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StartseiteKultur heute"Für Polen ist das von außerordentlich großer Bedeutung"07.04.2010

"Für Polen ist das von außerordentlich großer Bedeutung"

Polen und Russen gedenken am 70. Jahrestag gemeinsam der Opfer des Massakers von Katyn

Der Historiker Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität hält die Teilnahme des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin an den Gedenkfeiern zum sowjetischen Massaker von Katyn für eine rein außenpolitische Geste. Für Polen sei aber auch das von allergrößter Bedeutung.

Jörg Baberowski im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Der russische Premierminister Wladimir Putin legt in Katyn einen Kranz nieder. (AP)
Der russische Premierminister Wladimir Putin legt in Katyn einen Kranz nieder. (AP)

Burkhard Müller-Ullrich: Zunächst aber greifen wir ein Politikum auf, von dem auch schon in den Nachrichten und in anderen Sendungen gehandelt wurde, nämlich die Teilnahme des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin an der heutigen Gedenkfeier in Katyn, wo vor 70 Jahren mehr als 4000 polnische Offiziere ermordet wurden. Von wem, war lange umstritten, weil die Sowjets alle Schuld von sich wiesen. Ich sprach aus diesem Anlass mit dem Historiker Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität und fragte ihn, was denn heute, da die historische Wahrheit längst erforscht und bekannt ist, möglicherweise noch offen und zu klären bleibt.

Jörg Baberowski: Offen ist eigentlich nichts mehr an dieser Frage. In Russland aber hat das eine andere Bedeutung. In Russland ist das Eingeständnis, dass die stalinistische Führung diese Verbrechen begangen hat, eben auch ein Beleg dafür, dass das sowjetische Imperium sich Verbrechen schuldig gemacht hat, und es fällt schwer, nach dem Abschied vom Vielvölkerimperium und vom großen Machtbereich in Osteuropa, das offen einzugestehen. Das hat bislang gefehlt, und für Polen ist das von außerordentlich großer Bedeutung, dass die Sowjetunion oder dass Russland jetzt sich dazu bekennen.

Müller-Ullrich: Was hatte Stalin, Molotow und die anderen Beteiligten eigentlich bewogen, dieses Massaker anzuordnen, denn es wurde ja von höchster Stelle beschlossen?

Baberowski: Das ist nicht so ganz einfach, dazu müsste man ein wenig ausholen. Das hängt mit der Nationalitätenpolitik der Sowjetunion zusammen und der Politik der sowjetischen Führung gegenüber den nationalen Minderheiten, die in den 30er-Jahren, also vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im Verdacht standen, gewissermaßen trojanische Pferde und Spione ausländischer Mächte gewesen zu sein. Und die Opfergruppen, die also den größten Blutzoll zu entrichten hatten in den 30er-Jahren, waren vor allem die Polen und die Deutschen und die Bevölkerung in den Grenzregionen. Und nach dem Hitler-Stalin-Pakt wurden ja die Ukrainer und die Weißrussen, die im polnischen Machtbereich lebten, an die Sowjetunion angegliedert, und die polnischen Gutsbesitzer und Offiziere gewissermaßen als Feindgruppe stigmatisiert und umgebracht. Das ist eigentlich der Hintergrund der Geschichte.

Müller-Ullrich: Nun ist immer von Offizieren die Rede - natürlich wurden in diesem Massengrab Offiziere gefunden, aber die Liquidierungsabsicht richtete sich auch gegen Intellektuelle und Publizisten in Polen.

Baberowski: Die stalinistische Führung - und das ist ganz interessant im Vergleich zur NS-Führung - hatte ganz ähnlich wie die Nazis das Ziel, die intellektuelle Elite, überhaupt die Elite in Polen zu liquidieren und zu eliminieren. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt versuchten die Bolschewiki, in Polen, in ihrem polnischen Teilungsgebiet das zu vollziehen, was sie in den 30er-Jahren bereits im Inneren der Sowjetunion vollzogen hatten, nämlich die alten Eliten, von denen sie glaubten, dass sie nicht integrierbar seien, umzubringen und die Polen ihrer Oberschicht und ihrer Intelligenz zu berauben. Also ein ganz ähnliches Programm wie das, das die Nazis in Polen verfolgten.

Müller-Ullrich: Vor immerhin 20 Jahren gestand Gorbatschow die sowjetische Schuld an diesem Massenmord von Katyn offiziell ein. Was wird Putin möglicherweise bewogen haben - wir bewegen uns jetzt auf dem Gebiet der Kremlinologie, der Kremlkunde -, was wird Putin bewogen haben, sich dazu noch einmal gewissermaßen offiziell zu bekennen?

Baberowski: Man kann natürlich nicht in den Kopf von Putin hineinsehen, aber ich glaube, der Grund liegt darin, dass die polnische Führung nunmehr signalisiert hat, dass sie von dem Kaczynski-Kurs abrückt, dass sie nicht mehr weiter darauf besteht, dass diese amerikanischen Raketenstationen in Polen aufgestellt werden, und dass sie signalisiert hat, gesprächsbereit zu sein gegenüber Russland. Und die russische Seite hat das, glaube ich, verstanden, dass das so ist, und die russische Seite hat verstanden, dass sie eine symbolische Geste zeigen muss, die für die Polen von allergrößter Bedeutung ist. Was für uns vielleicht so wie ein Randthema klingen mag, ist für die Polen von allergrößter Bedeutung. Ich glaube, Putin hat genau das verstanden, dass er sich dabei nicht viel vergibt, wenn er noch einmal symbolisch eine Sache in der Öffentlichkeit darstellt, die ohnehin klar ist, die auch niemand mehr bestreitet.

Müller-Ullrich: Sie kennen ja auch Russland gut genug, um sich vielleicht einen Gedanken darüber zuzutrauen, ist es eher außenpolitisch, also im Verhältnis mit den Polen begründet, oder eher innenpolitisch, weil Putin in unserer heutigen Zeit einfach nicht mehr mit einer solchen Lüge regieren kann?

Baberowski: Nein, das ist ausschließlich außenpolitisch. Innenpolitisch würde so etwas überhaupt gar nicht gut ankommen, weil Putin und sein Regime ja vor allem auf den aggressiven Nationalismus der Russen und auf den Triumph und in die Freiheit des alten Imperiums setzen - und da ist eine solche Geschichte, nämlich das Eingeständnis, dass dieses Imperium auch auf Verbrechen sich gründete und beruhte, ist ein solches Eingeständnis eigentlich gar nicht möglich. Ich denke, nach innen hat das keine große Wirkung, und nach innen wird das auch nicht transportiert. Was wir als etwas Bedeutendes wahrnehmen, wird in Russland selbst überhaupt keine Bedeutung haben.

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