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StartseiteKalenderblattGegen den Uniformfetischismus05.03.2011

Gegen den Uniformfetischismus

Vor 80 Jahren: Uraufführung von Carl Zuckmayers Tragikomödie "Der Hauptmann von Köpenick"

"Ein deutsches Märchen in drei Akten" nannte Carl Zuckmayer sein Stück über den arbeitslosen Schuster Wilhelm Voigt, der als Hauptmann verkleidet in der garnisonsfreien Stadt Köpenick die preußischen Beamten strammstehen ließ. Die Köpenickiade ereignete sich im Herbst 1906 und wirbelte viel Staub auf. Als Zuckmayers Stück am 5. März 1931 am Deutschen Theater uraufgeführt wurde, war bereits eine neue Phase von Uniformhörigkeit im Anzug, entsprechend empfindlich reagierten die Nationalsozialisten auf Zuckmayers Militarismus-Satire.

Von Eva Pfister

Regisseur Helmut Käutner (hockend, r) gibt letzte Anweisungen für eine Aufnahme des Films "Der Hauptmann von Köpenick" mit Heinz Rühmann (M) in der Titelrolle. Das Hamburger Finanzamt am Schlump dienst als Kulisse für das Köpenicker Rathaus. (picture alliance / dpa)
Regisseur Helmut Käutner (hockend, r) gibt letzte Anweisungen für eine Aufnahme des Films "Der Hauptmann von Köpenick" mit Heinz Rühmann (M) in der Titelrolle. Das Hamburger Finanzamt am Schlump dienst als Kulisse für das Köpenicker Rathaus. (picture alliance / dpa)

"Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon."

Eine kurze Zeitungsnotiz gab am 17. Oktober 1906 Kunde vom genialen Streich des arbeitslosen Schusters Wilhelm Voigt. Bald sprach ganz Berlin von der "Köpenickiade", sogar der Kaiser war amüsiert und begnadigte den falschen Hauptmann. Als Wilhelm Voigt nach nur zwei Jahren das Gefängnis verließ, erwarteten ihn Presse und Rundfunk. So ist seine Freude über die wiedererlangte Freiheit noch heute zu hören:

"Immer größer wurde die Sehnsucht in mir, als Freier unter Freien zu wandeln. Frei bin ich ja nun wohl geworden, aber ich wünsche ... und bitte Gott möge mich davor bewahren, noch einmal vogelfrei zu werden."

Nie wieder vogelfrei zu werden, das wünschte sich Wilhelm Voigt, und in der Tat war sein Streich ein Akt der Verzweiflung. Der mehrfach vorbestrafte Schuhmacher war 57 Jahre alt und fand keine Arbeit, da man ihm weder in Mecklenburg noch in Berlin ein Aufenthaltsrecht gewähren wollte. Nach dem letzten abschlägigen Bescheid sah er keine andere Lösung mehr, als auszuwandern, aber dafür brauchte er einen Pass, den er sich mit allen Mitteln beschaffen wollte.

"Ja Herrgott Willem, haste denn keine Eingabe gemacht? - Zwei. Abschlägig beschieden. Für die erste hattense kein Interesse, für die zweite keene Zeit.

- Ja, wo willste denn hin? - Jarnirgends. - Mensch, du willst mir doch keine Dummheiten machen - Ausjeschlossen, Dummheiten? Ausjeschlossen. Ich werde nur langsam helle."

1930 wurde Carl Zuckmayer auf den Stoff aufmerksam. Der 34-jährige Dramatiker war für seine erfolgreiche Komödie "Der fröhliche Weinberg" mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet worden und hatte eben das Drehbuch zum Film "Der blaue Engel" geschrieben. Im falschen Hauptmann sah Zuckmayer eine Art Eulenspiegel, eine Figur, der er schon länger ein Stück widmen wollte. Nach dem Erstarken der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen im September 1930 setzte der Autor deutlich politische Akzente.

"Guck dir ne Truppe an, in Reih und Glied, dann merkste det! Wer da drin steht, der spürt's. Tuchfühlung musste halten! Dann biste een Mensch!"

Diese bedingungslose Unterordnung der Zivilgesellschaft unter das Militär prangerte Carl Zuckmayer an. In seinem "deutschen Märchen", wie er das Stück nannte, werden mit der Frage "Haben Sie gedient?" Menschen ausgesiebt, im Personalbüro der Schuhfabrik ebenso wie bei den Behörden. Zuckmayer karikierte dieses Denken mit Witz und Berliner Schnauze, zeigte aber auch Mitgefühl für die Nöte des kleinen Mannes. So gelang ihm ein echtes Volksstück. Sein Schuster Voigt ist mehr als ein listiger Eulenspiegel: Er ist ein Opfer und zugleich ein Rebell, der den Staat und dessen Ordnung infrage stellt:

"Da müssen besondere Gründe sein, das ist eben ein Unglück, Wilhelm, wat dir passiert. - Unglück? Da ist kein Glück bei, da ist kein Unglück bei, das ist ein ganz n'glattes, sauberes Unrecht. Aber reg dich man nich uff, Friedrich, es gibt mehr Unrecht auf der Welt, scheenes, ausgewachsenes Unrecht. Muss man nur wissen."

"Der Hauptmann von Köpenick" wurde am 5. März 1931 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt. Die Titelrolle spielte Werner Krauss, der hier in einer Aufnahme von 1954 zu hören war. Ihn lobte der Kritiker Herbert Jhering als "ein Volksgenie", während er an Zuckmayers Stück bemängelte, dass es zuweilen in die Harmlosigkeit eines Militärschwanks abrutsche.

Aber die Premiere wurde ein Riesenerfolg, Thomas Mann gratulierte Zuckmayer, er habe - seit Gogols "Revisor" - die beste Komödie der Weltliteratur geschrieben. Nur die nationalsozialistische Presse schäumte und beschimpfte Carl Zuckmayer als "Vertreter der Rinnsteinliteratur des demokratischen Systems". Bis Ende Januar 1933 wurde der "Der Hauptmann von Köpenick" auf vielen Bühnen des Deutschen Reichs gegeben, dann übernahmen die neuen Uniformfetischisten die Macht.

Nach dem Krieg erlebte das Stück eine neue Blüte, vor allem durch die Verfilmung von Helmut Käutner mit Heinz Rühmann in der Titelrolle.

"Die Aktion Köpenick ist beendet! In einer Stunde ziehen Sie die Portalwachen ein, marschieren zum Bahnhof, fahren nach Berlin und melden sich in Ihren Kasernen von Köpenick zurück! - Jawohl Herr Hauptmann! ... - Na also."

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