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StartseiteThemen der WocheGefahr von rechts30.07.2011

Gefahr von rechts

Norwegens offene Gesellschaft und terroristische Herausforderung

"Look to Norway" sagte Franklin D. Roosevelt im Jahre 1942 voller Anerkennung für das kleine Norwegen, das seit zwei Jahren unter der Besatzung des großen Deutschlands litt. Look to Norway. Seit einer Woche schaut die ganze Welt nach Norwegen und je mehr Tage seit der Bombardierung des Regierungsviertels und den Morden auf Utöya vergehen, um so ungläubiger wird dieser Blick.

Von Ebba Drolshagen, Publizistin

Menschen verharren im Zentrum von Oslo am 25.7.2011 in einer Schweigeminute für die Opfer der Anschläge vom 22.7.2011. (AP)
Menschen verharren im Zentrum von Oslo am 25.7.2011 in einer Schweigeminute für die Opfer der Anschläge vom 22.7.2011. (AP)

Denn während beispielsweise in Deutschland die Tragödie sofort missbraucht wurde, um ein weiteres Mal abgeleierte Forderungen herauszuposaunen - mehr Überwachung, mehr Polizei - passiert in Norwegen etwas völlig anderes. Wenige Stunden nach den Anschlägen trat Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor die Fernsehkameras. Die Bombe hatte der Regierung - also auch ihm persönlich - gegolten, sein Büro war zerstört, vermutlich wusste er bereits, dass einige seiner Mitarbeiter umgekommen waren. "In einer solchen Stunde", sagte er, "ist es wichtig für das einzustehen, woran wir glauben. Sie werden uns nicht zerstören." Und dann tat er - nichts.

In all dem Unfassbaren der letzten Woche könnte das die wahre Sensation sein: Im Augenblick der tiefsten Krise seines Landes nimmt ein Regierungschef sich das Recht, inne zu halten. Nichts zu tun. Nichts als: Trösten, zuhören, umarmen. Anderthalb Tage später fand in Oslo ein Gedenkgottesdienst statt, Stoltenberg sprach mit brüchiger Stimme über zwei Ermordete, die er selbst gekannt hatte, in der ersten Reihe saß das Königspaar und weinte. Die Nation fühlte sich durch diese Worte und Bilder getröstet - denn ganz Norwegen weinte, trauerte, war vor Entsetzen gelähmt.

Seither hat es weder Schuldzuweisungen gegeben noch Rufe nach Rache. Im Gegenteil. Der Vorsitzende der auf Utöya angegriffenen Jungsozialisten mahnte, "unsere Jugendlichen" seien nicht gestorben, "damit wir mehr hassen." Oslos Bürgermeister Fabian Stang sagte, "wir" werden den Mörder gemeinsam strafen, "unsere Strafe wird mehr Toleranz und mehr Demokratie sein." Kronprinz Haakon sagte: "Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen, aber wir können bestimmen, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelne macht." Wir. Alle sagen "wir". Das ist nicht die Anbiederung der Mächtigen, es ist Ausdruck des starken Zusammengehörigkeitsgefühls, das die Norweger tatsächlich füreinander empfinden.

Und so gingen sie am letzten Montag überall in ihrem lang gestreckten Land auf die Straße, um ihrer Toten zu gedenken und ihre Werte zu verteidigen. Es wurde nicht geschrien, es gab weder Hysterie noch aufpeitschende Reden. Jeder hatte eine Rose in der Hand, es war sehr still. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren in Norwegen nicht mehr so viele Menschen gleichzeitig auf der Straße, 200.000 sollen es in Oslo gewesen sein, das wäre jeder dritte Einwohner; in einem entlegenen Weiler an der Westküste bestand der Blumenzug aus acht Teilnehmern.

In zwei Monaten finden in Norwegen Kommunalwahlen statt, alle Parteien haben sich darauf geeinigt, aus der Tragödie keinen politischen Profit zu schlagen und den Beginn des Wahlkampfes bis zum 15. August zu verschieben. In dieser Zeit wird die rechtspopulistische und islamfeindliche Fortschrittspartei verzweifelt nachdenken, wie sie sich möglichst radikal von dem Mörder distanzieren kann, der sieben Jahre lang ihr Mitglied war. Erste Äußerungen verraten, wohin es gehen wird: Man müsse den eigenen Sprachgebrauch verändern, auf provokante Aussagen wie die verzichten, dass Muslime die norwegische Kultur zerstörten. Das wahre Problem sei doch, dass die Kommunen keine Ressourcen hätten, um (noch) mehr Ausländer aufzunehmen. Es bedarf keiner seherischen Talente, um vorherzusagen, dass dergleichen wenig nutzen wird.

Die Rechtspopulisten können so viel Kreide fressen, wie sie wollen, die Sozialdemokraten werden die Wahl gewinnen. Der Preis, den sie für diesen sicheren Sieg bezahlt haben, ist zu hoch. 96 Prozent der Norweger stehen hinter Stoltenberg und seiner besonnenen Art der Krisenbewältigung. Wie sähe unsere Welt heute aus, wenn sich George W. Bush vor nun bald zehn Jahren ein wenig mehr Zeit zum Innehalten und Trauern genommen hätte? Look to Norway.

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