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StartseiteForschung aktuellSchwerhörig durch Virus22.09.2016

Gefahr in der SchwangerschaftSchwerhörig durch Virus

Babys, die sich immer Mutterleib mit dem Zytomegalievirus, kurz CMV, anstecken, sind später oft schwerhörig. Denn das Virus kann die Nervenzellen im Innenohr befallen und abtöten - auch Jahre nach der Geburt. Ärzte fordern, Neugeborene in den Kliniken auf CMV zu testen.

Von Joachim Budde

Einen schmerzlosen Hörtest, durchgeführt bei einem neugeborenen Mädchen durch eine Krankenschwester. (dpa-Zentralbild)
Hörscreening auf der Neugeborenenstation der Universitätskinderklinik in Leipzig. (dpa-Zentralbild)
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In den ersten Lebenswochen eines Neugeborenen verbringen frischgebackene Eltern einige Zeit beim Kinderarzt. Vorsorgeuntersuchungen stehen an. Bei einem Test müssen sie ganz leise sein: Der Arzt steckt dem Säugling einen kleinen Stöpsel in jedes Ohr, sagt Professor Peter Kummer, Leiter der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie am Universitätsklinikum Regensburg, die sich mit Hörstörungen bei Kindern befasst:

"Wenn ein solcher kleiner Stöpsel ins Ohr geführt wird, dann werden Schallaussendungen des Innenohres dort generiert von einer Population äußerer Haarzellen, so nennen sich die Sinneszellen im Innenohr. Wenn von außen Schall herangetragen wird, dann reagieren sie, indem Schall nach außen abgestrahlt wird. Und diesen Schall kann man mit einem Mikrofon im Gehörgang des Kindes messen, aufzeichnen, auswerten und dann sagen: Ich habe keinen Anhalt einer Innenohrschwerhörigkeit."

Gefahr durch Zytomegalie in der Schwangerschaft

Seit 2009 gibt es dieses Neugeborenen-Hörscreening. Eine wichtige Ursache für Hörschäden bei Neugeborenen: Die Mutter erkrankte während der Schwangerschaft erstmals an Zytomegalie und steckte den Fötus an:

"Wir denken, dass etwa ein Fünftel der angeborenen schwerhörigen Kinder durch CMV-Infektionen schwerhörig sind. Wenn man das in absolute Zahlen runter bricht, dann würde man sagen, in Deutschland sind etwa 350 bis 400 Kinder jedes Jahr angeboren durch den Zytomegalie-Virus schwerhörig."

Mit einem rekombinanten Zytomegalievirus infizierte Zellen (Virusprotein: grün-fluoreszierend). Die Zellen sind, abhängig vom Stadium der Infektion, unterschiedlich stark grün gefärbt. Das zelluläre Protein NEMO wurde rot angefärbt. (Wolfram Brune/Heinrich-Pette-Institut/ dpa/lno/picture alliance)Zytomegalieviren sind für etwa ein Fünftel aller angeborenen Schwerhörigkeiten in Deutschland verantwortlich. (Wolfram Brune/Heinrich-Pette-Institut/ dpa/lno/picture alliance)

Das Zytomegalievirus, kurz CMV, ist weit verbreitet. Fachleute schätzen, dass aber immerhin der Hälfte der Frauen zu Beginn der Schwangerschaft Antikörper gegen das Virus fehlen. Deren Föten sind besonders gefährdet. Das Virus kann die Nervenzellen im Innenohr befallen und abtöten. Das konnten die Ärzte bisher kaum verhindern, erklärt Peter Kummer:

"Wir haben lediglich in der Versorgung der Kinder mit Hörgeräten den Eltern den Rat gegeben: Lassen Sie Ihr Kind regelmäßig kontrollieren und gegebenenfalls die Versorgung mit Hörgerät anpassen."

Viren auch nach der Geburt aktiv

Denn auch nach der Geburt können die Viren im Körper aktiv bleiben und die Schäden verschlimmern, sagt Professor Klaus Hamprecht, Leiter des CMV-Konsiliarlabors an der Universitätsklinik Tübingen:

"Wir haben kein generelles oder universelles Zytomegalovirus-Screening und da wäre zu überlegen, die Kinder, die auffällig sind in der Hörtestung, anschließend dann einem Test zu unterziehen, bei dem man das Virus dann aus Speichel- oder Urinproben nachweisen kann."

Schwerhörigkeit durch Zytomegalie bricht bei rund der Hälfte der Kinder erst nach der Geburt aus. Wenn das Virus direkt nach der Geburt entdeckt wird, könne man es mit einem altbekannten Medikament behandeln. Das haben klinische Studien gezeigt. Bislang kommt es bei Säuglingen aber nicht zum Einsatz. Sechs Wochen bis sechs Monate dauert so eine Therapie. Klaus Hamprecht:

"Das hemmt die Replikation, also die DNA-Synthese des Virus, und führt dazu, dass die Virusvermehrung gestoppt wird. Das Problem ist ein bisschen, dass diese Medikamente natürlich auch toxisch sein können, dass man das entsprechend auch kontrolliert machen sollte und das muss ein Kind sein, das auffällige Hörstörungen oder Einschränkung der Hörfähigkeiten hat und bei dem das Virus zweifelsfrei durch Nukleinsäurenachweis nachgewiesen ist."

Virus kann jahrelang im Körper schlummern

Jedoch nur etwa die Hälfte der Kinder erleidet die Hörschäden durch Zytomegalie direkt nach der Geburt. Bei der anderen Hälfte schlummert das Virus monate- oder jahrelang. Deshalb fordert Peter Kummer, der Ohrenarzt aus Regensburg, alle Kinder nach der Geburt auf das Virus zu untersuchen. Denn für diese Kinder gilt:

"Da haben wir gegenwärtig überhaupt keine Möglichkeit, diesen Beginn einer Schwerhörigkeit vorauszuahnen, geschweige denn, dass wir die Schwerhörigkeiten angemessen versorgen könnten."

Bei diesen Kindern zeigen sich die Hörprobleme dann erst als Spätfolgen, weil sie in der Sprachentwicklung hinterherhinken:

"Da ist dann aus unserer Sicht das Kind schon tief in den Brunnen gefallen", meint Peter Kummer.

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