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StartseiteBüchermarktFür eine lebensbejahende Ethik17.08.2005

Für eine lebensbejahende Ethik

Fünf Essays von Judith Butler

Die amerikanische Philosophin Judith Butler, die an der University of California in Berkeley lehrt, zählt zu den originellsten Autorinnen nach dem Ende der großen Dogmen. In Deutschland wurde sie Anfang der neunziger Jahre bekannt, als sie in "Das Unbehagen der Geschlechter" zur radikalen Umwertung des Feminismus aufrief. Ihr neuestes Buch "Gefährdetes Leben" versammelt politisch-philosophische Essays, in denen Butler die autoritären Tendenzen in den Vereinigten Staaten kritisch kommentiert und für eine "lebensbejahende Ethik" plädiert.

Von Klaus Englert

Butler versteht eine angemessene Verarbeitung des amerikanischen Traumas nicht in der vorschnellen Zuflucht zu militärischen Lösungen. (AP)
Butler versteht eine angemessene Verarbeitung des amerikanischen Traumas nicht in der vorschnellen Zuflucht zu militärischen Lösungen. (AP)

"Wenn ich über Ethik spreche, dann interessiert es mich, wie man sich auf sie berufen kann, um Gewalt auszuüben. Tatsächlich legen viele Theorien über die Ethik nahe, dass die Gewalt in ihrem Ursprung liegt. Dagegen möchte ich der Frage nachgehen, worin eine nicht-gewaltsame Ethik bestehen könnte. Diese Frage hängt teilweise mit einer anderen zusammen, nämlich: Kann es eine Ethik geben, die gelebt werden kann, die dem Subjekt keine Gewalt antut und die mit der Gewaltlosigkeit assoziiert wird"

Die amerikanische Philosophin Judith Butler, die an der University of California in Berkeley lehrt, zählt zu den originellsten Autorinnen nach dem Ende der großen Dogmen. In Deutschland wurde sie Anfang der neunziger Jahre bekannt, als sie in "Das Unbehagen der Geschlechter" zur radikalen Umwertung des Feminismus aufrief. Und vor drei Jahren war sie die erste, die an der Frankfurter Johann Wolfgang von Goethe-Universität, ihrem früheren Studienort, die Adorno-Vorlesung hielt. Die Vortragsserie von Judith Butler, die unter dem Motto "Kritik der ethischen Gewalt" stand, war nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Großmeister der Kritischen Theorie. Eher versuchte die kalifornische Philosophin, den Frankfurter Neomarxisten Adorno durch die Brille Foucaults und Lévinas' zu lesen.

Von dem Motto lässt sich Butler auch in ihrem neuesten Buch "Gefährdetes Leben" leiten. Es sind allesamt politisch-philosophische Essays, die die autoritären Tendenzen in den Vereinigten Staaten kritisch kommentieren und für eine "lebensbejahende Ethik" plädieren. Für eine "jüdische Ethik der Gewaltlosigkeit" (S. 157) wie die Jüdin Judith Butler hinzufügt.

Liest man die fünf Aufsätze des Buches, wird schnell klar, warum es 2004 - also nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak - ausgerechnet in London erschien. Der englische Untertitel "The Politics of Mourning and Violence" ("Die Politik von Trauer und Gewalt") gibt einen ersten Hinweis: Butler versteht eine angemessene Verarbeitung des amerikanischen Traumas nicht in der vorschnellen Zuflucht zu militärischen Lösungen. Deswegen kritisiert sie Präsident Bush, der am 21. September 2001 öffentlich erklärte, nun sei es Zeit, die Trauerhaltung abzulegen und eine Politik der Stärke zu wählen. Judith Butler möchte nicht nur beweisen, dass dieser Schritt blind und gefährlich ist. Sie belegt vor allem, dass sich die herrschende Konsenspolitik eine grundlegende Einsicht in menschliches Zusammenleben versperrt. Denn diese verkennt, dass wir alle an andere gebunden sind, ausgesetzt den Risiken des Verlusts, ungeschützt vor möglicher Gewalt. Die Politik der Stärke ignoriert den Menschen als gefährdetes, fragiles und verletzbares Wesen und trägt in ihrem Handeln dennoch dazu bei, ausgerechnet diese Verfasstheit menschlicher Existenz zu bestätigen. Sie beschleunigt den Kreislauf der Gewalt und potenziert die Risiken. Butler zeigt genau auf, welche Chancen sich die Politik damit vergibt. Sie skizziert eine Politik der "weichen" Ziele, eine Ethik, die die eigene Verletzbarkeit anerkennt und zur Grundlage einer "menschlichen" Politik macht.

Judith Butler demonstriert, wie die Regierung Bush und die größtenteils gleichgeschalteten Medien die Akzeptanz des Irak-Krieg in der eigenen Bevölkerung erreichten. So wird der Feind in den Medien als ein Mensch gezeigt, der im Grunde gar kein Mensch sei - gesichtslos, namenlos, unbedeutend. Butler spricht in "Gefährdetes Leben" von einer "Derealisierung des Anderen", die in eine unmenschliche Politik umschlägt:

" Wir müssen uns fragen, welchen Stellenwert diese Verurteilung durch die Bush-Regierung im internationalen Kontext hat und ob sie dazu führte, eine ganze Bevölkerung zu entmenschlichen, und zwar derart, dass jegliche Gewalt gegen sie als gerechtfertigt erscheint. In den Vereinigten Staaten und sicherlich in vielen europäischen Staaten, vornehmlich in England, gibt es äußerst entmenschlichende Bilder und Berichte nicht nur über die Iraker, sondern über den Islam insgesamt. Diese Karikaturen und Abwertungen bezwecken, die gesamte Bevölkerung als weniger menschlich erscheinen zu lassen. Durch die Bilder der Medien ist es in den USA schwierig, das Leben dieser Menschen, das ausgelöscht wurde, zu verstehen. Sorge für dieses Leben zu entwickeln, das Recht auf Leben und auf Anerkennung zu erkennen. (...) In den Berichten der amerikanischen Medien und der Regierung über den Irakkrieg wird uns systematisch die Gefährdung menschlichen Lebens vorenthalten. Deswegen können wir nicht verstehen, dass wir Menschen, unschuldige Zivilisten getötet haben, und es bleibt uns keine Möglichkeit, Schmerz zu empfinden angesichts dieser Menschenleben, die wir auslöschten."

Das zentrale Kapitel in "Gefährdetes Leben" handelt von der offenkundig rechtswidrigen Inhaftierung der Taliban-Kämpfer in Guantánamo. Butler schreibt, dass die USA in dem Gefangenenlager einen Ausnahmezustand errichteten, um sich besser des nationalen und internationalen Rechts zu entledigen. In den Aussagen von Militärs und Politikern erkennt sie die Grundlage für eine dehumanisierende Politik. Eine Politik, die bestimmt, welches Leben betrauernswert ist und welches nicht. Wenn man die Taliban als zivilisationsfeindlich zeigt, wenn der Wert ihres Menschenlebens keinen Rechtsansprüchen genügt, dann liegt es ganz in der Logik dieses Verständnisses, die Gefangenen wie Tiere im Käfig zu halten. Eben als Menschen, die gar keine Menschen sind.

Butler schreibt über die Rhetorik der US-Regierung: Die Gefangenen verstehe man als Wesen, die einen Hang zum Töten haben und deshalb zwangsweise daran gehindert werden müssen, weiterhin zu töten. Es seien daher keine Individuen im Sinne von Rechtssubjekten. Denn ein bestimmter Grad von Gefährlichkeit - so Butler über den militärischen Jargon - führt einen Menschen aus dem Bereich des Rechts und sogar aus dem Bereich des Militärtribunals heraus, macht ihn zum Besitz des Staates und grenzenlos inhaftierbar. Die Bilder von den gesichtslosen und gedemütigten Guantánamo-Häftlingen passen sich bestens dieser Logik an.

" Ich denke, die moralischen Verurteilungen der Bush-Regierung zielten auf die Entmenschlichung einer gesamten Kultur und konnten somit staatlich sanktionierte Gewalt und kriegerische Maßnahmen erleichtern und rechtfertigen. Doch diese Art der Denunzierung entlastet uns nicht von der ethischen Verantwortung, die wir gegenüber anderen haben. Ich kann nicht sagen, was die Menschlichkeit der Menschheit ausmacht. Aber ich gehe davon aus, dass die Verletzlichkeit zum menschlichen Leben gehört und dass wir alle verpflichtet sind, die Gefährdung menschlichen Lebens anzuerkennen."

Judith Butler: Gefährdetes Leben. Politische Essays, übers. von Karin Wördemann, Suhrkamp, 179 S., 10.00 Euro

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