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Startseite@mediasresStatistiken sagen wenig über Sieg und Niederlage14.06.2018

FußballkommentareStatistiken sagen wenig über Sieg und Niederlage

Fußballkommentatoren im Fernsehen oder im Radio greifen gerne auf Spielstatistiken zurück, um über die Stärke einer Mannschaft zu sprechen - dabei sind die Zahlen oft wenig aussagekräftig. Besserung verspricht ein neues System.

Von Matthias Jungblut

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Die Anzeigetafel im WM-Stadion in Belo Horizonte zeigt das Ergebnis des Halbfinales Brasilien gegen Deutschland. (dpa / picture alliance / Andreas Gebert)
Nicht alle Statistiken nach dem 7:1-Sieg bei der WM 2014 sprechen für die deutsche Mannschaft. (dpa / picture alliance / Andreas Gebert)
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Deutschland gegen Brasilien bei der Fußball-WM 2014. Mit 7:1 gewinnen die Deutschen - und die Zuschauer werden Zeuge eines der denkwürdigsten Fußballspiele der Geschichte.

Doch wer die Daten zum Spiel liest, kommt ins Staunen: Brasilien hatte deutlich mehr Flanken, deutlich mehr Pässe in den Strafraum, deutlich mehr Ballbesitz, wogegen Deutschland wesentlich mehr Ballverluste hatte.

Dennoch waren sich nach dem Spiel alle einig: Eine Demontage für Brasilien. Das Fachmagazin "Kicker" benotete die Brasilianer nach dem Spiel durchschnittlich mit einer 5-, die Deutschen mit einer 2+.

Daten und Bewertung gehen auseinander

Wie passen Daten und Bewertung zusammen? Christoph Biermann ist Buchautor und recherchiert seit Jahren zur Digitalisierung im Fußball:

"Wir sammeln seit 15 Jahren Fußball-Daten, und trotzdem hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, dass sich oft genug kein Zusammenhang zwischen diesen Daten und dem sportlichen Erfolg herausstellt."

Einer, der solche Daten nutzt, ist Holger Dahl. Er ist seit vielen Jahren Fußball-Reporter für die ARD-Hörfunkwellen. Und auch von der WM in Russland wird er von den deutschen Spielen berichten und auch das Finale kommentieren:

"Direkt in der Live-Schilderung ist das nicht so wichtig, anschließend guck' ich schon noch mal auf Statistiken, um vielleicht noch mal Spieler-Leistungen genauer zu bewerten und dann auch in eine kommende Reportage einfließen zu lassen. Da ist das schon interessant."

Statistiken können in die Irre führen

Doch auch er kennt das Problem der irreführenden Statistiken. Nur weil jemand zehn Mal auf das Tor schießt, macht er noch kein gutes Spiel. Sammeln wir also die falschen Daten? Konzepte für eine angemessene Spieler-Bewertung gibt es bereits, sie sind allerdings noch nicht im Sportjournalismus angekommen. Christoph Biermann spricht von qualitativen Daten.

"Spielt einer nur viele Pässe? Oder sind die auch qualitativ hochwertig? Schießt ein Spieler zum Beispiel glücklich seine Tore oder gelingt es ihm, aus Positionen zu schießen, wo es gefährlich ist. Also da kommt man dann auch bei der Bewertung von einzelnen Spielern zu etwas genaueren, etwas komplexeren Einschätzungen als das mit klassischen Fußballdaten der Fall ist."

"Expected Goals" ist so ein statistischer Wert. Er macht Stürmer-Leistungen objektiv bewertbar, indem er die Qualität von Torschüssen misst. Dafür wurde für jede Stelle auf dem Spielfeld berechnet, wie wahrscheinlich es ist, von dort ein Tor zu schießen. Auf Grund von vorherigen Spieldaten bekommt man einen exakten Prozentwert für jeden Quadratzentimeter des Feldes. Dabei hat der Fleck kurz vor dem gegnerischen Tor einen ziemlich hohen Wert, die eigene Eckfahne dagegen einen sehr geringen.

BBC nutzt neues Statistiksystem

Schießt ein Stürmer nun zehn Mal im Spiel von einer Position aus aufs Tor, von der schon häufig ein Tor geschossen wurde, hat er einen ganz guten Job gemacht. Dann wird noch berücksichtigt, wie viele Verteidiger zwischen ihm und dem Tor standen bei dem Schuss, und heraus kommt ein statistischer Wert über die Torgefährlichkeit des Stürmers. Ähnliche Werte gibt es auch für Pässe und Torvorlagen. Auf diese Art von Spielstatistik greift die BBC inzwischen bei Fußball-Übertragungen zurück.

"Die BBC hatte sich vor Beginn der letzten Saison entschieden, bei ihrer Berichterstattung auf 'Expected Goals' zurückzugreifen. Das heißt: Zu den Spielberichten wurde dann immer der Wert der 'Expected Goals' mitgeliefert - relativ unauffällig und nebenbei - aber ich denke, dass das sicherlich auch etwas wäre, was bei der Übertragung von Fußballspielen in Deutschland hilfreich wäre."

Statistiken wie "Expected Goals" können den Fußball messbar machen. Sie könnten die Flut von oft nichtssagenden Statistiken ersetzen, in denen die Sportberichterstatter derzeit untergehen. Holger Dahl:

"Wenn's dann wirklich in die Analyse und in die Nachbetrachtung geht, dann ist das schon interessant. Trotzdem: Wenn ich mal so gucke, was als Datenmaterial alles schon vorliegt, dann muss ich da mehr tiefer eintauchen. Das ist schon eine ganze Menge, worauf man da zurückgreifen kann."

Die Nutzung von "Expected Goals"-Werten würde bedeuten: Weniger Statistiken - dafür die, die mehr Aussagekraft haben und ein Fußballspiel besser abbilden können. Im WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland war der Gastgeber in fast allen Statistiken besser als der künftige Weltmeister. Nur in einem Bereich war Deutschland besser: Der Wert der "Expected Goals" war bei Deutschland drei Mal so hoch wie bei Brasilien.

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