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StartseitePost aus BrasilienDie Pipi-WM30.06.2014

Fußball-Fans feiernDie Pipi-WM

Wer echte WM-Stimmung erleben will, muss in das Viertel Vila Madalena in Sao Paulo. Hier feiern die Fans jeden Tag und jede Nacht ganz getreu dem WM-Slogan.

Fußball-Fans feiern in Sao Paulos Party-Viertel Vila Madalena (Jonas Reese/ Deutschlandradio)
Fußball-Fans feiern in Sao Paulos Party-Viertel Vila Madalena (Jonas Reese/ Deutschlandradio)
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Im Stadtviertel Vila Madalena in Sao Paulo herrscht während der WM Ausnahmezustand. Fliegende Bierverkäufer. Grillstände mitten auf der Straße. Zu Cocktailbars ausgebaute Kleinwagen. Live-Samba aus den zahlreichen Bars. Und gewaltige Menschenmassen. Während im Minerao-Stadion von Belo Horizonte rund 58.000 Menschen das Achtelfinal-Spiel Brasilien gegen Chile verfolgt haben, waren es in dem rund vier Straßenblocks großen Party-Zentrum von Sao Paulo nur geringfügig weniger.

50.000 Besucher sollen es am vergangenen Samstag gewesen sein. Brasilianische, kolumbianische, holländische, chilenische, mexikanische Fans sangen, hüpften und gröhlten gemeinsam. Nach 20 Uhr ist kaum ein Durchkommen mehr. Man steht dicht an dicht auf der Straße. Bierverkäufer sitzen auf ihren Styropor-Kisten, um ihre Ware kühl zu halten. Andere mixen in einer Mini-Bar im Kofferraum ihres Autos auf dem Bürgersteig Caipirinha, Mojito oder Tequila Sunrise. Wieder andere haben gleich einen kompletten Elektrogrill im Kofferraum und braten Hamburger.

Mindestens zwei Fernsehkanäle haben hier einen Übertragungswagen fest installiert. Mehrmals täglich übertragen sie live echte WM-Stimmung aus den verschiedenen Fanlagern. Dazu müssen sich die verschiedenen Anhänger dann bei Rotlicht nochmal ganz doll freuen und möglichst viel Lärm machen, wenn ihr Team gewonnen hat. Die Reporter fragen dann Dinge wie: "Wie fühlt sich das an, dass Kolumbien nun im Viertelfinale steht." Der Fan antwortet dann: "Großartig!" Der Rest geht im Geschrei der drumrumstehenden Menge unter.

Das Touristenamt der Stadt sagt: Vila Madalena sei derzeit die Hauptattraktion in Sao Paulo. Noch vor der Flaniermeile Avenida Paulista, Fußball-Museum und Großmarkt. Im gleichen Atemzug erwähnt die Behörde, dass fast doppelt so viele Touristen während der WM nach SP reisen, wie ursprünglich gedacht. Statt mit 250.000 wird nun mit fast 400.000 gerechnet. 65.000 von ihnen sollen aus dem Ausland kommen.

Die Bewohner von Vila sind über ihren Attraktionsstatus weniger begeistert. Sie müssen das Gegröhle und Gehupe bis 5 Uhr morgens ertragen. Anschließend kommen die nicht gerade viel leiseren Müllabfuhr und Straßenreinigung. 40 Tonnen Müll haben sie am vergangenen Samstag aufgesammelt. An normalen Wochenenden, außerhalb der WM-Zeit sind es "nur" zehn Tonnen pro Nacht.

Doch der Lärm und der Müll sind nicht das einzige Ärgernis der Anwohner. Sie beschweren sich auch über den beißenden Urin-Geruch in der Luft. "Die Leute machen einfach Pipi vor unserem Hauseingang", sagt die Bewohnerin Aline Lata. Zeitungen haben die Party in Vila Madalena deshalb schon "Pipi-WM" getauft.  Anwohnerin Lata hat auch schon mal ein Pärchen beim Sex vor ihrer Haustür erwischt.

(Jonas Reese/ Deutschlandradio)Grill im Kofferraum - Brasilien feiert WM (Jonas Reese/ Deutschlandradio)

 

(Jonas Reese/ Deutschlandradio)Straߟenverkäufer auf WM-Party in Sao Paulo (Jonas Reese/ Deutschlandradio)

 

Erst so langsam stellt sich die Stadt auf diesen Ansturm ein. Wegen der Müllberge hat sie Reinigungseinheiten aus anderen Vierteln abgeordert. 80 Dixie-Klos wurden aufgestellt. Und auch die Polizei zeigt seit rund einer Woche Präsenz. An verschiedenen Stellen hat sie Einsatzwagen platziert und läuft in kleinen Grüppchen Streife. Bislang blieb zwar selbst ohne Polizei alles friedlich, doch der Drogenhandel soll stark angewachsen sein. Drei Anwohner haben einem Nachrichtenportal übereinstimmend berichtet, dass Drogendealer unterwegs wären, die sogar Kartenzahlung akzeptiert hätten.

So bleibt manchen Vila-Bewohnern nur noch übrig, es so zu machen wie Schuhladen-Besitzerin Juliana Bicudo: "Ich habe meinen drei Angestellten frei gegeben und bin zu einer Freundin ins Nachbarviertel gezogen."

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