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Gauck in Israel

Deutliche Worte zur politischen Situation fehlten

Von Tobias Armbrüster

Der isralische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der Deutsche Bundespräsident Joachim Gauck
Der isralische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der Deutsche Bundespräsident Joachim Gauck (picture alliance / dpa / Lior Mizrahi / Pool)

Gauck hätte klar und deutlich auf die aktuelle israelische Regierung eingehen können, die ganz offenbar keine Zweistaatenlösung für Israelis und Palästinenser mehr will und die im Westjordanland weiter jüdische Siedlungen bauen lässt. Solche Wahrheiten darf auch ein Bundespräsident aussprechen.

Soviel lässt sich nach diesem Israel-Besuch schon mal festhalten: Joachim Gauck ist nicht nur in Deutschland beliebt, auch im Ausland hinterlässt sein Auftreten Eindruck. Er kann zuhören, er kann Menschen für sich gewinnen, er weiß, wann man wie fest eine Hand drückt und wann es besser ist, ein wenig Abstand zu nehmen. Es war beeindruckend zu sehen, wie mehrere Überlebende des Holocaust gestern Abend nach einem Treffen mit Gauck mit liebevollen Worten über ihn gesprochen haben. Kurz: Als Repräsentant der Bundesrepublik im Ausland ist Joachim Gauck ein echter Glücksfall.

Aber, und das ist ein großes "aber", aus einer solchen Reise nach Israel kann gerade ein Mann wie Joachim Gauck wesentlich mehr rausholen – und das ist die eigentliche Schlussfolgerung, die man als Beobachter der vergangenen drei Tage ziehen muss. Gerade wenn es um Israelis und Palästinenser geht, gerade in einem solchen Konflikt, der auf standfeste Vermittler angewiesen ist, gerade hier wäre ein Mann gefragt, der wie Joachim sein halbes Leben damit verbracht hat, Menschen zu motivieren, nach vorne zu blicken, und der sich nicht davor scheut, unangenehme Wahrheiten auszusprechen.

Aber Joachim Gauck wollte diese Rolle in Israel offenbar nicht spielen, und das, obwohl sie ihm eigentlich auf den Leib geschneidert ist. Gauck macht stattdessen das, was er auch gut kann, er wird diplomatisch, nachdenklich. Er redet über die deutsche Vergangenheit, über Verantwortung und von freundschaftlichen Gesprächen mit seinen israelischen Partnern. Kritik lehnt er ab - gerne mit dem Hinweis – oberlehrerhaftes Auftreten sei nicht Sache des Bundespräsidenten.

Aber Gauck hätte noch nicht einmal Lehrer spielen müssen. Es wäre genug gewesen, wenn er hier und da in der Öffentlichkeit deutlichere Worte gefunden hätte. Und wenn er sich nicht verzettelt hätte in eine Neben-Debatte um die deutsche Staatsräson. Stattdessen hätte Gauck klar und deutlich auf die aktuelle israelische Regierung eingehen können, die ganz offenbar keine Zweistaatenlösung für Israelis und Palästinenser mehr will und die im Westjordanland weiter jüdische Siedlungen bauen lässt. Solche Wahrheiten darf auch ein Bundespräsident aussprechen.

Dann ist da außerdem diese völlig veraltete Symbolpolitik dieser Reise. Auf israelischem Boden besucht der Bundespräsident ein erfolgreiches Forschungszentrum, er trifft ehemalige Olympia-Sportler und er ehrt einen milliardenschweren Unternehmer. Im Westjordanland dagegen eröffnet Gauck eine Schule, die auf deutsche Hilfsgelder angewiesen ist. Deutlicher kann eine Reiseplanung nicht vermitteln, wen man da für Gewinner und wen für Verlierer hält in diesem konfliktreichen Land. Auch so lässt sich ein Status Quo zementieren.

"Wir stehen an Eurer Seite" – das, so hieß es aus Gaucks Büro, sollte die Botschaft dieses Besuchs sein, Deutschland an der Seite der Israelis und auch an der Seite der Palästinenser. Rückblickend möchte manch ein Beobachter dem Präsidenten wahrscheinlich zurufen: Mehr Mut, Joachim Gauck, auch bei schwierigen Reisen ins Ausland. Wir stehen an Ihrer Seite.


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