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StartseiteBüchermarkt"Kleiner Versager"04.11.2015

Gary Shteyngart "Kleiner Versager"

Der in Russland geborene und dann mit seinen Eltern in die USA ausgewanderte Gary Shteyngart wurde mit selbstironischen, witzigen Romanen bekannt. Sie alle enthalten zahlreiche Elemente aus seinem Leben - wie sich jetzt in seiner Autobiografie nachlesen lässt.

Von Johannes Kaiser

Der US-amerikanische Kulturjournalist und Schriftsteller Gary Shteyngart  (imago/Anan Sesa)
Der US-amerikanische Kulturjournalist und Schriftsteller Gary Shteyngart (imago/Anan Sesa)
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"Ich bin im April 42 Jahre alt geworden, für Russen ist das wie 75 oder 80. Wir leben nicht sehr lange. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in Russland bei 48 Jahren. Ich habe mir gedacht, ich schreib lieber alles auf, bevor ich sterbe. Deswegen habe ich ein bisschen früher angefangen. Zudem ist mein Gedächtnis nicht so großartig. Ich habe in meiner Jugend eine Menge Drogen geschluckt. Es fällt mir sehr schwer, mich an Dinge zu erinnern. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir. Deswegen wollte ich meine Erinnerungen so rasch wie möglich aufschreiben. Je älter man wird, desto nostalgischer wird man und man denkt, was waren das für wunderbare Jahre. Aber das stimmt nicht. Es ist also ganz wichtig, sich möglichst genau daran zu erinnern, wie schrecklich die Dinge tatsächlich waren und muss man das in jungen Jahren aufschreiben."

Eine typische Antwort des 1972 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, geborenen Schriftsteller Gary Shteyngart - halb ernsthaft, halb im Scherz. Er spricht und schreibt sozusagen immer mit einem Zwinkern. Hinter seiner Ironie, der Art, wie er sich über sich selbst lustig macht, nichts und niemanden ernst nimmt, verbirgt sich eine empfindsame Seele, ein junger Mann, der stets das Gefühl hatte, nie zu genügen. Er war, wie seine Mutter ihn nannte, "Der kleine Versager", der all ihre typischen Einwanderer-Hoffnungen enttäuschte, indem er Schriftsteller statt Anwalt wurde. Dabei hatte sich schon frühzeitig in Leningrad gezeigt, dass das Schreiben eine durchaus einträgliche Arbeit sein kann:

"Ich erinnere mich vor allem an die gigantische Lenin-Statue, die wir von unserem Fenster aus sehen konnten. Weil ich Lenin so sehr liebte - ich war damals fünf Jahre alt -, bestellte meine Großmutter bei mir einen Roman. Der hieß 'Lenin und die magische Gans' und erzählte, wie Lenin diese magische kommunistische Gans traf und sie zusammen Finnland eroberten und versuchten, dort eine sozialistische Revolution auszulösen. Meine Großmutter bezahlte mich damals mit einem Käsestück für jede Seite, die ich schrieb. Das war der Anfang meines Lebens als Schriftsteller. Ich hielt das damals für eine großartige Karriere. Man wird mit Käse bezahlt. Selbst heute bezahlt mich mein Verleger noch mit Käse, ernsthaft. In Deutschland bekomme ich etwa 800 Käsestücke für das Buch, aber es ist sehr leckerer Käse. Das reicht für ein paar Jahre, denn ich esse den Käse sehr langsam und in Deutschland sind die Portionen sehr groß."

So wie Gary Shteyngart seine Jugend in Leningrad beschreibt, war sie alles andere als glücklich. Das geht schon direkt nach der Geburt los. Der Junge wird, wie es in Russland üblich ist, stramm in Tücher gewickelt. Die hätten ihn fast stranguliert.

"Ich werde wiederbelebt, aber einen Tag später fange ich an zu niesen. Meine besorgte Mutter (mal sehen, wie oft die Wörter 'besorgt' und 'Mutter' in diesem Buch dicht beieinanderstehen) ruft in der örtlichen Poliklinik an und verlangt nach der Krankenschwester. Das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion beträgt nur ein Viertel des amerikanischen, doch hier machen Ärzte und Krankenschwestern noch Hausbesuche. Eine bullige Frau kommt an unsere Tür. 'Mein Sohn niest, was soll ich tun?', fragt meine Mutter kurz vorm Hyperventilieren.
'Sagen Sie Gesundheit!', rät die Krankenschwester."

Erinnerungen an Russland

In diesem Stil ist das ganze Buch geschrieben. Immer wieder kehrt Gary Shteyngart in seinen Erinnerungen nach Russland zurück. Das hat nicht nur ihn, sondern die ganze Familie nachdrücklich geprägt. Dass sie 1985 ausreisen darf, verdankt sie dem mütterlichen Teil der Verwandtschaft, denn der ist jüdisch und damit sind alle Familienmitglieder Juden. Mit leicht bitterem, bisweilen sarkastischem Unterton beschreibt der Autor die sehr russische Familiengeschichte unter Stalin mit Hungertod und Deportation, "Heldentod" im Zweiten Weltkrieg und Belagerung, SS-Massakern und Flucht vor der Wehrmacht. Jeder Familienzweig hat mehrere Tote zu beklagen.

Der Hauptteil der Autobiografie beschreibt allerdings die Schwierigkeiten des jungen Gary, seine Versagensängste zu überwinden, Anerkennung zu finden, Freunde zu gewinnen. Die jüdische Schule in New York, die er besucht, ist eine Tortur, denn die Kinder hänseln ihn, der noch kein richtiges Englisch spricht, ständig. Die Lehrer sind eine Katastrophe. Und wieder hilft das Schreiben:

"Ich schrieb eine eigene Version der Thora, die ich Gnorah nannte. Aus Exodus wurde Sexudus, solche Sachen, anstelle von Sarah, der Matriarchin der Juden, setzte ich die Schauspielerin Brooke Shields. Ich erfand sehr viel und es war natürlich eine Satire. Die Rabbis war überhaupt nicht erfreut. Aber für mich war das ein großer Spaß. Meine erste Satire verschaffte mir meinen ersten Freund. In Russland wurde ich mit Käse bezahlt. Hier bekomme ich Freunde, weil ich schreibe. Schreiben kann alles bewirken."

Um sich besser anzupassen, nicht mehr sofort aufzufallen, beschloss der Junge seinen russischen Vornahmen Igor zu Gary umzuwandeln. Der Genuss amerikanische Fernsehserien half ihm schließlich, seinen russischen Akzent loszuwerden. Auf der Oberschule wird er endlich akzeptiert, aber da befindet er sich auch unter lauter anderen Immigrantenkindern. Mit Mühe und Not schafft er seinen Abschluss, der allerdings so schlecht ist, dass ihn nur die Oberlin-Hochschule in Ohio akzeptiert. Das muss eine ziemlich schräge Uni gewesen sein, glaubt man seinen Beschreibungen:

"Die Wahrheit ist schon komisch. Oberlin ist tatsächlich so eine leninistische, irgendwie marxistische Art von Schule. Da gab es eine Bewegung, die forderte, keinen Honig zu essen, weil wir damit die Arbeit der Bienen ausbeuten würden. Es war eine ziemlich merkwürdige Umgebung. Auf ziemlich schräge Weise landete ich in einer utopischen Version dessen, was die Sowjetunion hatte sein wollen. Es gab dermaßen viele Drogen dort, dass ich glaube, ich habe mehr konsumiert als jeder andere auf Oberlin und dafür gebührt mir irgendeine Art von Goldmedaille."

Kein einfaches Elternhaus

Jedes neue Kapitel beginnt mit einem Bild des Autors aus der jeweiligen Lebensphase. Das ist alles andere als schmeichelhaft, passt aber zum gesamten Stil des Buches. Seine Erlebnisse auf der Schule, der Universität, im Berufsleben sind oftmals Satire pur. Bisweilen ist der ständige Spott etwas ermüdend. Dass der Schriftsteller sich mal als ziemlichen Trottel, mal als großkotzigen, arroganten Rebellen gegen jeden und alles darstellt, trägt schon fast masochistische Züge. Er wirkt oft wie ein Angstbeißer, der niemanden zu nahe an sich ranlassen will, und das kostet ihn auch eine große Freundschaft. Einen erfahrenen Drehbuchautor, der ihm bei seinem ersten Roman entscheidende Hilfestellung gibt, stößt er dafür so vor den Kopf, dass dieser die Freundschaft kündigt und ihm nahelegt, endlich eine Psychotherapie anzufangen. Die half offenkundig, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Das Ergebnis ist diese sich selbst gegenüber ziemlich schonungslose Autobiographie. Gary Sheyngard benennt offen seine Schwächen, auch wenn er sich in ironische Scherze kleidet. Man begreift bald, dass der Grundkonflikt die Auseinandersetzung mit den Eltern ist, die ihren Sohn ständig kritisierten.

"Meine Mutter gab mir den Spitznamen 'Kleiner Versager', weil ich immer wieder einmal etwas nicht richtig machte, und das passierte oft. Ich hatte keine sanftmütigen Eltern. Mir erschien das damals ganz normal, dass ich eigentlich bei allem versagte. Das Gute ist, man ist dann sehr zielgerichtet und möchte dringend Erfolg haben. Das Schlimme ist, selbst wenn man dann Erfolg hat, ist man niemals so glücklich, wie man es eigentlich sein könnte."

Es war weiß Gott kein einfaches Elternhaus. Der Vater schlug seinem Sohn in den Nacken, wenn der mal wieder nichts kapierte. Die Mutter verkaufte ihrem Sohn eine Packung Hühnerkoteletts, weil er lernen sollte, dass man im Leben hart arbeiten muss, um sich seinen Unterhalt zu verdienen. Seine Erfahrungen ähneln denen anderer Immigrantenkinder. Sie alle stöhnen unter der Last, dass sie etwas Besseres als ihre Eltern werden sollen. Das Buch endet versöhnlich mit einer gemeinsamen Reise mit den Eltern nach Sankt Petersburg. Als er begreift, welche Schicksalsschläge seine Eltern in ihrem Leben erdulden mussten, verzeiht er ihnen. Es sind die anrührendsten Buchpassagen, in denen Shteyngart seine Ironie deckelt, sich ganz auf seine Eltern konzentriert und ihnen zuhört. Doch auch hier kann er den Schalk, der alle seine Arbeiten prägt, nicht verleugnen. Insofern ist das ein echter Gary Shteyngart, der denn auch im Brustton der Überzeugung erklärt:

"Ich bin vielleicht in der Minderheit, aber ich glaube daran, dass Bücher unterhalten sollen. Ein Buch sollte kein akademisches Traktat sein. Manchmal liest man etwas wunderbar Geschriebenes, langweilt sich aber, weil sich eine Erklärung an die nächste reiht, so als würde die Welt mit einem Mikroskop betrachtet. So was mache ich nicht. Ja, ich möchte schon, dass der Leser begreift, wie es war, in den siebziger Jahren in Russland aufzuwachsen und in den Achtzigern in Amerika. Es soll ihm Spaß machen, denn ganz ehrlich so pathetisch und traurig das war, es gab doch viele witzige Sachen. Bei allem Ärger mit meinen Eltern, sie waren die lustigsten Menschen, die ich kenne. Wenn man das nicht mitbekommt, dann habe ich meinen Job nicht gut gemacht."

Gary Shteyngart hat seine Aufgabe mit Bravour gemeistert und eine Autobiografie vorgelegt, die so überdreht wie vergnüglich ist. Eigentlich perfekte Strandlektüre.

"Kleiner Versager ", in der Übersetzung von. Mayela Gerhardt, erschien bei Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2015, 496 Seiten, 22.95 €

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