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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Fundamentalkritik an den 68ern18.02.2008

Fundamentalkritik an den 68ern

Götz Aly provoziert mit NS-Vergleichen

Anlässlich des 40. Jahrestags der Jugendrevolten im Februar 1968 wird der Buchmarkt mit Erinnerungsliteratur überschwemmt. Da ist es nicht ganz einfach, auf ein einzelnes Buch aufmerksam zu machen. Der Historiker Götz Aly und der Fischer Verlag versuchten es mit Provokation: "Unser Kampf" heißt Alys Rückblick und spielt damit deutlich auf Adolf Hitler an. Hermann Theißen hat das Buch gelesen.

Studentenproteste 1968. (AP)
Studentenproteste 1968. (AP)

Dass die 68er für alle Übel dieser Republik, für Jugendgewalt und Werteverfall, für Nachwuchssorgen und Leistungsverweigerung, vermutlich sogar für die Steuerhinterziehungen unserer Spitzenmanager verantwortlich sind, wissen wir aus den Schriften und Äußerungen von Vordenkern wie Eva Hermann, Paul Nolte oder Kai Dieckmann. Jetzt hat sich auch Götz Aly an einer Fundamentalkritik der Revolte versucht. Seine Diagnose:

"Die Selbstermächtigung der Achtundsechziger zur gesellschaftlichen Avantgarde, ihr Fortschrittsglaube, ihre individuelle Veränderungswut, ihre Lust an der Tabula rasa und - damit bald verbunden - an der Gewalt erweisen sich bei näherem Hinsehen als sehr deutsche Spätausläufer des Totalitarismus."

Die Revolte, die ja 1968 nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris, Tokio, Rio, Mexiko oder in den USA die Verhältnisse zum Tanzen brachte, soll uns also als ein genuin deutsches Phänomen verkauft werden. Das ist zwar nicht logisch, hat aber Tradition. 1968 waren es Mathias Walden und die "Bild"-Zeitung, die protestierende Studenten als Wiedergänger der SA ausmachten. Auch Professoren, die bis 1945 an der Hochschulfront für Führer, Volk und Vaterland gekämpft hatten und daran nicht erinnert werden wollten, diffamierten ihre Studenten als nationalsozialistische Sturmtruppen, wenn die sie nach ihrer braunen Vergangenheit fragten. Nun also Götz Aly. Sein Anliegen:

"Es geht darum, die Ähnlichkeiten der Mobilisierungstechnik, des politischen Utopismus und des antibürgerlichen Impetus herauszuarbeiten."

Da die aber zwischen deutschem SDS und amerikanischem SDS größer sind als zwischen den Braunhemden der dreißiger und den Rebellen der sechziger Jahre, weitet Aly sein "Forschungsprogramm" auf einen Vergleich der inhaltlichen Positionen von nationalsozialistischem und sozialistischem Studentenbund aus, und da wird völlig absurd, was er seinen Lesern zumutet. Ist die Forderung nach Abschaffung von Studiengebühren Hinweis auf eine nationalsozialistische Gesinnung? Denkt man beim Begriff "Gleichstellungsbeauftragter" an "Judenquoten"? Ist das Verlangen nach gesellschaftlich relevanten Studieninhalten Ausdruck totalitärer Besessenheit? Solche - sagen wir es deutlich - solche idiotische Fragen muss mit Ja beantworten, wer Götz Alys bizarrer Polemik folgen will. Die Studentenbewegung der sechziger Jahre, so seine von ihren Girlanden entkleidete These, sei nichts anderes als eine Variante der nationalsozialistischen Eroberung der Hochschulen gewesen. Der einzige Unterschied:

"Die eine Bewegung gelangte rasch zur Macht, begründete eine mörderische Jugenddiktatur, produzierte furchterregende Karrieren und Konsequenzen; die andere führte zur Niederlage."

Bei seiner Parallelisierung von NS-Organisationen und SDS schert sich Götz Aly weder um Dimensionen noch um Ursachen und Wirkungen. Historische Kontexte zimmert er sich so lange zurecht bis sie in seine krude Argumentation passen. Man findet bei ihm kein Wort darüber, dass ’68 durch bunte Vielfalt und endlose Diskussionen, ’33 durch braune Einheit und Kadaverdisziplin geprägt waren. Kein Hinweis darauf, dass es ’33 um Eliminierung, ’68 um Demokratisierung ging. Solche Generalisierungen und Unterschlagungen tragen nichts bei zu differenzierender Auseinandersetzung oder gar zur Historisierung von ’68.

Götz Alys Pamphlet ist keine Analyse, sondern ein Exorzismus, ein mit Konvertiteneifer betriebener Exorzismus der linksradikalen Etappe vor allem in der eigenen Biographie. Götz Aly hat einige gewichtige Bücher über den Nationalsozialismus geschrieben und wurde dafür geehrt und ausgezeichnet, doch das ist in unserem Zusammenhang nicht von Bedeutung. Wichtig ist, dass er sich im November 1968 nach einem Umzug von München nach Berlin den Maoisten anschloss und zum Aktivisten der Roten Zellen, später der Roten Hilfe wurde. Beide Organisationen gehörten zu den militantesten Sekten der sich auflösenden Studentenbewegung und unterhielten enge Kontakte zur RAF. Aly weist zwar darauf hin, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Rebellierenden sich in solche Kadertruppen verirrte, das hindert ihn aber nicht, sie zu repräsentativen Vertretern der 68er zu erklären. Repräsentativ auch für die vielen Studenten, Schüler, Lehrlinge, Arbeiter und Intellektuelle, die die APO erst zur Massenbewegung machten und denen es um Befreiung aus Abhängigkeiten und aus erstickenden Konventionen ging, um mehr Demokratie und um Partizipation, auch um Sex, Drugs und Rock`n roll. Zu glauben auch diese Gruppen würde man erfassen, wenn man ausschließlich die dogmatischsten Kader beschreibt, mag persönlicher Entlastung zuträglich sein, der Wahrheitsfindung dient das nicht.

In einem Gespräch mit der Publizistin und SDS-Veteranin Katharina Rutschky, das man in der "taz" vom 29. Dezember des letzten Jahres nachlesen kann, probierte Aly seine Thesen erstmals aus. Als Katharina Rutschky darauf hinwies, dass sie keine Nazi-Eltern gehabt habe, keine Maoistin gewesen sei und auch keiner K-Gruppe angehört habe, fiel Götz Aly ihr ins Wort.

"Wir waren doch alle Maoisten."

…behauptete er und weil das ja gerade am lebenden Beispiel widerlegt worden war, fügte er hinzu:

"Sie vertreten 68 nicht."

Dieser durch nichts zu erschütternde Alleinvertretungsanspruch, dieser Argumentationsstil, der eine These zum Dogma erklärt und der nur zulässt, was der eigenen ideologischen Fixiertheit nicht widerspricht, war typisch für die Argumentationskultur vieler Zirkel der sogenannten neuen Linken und auch für so manche Kader des SDS. Götz Aly ist er bis heute eigen. Wie ein Getriebener jongliert er mit aus dem Zusammenhang gerissenen Dokumenten und Episoden, deutet den Protest gegen den Vietnamkrieg als Antiamerikanismus und als Flucht vor der Nazi-Vergangenheit, desavouiert er jede Kritik an Israel als Antisemitismus und kann seine absurde These von der roten Verkleidung der angeblich braunen Achtundsechziger dennoch nicht plausibel machen, auch nicht für den innersten Kreis der politischen Kader.

Er zeigt lediglich, was kein ernstzunehmender Zeitgenosse bestreitet, dass ’68 sich auch aus spätromantischer Gemeinschaftsschwärmerei speiste, dass Radikalität und auch Gewaltbereitschaft eskalierten, dass viele Protagonisten von Allmachtsfantasien befallen waren, manche auch Diktaturen auf dem Weg zum Sozialismus für notwendig hielten. Dass die Gegenseite spiegelverkehrten Wahnbildern erlag, auf deren Grundlage aufrüstete und zur Eskalation wesentlich beitrug, blendet Aly bei seiner Abrechnung aus. Solche Zusammenhänge stören nur bei seinem Versuch, eine flache These in steiler Polemik an ein sensationsgieriges Publikum zu bringen. Zur historischen Aufklärung über die Jahre der Revolte trägt Alys Pamphlet nichts bei, es ist lediglich eine Fortsetzung der Krawallpublizistik, die für ’68 ja auch symptomatisch war. Sprachlich ist es elaborierter als die verquasteten Kampfschriften der Revolte, an intellektueller Schlichtheit steht es ihnen in nichts nach.


Götz Aly: Unser Kampf 1968
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
253 Seiten, 19,90 Euro

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