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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Trump'sche Voodoo-Ökonomie03.06.2018

G7 minus einsDie Trump'sche Voodoo-Ökonomie

Die USA rennen derzeit dem Irrglauben hinterher, sie stünden am Ende eines Handelskriegs besser da als vorher, kommentiert Theo Geers. Trumps Politik werde aber das Land schwächen, die Europäer enger zusammenschweißen - und sogar die anstehenden EU-Reformen beschleunigen.

Von Theo Geers

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US-Präsident Donald Trump verlässt das Weiße Haus in Washington, um nach Camp David zu fliegen; Aufnahme vom 1. Juni 2018 (picture alliance / Consolidated News Photos)
US-Präsident Donald Trump verlässt das Weiße Haus in Washington, um nach Camp David zu fliegen; Aufnahme vom 1. Juni 2018 (picture alliance / Consolidated News Photos)
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G6 plus eins, G6 gegen eins oder G7 minus eins – egal wie man das Ausscheren der USA aus der Gruppe der sieben wichtigsten westlichen Industrieländer beim Finanzministertreffen auch benennt: Die bisherige G7-Staatengruppe gibt es nicht mehr. Denn was jetzt in Whistler bei den Finanzministern passierte – der offenkundige Bruch der USA mit ihren wichtigsten Verbündeten beim Thema Handel – wird auch in einer Woche beim G7-Gipfel nicht zu reparieren sein.

Donald Trump glaubt unverändert, dass die USA den aus heutiger Sicht unvermeidlichen Handelskrieg nicht verlieren können. Alle Versuche, den US-Präsidenten von seinem Holzweg abzubringen, fruchten nichts. Seine jüngsten Tweets aus dem Weißen Haus zeigen vielmehr, dass auch Angela Merkel oder Emmanuel Macron es in einer Woche auf dem G7-Gipfel nicht schaffen werden, Trump zu einer Kehrtwende um 180 Grad zu bewegen. Wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht, werden US-Zölle auf Stahl und Aluminium schon bald von der EU mit Zöllen auf Jeans, Whiskey und Motorräder vergolten, worauf dann die deutsche Autoexporte in die USA an der Reihe sind. Trump ist bekanntlich besessen von seiner fixen Idee, die Marke Mercedes von der 5th Avenue in New York zu verbannen.

Zeitenwende am beispiel der G7

Dabei steht längst mehr auf dem Spiel. Wir erleben am Beispiel der G7 eine Zeitenwende. Die informelle Staatengruppe der G7 aus den USA, Kanada, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien sowie Japan stand seit ihrer Gründung zu Zeiten Helmut Schmidts für den Westen, für ein Wertesystem, zu dem immer auch das Bekenntnis zum möglichst freien Welthandel gehörte. Damit ist nun Schluss. Der Westen schwächt sich selbst. Und ausgerechnet die USA und damit der mächtigste Garant dieser Werte sind diejenigen, die den anderen den Rücken kehren und beim Handel eigene Wege gehen.

Das darf niemand auf die leichte Schulter nehmen. Wer glaubt, Handel sei nur ein Randaspekt, irrt gewaltig. Handel ist indirekte Produktion, das lehrte David Ricardo vor über 200 Jahren, und er hat bis heute Recht. Staaten, die ihren Handel untereinander erleichtern, die sich nicht durch Zölle abschotten, erreichen insgesamt ein höheres Wohlstandsniveau als ohne Handel. Und was sonst wenn nicht die Wirtschaftskraft des Westens ist bis heute die Grundlage auch seines Einflusses in der Welt. Genau daran rütteln nun die USA, wenn sie beim Handel dem Irrglauben hinterher rennen, sie stünden am Ende eines Handelskriegs besser da als vorher. Nein, so ist es nicht. Am Freitag traten Trumps Zölle auf Stahl und Aluminium in Kraft, einen Tag später wurde in den USA das Bier teurer: Die erste Brauerei kündigte Preiserhöhungen an, weil sich der Rohstoff für die Aludosen verteuert.

Eine Folge: Das Bier in den USA wird teuer

So viel zur Trump’schen Voodoo-Ökonomie. Das teurere Bier wird nicht das einzige Beispiel bleiben. Dem wirtschaftlichen Schaden auch in Europa steht allerdings womöglich ein politischer Nutzen gegenüber. Trumps Politik schweißt die Europäer enger zusammen, beschleunigt sogar die anstehenden EU-Reformen. Es ist kein Zufall, dass Angela Merkel ausgerechnet heute ihre Vorstellungen für die anstehende Reform der Eurozone skizziert hat. Ein neuer Investitionshaushalt im unteren zweistelligen Milliardenbereich, eine neue Kreditlinie für Staaten, die unverschuldet in Not geraten sind – das geht in die gleiche Richtung wie Emmanuel Macron, es geht nur nicht so weit wie es Macron und manch anderer gerne hätte. Tatsächlich ist bei Merkel noch Luft nach oben, will sie tatsächlich Europa voran bringen. Immerhin: Die Kanzlerin hat heute endlich auf die Vorschläge Macrons geantwortet – seit September hat Europa darauf gewartet.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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