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Gebrochene Seelen bevölkern die Bahnhöfe

Jaromir 99, Jaroslaw Rudis: Alois Nebel. Graphic Novel, Verlag Voland & Quist

Von Zaia Alexander

Ein Fahrdienstleiter in einer kleinen Bahnstation in der Tschechoslowakei im Umbruch der Zeit
Ein Fahrdienstleiter in einer kleinen Bahnstation in der Tschechoslowakei im Umbruch der Zeit (AP)

In einer Triologie holen Alois Nebel die Nebel und Schatten der Vergangenheit ein. Die Geschichte spielt mitten im Zusammenbruch des kommunistischen Systems der Tschechoslowakei - und arbeitet mit Grafik und Erzählung.

Als die Graphic Novel "Alois Nebel" von Jaroslav Rudiš und dem Illustrator Jaromír 99 im Jahr 2003 in Tschechien erschien, wurde das Buch sofort ein Erfolg. Das ist nicht überraschend. Zum einen steht "Alois Nebel" in einer Tradition, die starke Beachtung findet, seit Art Spiegelmanns bahnbrechender Graphic Novel "Maus", Marjane Satrapis "Persepolis" oder "Waltz mit Bashir" von Ari Folman: Graphische Erzählungen und Romane, die symbolkräftig von den Verflechtungen politischer und persönlicher Geschichte erzählen.

Auch die vorliegende Trilogie, die Eva Profousová ins Deutsche übersetzte, beschreibt eindrücklich die Verletzungen des Einzelnen in einer als übermächtig erlebten Gesellschaft. Die Autoren bedienen sich einer kunstvoll reduzierten Sprache und aussagestarken, griffigen Zeichnungen. Erfahrungen werden so ästhetisch verhandelbar, die sich gewöhnlich dem Sprachlichen verweigern. Erinnerungen werden zugänglich gemacht, für die es oft keine Worte gibt.

Alois Nebel arbeitet als Fahrdienstleiter in einer kleinen Bahnstation in der Tschechoslowakei der 80iger-Jahre. Das kommunistische System steht kurz vor dem Ende und mit ihm die ein halbes Jahrhundert währende Besatzungszeit. Der abgelegene Bahnhof an der tschechisch-polnischen Grenze ist ein vergessener Ort, ein Vakuum, in dem das Alte am Verschwinden ist, das Neue noch nicht Platz gefunden hat. Als eines Tages Nebel über dem sozialistischen Städtchen Bílý Potok im Altvatergebirge aufzieht, befallen Alois albtraumhafte Fantasien vergangener Kriegsverbrechen. Alois Nebel ist im wahrsten Sinne des Wortes "benebelt". Unfähig, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, führen die Gleise, die er als Fahrdienstleiter überwachen soll, für ihn direkt in die belastete Geschichte Europas hinein: Juden, die in Güterzügen in den Tod gefahren, Deutsche, die aus dem Sudetenland vertrieben werden, sowjetische Soldaten, die - ebenfalls in Güterzügen - zur Besetzung der Tschechoslowakei anrücken. In kantigen schwarz-weiß Zeichnungen folgt man einem Mann, der von den Geistern des 20. Jahrhunderts heimgesucht wird.

Nebel, Jahrgang 1949, hat keines der Ereignisse selbst erlebt. Aber sie wirken nach, was der Autor Jaroslav Rudiš mit folgenden Worten beschreibt: "Die Gleise sind Zeuge der Vergangenheit und ihrer Traumata, sie sind immer noch hier." Die Hauptfigur ist angelehnt an Vater und Großvater des Autors, die beide Fahrdienstleiter waren. Rudiš greift auf ihre Erzählungen zurück, die er in der Kindheit hörte.

Alois Nebel, der gedrungene Mann mit schwarz umrandeter Brille, Schnurrbart und Eisenbahnermütze, hat - wie die meisten zwanghaften Menschen - eine Strategie entwickelt, um seine grauenhaften Visionen und die Einsamkeit zu bekämpfen. Er sammelt alte Fahrpläne. Es beruhigt ihn, diese Pläne aus dem vorletzten Jahrhundert zu betrachten. Sie geben ihm ein Gefühl der Ordnung. Und sie helfen ihm, die Grausamkeit der menschlichen Natur und die seiner Nachbarn im korrupten Bílý Potok vorübergehend zu vergessen. Doch die Halluzinationen werden intensiver. Als er sie nicht mehr aushält, wird er in die Psychiatrie eingeliefert. Hier begegnet er der zweiten wichtigen Figur dieser beeindruckenden literarischen Tour de Force: Er freundet sich mit dem "Stummen" an. Der "Stumme" wurde beim Versuch, die Grenze zu überqueren, festgenommen und eingeliefert. Von einem durchweg psychotischen Klinikpersonal soll er mit Hilfe von Elektroschocks zum Sprechen gebracht werden. Aber sein Schweigen ist symptomatisch für alles Unaussprechliche in traumatischen Erfahrungen. Es steht für die Schwierigkeit, Geschichte und persönliche Erfahrungen miteinander in Einklang zu bringen. Die Tortur der Elektroschocks verweist unübersehbar auf die Experimente der Nazis. Sie kann weder das Geheimnis um den axtschwingenden Mann lüften, der eines Tages in Bílý Potok auftaucht, noch wird die Frage geklärt, warum der Mann stumm bleibt. Das traumatische Erlebnis, das ihm seine schweigsame Rolle bereits in der Kindheit aufgebürdet hat, wird erst im Epilog und beinahe wortlos erzählt.

Im zweiten Teil der Trilogie, Nebel ist aus der Klinik entlassen, ist auch die tschechische Welt durch den Fall der Mauer verändert. Auf dem Weg nach Prag registriert Nebel eine allgegenwärtige Verlorenheit. Gebrochene Seelen bevölkern die Bahnhöfe. Neue Orte des Schreckens werden sichtbar. Die merkwürdige Verwandlung, die ein ehemaliges Konzentrationslager durchlief, illustrieren Aufschriften am Tor: "Arbeit macht frei" wurde durch die kommunistische Losung "Die Wahrheit wird siegen" ersetzt und in der freien Marktwirtschaft durch die Aufschrift "Auto-Camping" abgelöst.

Elegant ergänzen sich in dieser Graphic Novel Elemente des Film Noir und des Expressionismus. Die Zeichnungen kommen ohne Schattierungen aus und setzen schwarze Linien hart auf weißen Hintergrund, was an Holzschnitte erinnert. Der Zeichner Jaromir99 hat sich dabei nach eigener Aussage vom goldenen Zeitalter des amerikanischen Comic inspirieren lassen. Diese Comics wurden, wie Kenner wissen, vom Film Noir beeinflusst, der wiederum von expressionistisch arbeitenden Regisseuren entscheidend geprägt wurde, die aus Hitlerdeutschland nach Hollywood geflohen waren. Die völlige Abwesenheit von Grautönen in den düsteren Zeichnungen unterstreicht die Unzugänglichkeit traumatisierter Erinnerung. Als weiße Fläche liegt sie vielmehr unter allen Erzählungen von Genoziden und Verbrechen an der Menschlichkeit. Gerade in diesem Gespür für das Unheimliche und das Entsetzliche als nicht ausgesprochenes Geheimnis liegt die treibende Kraft dieses Buches, das mit Rückblenden und Zeitsprüngen arbeitet. Diese Methode mag für das Genre des Comics typisch sein. Ihre einzigartige Stimmigkeit erhält sie hier dadurch, dass sie die fragmentarischen Erzähltechniken traumatisierter Augenzeugen exakt abbildet.

Bevor die Trilogie mit einer Hochzeit enden kann, unterhalten sich der Autor und der Zeichner innerhalb des Comics darüber, ob ein tragisches oder ein gutes Ende besser wäre. Ein reflexives Spiel, das eine weitere Referenz an Spiegelmanns "Maus" darstellt. Während der eine für Hochzeit stimmt, hält der andere eine Beerdigung für weniger romantisch. "Du bist doch selber romantisch Jaro”, ist die Antwort Jaromirs. Aber Jaro ist der Beginn beider Vornamen; des Zeichners und des Autors. Haben wir es also mit einem versöhnlichen Ende zu tun? Zwei Möglichkeiten beschließen das Buch: links ein Häuschen mit Gartenzaun, rechts Kreuz und Grab. Die Geister leben jedenfalls weiter.

Buchinfos:
Jaromir 99, Jaroslaw Rudis: "Alois Nebel", Graphic Novel, übersetzt von Eva Profousová, Verlag Voland & Quist, 360 Seiten, Preis: 24,90 Euro

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