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StartseiteBüchermarktGegen den Strom15.07.2006

Gegen den Strom

Louis Sachar schreibt über das Leben eines jungen, amerikanischen Ex-Sträflings

"Kleine Schritte" von Louis Sachar ist keine Fortsetzung des Romans "Löcher" - lediglich die Figuren sind dieselben: Theodore Johnson, genannt "Deo", ist nach seiner Zeit im Jugendstrafcamp "Green Lake" wieder zu Hause in Austin, und versucht, in vielen kleinen Schritten wieder auf den rechten Weg zu kommen - was dem jungen Schwarzen jedoch nicht so recht gelingen mag.

Von Brigitte Neumann

Auch Louis Sachar´s neuer Roman "Kleine Schritte" wird die jungen Leser begeistern
Auch Louis Sachar´s neuer Roman "Kleine Schritte" wird die jungen Leser begeistern

Vom Leben der Jungs nach der Befreiung aus "Camp Green Lake" zu erzählen, das "würde schnell langweilig", schreibt Louis Sachar auf der vorvorletzten Seite von "Löcher". Um dann doch noch schnell zu erzählen, wie es mit Stanley Yelnats und Hector Zeroni weitergeht. An dieser letzten Szene soll der Leser noch teilhaben, findet der Autor. "Die Löcher dazwischen wird er selbst füllen müssen." Immerhin - der Leser muss nicht graben.

Noch nicht mal in seiner Erinnerung, um die Folgegeschichte von "Löcher" zu verstehen: "Kleine Schritte" ist eine völlig eigenständige Story. Aus "Löcher" sind nur zwei der Randfiguren entliehen: Deo und X-Ray. Und Louis Sachar lässt seine Helden auch hier wieder ausgiebig graben. Hatten Sie das Gefühl, es wäre heikel, dem legendären Kinderroman "Löcher” eine Fortsetzungsgeschichte anzuhängen, Louis Sachar?

"Für mich ist es immer verdammt schwierig, die Qualität dessen, was ich gerade schreibe, einzuschätzen. Denn eigentlich jedes Mal, wenn ich ungefähr in der Mitte eines Buches angekommen bin, dann denke ich: Mein Gott, na ja, das ist wirklich nicht so toll hier. Und das war bei "Löcher" genauso, wie bei meinen ganzen anderen Büchern. Die meiste Zeit, als ich an "Löcher" saß, dachte ich: Du verschwendest Deine Zeit. Das führt doch jetzt nirgendwo hin. Naja, aber jetzt habe ich schon mal so lange daran gearbeitet. Jetzt mach´ ich´s halt fertig. Das ist das Gleiche mit jedem Buch. Auch mit dem, das ich gerade schreibe. Wo ich nun diesen Mechanismus kenne, mache ich mir damit Mut, dass ich bei jedem meiner Bücher eben irgendwann eine Krise habe."

"Kleine Schritte” ist die Geschichte des 17-jährigen, schwarzen Jungen Theodore Johnson, genannt "Deo". Dessen Vergehen es war, auf die Provokation eines weißen Jungen mit Fäusten geantwortet, und in diesem Kampf gesiegt zu haben. Dafür war er 14 Monate im Wüstencamp "Green Lake". Als er herauskam, warnte ihn seine Bewährungshelferin mit den folgenden Worten vor der Zukunft: Wenn Dir das Leben schon unfair erschien, bevor sie Dich nach "Green Lake" schickten: Jetzt kommt´s doppelt so dick! Denn jeder erwarte nur das Schlimmste von ihm. Sein Leben werde sich nun anfühlen, als sei er in einem Wildwasser gegen den Strom unterwegs. Deshalb solle er nur kleine Schritte machen.

Deo beschließt daraufhin einen sehr vernünftigen fünf-Stufen-Plan: Punkt eins ist zum Beispiel "Geld sparen", um die Schule beenden zu können. 7,75 Dollar die Stunde erhält er als Mitarbeiter der Firma "Raincreek - Bewässerung und Landschaftsbau" in Austin. Sein Vorleben als Strafgefangener in "Camp Green Lake" war für den Geschäftsführer Jack Dunlevy ein Gütesiegel: Der Junge weiß, wie man mit der Schaufel umgeht.

Eine Kundin, die liberale Bürgermeisterin von Austin, Cherry Lane, schließt den starken schwarzen Jungen, der in ihrem Vorgarten die Bewässerungsleitungen vergräbt, ins Herz. Die Sympathien dieser mächtigen Frau werden Deo vor der nächsten Verhaftung retten. Denn natürlich will er irgendwann doch größere Schritte machen, und unter der Anleitung seines alten Green-Lake-Kumpels X-Ray sein Erspartes in ein paar lukrative Geschäfte auf dem Schwarzmarkt investieren.

Es geht um begehrte Eintrittskarten für das Konzert des Teeny-Schwarms Kaira DeLeon, die zwar illegal, aber mit Gewinn weiter verkauft werden sollen. Die Sache fliegt auf, weil X-Ray den Hals nicht voll bekommt. Und schon findet sich Deo wieder am Boden liegend, unter dem Knüppel der Staatsgewalt. Aber Sachar gibt seinem Helden die nächste Chance: In Gestalt der Bürgermeisterin und des Pop-Stars Kaira DeLeon, ihr bürgerlicher Name übrigens Kathy Spears.

Nein, Kathy Spears hat mit Britney nichts zu tun. Sie ist schwarz, sie ist 17. Sachar beschreibt sie sehr zärtlich als Gefangene ihres Ruhms - umstellt von einer Armada Blutsaugender Erwachsener - die alle an ihr verdienen wollen. Breiten Raum im Buch nehmen die "Lyrics" ihrer Lieder ein, die von Hassliebe handeln, von gellender Sehnsucht nach einem Ende der Einsamkeit und dem Wunsch, auszubrechen. Hat Sachar seinen Helden Deo als vorsichtigen, etwas maulfaulen und anständigen jungen Mann gezeichnet - Kaira wirkt wie ein personifizierter Feuerball neben ihm.

"Wissen Sie, wenn ich schreibe, lebe ich in meinen Charakteren. Fast so wie ein Schauspieler das macht. Ich versuche, so zu fühlen, wie die Figur sich wohl fühlt. Und so zu reagieren, wie sie es wohl tun würde - ob es sich nun um einen 10-jährigen Jungen handelt, oder um einen Erwachsenen. Und das Schöne ist, dass ich, während ich schreibe, diesen Charakter kennen lerne. Vieles an dem, was in meinen Büchern passiert, ist nicht von mir geplant. Denn wenn ich meinen Charakter aufbaue, beginne ich die Welt mit seinen Augen zu sehen. Und dann überrasche ich mich selbst mit Dingen, die er tut. Das ist meine Art, etwas über die Menschen zu erfahren, sie zu erforschen. Obwohl alles, was da zutage kommt, ja nur aus mir stammt, und nicht aus irgendjemand anderem."

"Ich mag es, mich beim Schreiben selbst zu entdecken. Mit jedem Buch etwas Neues anzufangen. Ich meine, das passiert dann gar nicht in jedem Fall. Aber ich versuch´s. Und dann schaue ich, wohin es mich trägt, und was es noch alles in mir drinnen gibt, was ich noch nicht kenne. Ich mag die Freiheit, die im Schreiben liegt. Es gibt keinen, der mir sagt, wie ich´s machen soll. Und es gibt keine Regeln, die besagen: Ein Buch hat so oder so zu sein. Es gibt so viele verschiedene Wege, eine Geschichte zu erzählen. Und es gibt so viele verschiedene Geschichten, die zu erzählen sind."

Acht Jahre nach "Löcher" ist "Kleine Schritte" nun die erste neue Geschichte, mit der Louis Sachar an die Öffentlichkeit geht. Und man kann ein Menge guter Seiten an ihr finden: komische Dialoge, spannende Action-Szenen, die plausibel dargestellte innere Bewegtheit interessanter Charaktere. Aber es bleibt nicht aus, dass das Buch unter einem Vergleich mit der Ausgangsgeschichte "Löcher" leidet. Deren Figuren sind komplizierter und widersprüchlicher, der Stil wirkt selbstbewusster, die vielschichtigere Handlung springt in Raum und Zeit.

"Kleine Schritte" ist demgegenüber ausgesprochen gradlinig. Wirkt vom Stil her gelegentlich müde und allzu brav. Zum Beispiel wenn Deo am Ende wieder mit der Schaufel in der Hand im Vorgarten eines Kunden steht und folgert: "Das hier war saubere, gute Arbeit. Karten auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen fühlte sich dagegen schlecht an." Dann fühlt auch der Leser die Last des pädagogischen Auftrags, den Sachar in "Kleine Schritte" mitschleppt.

Die Zeit der vergifteten Echsen und vergrabenen Schätze ist offenbar passé. In Austin haben Rassismus, Gleichgültigkeit und der tägliche Überlebenskampf nichts mehr von der Dickens’schen Fülle, die den Roman "Löcher" so reich machte. Der tägliche Überlebenskampf ist mühsam und ein wenig banal. Er besteht eben wirklich aus 'kleinen Schritten’. Aber schließlich hat niemand behauptet, dass das Leben nach "Camp Green Lake" einfach sein würde.

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