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StartseiteForschung aktuellGefahr aus dem Untergrund18.07.2008

Gefahr aus dem Untergrund

Schluckt der Genfer Beschleuniger die Erde?

Physik. - -Schwarze Löcher kennt man nur als weit entfernte Riesenstaubsauger im All, die alle Materie an sich reißen und vernichten. Ein solches Ungeheuer soll jetzt, so manche Befürchtungen, auf der Erde von der Leine gelassen werden. Der Large Hadron Collider, der größte Beschleuniger der Welt, wird in ein paar Wochen im europäischen Teilchenforschungslabor Cern in Betrieb gehen. Und er soll möglicherweise Schwarze Löcher produzieren, oder etwa doch nicht?

Von Frank Grotelüschen

Large Hadron Collider (LHC) am Cern in Genf - Aufbau des Compact Muon Solenoid (CMS) (CERN)
Large Hadron Collider (LHC) am Cern in Genf - Aufbau des Compact Muon Solenoid (CMS) (CERN)

"Von beiden Seiten kommt der Strahl herein und wird dann im Zentrum des Detektors zur Kollision gebracht. Also von rechts und von links kommen Protonen, und die kollidieren im Zentrum."

Eine unterirdische Halle am Cern, groß wie eine Kathedrale. Die Physikerin Silvia Schuh steht vor Atlas, einem Detektor groß wie ein Bürohaus. Ein paar Wochen noch, dann wird das Monstrum aktiviert. Denn dann geht – nach einer Bauzeit von fast 15 Jahren – der LHC in Betrieb. Die aufwändigste Wissenschaftsmaschine aller Zeiten, der stärkste Teilchenbeschleuniger der Welt. Eingebaut in einen 27 Kilometer langen Ringtunnel wird er Protonen, also Wasserstoffkerne, auf Rekordenergien bringen und genau dort, wo der Atlas-Detektor steht, aufeinander feuern – und zwar mit voller Wucht. Schuh:

"Was dabei passiert ist, dass neue Teilchen, die vorher noch nicht existiert haben, im Zentrum von unserem Detektor entstehen können. Die leben eine bestimmte Zeit, zerfallen dann. Und wir sehen uns an, was passiert, nachdem sie zerfallen sind.”"

Das Prinzip ist alles andere neu. Winzige Teilchen aufeinander schießen, um neue, bis dato unbekannte Partikel zu erzeugen, das treiben die Physiker schon seit Jahrzehnten. Doch nun befürchten Kritiker wie der Tübinger Chaosforscher Otto Rösler und der amerikanische Privatgelehrte Walter Wagner folgendes: Der LHC wird die Protonen derart heftig aufeinander feuern, dass sie sich zu winzigen Schwarzen Löcher verdichten können. Deren Schwerkraft ist so groß, dass sie sämtliche Materie um sich herum anziehen und verschlucken. Die unersättlichen Löcher wachsen immer weiter– bis sie schließlich die ganze Erde verschlingen. Das Fazit von Rössler und Wagner: Der LHC darf nicht eingeschaltet werden, sonst könnte die Welt untergehen. Um das zu erreichen, hat Wagner bei einem Bezirksgericht auf Hawaii sogar Klage gegen das Cern erhoben. Aber:

""Kein experimenteller Hinweis, den wir haben, deutet irgendwie darauf hin, dass die Theorien von Herrn Rössler und Herrn Wagner irgendeine Relevanz haben","

sagt Joachim Mnich, Physiker am Teilchenforschungszentrum Desy in Hamburg,

""wir haben kein Indiz dafür, dass das, was wir am LHC tun, in irgendeiner Weise gefährlich sein könnte."

Nun gibt es Physiker, die es durchaus für möglich halten, dass der LHC tatsächlich schwarze Löcher erzeugt. Sie wären winzig, viel kleiner noch als ein Atomkern. Mnich:

"Allerdings muss man sich davor hüten, diese schwarzen Löcher, die wir dort produzieren, zu vergleichen mit den schwarzen Löchern, die wir aus der Astrophysik her kennen – diese großen, Masse verschlingenden Monster. Diese schwarzen Löcher, wenn sie denn produziert werden sollten, würde überhaupt gar keine Gefahr darstellen, weil sie nämlich sofort wieder zerfallen würden, bevor sie irgendein Unheil anrichten."

Um die Bedenken wissenschaftlich zu analysieren, hatte das Cern schon vor Jahren eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Deren Bericht wurde nun von einem unabhängigen Gremium aus hochrangigen Wissenschaftlern bestätigt: Demnach geht vom LHC keinerlei Gefahr aus. Besonders ein Argument sei absolut überzeugend, sagt Desy-Forscher Joachim Mnich:

"Wir machen am LHC im Prinzip nichts Neues. Wir reproduzieren etwas, was tagtäglich seit 4,5 Milliarden Jahren auf der Erde passiert. Die Erde wird seit ihrer Geburt vor 4,5 Milliarden Jahren mit kosmischen Teilchen bombardiert, die zum Teil viel, viel höhere Energien erreichen. Und wenn dort schwarze Löcher erzeugt werden würden – die Tatsache, dass wir seit 4,5 Milliarden Jahren immer noch auf dieser Erde leben können, zeigt, dass diese Teilchen ungefährlich sind. völlig ungefährlich."

Das Gleiche trifft auch für andere hochspekulative Teilchen zu, die im LHC entstehen könnten und die manch ein Querkopf für gefährlich hält – so genannte Strangelets zum Beispiel, oder magnetische Monopole, oder auch Vakuumblasen. Mnich:

"Auch hier gilt: Wenn wir sie erzeugen würden, wären sie ungefährlich. Weil sie halt wieder zerfallen."

Viel Rauch also um nichts. Und so können Silvia Schuh und ihre 5000 Physikerkollegen nun das aufwändigste Experiment aller Zeiten starten – und dabei ruhigen Gewissens ihren eigentlichen Zielen nachgehen. Schuh:

""Wir wollen herausfinden, woher die Masse der Teilchen kommt. Unsere Theorie sagt uns eben, dass es ein Teilchen geben soll, das Higgs-Teilchen. Und wir versuchen dieses Teilchen zu finden.”"

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