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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrumps Raubtier-Instinkt09.06.2018

G7-GipfelTrumps Raubtier-Instinkt

Trumps Strategie zielte von Anfang an darauf ab, seine europäischen Wettbewerber zu schädigen, kommentierte Stephan Detjen im Dlf. So sei auch sein Vorschlag zur Wiederaufnahme von Russland in die G7 ein willkommener Spaltkeil gewesen - und offenbarte den brüchigen Konsens in Europa.

Von Stephan Detjen

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Donald Trump bei seiner Abschlusserklärung zum G7-Gipfel in Kanada (9.6.2018). (AP / Evan Vucci)
Donald Trump bei seiner Abschlusserklärung zum G7-Gipfel in Kanada. (AP / Evan Vucci)
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Angela Merkel hat ihren Gesprächspartnern im Vorfeld dieses G7 Gipfels immer wieder empfohlen, "Playboy" zu lesen. Mit Blick auf ein Treffen, auf dem weltweite Geschlechtergerechtigkeit ein Leitthema sein sollte, ist das eine unorthodoxe Vorbereitungslektüre. Die Bundeskanzlerin hatte allerdings nicht Nacktfotos im Sinn, sondern ein Interview, dass Donald Trump dem Herrenmagazin im Jahre 1990 gegeben hat. Der damals 43-jährige Immobilienmagnat entwickelte darin seine America-First-Rhetorik, die er knapp drei Jahrzehnte später als Präsident auf der weltpolitischen Bühne umsetzt. "Wir werden von unseren sogenannten Alliierten dauernd betrogen", erklärte der junge Trump im "Playboy" und sagte voraus, nur wenn ein harter Geschäftsmann die Politik in die Hand nähme, könnten sich die USA wieder den Respekt der Welt verdienen.

Für Angela Merkel ist das "Playboy"-Interview von 1990 ein Indiz dafür, dass Trump vielleicht doch nicht der unberechenbare Irre ist, als der er immer wieder portraitiert wird. Seine frühere Rhetorik erlaubt es sprichwörtlich, Trump zu lesen. Als Präsident – so die Annahme – arbeitet er eine konsistente Agenda ab, die er in jungen Jahren entwickelt und als Wahlkämpfer propagiert hat. Bei den anstehenden Midterm Elections will er sich von seinen Anhänger Punkt für Punkt daran messen lassen, wie weit er auf seinem politischen Fahrplan vorangekommen ist.

Die Hoffnung, dass Trump nicht nur auf einem narzisstischen Egotrip unterwegs ist, leitete die Strategie, mit der die Europäer und Kanada dem US-Präsidenten in diesen beiden Tagen begegnet sind. Der Vorschlag Angela Merkels, im Streit über Zolltarife und Exportüberschüsse mit Hilfe von Wissenschaftlern eine gemeinsame Datengrundlage zu schaffen war ein letzter Appell an die Rationalität, die sie auch Trump zubilligen will.

Eine zahlenbasierte Versachlichung des Handelsstreits würde für beide Seiten ernüchternde Erkenntnisse mit sich bringen: Merkel könnte darauf verweisen, dass der größte Teil der deutschen Autos, die Trump nicht mehr auf amerikanischen Straßen sehen will, in den VW- und BMW-Werken in Pennsylvania, Tennessee und South Carolina produziert wurden. Deutschland würde aber zugleich auch vor Augen geführt, dass seine tatsächlichen Handelsbilanzüberschüsse nicht nur ein Hirngespinst Trumps sind, sondern auch den Maßgaben der Europäischen Union zuwiderlaufen. "Wir sollten uns auf das konzentrieren, was beiden Seiten zu Gute kommt", schreiben die Botschafter aller 28 EU Länder in Washington heute in einem gemeinsamen Appell zum Handelsstreit mit den USA.

Donald Trump aber betreibt seine Politik mit genau jenen Methoden, mit denen er auf Immobilienmarkt von New York zum Milliardär wurde. Dort gibt es keine Partner, sondern nur Konkurrenten. Der Schaden des einen ist der Gewinn des anderen. Das ist die Welt des exzessiven Freihandels, die er heute auch mit seinem Vorschlag einer schrankenlosen Handelsordnung propagierte. Seine Pressekonferenz am Ende des Gipfels war ein Manifest des Dissenses.

Merkel kann den alten "Playboy" zur Seite legen

Seine Strategie für den G7-Gipfel zielte von Beginn an darauf ab, seine europäischen Wettbewerber zu schädigen und zu schwächen, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Nur deshalb hatte er unmittelbar vor seinem Abflug nach Kanada auch eine Wiederaufnahme Russlands in die einstige Wertegemeinschaft gefordert. Das Thema war für ihn ein willkommener Spaltkeil, den er in die Mitte der Europäer treiben konnte. Wie auf Knopfdruck reagierte der neue italienische Ministerpräsident Conte und schlug sich noch vor Beginn des Treffens per Twitter-Nachricht auf die Seite Trumps.

Dass es den EU Mitgliedern schnell gelang, Conte zumindest vordergründig wieder auf den gemeinsamen Kurs der Europäer einzunorden kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie brüchig der Konsens auch diesseits des Atlantiks ist. Trump hat das mit seinem Raubtierinstinkt genau verstanden. Zum ersten Mal sitzt mit dem neuen italienischen Ministerpräsidenten ein Vertreter jener Populisten am Tisch der G7, die überall in Europa auf dem Vormarsch sind.

Ende Juni steht in Brüssel der nächste EU-Gipfel bevor. Es wird darum gehen, wie die Staaten auf die Reformvorschläge Emmanuel Macrons reagieren. Als er sie vor einem dreiviertel Jahr vorstellte, hatte der französische Präsident klar gemacht, dass es dabei nicht nur Wettbewerbsfähigkeit und politische Effizienz geht, sondern darum, eine Antwort auf die Erosion jener Werte, denen sich einst auch der Kreis der G7 verpflichtet hatte.

Wer noch nicht verstanden hat, worum es für Europa geht, hat in Kanada eine letzte Lektion erhalten. Angela Merkel kann den alten "Playboy" zur Seite legen. Die bessere Lektüre für den Rückflug nach Berlin ist die Sorbonne-Rede Emmanuel Macrons vom letzten September.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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