Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteBüchermarktFulminantes Debüt27.11.2009

Fulminantes Debüt

Daniela Dröscher: "Die Lichter des George Psalmanazar". Berlin Verlag

Der aufregende Debütroman von Daniela Dröscher führt den Leser in die Geschichte, in die Mitte des 18. Jahrhunderts in England beziehungsweise nach London.

Von Lerke van Saalfeld

George taucht im Roman zunächst als wildes Kind an der Küste Schottlands auf.  (Science/Ozgul)
George taucht im Roman zunächst als wildes Kind an der Küste Schottlands auf. (Science/Ozgul)

"Ich habe George tatsächlich in einer Fußnote entdeckt und dann habe ich ein bisschen recherchiert und habe entdeckt, dass George Psalmanazar eine abgefahrene Geschichte vorzuweisen hat, ein Hochstapler par excellence, und auch mit Samuel Johnson bekannt war - befreundet ist ja viel zu viel gesagt -, sie kannten sich flüchtig. Ich dachte, diese Kombination ist einfach zu gut, um sie gleich wieder sich verflüchtigen zu lassen, bin dem nachgegangen, habe mich eingelesen in die Zeit. Ja, George hat sich auf eine unvorhersehbare Weise emanzipiert. Es ist ja eine ganz eigene Geschichte geworden. Ich sage immer 'mein' George, in Anführungszeichen. So ist das entstanden."

Samuel Johnson, wegen seiner hohen Gelehrsamkeit als Dichter, Redenschreiber, Essayist und Lexikograf meist Dr. Johnson genannt - so auch im Roman - war eine berühmte Figur im London seiner Zeit. Kaum bekannt ist dagegen George Psalmanazar, der Hochstapler, der sich als von Jesuiten geraubtes Kind ausgab, aufgegriffen auf der Insel Formosa und nach Europa verschleppt, wo der Heide christianisiert werden sollte. Der historische George Psalmanazar war allerdings nie Schüler von Dr. Johnson, er war dreißig Jahre älter als Johnson, geboren bereits 1679. Die Autorin hat also einen Kunstgriff angewendet:

"Diese verwegene Verschiebung habe ich mich getraut zu machen. Ich hatte anfänglich ein bisschen Zweifel, ob man mit der Zeitlichkeit so verfahren kann, aber für mich musste George ein Junge sein, ein junger Heranwachsender, der in diesem gelehrten Universum komplett fehl am Platz ist und durch die Turbulenzen geistert. Das musste ein junger Mensch sein oder ein Erwachsener, der nicht erwachsen wird."

George taucht im Roman zunächst als wildes Kind an der Küste Schottlands auf. Er singt geheimnisvolle Schicksalsweisen, kann schreiben und taucht am liebsten ins Meer, um mit bloßer Hand Fische zu fangen und sie roh zu verspeisen. Die Kinder verlachen den Sonderling, aber der Bischof von Innes erlebt den Knaben, wie er auf dem Markt Fische verkauft, eingewickelt in von ihm beschriebene Materialien, und nimmt ihn zu sich.

Der Knabe muss in eine harte Schule gehen, denn der Bischof will aus dem Heiden einen Christen machen, der ihm bei seinen Predigten zur Hand geht. Aber der Bischof erkennt auch schnell, in dem Jungen steckt mehr und redet ihm eine neue Vita ein: Er komme aus Japan, sei dann verschleppt worden nach Formosa und dort aufgewachsen, bis ihn die Jesuiten nach Frankreich mitnahmen. George muss im Auftrag des Bischofs ein formosisches Alphabet frei erfinden, er muss sich Geschichten über das Leben der Menschen auf Formosa ausdenken - und dies alles, weil der Bischof seinen Sprössling auf dem Markt in London als exotische Kuriosität vorführen möchte. Natürlich ist auch der neugierige, auf Abenteuer versessene Dr. Johnson bei diesem Spektakel anwesend und ist so bezaubert von dem Jungen, dass er ihn dem Bischof abkauft und in seine Familie aufnimmt, wo George nun an einer Geschichte über Formosa schreiben soll. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, denn immer tiefer verstrickt sich George in seine Geschichten über das wunderliche Leben der Formosa-Chinesen. Johnson, der gleichzeitig an seinem großen lexikalischen Werk über die englische Sprache arbeitet, macht ihn sich in seiner gelehrten Welt zum Vertrauten, nimmt ihn aber auch mit auf seine flaneurhaften Spaziergänge, in Wirtshäuser und in den literarischen Club, wo nicht nur Männer versammelt sind, sondern auch Schriftstellerinnen, die, munter Zigarren und Pfeife paffend, aufrührerische Reden halten.

Mit höchster sprachlicher Eleganz, farbenreich und eindringlich schildert Daniela Dröscher eine kuriose Welt intellektueller und sinnlicher Bohème. Sie hatte eine Vorlage, die 1791 erschienene Biografie "The life of Samuel Johnson" von James Boswell, der Johnson noch persönlich gekannt hatte:

"Das ist ein ganz unglaubliches Dokument, das uns Boswell da hinterlassen hat. Es gibt ja sogar im Englischen das Verb 'to boswellize', also jemanden so porträtieren, dass er unglaublich lebendig vor Augen erscheint. Diese Biografie war tatsächlich die Grundlage von allem. Ich habe erst mal nur Zitate herausgearbeitet und daraus schon eine Geschichte komponiert. Diese Zitate sind dann zunehmend verschwunden, es gibt vielleicht noch drei, vier, fünf an der Zahl, die dringeblieben sind, aber das war tatsächlich mein Fundament, auf dem diese Geschichte dann entstehen konnte."

Daraus entstand dann mehr und mehr eine eigene Geschichte, die der Daniela Dröscher:

"Das ist tatsächlich an dem Punkt passiert, als mir klar geworden ist, dass ich meine Geschichte schreibe, dass ich gar nicht so weit von mir entfernt bin, wie ich dachte. Ich dachte, ich bin im 18. Jahrhundert, das sind ferne Figuren und diese Ferne und Fremde, die interessiert mich, die zieht mich an, und im Fremden habe ich das Eigene zunehmend entdeckt. Ich glaube, an dem Punkt ist es dann gekippt, dass ich mich immer mehr distanzieren konnte vom 'historisch Wahren'; und immer freier mit dem Material auch umgegangen bin."

Darin liegen der große Reiz und die subtile Spannung dieses Romans, dass das historische Material sich verflüchtigt und die Figuren in eigenem Licht zu glühen beginnen. Johnson ist der getriebene Gelehrte, der aber den Genüssen des Lebens nicht abhold ist. Eine Gegenwelt bilden seine Frau Elizabeth, eine korpulente Dame, die schließlich mit Gauklern von dannen zieht, und die Tochter Lucy, die sich gegen die Dominanz der Worte zur Wehr setzt und am liebsten Dinge ob ihrer Schönheit betrachtet, oder die aufgenommene Tochter eines Buchhändlers, die für ihre Zeit kühne feministische Theorien vertritt. Dazwischen lebt George, der gefesselt ist an seine formosische Lügengeschichte, aber auch mit Heißhunger die großen Folianten und Romane aus der Bibliothek des Dr. Johnson wälzt; gleichzeitig aber ein Kindskopf bleibt, der, wenn er nicht weiter weiß, Kopfstand macht oder ein Rad schlägt.

"Wenn ich sage, mich interessiert Fremdheit, dann interessiert mich immer auch die Fremdheit zwischen den Geschlechtern, weil sie, vielleicht auch zum Glück, unaufhebbar ist. Ich stehe ganz oft nicht nur vor meinem eigenen Mann, sondern sogar vor meinem kleinen Sohn und denke mir, wie anders kann das sein, das ist verrückt so. Man lebt zusammen in einer Kultur, teilt so vieles, und da ist einfach eine unaufhebbare Distanz. Ich habe den Verdacht, dass diese Frauen ganz gute Korrektive waren, um in dieser Männerwelt bestimmte Ebenen einzubauen, so wie Elizabeth das Ganze für mich sehr erdet, durch ihre Präsenz oder bestimmte Fragen, die sie stellt, die quasi naiv sind, aber die bestimmte Dinge auch auf den Boden zurückholen."

Zwischen Lucy und George bahnt sich eine Liebesgeschichte besonderer Art an, denn beide sind ungewöhnliche Menschen. Es kommt zur Hochzeit und schließlich wird der Sohn Junior geboren. Aber George muss aufs Festland in den Siebenjährigen Krieg ziehen; er wird verletzt und kehrt verstört zurück. Sein Leben war jedoch von Anfang an bedroht durch seine Lügengeschichte, die schon bei seinem ersten Auftritt einen wortgewaltigen Zweifler auf den Plan ruft. Das Kesseltreiben gegen den Sonderling mit empfindsamer Seele und gleichzeitig durchaus brutalen Zügen spitzt sich zu, bis es zu einem öffentlichen Prozess gegen den Hochstapler kommt. George kommt mit dem Leben davon, die Familie Johnson flieht ans Meer, an den Ort, nach dem sich George als Ort der Sehnsucht aus seiner Kindheit immer erinnert hat; der zwischendurch verschwundene Sohn Junior, der vor den häuslichen Zwistigkeiten geflohen war, taucht auch wieder auf, und wenn sie nicht gestorben sind ...

Ja, es ist ein wundervoller und wundersamer Roman, den Daniela Dröscher als fulminantes Debüt vorgelegt hat, ausgestattet mit großer Sprachmächtigkeit und sinnlicher Anschauungskraft, die den Leser verzaubert, denn die Autorin geht frei und liebevoll-einfallsreich mit dem historischen Stoff um, der bereits eine eigene Poetologie erkennen lässt:

"Ja, das würde ich tatsächlich so sagen, zumindest die ersten Bausteine, was irgendwann mal eine Poetologie werden könnte. Das scheint kein Zufall zu sein, ich habe mich in die Ferne gewagt, um etwas erzählen zu können. Ich habe immer große Skrupel davor, so viel Autobiografisches zu verwenden, weil ich mich dann schnell langweile und es auch vergleichsweise banal finde. Ich glaube, ich brauche immer Umwege. Ich muss immer in die Ferne, um dann Spiegel darin zu entdecken, denen ich mich annähere und mir mich zugleich entfremden - diese Wechselbewegung aus eigen und fremd, die interessiert mich."

Daniela Dröscher: Die Lichter des George Psalmanazar
Berlin Verlag, 365 S., 19,90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk