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StartseiteForschung aktuellGefährliche Spannung in der Tiefe26.02.2008

Gefährliche Spannung in der Tiefe

Geoforscher analysieren Bergschläge im Saar-Bergbau

<strong>Geologie. - Wenn alte Bergwerksstollen einbrechen, sind mitunter heftige Beben die Folge - so geschehen vergangenen Samstag im Saarland. Immer wieder erschrecken Erdstöße die Anwohner in der Nähe von Gruben und ziehen auch beträchtliche Schäden nach sich. Geologen untersuchen jetzt die genauen Ursachen der Bergschläge im Saarland. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erklärt die Vorgänge im Gespräch mit Gerd Pasch.</strong>

Die besonderen geologischen Verhältnisse des Saarlandes sind mitverantwortlich für die heftigen Bergschläge. (AP)
Die besonderen geologischen Verhältnisse des Saarlandes sind mitverantwortlich für die heftigen Bergschläge. (AP)

Gerd Pasch: Sind Bergschläge eine generelle Folge des unterirdischen Bergbaus?

Dagmar Röhrlich: Egal, was ich mache, sobald ich in die Erde eingreife - ob jetzt mit Bergbau oder mit Geothermie - können Erdbeben entstehen. Nur die müssen nicht immer so folgenreich sein wie jetzt im Saarland. Was passiert, wie stark diese durch den Bergbau ausgelösten Erdbeben, die Fachleute auch Bergschläge nennen, hängt von den geologischen Verhältnissen ab und davon, wie ich jetzt abbaue oder fördere.

Pasch: Wie entstehen denn die meisten Beben?

Röhrlich: Die meisten Beben entstehen unmittelbar während der Arbeit der Bergleute, deshalb sind unter der Woche auch mehr kleinere Beben zu verzeichnen, einfach dadurch, dass sie die Erde aushöhlen und danach hinter ihnen wieder zusammenbricht, was sie weggenommen haben. Am Wochenende lässt dann diese Tätigkeit der kleinen Beben wieder nach. Und in der vergangenen Woche ist es dann zu diesem schweren Schlag am Samstag gekommen:

Pasch: Eigentlich sollte zwei- bis dreimal in der Woche in Saarlouis die Erde beben. Wovon hängt es ab, wie stark oder schwach ein solches Beben wird?

Röhrlich: Im Saarland wird ein Flöz abgebaut, das von einer sehr mächtigen Sandsteinschicht überdeckt wird. Diese Sandsteinschicht nimmt sehr lange die Spannungen auf, die dadurch entstehen, dass ich darunter Hohlräume schaffe, die dann wieder zusammenbrechen, wenn der Bergbau fortschreitet. Irgendwann ist aber diese Spannung zu groß und dann bricht die Sandsteinschicht wie ein Knäckebrot. Im größten deutschen Steinkohlerevier im Ruhrgebiet ist das anders: da habe ich keine solche massive Schicht, die so große Spannungen aufnehmen könnte, das heißt, da bricht es sofort nach wie abgebaut wird. Gleichzeitig liegen da sehr dicke lockere Sedimentschichten drüber, die wie so ein Federkissen wirken - das ist also eine ganz andere Situation und deshalb sind die Beben dort nicht so stark an der Oberfläche ausgeprägt.

Pasch: Sie erwähnten eben, dass auch der Abbau eine Rolle spielt bei diesen Bergschlägen?

Röhrlich: Im Saarland wird so abgebaut, dass man quasi zwei Abbaufronten hat. Jede ist etwa 250 Meter breit. Und die wurden bis November vergangenen Jahres mehr oder weniger gleichmäßig durch die Kohle getrieben, indem der Bergmann die Kohle abgehobelt hat. Es gibt dann dort Stützen, die verhindern, dass die Decke herunter stürzen. Dahinter bricht dann alles wieder ein. Der Abbau marschiert dann nach vorne, der Hohlraum ebenfalls und hinten habe ich halt das Nachgeben des Gesteins. Es hat dann so viele Beben gegeben im Saarland aufgrund des Knäckebrotverhaltens der Sandsteinschicht, dass man gesagt hat 'wir wollen verhindern, dass die Spannungen sich in der Sandsteinschicht so hoch aufbauen'. Deshalb hat man nur noch eine der Abbaufronten vorangetrieben, die andere sollte 400 Meter zurück bleiben. Man war noch nicht ganz so weit, der Abstand zwischen beiden Fronten war 320 Meter, als am vergangenen Samstag dann wieder die Erde gebebt hat.

Pasch: Also hat es nicht geholfen, und die Schäden sind doch erstaunlich groß. Woran liegt das?

Röhrlich: Was jetzt an der Oberfläche passiert, das hat weniger etwas damit zu tun, wie groß das Erdbeben in der Tiefe tatsächlich ist, sondern wie die Bodenbeschleunigungen sind, die dann halt oben auftreten, wo die Häuser stehen. Im Saarland ist es jetzt so, dass dort die 'Federkissen-Sedimentkissen' fehlen, die im Ruhrgebiet alles ohnehin abfedern. Dort gehen die Erschütterungen, die unten auftreten, quasi eins zu eins bis oben hin durch. Deshalb sind dort sehr hohe Bodenbeschleunigungen aufgetreten, die dreimal höher waren als das, was wir maximal im Ruhrgebiet gemessen haben. Das gibt dann auch diese großen Schäden.

Pasch: Hat das auch ein Gefahrenpotenzial für die Kumpel unter Tage?

Röhrlich: Die sind unterhalb der Bebenzone. Die Beben entstehen etwa 200 Meter über ihrem Abbau, die beeinträchtigt das nicht.

Pasch: Ist der Saar-Bergbau noch zu retten?

Röhrlich: Das kommt darauf an, zum einen, was die Bewohner dort politisch hinnehmen wollen und was für sie an Schäden hinnehmbar ist, und zum anderen, ob man vielleicht doch noch eine Lösung findet. Denn generell ist es unter diesen Bedingungen schwieriger, Kohle abzubauen als an der Ruhr, weil einfach mehr passieren kann. Vielleicht hilft es, wenn man den Abbau langsamer vorantreibt, vielleicht muss man die beiden Abbaufronten noch weiter entzerren. Aber ob das dann gewollt ist, dass ist eine politische Frage.

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