frühestens am Abend fest. Das entscheidende sei aber, dass keiner der beiden Kontrahenten das Ergebnis anzweifle - "jedenfalls bis jetzt".

 

Interview der Woche

Pegida-ProtesteTillich: "Organisatoren sind nicht zum Dialog bereit"

Stanislaw Tillich, Ministerpraesident Sachsen

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich wirft den Pegida-Organisatoren vor, keinerlei Bereitschaft zum Dialog zu zeigen. Sie äußerten einseitig ihre Meinung, verweigerten aber die Diskussion mit der Kommunal- und Landespolitik, sagte Tillich im DLF. Der CDU-Politiker kündigte an, auf die Teilnehmer der Demonstrationen zuzugehen.

TarifeinheitsgesetzBDA: Nur Rückkehr zu alten Regeln

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände

Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, begrüßt den Gesetzentwurf zur Tarifeinheit. Bei der Regelung, dass nur die mitgliederstärksten Gewerkschaften im jeweiligen Unternehmen Tarifverträge durchsetzen dürfen, gehe es keinesfalls darum, die Macht kleiner Gewerkschaften einzugrenzen, sagte Kramer im DLF.

Koalition in ThüringenKraft kann sich Rot-Rot-Grün im Bund nicht vorstellen - zurzeit

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen

Auch nach der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen kann sich die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Hannelore Kraft ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene nicht vorstellen. Die Linkspartei habe eine "sehr extreme Position im Bereich der Außenpolitik". Allein daran würde es letztendlich wohl scheitern.