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StartseiteBüchermarktFutter für die Geister29.03.1999

Futter für die Geister

Der Lyriker und Romancier Fred D’Aguiar, der 1960 in London geboren einen Teil seiner Jugend in Guyana verbrachte, hat ein großes Thema: seine Literatur erzählt von den Verbrechen der Sklaverei. D'Aguiar will die Geschichte des Sklavenhandels dem Vergessen entreißen, literarisch vegegenwärtigen. Er will die Erinnerung wachhalten an das Schicksal von Menschen, die noch im vorigen Jahrhundert aus ihren Häusern, aus Ihrem Land getrieben, von ihrem Kontinent verschleppt wurden, geschunden und zur Arbeit gezwungen wie Vieh.

Silvia Bovenschen

Diese Thematik beherrschte schon seinen ersten Roman "Die längste Erinnerung", mit dem er in Deutschland bekannt wurde. Kürzlich hat der Berlin Verlag eine weitere Prosa D'Aguiars herausgebracht unter dem Titel "Futter für die Geister". Eine Romankomposition in drei Teilen. Ihr erster Teil führt uns in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunders auf ein englisches Sklavenschiff. Eine profitversprechende menschliche ‘Fracht’ soll von der Westküste Afrikas nach Jamaika transportiert werden. Das Schiff kommt vom Kurs ab; an Bord ist eine ansteckende Krankheit ausgebrochen, die auch schon Teile der Mannschaft dahingerafft hat. Um ihrer weiteren Ausbreitung vorzubeugen und auch die Nahrungsreserven so groß wie möglich zu halten, entschließt sich der Kapitän zu einer ungeheuerlichen Maßnahme. Er befiehlt seinen Leuten, aus der Schar der unter grauenerregenden Bedingungen zusammengepferchten afrikanischen Sklaven, diejenigen, die infiziert sind, auszusondern und bei lebendigem Leibe ins Meer zu werfen.

Diese Maßnahme des Kapitäns folgt einem ökonomischen Kalkül. Aus seiner Sicht handelt es sich bei den an Bord befindlichen Sklaven um eine menschliche Ware. Eine Ware, die vor Reiseantritt versichert wurde. Während nun diese Versicherung für einen toten Sklaven eine gewisse Summe garantiert, gäbe der Markt für einen kranken oder entkräfteten Sklaven nichts her.

Unter den gefangenen Afrikanern befindet sich eine Sklavin namens Mintah. Auch sie wird, weil sie sich renitent verhält, ins Wasser geworfen, kann aber wundersamerweise ein über Bord hängendes Seil ergreifen und in die Fugen der hölzernen Außenwand des Schiffes gekrallt langsam wieder an Bord klimmen. Zunächst für einen Geist gehalten, wird sie zur Hoffnungsträgerin der gequälten Menschen im hölzernen Schiffsleib. Sie führt einen Aufstand der Sklaven an, der blutig niedergeschlagen wird.

Der mittlere Teil des Romams versetzt die Leser in eine Gerichtsverhandlung, die nach dieser verhängnisvollen Reise stattfindet. Aber nicht das Verbrechen - die Ermordung von 131 Sklaven - steht zur Verhandlung, sondern eine Klage der zahlungsunwilligen Versicherungsgesellschaft gegen den Kapitän und die Investoren. Im dritten Teil wird die Geschichte noch einmal rückblickend gespiegelt, diesmal aus der Perspektive der nun alten und freigekommenen Mintah.

Diese drei Teile sind durch unterschiedliche Stilmittel deutlich voneinander abgehoben: Im ersten, dem erzählerisch stärksten Teil - hier gelingen dem Autor einige wirklich eindrucksvolle Szenen - vertraut er auf die Faszinationen der Seefahrts- und Abenteuer-Literatur, eine Tradition für die Autoren wie Joseph Conrad aber auch Robert Louis Stevenson stehen, D'Aguiars realistische Erzählung ist jedoch durchsetzt mit lyrischen und hyperbolischen Sprachfiguren.

Der zweite Teil, in dem die Ware Mensch zur Verhandlung steht, ist kontrastierend in der Sprache eines sachlichen Berichts gehalten, während im letzten Teil des Romans, der den Erinnerungen der Protagonistin Mintah Raum gibt, dann wieder poetisch-traumhafte Töne dominieren.

Solche Stilbrüche sind nicht zu bemängeln, weil sie Stilbrüche sind. Im Bereich der Stilistik kann alles, was als Untugend gelten mag, virtuos genutzt zur Tugend werden. Aber in diesem Fall wird es nicht zur Tugend. Die Einstimmunge des Lesers auf das Abenteuergenre, sind, ebenso wie die ins Phantastische changierenden Lyrismen der Ungeheuerlichkeit der beschriebenen Verbrechens seltsam unangemessen. Der mittlere Teil, der Bericht über den Prozeß, steht in keinem ästhetisch geglückten Verhältnis zu den anderen Teilen. Dieser Einwand reklamiert nicht eine mangelnde Homogenität. Das Verhältnis der Teile zueinander könnte ja beispielsweise auch durch eine interessante Unverträglichkeit, durch provokante Brüche ausgezeichnet sein. Leider stehen sie jedoch weitgehend beziehungslos nebeneinander - sieht man einmal davon ab, daß es inhaltlich immer wieder um die gleichen Ereignisse geht. Diese Wiederholung ist aber, da ihre poetische Notwendigkeit nicht plausibel wird, eher ermüdend.

Ebenso redundant wirkt die Gegensätzlichkeit von Meer und Holz, die immer wieder ins Bild gesetzt als Motivklammer dienen soll; wobei die verschlingende Unberechenbarkeit des Wassers, wie der Leser schnell begreift, für die Entwurzelungen der Sklaven, die Unwägbarkeit Ihrer Schicksale, für ihr Verderben, die Härte und die Maserungen des Holzes hingegen für den Traum eines langsamen und organischen Wachstums in Freiheit steht. Als lyrisches Bild eingeführt, erstarrt diese bipolare Metaphorik bald in der Eindeutigkeit einer durchgängigen Symbolik.

Gleichwohl hat Fred D'Aguiar ein sympathisches Buch geschrieben, weil sein Engangement, seine Empathie mit den Leidenden, selbst in den literarisch nicht so überzeugenden Passagen offenbar wird.

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