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StartseiteKalenderblattDeutschlands erste feindliche Übernahme27.07.2017

Fusion vor 25 JahrenDeutschlands erste feindliche Übernahme

Jahrzehntelang wurde über die Stahlkrise diskutiert. Dann packte Krupp-Chef Gerhard Cromme die Konsolidierung der Branche an. Er ließ Hoesch-Aktien kaufen, bis er eine Mehrheit an dem Wettbewerber besaß. Am 27. Juli 1992 schließlich fügte sich Hoesch der feindlichen Übernahme durch Krupp.

Von Jutta Hoffritz

Blick auf die Anlagen der Hoesch Stahl AG in Dortmund am 14. Oktober 1991.  (picture-alliance / dpa / Franz-Peter Tschauner)
Für die Hoeschianer war die Übernahme 1991 eine bittere Niederlage. (picture-alliance / dpa / Franz-Peter Tschauner)
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"Wenn Cromme Hoesch schluckt, dann stirbt Hoesch, stirbt eine ganze Region. Lasst uns weiter kämpfen mit kühlem Verstand und heißem Herzen für einen eigenen Weg gegen die Zwangsvereinigung Cromme. Glück auf!"

So beschwor Werner Nass, der Betriebsratsvorsitzende des Stahlherstellers Hoesch im November 1991 den Kampfgeist seiner Stahlarbeiter. Kurz vorher war bekanntgeworden, dass der Konkurrent Krupp mit Hilfe von Banken einen Anteil an Hoesch erworben hatte - mit dem Ziel sich das Unternehmen einzuverleiben.

Jedem war klar, dass es ein historische Augenblick war

Und allem Protest zum Trotz gelang es Krupp-Chef Gerhard Cromme, seinen Hoesch-Anteil zur Mehrheit auszubauen. So kam es, dass am 27. Juli 1992 bei der außerordentlichen Hauptversammlung in der Dortmunder Westfalenhalle die Mehrheit der Hoesch-Aktionäre der Übernahme zustimmte. 

"Ich habe heute Nacht kaum ein Auge zugemacht. Ich bin hier mit dem Kinderwagen praktisch hingeschoben worden nach Hoesch. Ich kenn nur Hoesch. Und wenn man jetzt die Entwicklung sieht. Also mir fehlen die Worte. Ich bin wirklich, ich muss das nochmal sagen, fix und fertig", kommentierte ein Walzwerker der Hoesch-Westfalenhütte das Geschehen. Jedem im Werk war klar, dass es sich um einen historischen Augenblick handelte: die erste fremdfinanzierte, die erste feindliche Übernahme in der Geschichte der Bundesrepublik.

"Wir sind keine Größenfetischisten. Wir müssen nur sehen, in welchen Märkten sind wir tätig. Im Stahl haben wir es mit Konkurrenten zu tun, die zum Teil weltweit arbeiten. Und dann können wir nicht aus einer Provinzveranstaltung heraus mit denen Wettbewerb machen", verteidigte Krupp-Chef Gerhard Cromme sein Vorgehen. Hintergrund war die Globalisierung. Die deutschen Hersteller mussten sich auf dem Weltmarkt gegen Wettbewerber aus Europa, Amerika und inzwischen sogar aus Asien durchsetzen.

"Hoesch und Krupp verhandelten Anfang der 1980er-Jahre bereits sehr intensiv über eine Zusammenlegung der Stahlsparten", erinnert sich Wirtschaftshistoriker Karl-Peter Ellerbrock, der viele Jahre das Firmenarchiv von Hoesch führte und heute das Westfälische Wirtschaftsarchiv in Dortmund leitet. "Hoesch beanspruchte natürlich die industrielle Vorherrschaft in diesem Unternehmen, weil Hoesch das profitablere und wirtschaftlich stärkere Unternehmen war."

Nach einem kurzen Boom kehrten die alten Sorgen zurück

Man spielte verschiedene Lösungen durch und konnte sich auf keine einigen. Dann kam die Wiedervereinigung und mit ihr ein Nachfrageschub, der die Probleme der deutschen Stahlindustrie für kurze Zeit obsolet zu machen schien.

Doch als der Boom abflaute, kehrten die alten Sorgen zurück. Und bei Hoesch gesellte sich noch ein neues Problem dazu: Vorstandschef Detlev Rohwedder war Anfang 1991 an die Spitze der Berliner Treuhandanstalt berufen und nur wenige Monate später von der RAF ermordet worden. Und bei Hoesch hatte sich lange kein Ersatz gefunden.

Als schließlich Kajo Neukirchen an die Spitze des Konzerns trat, hatte Wettbewerber Krupp schon begonnen, Hoesch-Aktien aufzukaufen.

"Es gab also ein Machtvakuum bei Hoesch, das letztlich in eine Führungskrise mündete. Und diese Führungskrise hat Hoesch angreifbar gemacht."

Der Architekt von ThyssenKrupp 

So konnte Krupp-Chef Gerhard Cromme die Konsolidierung durchdrücken, über die vorher solange geredet worden war. Und es sollte nicht bei diesem einen Zusammenschluss bleiben: Nur wenige Jahre später kam es unter der Regie von Cromme zur nächsten Fusion, diesmal zwischen Krupp und Thyssen.

"Cromme ist der Architekt von ThyssenKrupp und damit hat er die Konsolidierung der deutschen Stahlindustrie maßgeblich vorangetrieben. Und er hat aus der historischen Rückschau auch die absolut richtigen Entscheidungen getroffen, sonst wäre wahrscheinlich eine Stahlindustrie an Rhein und Ruhr nicht mehr existent."

Für die Hoeschianer war das alles zunächst aber ziemlich bitter. Denn der neuerliche Zusammenschluss 1997 brachte weitere Kürzungen, besonders in Dortmund. Dort wurden die drei Hochöfen stillgelegt. 38.000 Stahlarbeiter gab es in Dortmund 1960, in der Hoch-Zeit der Branche. Heute sind es 1.200, und die kochen keinen Stahl mehr, sondern verarbeiten ihn nur noch weiter. Trotzdem sieht Historiker Ellerbrock die Entwicklung positiv.

"Der frühe Cut hat in der Dortmunder Region den Strukturwandel stark befördert und beschleunigt. Ein engagierter Mittelstand ist an die Stelle der großen Konzerne getreten. Und wir gelten heute als Musterbeispiel in Europa."

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