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StartseiteSprechstundeSchmerzhaft, aber unausweichlich03.04.2018

GeburtswehenSchmerzhaft, aber unausweichlich

Radiolexikon Gesundheit

Sie sind schmerzhaft, unerbittlich und unerlässlich: Geburtswehen. Selbst bei Kaiserschnitten raten Ärzte, die ersten Wehen abzuwarten, weil das Kind davon profitiert. Denn Senk-, Eröffnungs- und Presswehen erfüllen unterschiedliche Funktionen.

Von Mirko Smiljanic

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Der Bauch einer schwangeren Frau (imago stock&people)
Ob mit Schmerzmittel oder ohne, irgendwann setzen die Geburtswehen ein und befördern gemeinsam mit der Mutter das Kind auf die Welt (imago stock&people)
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Klinikum Leverkusen, Kreißsaal, 6 Uhr morgens. Vor wenigen Minuten hat eine 38-jährige einen 3.500 Gramm schweren Jungen entbunden. "Das ging relativ schnell, sie hat einen guten Spontanpartus gehabt, Mutter und Kind sind wohlauf", erklärt Hebamme Christina Schädlich. "Wir warten jetzt noch auf die Nachgeburt und schauen da natürlich nach Rissverletzungen und nach Blutungen bei der Mutter und dass es dem Kind gut geht."

Der Apgar-Score zeigt mit neun Punkten fast ideale Werte, weitergehende Untersuchungen sind nicht notwendig. Die Mutter wird auf ihr Zimmer gebracht, wo sie ein paar Stunden später erschöpft, aber glücklich mit ihrem Kind im Arm in den Kissen sitzt.  

"Na ja, heute Nacht ging es eigentlich schnell, innerhalb von vier Stunden war der Kleine auch da. Die Wehen haben angefangen, dann sind wir eigentlich auch direkt losgefahren mit unserem Krankenhauskoffer, und innerhalb von vier Stunden war er da."

"Man ist quasi ausgeliefert"

Es ist ihr zweites Kind, sie wusste, was Wehen sind. "Das sind wirklich so ganz starke Krämpfe im Unterleib, die teilweise auch an den Beinen richtig ziehen. Mehr als hoffen, dass die Wehe bald vorbei ist, kann man halt nicht mehr machen. Man ist quasi ausgeliefert. Und wenn die Wehen halt sehr häufig hintereinander kommen, ist es halt superanstrengend, überhaupt wieder Kraft zu tanken und dazwischen zu pressen, also ich fand es sehr, sehr anstrengend."

Fast alle gebärenden Frauen empfinden so: Wehen sind schmerzhaft! Wehen sind unerbittlich!

"Wehen an sich heißt ja nichts anderes, als dass sich die Gebärmutter in gewissen Abständen immer wieder zusammenzieht und entspannt", sagt Dr. Gabriele Fries, Oberärztin im Kreißsaal am Klinikum Leverkusen, "und damit letztlich dafür sorgt, dass der kindliche Kopf im besten Fall sich dem mütterlichen Becken einpasst und anpasst, dass schrittweise der untere Anteil der Gebärmutter, der ja eigentlich verschlossen ist und durch den Druck des kindlichen Kopfes sich langsam aufweitet, aufweicht, verkürzt und sich dann eröffnet. Und am Schluss, wenn er vollständig eröffnet ist, ist das nächste Ziel der Wehen, dass das Kind tiefer tritt, ins Becken eintritt, durchs Becken durchtritt und entbunden wird. Ohne Wehen kommt kein Kind."

Wehen erfüllen mehrere Funktionen

Selbst bei Kaiserschnitt-Entbindungen raten Ärzte, zunächst die ersten Wehen abzuwarten. Für die Mutter ist das zwar etwas stressiger, für das Kind aber besser. In den letzten Wochen wird es eng in der Gebärmutter mit der Folge, dass das Kind in eine Beugeposition geht, um durch den Geburtskanal zu kommen. So ganz nebenbei führt diese Position aber auch dazu, dass sich der Brustkorb zusammenpresst und Fruchtwasser aus der Lunge gedrückt wird. Bei zu frühem Kaiserschnitt, wenn die Wehen noch nicht eingesetzt haben, hat das Kind mitunter Probleme, erst das Fruchtwasser auszustoßen, um anschließend Luft einzuatmen. Ein Problem, dass entbindende Frauen nicht haben, dafür müssen sie sich mit den Wehen auseinandersetzen.

"Das Schwierige ist für die Frau, zu unterscheiden, sind es schon Geburtswehen, sind es noch Senkwehen, sind es Wehen in der frühen Eröffnungsphase, das heißt, wenn der Körper sich überhaupt erst drauf einstellt, dass die Wehen so langsam kommen, die teilweise noch unregelmäßig sind, die Frauen ja auch teilweise überraschend treffen, gerade die Erstgebärende, die noch gar nicht weiß, was Wehen eigentlich sind, die völlig von den Socken ist durch diesen Schmerz."

Schmerzerleichterung, dass die Gebärende mitgehen kann

Gesteuert werden Wehen durch Hormone. "Das bekannteste Hormon ist das Oxytocin", umgangssprachlich auch "Kuschelhormon" genannt, ein aus neun Aminosäuren bestehendes Neurohormon, das die Hirnanhangsdrüse ins Blut ausschüttet, um die Geburt einzuleiten, "das sind einfach Reifungsprozesse, da gibt es verschiedene Mediatoren, die dazu führen, da kommen wir jetzt zu den Senkwehen, schon gegen Ende Schwangerschaft hin vereinzelt, auch mit Stress assoziiert zum Beispiel Kontraktionen auftreten, viele Frauen haben das abends, wenn sie zur Ruhe kommen, dann sagen sie, Mensch, seit drei, vier Tagen und in der Nacht ein paar Stunden, zieht sich die Gebärmutter zusammen, ich dachte schon es geht los, aber dann schläft es wieder ein."

Senkwehen bringen das Kind in die richtige Startposition für die Geburt. Sie sind sanfter, viele Frauen spüren sie als Spannung und Druck verbunden mit einem Ziehen im Rücken und allgemeinem Unwohlsein. Die Geburtswehen selbst sind weitaus schmerzhafter, so die die Leverkusener Geburtsmedizinerin Gabriele Fries.

"Man kann in die Wanne gehen, wir können Schmerzmittel geben, immer in Absprache mit dem Geburtshelfer, mit der Patientin, mit der Hebamme, die die Frau ja viel länger betreut als der Geburtshelfer, wir kommen ja immer nur sporadisch dazu, um noch mal zu überlegen, ist das vielleicht der richtige Zeitpunkt, um noch mal eine richtige Schmerzerleichterung zu schaffen, damit die Frau sich wieder bewegen kann, damit sie mitgehen kann, damit sie vielleicht noch mal in eine aufrechte Position kommt oder das Becken kreisen kann, was dem Kind wieder ermöglicht, sich zu entspannen und ins Becken einzutreten."

Wehen sind bald vergessen

Ob mit Schmerzmittel oder ohne, irgendwann setzen die echten Geburtswehen ein und befördern gemeinsam mit der Mutter das Kind auf die Welt. Die Wehen sind anschließend rasch vergessen, erschöpft, aber glücklich hält die 38-jährige Leverkusenerin ihr Baby in den Armen. Schon ein paar Stunden später beschäftigt sie die nächste wichtige Frage: Wem sieht der Kleine mit den schwarzen Haaren denn nun ähnlicher, der Mutter oder dem Vater?

"Der Papa meinte, das erste Kind kam wirklich so nach mir, ich hab es gesehen und dachte mir, das bin ich, aber beim zweiten hat er einen Joke gemacht und meinte, ist das vielleicht vom Milchmann, ich sage, nee, das glaube ich eher weniger, ich weiß nicht nach wem er kommt, ich kann es noch nicht beurteilen."

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