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StartseiteUmwelt und VerbraucherFundierter Inhalt oder reine Provokation?07.02.2012

Fundierter Inhalt oder reine Provokation?

Das Werk "Die kalte Sonne" sorgt für Aufsehen

Es ist vor allem der Untertitel des Buches "Die kalte Sonne", der für Aufregung oder auch Empörung sorgt. Er lautet "Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet". Deutschlandfunk-Journalist Georg Ehring erläutert im Interview seinen Eindruck des Werkes.

Von Georg Ehring

Wird der Einfluss von CO2 auf den Klimawandel tatsächlich unterschätzt?  (AP)
Wird der Einfluss von CO2 auf den Klimawandel tatsächlich unterschätzt? (AP)

Benjamin Hammer: Dass vor allem Kohlenstoffdioxid zur Erwärmung der Erde beiträgt – darüber gibt es einen wissenschaftlichen Konsens. Eigentlich. Ein neues Buch sorgt in diesen Tagen für Aufsehen: "Die kalte Sonne" heißt das Buch, dann der Untertitel "Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet." Geschrieben haben es Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning - beides Wissenschaftler, die für den Energiekonzern RWE arbeiten. Bei mir im Studio ist nun Georg Ehring aus unserer Umweltredaktion. 'Die kalte Sonne' – was steht in dem Buch?

Georg Ehring: In dem Buch steht, der Einfluss des Treibhausgases Kohlendioxid werde überschätzt - stattdessen sei die Sonne der wichtigste Taktgeber beim Klimawandel. Taktgeber deshalb, weil zyklische Schwankungen der Sonnenaktivität dafür sorgten, dass wärmere und kältere Zeiten sich ablösen. Diese Zyklen gibt es in der Tat, den bekanntesten davon kann man auch als Laie mit einem Fernrohr - mit Sonnenfilter wohlgemerkt - verfolgen: Die Häufigkeit von Sonnenflecken schwankt in einem Zyklus von etwa elf Jahren - immer wenn es viele Flecken gibt, ist die Sonne besonders aktiv und dann wird es wärmer und umgekehrt. Darüber hinaus gibt es mehrere längerfristige Zyklen, die diesen Zyklus überlagern. Und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten träfen Zyklen aufeinander, die für eine Abkühlung sorgten, das ist die Kernthese des Buches und das sei bereits heute zu bemerken - seit 14 Jahren sei die Erderwärmung nämlich gestoppt und dafür habe die Klimaforschung keine Erklärung, so die Ansicht von Vahrenholt und Lüning. Den Stopp der Erderwärmung kann man in der Tat nicht erklären, die Erderwärmung ist nämlich auch in den letzten Jahren weiter gegangen: Das vergangene Jahrzehnt war mit Abstand das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen und 2010 war das wärmste Jahr überhaupt - angesichts dieser Datenlage ein Buch herauszugeben, das den Stopp der Erderwärmung postuliert, das ist schon etwas gewagt.

Hammer: Dann gehen wir doch mal genauer darauf ein. Die Sonne als Klimafaktor Nummer eins - ist an der These was dran?

Ehring: Die Sonne ist ein wichtiger Klimafaktor, wenn es um natürlichen Klimawandel geht, der die Erdgeschichte von Anfang an begleitet: Sonnenzyklen und Klimadaten gehen oft Hand in Hand - Eis- und Warmzeiten hängen zusammen damit und auch mit der Neigung der Erdachse zur Sonne. Das ist unumstritten, auch wenn Vahrenholt und Lüning in dem Buch so tun, als ob die Klimawissenschaft diese offensichtlichen Zusammenhänge leugnet, dann ist das nicht ganz korrekt. Auch in den Klimamodellen für die aktuelle Entwicklung und für die Zukunft sind Einflüsse der Sonne natürlich enthalten - nur sind sie nach Ansicht der meisten Klimawissenschaftler viel geringer als die durch die Treibhausgase und da vor allem das Kohlendioxid, das durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre gelangt. Wenn die Sonnenaktivität tatsächlich in den nächsten Jahrzehnten abnehmen sollte, dann würde dies die Erderwärmung vermutlich ein bisschen bremsen, aber da geht es um zehntel Grad - durch den Treibhauseffekt steuert die Erde dagegen nach Ansicht weitaus der meisten Klimawissenschaftler auf eine Erwärmung um drei bis vier Grad in diesem Jahrhundert zu und das ist schon in der Größenordnung viel mehr als durch die vorhandenen natürlichen Effekte je erreicht würde.

Hammer: Jetzt sind die meisten Wissenschaftler also eher skeptisch beziehungsweise sehr skeptisch gegenüber diesem Buch. Schauen wir aber noch mal genauer auf eine Aussage. Der Weltklimarat irrt, steht auf dem Umschlag des Buches. Wie umstritten ist denn dieses Gremium eigentlich?

Ehring: Der Weltklimarat macht ja keine eigenen Prognosen, sondern fasst die wissenschaftlichen Aufsätze und Erkenntnisse zusammen und erstellt daraus Aussagen darüber, was wir wissen und was in der Wissenschaft für wahrscheinlich gehalten wird - zum Beispiel, dass die globale Durchschnittstemperatur in den nächsten Jahrzehnten um etwa 0,2 Grad je Dekade steigt - eine Entwicklung, die im vergangenen Jahrzehnt auch eingetroffen ist. Es gibt natürlich Wissenschaftler, die ihre Ansichten darin nicht wiederfinden, weil sie von kaum einem Fachkollegen geteilt werden und darüber freuen sich Betroffene nie. Was allerdings nur selten gesehen wird, ist, dass das auch für beide Seiten gilt: Manche Wissenschaftler befürchten, dass alles noch viel schlimmer kommt und sie können dem Weltklimarat IPCC Verharmlosung vorwerfen. Und diese Wissenschaftler gibt es auch. Und: Man hätte es natürlich gern anders. Die Klimaerwärmung kann nur gebremst werden, wenn viele Menschen gerade in den reichen Ländern ihren Lebensstil ändern, also zum Beispiel nicht mehr so viel fliegen, nicht mehr so dicke und spritdurstige Autos fahren und das hören viele natürlich nicht gern.

Hammer: Herr Ehring, jetzt haben wir in den letzten Minuten über die Erderwärmung gesprochen, aber im Moment erleben wir in Europa extreme Kälte. Spricht das nicht gegen den Klimawandel?

Ehring: Das ist kein Widerspruch. Das Wetter ist ein chaotisches Geschehen und durch den Klimawandel werden ganz allgemein Wetterextreme wahrscheinlicher, außerdem stehen wir ja beim Klimawandel noch ganz am Anfang. In Deutschland ist es um etwa ein Grad wärmer geworden und ein normaler Wintermonat ist leicht schon mal fünf Grad wärmer oder auch kälter als der Durchschnitt, da ist nach wie vor jedes Wetter möglich, das es früher gegeben hat - nur die Wahrscheinlichkeit hat sich geändert hin zu mehr Wärme und wenn man sich den gesamten Winter, den wir gerade durchleben, ansieht: Ungewöhnlich warme Perioden gab es da ja auch.

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