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StartseiteWissenschaft im BrennpunktUterus-Transplantation für ein eigenes Kind02.10.2016

GebärmutterglückUterus-Transplantation für ein eigenes Kind

Im September 2014 ist schwedischen Ärzten eine Sensation gelungen: Vincent wurde geboren, das erste Baby, das in einer gespendeten Gebärmutter heranreifte. Jetzt planen auch Ärzte in Deutschland die erste Gebärmuttertransplantation, obwohl bisher noch keine zuverlässigen Langzeiterfahrungen vorliegen.

Von Christine Westerhaus

Medizinische Illustration einer Fötusentwicklung in der neunten Woche (StocktrekxImages/imago stock&people)
Bislang kamen fünf Babys zur Welt, deren Mütter sich eine gespendete Gebärmutter hatten transplantieren lassen. Alle nach einer risikobehafteten Lebendspende. Alternativen mit Uteri hirntoter Spenderinnen oder gar künstlicher Gebärmütter sind in Planung (StocktrekxImages/imago stock&people)
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Homepage von Prof. Dr. Matthias Beckmann, Direktor Frauenklinik Erlangen

Homepage des Uterus-Transplantationsprojekts an der Sahlgrenska Akademie mit Videos (englische Version)

Link zum Uterus-Transplantationsprojekt an der Cleveland Clinic, USA

Link zur Kinderwunschpraxis Dr. Matthias Bloechle

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"Komm Vincent!"
Im Wohnzimmer eines Göteborger Einfamilienhauses spielt Vincent.
"Komm!"
Ein kleiner Junge, blonde Haare, gestreiftes T-Shirt. Auf der Nase eine Schramme vom letzten Sturz. Mit seiner Mutter schaut er ein Bilderbuch an.
Vincent: "Wuwu!"
Vincent fängt gerade an zu sprechen. Und auch sonst gedeiht er prächtig.
Vincents Mutter Malin Stenberg: "Es ist fantastisch, was wir erreicht haben!"

Die Geburt von Vincent

Uterus-Transplantation: Das neugeborene Baby Vincent kurz nach der Geburt im September 2014 (The Lancet, M. Brännström e.a.)Uterus-Transplantation: Das neugeborene Baby Vincent kurz nach der Geburt im September 2014 (The Lancet, M. Brännström e.a.)

Es ist Anfang September 2014. Im Sahlgrenska Universitätsklinikum in Göteborg wird ein Baby geboren. Ein Junge, die Ärzte entbinden ihn per Kaiserschnitt. Seine Geburt halten sie noch fast einen Monat lang geheim. Erst als das Fachmagazin "Lancet" über das Ereignis berichtet, verbreitet sich die Nachricht. Ausschnitt aus dem Fernsehen:

"Erstmals in der Geschichte der Medizin hat eine Frau mit einer transplantierten Gebärmutter ein Baby geboren!"

BBC: "I think this is a revolutionary step."

Gelungen ist die Sensation einem Team um den Chirurgen Mats Brännström. Zwischen 2012 und 2013 hat er neun Frauen operiert. Bei zwei Frauen musste das Ärzteteam die transplantierte Gebärmutter kurze Zeit später wieder entfernen. Doch fünf haben mittlerweile ein gesundes Baby zur Welt gebracht. Eine Erfolgsquote, die selbst den Pionier Mats Brännström überrascht hat:

"Am Anfang dachte ich, dass vielleicht zwei, maximal drei Kinder geboren werden. Jetzt sind es schon fünf und ich gehe davon aus, dass auch die anderen transplantierten Frauen noch ein Baby bekommen werden. Viele haben daran gezweifelt, dass es funktioniert, aber ich habe immer daran geglaubt. Sonst hätte ich diesen Schritt wohl auch nicht getan. Aber wissen konnte ich es natürlich nicht."

Der neue Weg zum eigenen Kind war mit Risiken verbunden. Und mit hohen Kosten. Die zuständige Ethikprüfungskommission in Göteborg musste abwägen, bevor sie Mats Brännström die Erlaubnis gab. Lennart Andrén ist Vorsitzender dieser Kommission:

"Das Leid der betroffenen Frauen hat natürlich bei dieser Abwägung eine große Rolle gespielt. Unsere Auffassung war, dass die Not sehr groß ist. Und wir haben deshalb entschieden, dass wir diese Operationen genehmigen können, wenn die Frauen gut über die Risiken informiert werden und dennoch bereit sind, sich diesen Strapazen auszusetzen."

Nicht alles lief glatt bei diesen ersten Versuchen. Trotzdem bereiten sich Ärzteteams in den USA, Großbritannien, Belgien darauf vor, weiteren Frauen durch eine gespendete Gebärmutter zum eigenen Kind zu verhelfen.

Auch in Deutschland. Matthias Beckmann, Direktor der Frauenklinik im Universitätsklinikum Erlangen:

"Wir sind jetzt derzeit so weit, dass wir einen Antrag gestellt haben auf die Erlaubnis zur Transplantation, so dass wir davon ausgehen, dass wir wahrscheinlich Mitte nächsten Jahres oder bis zum Herbst soweit sind, dass wir das in entsprechender Weise machen können.

Wie sich Malin Stenberg eine Gebärmutter transplantieren ließ

Malin Stenberg mit ihrem Sohn Vincent (privat)Malin Stenberg mit ihrem Sohn Vincent (privat)

Malin Stenberg ist 16 Jahre alt, als sie erfährt, dass sie ohne Gebärmutter auf die Welt gekommen ist. Niemals wird sie eigene Kinder bekommen können, teilen die Ärzte ihr mit. Für die junge Schwedin zerplatzt ein Lebenstraum:

"Ich fühlte mich missgebildet, nicht vollwertig als Frau. Schließlich ist es ja die Aufgabe einer Frau, Kinder zu bekommen. Deshalb war ich sehr traurig, unendlich enttäuscht und einsam. Und die Ärzte haben mich sehr schlecht informiert."

Etwa eines von 5000 Mädchen kommt ohne Gebärmutter auf die Welt. Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom nennen Ärzte diese Fehlbildung, bei der während der Entwicklung eines Embryos zwar die Eierstöcke angelegt werden, aber kein Uterus. Anderen Frauen muss die Gebärmutter aufgrund einer Krebserkrankung entfernt werden. Schätzungsweise 10.000 Frauen leben in Deutschland ohne funktionierenden Uterus. Bisher gab es für sie nur die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren - oder den illegalen Weg: über eine Leihmutterschaft im Ausland.

Als Malin Stenberg ihren späteren Mann kennenlernt, ist für beide klar, dass sie jeden Weg für ein gemeinsames Kind gehen wollten. Sie denken über eine Adoption nach, nehmen auch mit einer Leihmutteragentur in Indien Kontakt auf. Schon früh ziehen sie eine weitere Möglichkeit in Betracht: Malins Frauenärztin berichtet von den Plänen des Gynäkologen Mats Brännström:

"Ich habe damals zu meiner Ärztin gesagt: Das klingt ja fantastisch, aber das dauert bestimmt alles noch viel zu lange und wird für mich nicht in Frage kommen. Aber dann bekam ich doch noch die Chance, dabei zu sein!"

Zu der Zeit üben die Forscher an der Göteborger Sahlgrenska Akademie an Tiermodellen, transplantieren zunächst den Uterus einer Ratte. Später pflanzen sie auch Schafen und Affen die Gebärmutter von Artgenossinnen ein. Erst als dies gelingt und die Tiere erfolgreich Nachwuchs bekommen, wagen sich die Forscher an den Menschen.

Malin Stenberg ist die fünfte Frau, die transplantiert wird. Das Organ stammt von der 61-jährigen Mutter einer Bekannten, berichtet Stenberg:

"Meine Mutter hätte mir auch gerne geholfen, aber sie hat die falsche Blutgruppe. Es war wirklich schwierig, eine passende Spenderin zu finden, die bereit war, diesen großen Eingriff zu wagen. Aber Eva hat sofort gesagt: Natürlich, ich mache das gerne für euch!"

Gebärmutter wächst während Schwangerschaft um das hundertfache ihres Volumens

3D-Bild des Fötus auf einer Ultraschallaufnahme in der 18. Schwangerschaftswoche (The Lancet, M. Brännström e.a.)3D-Bild des Fötus auf einer Ultraschallaufnahme in der 18. Schwangerschaftswoche. Bereits nach 32. Wochen wurde das Baby per Kaiserschnitt entbunden, da eine Schwangerschaftsvergiftung aufgetreten war (The Lancet, M. Brännström e.a.)

Danach warten die Forscher etwa ein Jahr lang, bis sie einen befruchteten Embryo in die transplantierte Gebärmutter einsetzen. Schon beim ersten Versuch wird Malin Stenberg schwanger.

Unter der Schwangerschaft wächst eine Gebärmutter um das hundertfache ihres Volumens. Es ist unklar, ob das verpflanzte Organ einer solchen Belastung standhalten würde. Zwar haben Ärzte zuvor einer Frau in Saudi-Arabien einen Uterus transplantiert, doch das Organ musste nach drei Monaten wieder entfernt werden. In der Türkei erlitt eine Frau 2011 mehrere Fehlgeburten.

"Es war ein bisschen, wie auf Nadeln zu gehen. Ich konnte kaum glauben, dass ich tatsächlich schwanger war. Es war ein tolles Gefühl aber gleichzeitig habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Kann das wirklich gut gehen? Wird sich das Baby normal entwickeln, mit den ganzen Medikamenten und allem. Aber jeder Tag, der verging, war wie ein kleiner Sieg auf dem Weg dahin!"

Doch nicht alles verläuft nach Plan: In der 32. Woche stellen die Ärzte bei einer Routineuntersuchung eine Präeklampsie, also eine Schwangerschaftsvergiftung fest. Noch am gleichen Tag wird Vincent per Kaiserschnitt entbunden:

"Ich war bei der Arbeit und hatte meinen Kollegen gesagt, dass ich nur kurz zu einer Kontrolluntersuchung muss. Dann kam ich aber gar nicht mehr wieder. Mein Computer war noch an, meine Vertretung noch nicht eingearbeitet. Aber naja - es gibt für alles eine Lösung, schließlich ist es nur ein Job!"

Vincent kommt acht Wochen zu früh auf die Welt. Auch zwei weitere Frauen, die ein Kind in einer transplantierten Gebärmutter austragen, erleiden eine Schwangerschaftsvergiftung und müssen ihr Baby frühzeitig entbinden. Mats Brännström vermutet, dass die Nieren der Frauen überlastet waren:

"Diese drei Frauen waren aufgrund der Fehlbildung nicht nur ohne Gebärmuttermutter, sondern auch mit nur einer Niere auf die Welt gekommen. Wir vermuten, dass sie deshalb empfindlicher auf die Schwangerschaft reagiert haben und auch auf die Immunsuppressiva, die sich ebenfalls auf die Nierenfunktion auswirken."

Die nächsten Transplantationen in Schweden sind in Planung

Mats Brännström beim 6. International Congress on fertility in Alicante, Spanien, am 24. April 2015 (EFE/EPA/MORELL/dpa picture alliance)Mats Brännström beim 6. International Congress on fertility in Alicante, Spanien, am 24. April 2015 (EFE/EPA/MORELL/dpa picture alliance)

Immunsuppressiva sind Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken und verhindern, dass der Körper das fremde Organ abstößt. Alle transplantierten Frauen müssen sie einnehmen. Auch während der Schwangerschaft. Noch ist unklar, ob die Medikamente die Babys im Mutterleib geschädigt haben. Langzeiterfahrungen fehlen, erklärt Brännström:

"Wir wissen es nicht. Es gibt aber weltweit 20.000 Patienten, die die gleichen Medikamente einnehmen mussten und gesunde Babys auf die Welt gebracht haben. Wir hatten allerdings eine verschärfte Situation: Die Belastung der Operation, der Medikamente und der Schwangerschaft. Aus unseren Tierversuchen schließen wir zwar, dass die Methode sicher ist, aber vom Tier ist es natürlich noch ein Schritt zum Menschen."

Inzwischen bereiten sich die Schweden auf die nächsten Transplantationen vor. Ihr Plan ist, weiteren zehn Frauen die Gebärmutter einer Spenderin einzupflanzen:

"Ich bekomme jeden Tag E-Mails von Frauen, die beispielsweise schreiben: 'Ich bin 41 Jahre alt, habe meine Kinder bekommen und will mich nun sterilisieren lassen. Kann man meine Gebärmutter nicht für etwas Besseres verwenden?' Es gibt also so etwas wie ein altruistisches Verhalten hier, also ich denke nicht, dass wir einen Mangel an Organen haben werden.

Mir schreiben auch Transsexuelle aus der ganzen Welt, also Männer, die Frauen geworden sind und gerne eine Gebärmutter hätten. Solche Mails kommen auch. Aber ich schreibe Ihnen, dass wir überhaupt nicht in diese Richtung geforscht haben."

Vincent ist inzwischen zwei Jahre alt. Damit ist er das älteste der bislang geborenen Kinder. Bei ihm haben die Ärzte keine auffälligen Entwicklungen beobachtet. Putzmunter läuft er umher, türmt Bauklötze übereinander und schiebt Plastikautos vor sich her. Wie jedes andere Kind in seinem Alter auch. Mats Brännström:

"Allen Kindern geht es gut. Sie wachsen, die Älteren haben im Kindergarten angefangen. Wir untersuchen sie regelmäßig und machen immunologische und neurologische Tests mit ihnen, um zu sehen, ob sie sich normal entwickeln. Bisher deutet alles darauf hin, dass es keine Schädigungen gibt."

Für die Mütter dagegen waren Operation und Nachbehandlung äußerst belastend. Sie zehrten auch an Malins Kräften:

"Vor allem nach der Transplantation war ich ziemlich angeschlagen. Es war ein großer Eingriff und eine lange Operation. Und direkt danach musste ich diese starken Medikamente einnehmen."

Eingriff bei Gebärmutter-Spenderin vergleichbar mit großer Krebsoperation

Mats Brännström und sein Team bei der Transplantation einer Gebärmutter (UNIVERSITY OF GOTHENBURG/EPA/Johan Wingborg/dpa picture alliance)Mats Brännström und sein Team bei der Transplantation einer Gebärmutter (UNIVERSITY OF GOTHENBURG/EPA/Johan Wingborg/dpa picture alliance)

Für Frauen ohne Gebärmutter ist der Umweg über eine Transplantation oft die einzige legale Möglichkeit, ein leibliches Kind zu bekommen. In Deutschland oder Schweden ist es verboten, ein Baby von einer Leihmutter austragen zu lassen. Der Erlanger Gynäkologe Matthias Beckmann hält dies für einen Fehler:

"Das heißt die Frauen werden gezwungen, eben diesen Weg zu gehen und auch diesen Weg zu bestreiten. In Deutschland. Das ist in anderen Ländern anders, da gibt es noch andere Optionen. Wenn sie Leihmutterschaft haben oder Eizellenspende, würde ich das immer favorisieren, weil das Risiko für die Patientin oder für die Frau in dem Falle, sie ist ja noch keine Patientin - auf jeden Fall niedriger ist, als das Risiko bei einer Transplantation."

Das Risiko trägt dabei nicht nur die Frau, die schwanger werden möchte. Auch die Spenderin setzt einiges aufs Spiel, sagt der Berliner Facharzt für Reproduktionsmedizin, Matthias Bloechle:

"Was man mit berücksichtigen muss, dass gerade für die Spenderin der Gebärmutter die Entnahme der Gebärmutter ein erhebliches Risiko ist, weil es nicht eine einfache Entnahme der Gebärmutter ist, sondern eine Entnahme unter der Bewahrung der zuführenden Gefäße, die die Gebärmutter versorgen. Das ist ein sehr großer Eingriff, vergleichbar mit einer großen Krebs-OP oder sogar noch mehr als eine große Krebsoperation."

Tatsächlich verlief die Organentnahme nicht bei allen Spenderinnen komplikationslos:

"In der ersten Serie von Herrn Brännström war es ja auch so, dass eine Patientin eine Harnleiterverletzung hatte und noch mal operiert werden musste und der Harnleiter neu eingepflanzt wurde. Gott sei Dank hat sie das gut überstanden und der Harnleiter ist dann auch gut eingeheilt. Aber trotzdem ist das die ethische Frage, die man sich stellen muss, oder die man durchdenken muss, ob es gerechtfertigt ist, die Spenderin solch starken Risiken auszusetzen für das Wohl der Empfängerin, die dann ein gesundes Kind bekommt."

Reproduktionsmediziner Matthias Bloechle macht die ethische Frage auf, ob eine Lebendspende nicht ein unverhältnismäßig großes Risiko für die Spenderin bedeutet (dpa)Reproduktionsmediziner Matthias Bloechle macht die ethische Frage auf, ob eine Lebendspende nicht ein unverhältnismäßig großes Risiko für die Spenderin bedeutet (dpa)

Alternativmethode: Uterus einer hirntoten Spenderin

Auch der Erlanger Gynäkologe Matthias Beckmann musste abwägen. Und plant nun mit hirntoten Spenderinnen. Auch das ist riskant.

Im Februar 2016 verkündeten Ärzte von der renommierten Cleveland Klinik in den USA stolz, sie hätten erfolgreich die Gebärmutter einer hirntoten Spenderin verpflanzt.

Doch nur zwei Stunden nach der Pressekonferenz entwickelte die Empfängerin Blutungen - das Organ musste wieder entfernt werden. Mats Brännström kennt die amerikanischen Kollegen und hat ihre ambitionierten Pläne verfolgt:

"Die Amerikaner hatten vorher kaum Zeit, das Organ zu untersuchen. Außerdem verging zu viel Zeit, bis sie die Gebärmutter in die Empfängerin eingesetzt haben, sechs oder acht Stunden waren es, glaube ich."

Besonders bei stark durchbluteten Organen wie der Gebärmutter ist das Zeitfenster zwischen Organentnahme und Transplantation kritisch. Vergeht zu viel Zeit, wird das Gewebe unwiderruflich geschädigt. Brännström:

"Grundsätzlich bin ich mir aber sicher, dass die Transplantation auch mit den Organen Verstorbener funktionieren kann. Man muss die Spenderinnen sehr sorgfältig aussuchen. Sie sollten beispielsweise zu Lebzeiten erfolgreich ein Kind ausgetragen haben."

Im Herbst nächsten Jahres will Matthias Beckmann das Experiment in Erlangen starten:

"Ob wir Erfolg haben werden, kann ich nicht sagen. Aber erstens strengen wir uns an und zweitens: Wir haben auch Ideen darüber, wie wir es machen. Wir haben uns das in Schweden angeguckt, wir waren dort vor Ort und haben gesehen, wie so etwas technisch durchgeführt wird und wir haben uns auch schon Gedanken über gewisse technische Modifikationen gemacht; vor dem Hintergrund, dass wir sehr sehr angetan sind, wie die Technik in Schweden als Einzelperson durchgeführt wird, aber wir glauben, dass nicht jeder so gut operiert."

Künftig künstliche Gebärmütter aus Stammzellen züchten

Die Gebärmutter eines Schafs ist an Pumpen angeschlossen, die die Zellen aus der Gebärmutter auswaschen sollen (Christine Westerhaus)Die Gebärmutter eines Schafs ist an Pumpen angeschlossen, die die Zellen aus der Gebärmutter auswaschen sollen (Christine Westerhaus)

Auch die Schweden wollen Frauen, denen keine geeignete Spenderin in ihrem persönlichen Umfeld zu Verfügung steht, Organe aus dem Körper Verstorbener verpflanzen. Parallel dazu planen sie aber schon den nächsten Schritt: Sie wollen maßgeschneiderte Organe im Labor züchten.

Mats Hellström ist Forscher im Team von Mats Brännström. Jetzt steht er im neonbeleuchteten Keller der Göteborger Sahlgrenska Akademie am Eingang eines Zelllabors: weiße Tische, Pipetten, Rührschüttler, Abzugshauben.

"Unser langfristiges Ziel ist es, eine Gebärmutter aus den Stammzellen unserer Patienten zu züchten.

Wenn Sie mir hier entlang folgen, können wir uns mal anschauen, woran wir arbeiten."

Mats Hellström führt zu einer etwa Schuhkarton-großen, durchsichtigen Plastikwanne. Sie ist zur Hälfte gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Darin schwimmt ein längliches Gebilde. Es ist die Gebärmutter von einem Schaf. An der Seite klemmen mehrere Schläuche:

"Wir haben sie an diese Pumpen angeschlossen, um verschiedene Detergentien, also Waschlösungen durch die Blutgefäße zu pumpen. Damit versuchen wir, die Zellen aus dem Organ herauszuwaschen."

An der bläulichen Farbe ist zu erkennen, dass die Zellen noch nicht vollständig aus dem Uterus herausgewaschen sind (Christine Westerhaus)An der bläulichen Farbe ist zu erkennen, dass die Zellen noch nicht vollständig aus dem Uterus herausgewaschen sind (Christine Westerhaus)

Bei Schafen besteht die Gebärmutter aus zwei langgestreckten Hohlräumen, in die sich die Embryonen einnisten und entwickeln. Die Hohlräume sind an den Enden eingerollt, weshalb das Gebilde an eine Schnecke mit Gehäuse erinnert. Noch schimmert das Organ bläulich. Die Zellen sind noch nicht vollständig herausgewaschen. Dieser Vorgang dauert mehrere Tage, erklärt Mats Hellström:

"Danach ist nur noch das Bindegewebe der Gebärmutter übrig. Wir nennen es die extrazelluläre Matrix. Sie besteht vor allem aus Kollagen, sehr großen Proteinen und Zuckerverbindungen."

Mats Hellström geht zum Kühlschrank.

"Ich kann mal eine normale Gebärmutter rausholen. Dann können Sie mal sehen, wie die aussieht. Sie steht hier im Kühlschrank." - Er öffnet die Kühlschranktür - "Dafür brauche ich aber Handschuhe."

Er zieht sich Handschuhe an und schraubt ein Glas auf:

"Hier haben wir also den Uterus von einem Schaf. Etwa zehn Zentimeter lang. Er sieht noch ganz rosa aus und ist in der Mitte dunkelblau - vor allem da, wo das Gewebe sehr dick ist."

Mats Hellström hält den Uterus eines Schafs in der Hand (Christine Westerhaus)Sobald die ursprünglichen Zellen aus dem Uterus herausgewaschen sind, wird der Uterus mit Stammzellen des Empfängertiers behandelt (Christine Westerhaus)

Im nächsten Glas wabert ein faseriges, fast transparentes Organ von der Konsistenz einer Qualle:

"Und hier bei dieser Gebärmutter haben wir schon alle Zellen rausgewaschen. Das, was dann übrig ist, sieht also genauso aus wie eine richtige Gebärmutter. Nur dass sie eben ganz weiß und transparenter ist - sie wirkt ein bisschen wie ein Gespenst."

Die Forscher versuchen, dieses zellfreie Gerüst zu besiedeln: mit körpereigenen Stammzellen des späteren Empfängers:

"Wenn man sich dieses Gerüst ganz genau anschaut - wir haben das mal mit einem Elektronenmikroskop untersucht - dann sieht es ungefähr so aus wie ein Schweizer Käse. Die ganzen Löcher sind die Stellen, wo die Zellen früher saßen. Wir hoffen deswegen, dass das ganze wie eine Art Puzzle funktionieren wird: Dass die Stammzellen, die wir zu diesem zellfreien Gebilde geben, in diese Löcher wandern und dort anwachsen."

Wenn die Zellen heruasgewaschen sind, bleibt eine "extrazelluläre Matrix" zurück (Christine Westerhaus)Wenn die Zellen heruasgewaschen sind, bleibt eine "extrazelluläre Matrix" zurück (Christine Westerhaus)

Eine Ratte konnte Jungen mit künstlichem Uterus zur Welt bringen

Die Anfänge sind geschafft. Mats Hellström und seine Kollegen haben bei Ratten alle Zellen von einem Spender-Uterus entfernt, mit Stammzellen behandelt, anschließend einen Teil dieses Zellkonstrukts in das Empfängertier verpflanzt. Das Gewebestück war etwa einen Zentimeter groß. Es maß also nur etwa ein Achtel der gesamten Gebärmutter.

"Und das Interessante war, dass die Ratte, der wir das fremde Uterusstück einpflanzten, das Gewebe mit Zellen neu besiedelte. Es sah so aus, als würde der Körper des Empfängers den Uterus wieder aufbauen. Offenbar brauchen wir diese Anfangsbeschichtung. Denn als wir nur das Uterusgerüst einpflanzten, ohne es vorher mit Stammzellen zu grundieren, hat der Körper es langfristig einfach abgebaut."

Am Ende kamen erfolgreich Junge zur Welt. Die Gebärmutter hatte sich so weit regeneriert, dass eine Trächtigkeit möglich war.

Allerdings nisteten sich die befruchteten Eizellen nicht beim Implantat ein. Und die Stammzellen, mit denen die Forscher das Gewebestück vorher behandelt hatten, verwandelten sich auch nicht in Uterusgewebe. Ob das ein Problem ist, wird sich zeigen. Die Vorteile dagegen liegen auf der Hand:

Empfängerinnen eines künstlichen Uterus müssten keine Immunsuppresiva einnehmen, weil das Organ aus eigenen Zellen besteht.

Die Transplantation einer synthetischen Luftröhre im Juli 2011 (SCANPIX SWEDEN/EPA/KAROLINSKA UNIVERSITY HOSPITAL/dpa picture alliance)In Schweden kam es jüngst zum Macchiarini-Skandal, der wissenschafts-ethische Fragen wieder neu ins Bewusstsein rückte: Der Chirurg hatte ab 2011 mehreren Patienten eine synthetische Luftröhre implantiert, mehrere Todesfälle waren die Folge (SCANPIX SWEDEN/EPA/KAROLINSKA UNIVERSITY HOSPITAL/dpa picture alliance)

Die Forschung steckt noch in den Anfängen, doch der Fall des italienischen Chirurgen Paolo Macchiarini zeigt, wie riskant und gleichzeitig umkämpft diese Art der Organ-Züchtung ist. Macchiarini hatte ohne vorherige Tierversuche am Stockholmer Karolinska-Institut mehreren Patienten künstliche, mit eigenen Stammzellen besiedelte Luftröhren eingesetzt. Sechs der insgesamt acht operierten Menschen starben. Mats Hellström:

"Natürlich haben viele Menschen durch diesen Skandal ein negatives Bild bekommen. Deswegen ist es wichtig, den Schaden zu reparieren. Ich hoffe, dass Projekte trotzdem weiterfinanziert werden, denn es haben schon viele Studien gezeigt, dass das Prinzip funktionieren kann."

Forschungsgelder für Uterus-Transplantation legitimieren

Wird es gelingen, eine Gebärmutter zu rekonstruieren? Die Antwort steht aus. Fraglich ist zudem, welcher Aufwand welchem Nutzen gegenübersteht. Schon jetzt sind die Kosten einer Gebärmutter-Transplantation enorm, sagt der Berliner Gynäkologe Matthias Bloechle:

"Die Frage ist natürlich, inwiefern die Krankenkassen dafür aufkämen. Da würde ich meine Fragezeichen dahinter machen. Ich denke, wenn man das vernünftig durchrechnet - also die ganzen Kosten, die man benötigt um eine derartige Operation durchzuführen, sowohl bei der Spenderin als auch bei der Empfängerin, da würde man zwanglos in einem Bereich zwischen 60.000 und 100.000 Euro landen."

Der Direktor der Erlanger Frauenklinik Matthias Beckmann will auch in Deutschland Gebärmutter-Transplantationen durchführen (dpa picture alliance)Der Direktor der Erlanger Frauenklinik Matthias Beckmann will auch in Deutschland Gebärmutter-Transplantationen durchführen (dpa picture alliance)

Die schwedische Studie, in der Mats Brännström neun Frauen eine Gebärmutter eingepflanzt hatte, wurde aus Forschungsgeldern finanziert. In Deutschland ist bisher nicht geklärt, wer für die Kosten der Pilotstudie aufkommen soll. Und ob es überhaupt gerechtfertigt ist, so viel Geld in eine Behandlung zu stecken, für die es Alternativen gäbe. Matthias Beckmann:

"Da stellt sich für mich die Frage: Wer hat denn das Recht zu bewerten, ob eine Kinderlosigkeit schlechter oder besser ist, als eine Krebserkrankung? Wir geben Milliarden aus für Krebserkrankungen. Das ist korrekt, aber wir müssen auch was tun für unseren Nachwuchs, das sind die Kinder.

Und wenn es da Verfahren gibt, die dazu die Möglichkeit geben, dass Menschen, die durch von ihnen nicht verschuldete Gründe eine Erkrankung haben und diese Erkrankung wir durch eine mögliche Option behandeln können: Mit welchem Recht sagen wir dann: Wir werten das als nicht so wichtig und werten dafür eine andere Erkrankung als wichtiger?"

Eine Gebärmutter ist kein lebenswichtiges Organ, das unbedingt ersetzt werden muss. Die Patientengruppe ist zudem klein. Dennoch sollte man diesen Frauen die Chance auf ein eigenes Kind bieten, meint auch Mats Brännström, der selbst Vater von fünf Kindern ist:

"Es stimmt, eine Gebärmutter ist kein lebenswichtiges Organ! Aber es erhöht die Lebensqualität. Und wenn man es mit einer Handtransplantation oder einer Bauchspeicheldrüsentransplantation vergleicht, sind das auch keine lebensnotwendigen Transplantationen. Selbst eine Niere kann man durch Dialyse ersetzen. Wenn man es so sieht, sind eigentlich nur Herz und Leber wirklich überlebenswichtige Organe."

Eine Standard-Behandlungsmethode wird die Transplantation einer Gebärmutter dennoch niemals werden, meint Matthias Beckmann. Dazu sei die Prozedur viel zu kompliziert:

"Jeder realisiert, wie technisch aufwändig das ist. Das ist keine Methode so wie künstliche Befruchtungsprogramme oder andere, die in der allgemeinen Situation angewandt werden können. Das ist Hochleistungs-Spitzenmedizin, die nur wenige Leute beherrschen."

Malin Stenbergs Gebärmutter musste nach der ersten Geburt wieder herausoperiert werden

Der kleine Vincent sitzt auf seinem Kinderstuhl und tippt auf den Bildschirm eines Mini-IPads. Leibliche Geschwister wird er aller Voraussicht nach keine bekommen. Drei Monate nach seiner Geburt haben die Ärzte die Gebärmutter, in der er herangewachsen ist, wieder entfernt:

"Wir hatten die Hoffnung und den Wunsch, noch ein zweites Kind zu bekommen. Aber mein Körper hat durch die Schwangerschaftsvergiftung und die Medikamente ziemlich gelitten. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass es mir gut ging, zeigten meine Werte, dass meine Nierenfunktion schlecht war. Deshalb rieten mir die Ärzte von einer zweiten Schwangerschaft ab."

Nicht nur bei Malin Stenberg, sondern auch bei den anderen Frauen wurde das fremde Organ herausoperiert, als die Familienplanung abgeschlossen war. Spätestens nach dem zweiten Kind. Drei der behandelten Frauen ließen die Gebärmutter bereits nach der ersten Schwangerschaft entfernen, um die Medikamente absetzen zu können. Stenberg:

"Es fühlte sich ohne Gebärmutter tatsächlich ziemlich leer an. So lange ich sie hatte, bekam ich fast das Gefühl, eine vollwertige Frau zu sein. Klar, es ist nur ein Organ, das eigentlich keine Bedeutung in meinem Alltag hat. Aber es war schon ein seltsames Gefühl, plötzlich eine Gebärmutter zu haben, und sie dann aber auch wieder loszuwerden. Aber es ist nicht so, dass ich herumlaufe und meine Gebärmutter vermisse."

Malin Stenberg hat große Strapazen auf sich genommen, für Vincent, ihr eigenes Kind. Wenn sie sich noch einmal entscheiden müsste, würde sie diesen Weg wieder gehen?

"Manchmal bin ich von mir selbst fasziniert, dass ich nicht mehr über die Risiken nachgedacht habe. Dass ich mich so einfach in dieses Projekt gestürzt habe, ohne irgendeine Garantie zu haben - nur meine starken Hoffnungen, und den Wunsch, dass alles gut geht. Hinterher habe ich mich manchmal gefragt: Wenn es nicht funktioniert hätte, wie traurig wären wir dann gewesen?"

Es sprachen: Max Urlacher, Maria Hartmann, Thomas Holländer und Ilka Teichmüller
Ton: Andreas Stoffels
Regie: Friederike Wigger
Redaktion: Christiane Knoll

Produktion Deutschlandfunk 2016

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