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StartseiteEuropa heuteGefangen zwischen Europa und Afrika08.05.2013

Gefangen zwischen Europa und Afrika

Die spanische Exklave Melilla ist ein Magnet für Flüchtlinge

In Marokko liegt die spanische Exklave Melilla. Bei ihrer Reise nach Europa versuchen immer wieder afrikanische Flüchtlinge, dort den Grenzzaun zu überwinden. Doch einmal in Melilla, ist auch die Ausreise schwer und langwierig.

Von Reinhard Spiegelhauer

Polizeipatrouille an der Grenze in Melilla:  Der Zaun wird stetig nachgerüstet und weiter entwickelt. (Reinhard Spiegelhauer)
Polizeipatrouille an der Grenze in Melilla: Der Zaun wird stetig nachgerüstet und weiter entwickelt. (Reinhard Spiegelhauer)

Wer es über den sechs Meter hohen, dreireihigen Absperrwall hinein nach Melilla geschafft hat, der hat zwar Afrika hinter sich gelassen - doch nach Europa geschafft hat er es damit noch nicht. Die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, sie sind für die Flüchtlinge fast so etwas wie Niemandsland. Grenzschützer Juan Antonio Martín Rivas jedenfalls sieht es so:

"Ich kann da nur aus persönlicher Anschauung sprechen, nicht als Angehöriger der Guardia Civil. Ich glaube, insgesamt fühlen sich die Flüchtlinge hier zwar nicht integriert, aber doch zufrieden mit ihrer Situation. Ohne Zweifel ist es ein entscheidender Schritt für die Immigranten, nach Melilla zu gelangen. Aber sie wollen nicht hier bleiben, sie wollen ein erfülltes Leben führen - arbeiten, eine Familie gründen. In einer Grenzstadt wie Melilla geht das bedauerlicherweise nicht - das ist für sie eine Zwischenstation."

Eine Station, in der Flüchtlinge oft mehr Zeit absitzen, als sie sich vorgestellt haben. Frisch Angekommene feiern, dass sie es über den Zaun geschafft haben. Sie schmieden Pläne, so wie Mohamed Abdi aus Somalia, der am Stadtrand vor dem Auffanglager CETI sitzt:

"Mein Traum ist es, Pilot zu werden. Ich musste die Universität verlassen, weil ich kein Geld hatte, und ich würde gerne weiter studieren."

Auf der anderen Straßenseite schüttelt Fiston Panzou den Kopf. Naiv seien die Neuankömmlinge, sagt der gelernte Elektriker Mitte zwanzig. Er stammt aus dem Kongo, sitzt seit 19 Monaten in Melilla fest. Nicht mehr in Afrika, aber noch lange nicht in Europa. Fiston Panzou ist mit dem Nötigsten versorgt, doch ein selbstständiges Leben kann und darf er nicht führen:

"Ich habe noch Hoffnung, klar. Ich bin ja noch nicht tot. Sollen sie mich doch zurückschicken, ich habe damit kein Problem - dann probiere ich es irgendwann wieder. Aber wenn ich nach Europa ausreisen kann - dann soll man mich auch arbeiten lassen, damit ich Geld nach Hause schicken kann."

Wer es nach Melilla schafft, und nicht sofort wieder abgeschoben wird, der steckt normalerweise erst einmal fest, im Auffanglager. In einem tristen Randbezirk der Exklave, zwischen Brachen, Flughafen und Golfplatz gelegen - und mit Blick auf den zehn Kilometer langen Grenzzaun. Für diejenigen, die ihn überwunden haben und im Auffanglager registriert sind, gibt es drei geregelte Wege, um tatsächlich aufs europäische Festland zu kommen, erklärt José Palazon von der Menschenrechtsorganisation PRODEIN:

"Eine Möglichkeit ist, mit einem Passierschein: Die Polizei, das Innenministerium erlaubt dem Migranten, mit der Fähre nach Málaga oder Almeria überzusetzen - wenn er versichert, von dort in sein Heimatland zurückzukehren. Was der aber logischerweise nicht tut, wenn er in Almeria angekommen ist."

Nur humanitäre Gründe ermöglichen eine Aufenthaltsgenehmigung

Eine große Zahl so genannter "sin papeles", sind auf diese Art aus Auffanglagern in Ceuta, Melilla oder auf den Kanaren aufs Festland gekommen. Ohne gültige Papiere schlagen sie sich rechtlos irgendwie durch. Ein zweiter Weg führt über Internierungslager in Spanien – eine Art Gefängnisse, die aber offiziell nicht so genannt werden. Weil Auffanglager wie das in Melilla ständig überbelegt sind, werden regelmäßig Flüchtlinge in solche Lager auf dem Festland gebracht. Nach spanischer Gesetzeslage können sie dort bis zu sechzig Tage festgehalten werden - gelingt es in dieser Zeit nicht, ihre Herkunft zu klären und sie gegebenenfalls in ihre Heimat zurück zu führen, werden die Migranten aus dem Lager entlassen. Die dritte Möglichkeit, Melilla legal in Richtung europäischen Festland zu verlassen, ist eher ein Spezialfall: Nur in wenigen Härtefällen erteilt die spanische Regierung echte Aufenthaltsgenehmigungen - aus humanitären Gründen. Eine vierte Möglichkeit wäre, sagt José Palazon, politisches Asyl zu beantragen – doch in der Praxis spiele sie keine Rolle:

"Hier in Melilla ist ein Asylantrag praktisch die Garantie, zwei Jahre festzusitzen. So lange wird der Antrag geprüft - und dann wird er abgelehnt, praktisch keinem Antrag wird stattgegeben. Es gab einen Albino aus Uganda, dem wir geraten haben, Asyl zu beantragen, denn die Verfolgung und Ermordung von Albinos in Afrika ist eigentlich ein klarer Fall für Asyl. Aber nach zwei Jahren war sein Status noch immer nicht geklärt. Im September hat er sich unter einem Lkw versteckt und Melilla verlassen - er ist jetzt in der Schweiz. Eine Woche später kam dann zwar der positive Bescheid, aber ... und es war, glaube ich, der Einzige im ganzen Jahr 2012."

Trotzdem bleibt Melilla weiter wichtiges Zwischenziel für viele Flüchtlinge. Der unüberwindbar scheinende Zaun, der stetig nachgerüstet, weiter entwickelt wird, ist ein geradezu magnetischer Anziehungspunkt geworden. Wer es über ihn geschafft hat, schickt die Erfolgsnachricht in die Heimat und wird dort gefeiert. Und neue Flüchtlinge fühlen sich davon ermutigt, machen sich auf den Weg. Dass der Zaun nicht überrollt wird, dafür sorgen in erster Linie die Sicherheitskräfte in Marokko - und das nordafrikanische Land sei sich seiner Macht wohl bewusst, sagt Palazon:

"Marokko erpresst die Europäische Union. Wenn Marokko es will, kommt niemand über den Zaun. Da stoppen sie auch eine Welle von 500 Immigranten. Aber zwei Tage später schaffen es plötzlich hundert Flüchtlinge über den Zaun. Weil keine marokkanischen Grenzer da sind. Marokko haut mit der Faust auf den Tisch: 'Na, wer kontrolliert hier die Grenze?' versteht du? Es macht sich unverzichtbar - und so bekommt das Land Geld und was es sonst verlangt. Marokko hat diese Basar-Feilscherei gut drauf."

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