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StartseiteSport am WochenendeFanarbeit mit Gummigeschossen25.06.2016

Fußball in FrankreichFanarbeit mit Gummigeschossen

Eines der zentralen Themen dieser Europameisterschaft ist die Gewalt von Hooligans. Aber nicht nur Russen, Engländer und Deutsche prügelten sich - auch französische Fans waren dabei. Denn Gewalt und Rassismus sind in den Fankurven des EM-Gastgebers durchaus ein Problem. Ein Problem ist aber auch fehlende Fanarbeit - und das Auftreten der Polizei.

Von Ronny Blaschke

Bildnummer: 02781447 Datum: 01.04.2007 Copyright: imago/PanoramiC Mitglieder des Paris St. Germain Fanclubs Boulogne Boys erklimmen den Stadionzaun - PUBLICATIONxNOTxINxFRAxITA (pan19674); Vdig, quer, Fan, Fu
2008 wurden die "Boulogne Boys" - eine rechte Fangruppe, die Paris St. German unterstützt hat, verboten.
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Die Szenen aus Marseille vor zwei Wochen wirken noch lange nach: Hooligans gehen aufeinander los, mit Eisenstangen und Plastikstühlen. Russen gegen Engländer. Doch in das Chaos mischen sich auch Schläger des örtlichen Vereins Olympique Marseille. Sie haben es auf Engländer abgesehen, wollen sich rächen für 1998. Damals, bei der WM in Frankreich, lieferten sich englische Hooligans stundenlange Straßenkämpfe mit Fans von Olympique. Die Polizei scheint nun in Marseille nicht unterscheiden zu können, zwischen Angreifern und Opfern. Sie setzt willkürlich Tränengas ein. Der Berliner Martin Endemann vom internationalen Netzwerk "Football Supporters Europe" kritisiert das Polizeiverhalten:

"Was uns dann auch ein bisschen überrascht hat einfach. Weil ein Jahr lang Vorbereitung, ein Jahr lang Angst auch vor Terror, natürlich auch zu Recht. Und dann haben sich viele englische Fans auch im Stich gelassen gefühlt an diesem Tag in Marseille."

Fans wie Kriminelle schikaniert

Schon in der Vergangenheit handelten Polizei und Behörden in Frankreich wenig differenziert, wenn es um Fan-Angelegenheiten ging. In der Saison 2011/2012 gab es im Profifußball für Fangruppen fast 40 Reiseverbote zu Auswärtsspielen - in der abgelaufenen Spielzeit waren es mehr als 200. Als Grund nennt das Innenministerium die Terrorgefahr, dafür müssten mehr Polizeikräfte vom Fußball abgezogen werden. Viele Ultras fühlen sich jedoch wie Kriminelle schikaniert. Und protestieren zum Beispiel gegen den polizeilichen Einsatz von Gummigeschossen, wodurch bereits mehrere Anhänger erblindet sind. Das politische Fußballmagazin "Transparent" hat der französischen Fankultur gerade ein Titelthema gewidmet, dessen Chefredakteur ist Pavel Brunßen:  

"Vernetzung haben wir uns insofern angeschaut, dass es neuerdings in Frankreich ein überregionales Netzwerk von Fans gibt, die für Fanrechte eintreten und eine Stimme bekommen wollen. Anders als in Deutschland gibt es keine Fanprojekte, es gibt kaum Fanarbeit. Da gibt es eher die Vereine und Sicherheitsbeauftragte, die mit den Fans ins Gespräch kommen oder halt nicht. Aber so etwas wie die unabhängigen Fanprojekte, das fehlt in Frankreich und das merkt man, glaube ich, an der aktuellen Situation, in der sich die Fans da befinden."

Rechte Fangruppe verboten

Dass diese Fanarbeit dringend nötig ist, zeigt das Beispiel Paris. Im Umfeld des Seriensiegers Saint-Germain standen sich über Jahre zwei Gruppen feindlich gegenüber: Die rechten Fans der "Boulogne Boys" und die multikulturell geprägten Ultras von "Supras Auteuil". Es gab Rassismus und Prügeleien, antirassistische Jugendliche zogen sich aus dem Stadion zurück. 2008 wurden die "Boulogne Boys" verboten, wegen eines diskriminierenden Banners. Zwei Jahre später kam ein Fan bei einer Schlägerei ums Leben. Das Innenministerium verbot auf Verdacht auch Gruppen in anderen Städten. Fans, die sich danach noch mit Symbolen dieser Gruppen zeigen, drohen empfindliche Strafen. Der Fanexperte Martin Endemann:

"Diese rechten Hooligans von Paris Saint-Germain haben zum größten Teil Stadionverbot, sind aber immer noch präsent. Die posten halt ab und zu Fotos mit Bannern: 'Turks not welcome in France', jetzt mit Blick auf die Teilnahme von der Türkei bei der Europameisterschaft."

"Rechtsextreme versuchen, Ultratribünen zu unterwandern"

Als wichtige Plattform von Rechtsextremen gilt in Frankreich die Kampfsportmarke "Pride France". Sie vernetzt Hooligans und Neonazis, organisiert Kampfsportveranstaltungen in Griechenland, Italien oder Polen. Ihre Gründer posieren in sozialen Medien mit SS-Symbolen, ihre Sympathisanten greifen antimuslimische Motive auf. Darunter auch Fans von Olympique Lyon, die nun bei der EM auch Gäste aus Albanien attackiert haben sollen. Wie aber verhält sich der Front National zu den Fußballfans? Die rechtsextreme Partei hat bei den Regionalwahlen Ende 2015 rund dreißig Prozent der Wählerstimmen erhalten. Der Sozialwissenschaftler Albrecht Sonntag erforscht seit zwei Jahrzehnten auch die Fankultur in Frankreich:

"Nicht jeder Rechtsextremist in Frankreich ist automatisch Mitglied im Front National. Es gibt genügend rechtsextrem eingestellte Personen, die versuchen, eine Ultratribüne zu unterwandern. Das gibt es überall. Das hat aber relativ wenig Erfolg. Und der Front National, heute Marine Le Pen, hält sich mit Aussagen über die ethnische Zusammensetzung der französischen Nationalmannschaft zurück, im Gegensatz zu ihrem Vater, weil sie ja merkt, dass das ja eigentlich eher kontraproduktiv ist."

50 Gruppen im Netzwerk für Fanrechte

Die französische Fanszene ist vielfältig, das ging in den Medien und Behörden des EM-Gastgeberlandes lange unter. Mehr als 50 Gruppen beteiligen sich an der A.N.S, der "Association Nationale des Supporters", einem Netzwerk für Fanrechte. Die A.N.S erhielt auf ihre Fragen lange keine Antworten des französischen Fußballverbandes. Das, so hört man inzwischen nach den brutalen Schlägereien in Marseille, soll nun anders werden.

 

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