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StartseiteBüchermarktGegen die Dunkelheit14.11.2003

Gegen die Dunkelheit

Graham Swift fängt das helle Licht des Tages ein

Irgendwas ist über ihn gekommen: Daran lässt der Erzähler von <em> Das helle Licht des Tages </em> , dem neuen Roman des englischen Schriftstellers Graham Swift, vom ersten Satz an keinen Zweifel. Etwas ist geschehen, eine Grenze wurde überschritten: In <em> Das helle Licht des Tages </em> betreten die Figuren neues, unbekanntes Land.

Thomas David

Irgendwas ist über ihn gekommen: Als der Privatdetektiv George Webb am Morgen des 20. November 1997 die Tür zu seinem Büro aufschließt, erinnert er sich, wie vor über zwei Jahren alles begann. George betritt morgens sein Büro, er kauft Blumen, die er mittags auf einem Grab niederlegt, er besucht eine Frau, die wegen der Ermordung ihres Ehemanns im Gefängnis sitzt und kehrt abends in sein Büro zurück. Das helle Licht des Tages spielt an diesem einen Tag im November, doch unter der Oberfläche eines jeden Augenblicks liegt in Swifts Roman die weite, sterbende See der Erinnerung. Der 20. November 1997 ist der zweite Jahrestag eines Mordes; in der Erinnerung lässt George die Vergangenheit noch einmal aufleben, lässt die Ereignisse, die vor zwei Jahren mit dem Tod von Bob Nash eine überraschende Wendung nahmen, noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren.

In gewisser Hinsicht, sagt der 1949 in London geborene Graham Swift, passiere nicht viel in diesem Roman, andererseits ereigneten sich Dinge von großer Bedeutung. George trinkt in seinem Büro am geschäftigen Wimbledon Broadway – Straßenlärm dringt zu ihm hinauf - mit seiner Assistentin eine Tasse Tee, er fährt zu dem Haus, in welchem Sarah Nash vor zwei Jahren ihren Ehemann tötete. In einem Café in der Nähe des Gefängnisses kauft er sich wie an jedem zweiten Donnerstag ein Sandwich und einen Cappuccino; die Gefängnisbesuche, die regelmäßigen Besuche bei Sarah, sagt George einmal selbst, seien die kostbarsten Augenblicke seines Lebens. In «Das helle Licht des Tages» erzählt Graham Swift auf unsentimentale und dennoch sehr berührende Weise von der unwahrscheinlichen Liebe eines Privatdetektivs zu einer Mörderin. Die behutsame Bewegung, mit der Swift unter dem ganz und gar unspektakulären Hier und Jetzt von Georges Alltag ohne Hast und in der scheinbar kunstlosen, dabei aufs Feinste abgestimmten Sprache seines Protagonisten eine hoch dramatische Geschichte entrollt, macht den Roman zu einem Glanzstück der britischen Gegenwartsliteratur.

Als Sarah vor zwei Jahren sein Büro betrat, nahm sie im Sonnenlicht Platz, «der Sonnenstreifen zwischen uns», erinnert sich George später, «erfasste ihre Knie und ließ sie beinahe goldfarben glänzen»: Der Auftrag, den die wohlhabende Sarah dem Detektiv erteilte, war so unspektakulär wie die «Heim-und-Garten-Welt» des Londoner Vororts Wimbledon, in dem «Das helle Licht des Tages» weitgehend spielt: «diese Traumwelt», wie George mit der ihm eigenen Abgeklärtheit einmal sagt, «wo es nicht vorgesehen ist, dass je etwas Besonderes passiert.» George sollte lediglich Sarahs Ehemann beschatten, ihm heimlich zum Flughafen Heathrow folgen, wo Bob, ein erfolgreicher Gynäkologe, sich am Ende einer Affäre endgültig von seiner Geliebten verabschieden würde, einer kroatischen Studentin, einer jungen Asylantin, die er und Sarah vorübergehend in ihre Obhut genommen hatten.

Als George dann unbemerkt neben den beiden in der Abfertigungshalle stand und sie beobachtete, sah er Bobs qualvollen Schmerz über die Trennung von Kristina; sie glichen zwei «Menschen», heißt es in Swifts Roman, der die Liebe gelegentlich auf beunruhigende Weise in die Nähe des Krieges rückt, «die benommen über ein Trümmerfeld wandern»; Bob folgte seiner Geliebten «wie an einen Ort, an dem man ihn erschießen würde.» Wie «angenagelt» stand er da, nachdem Kristina im Sog der anderen Passagiere die Absperrung passiert hatte; als «Gespenst» seiner selbst, als «verlorene Seele», als «lebloser Körper», nicht als reuiger Ehemann, kehrte Bob an diesem verhängnisvollen Abend zu Sarah zurück. Der Mord, sagt Graham Swift, war für Sarah so unvorstellbar wie für George die Liebe auf den ersten Blick.


In Das helle Licht des Tages betreten die Figuren neues, unbekanntes Land: Sie wagen sich vor auf ein emotionales Terrain, das sie bisher noch nicht kannten. Swifts Roman - der erste seit sieben Jahren, das lange erwartete erste Buch seit dem 1996 mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman «Letzte Runde» - spielt an den äußersten Grenzen des Vertrauten, den Grenzen einer «inneren Geographie», wie Swift im Interview selber sagt. Das Wort vom «Überschreiten einer Grenze» - we cross a line – drängt sich dabei auf vielfältige Weise immer wieder in das Bewusstsein von George, es rhythmisiert seine Erzählung und schlägt einen thematischen Grundton an, der durch alle von Swifts bislang sieben Romane klingt.

Graham Swift ist der Autor von «Waterland», dem Roman über das Marschland von East Anglia, jener der Nordsee abgewonnenen Tiefebene der Fens, auf deren sumpfigem, von Swift metaphorisch erschlossenen Grund die Figuren Halt zu verlieren drohen. Er ist der Autor von «Letzte Runde», dem mehrstimmigen Roman einer tragikomischen Pilgerreise, die in einem Pub im Londoner Stadtteil Bermondsey beginnt und am heruntergekommenen Pier des südenglischen Seebads Margate schon wieder endet und dennoch die mühsame Prozession des ganzen Lebens beschreibt und ins Metaphysische überführt.

Ähnlich wie in seinen beiden bekanntesten Büchern, ähnlich wie in Ein ernstes Leben , seinem im Jahr 1980 erschienenen
Debütroman, in dem er den Ladenbesitzer Willy Chapman durch den letzten Tag seines Lebens begleitet, gelingt es Swift auch in Das helle Licht des Tages , auf vertrautem Boden – in Wimbledon, in einer melancholischen love story – Neuland zu erschließen: Sarah Nash ist gefangen in der Schuld an ihrer Tat, George Webb ist befreit durch seine Liebe. Das Wunderbare an Das helle Licht des Tages ist die stille Autorität, mit der George seine Geschichte erzählt und dem Außergewöhnlichen im Alltäglichen Raum verschafft. Es ist dabei kein Widerspruch, dass die Geschichte, die George erzählt, so detailreich sie sein mag, letztenendes dennoch nur die von ihm erfasste Version einer möglicherweise etwas anderen Geschichte ist, deren Einzelheiten er nicht alle kennt.

George geht morgens ins Büro und kehrt abends dorthin zurück, dies ist gewiss. Er erinnert sich an seine erste Begegnung mit Sarah, er erinnert sich an Bob, wie dieser nach dem Abschied von Kristina in der Abfertigungshalle des Flughafens stand. George folgte ihm zurück nach Wimbledon und stellt sich vor, wie Sarah ihren Mann kurz nach dessen Ankunft in einem ungeplanten und impulsiven Moment in der Küche erstach. George versetzt sich in Sarahs Gedanken, er fühlt sich in Sarah und Bob hinein: Indem er die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion überschreitet, den schmalen Pfad zwischen Beobachtung und Imagination, an dem sich freilich auch der Schriftsteller Graham Swift virtuos bewegt, konstruiert George nicht allein den Zusammenhang eines Kriminalfalls, sondern darüber hinaus auch den seines eigenen Lebens: Die vierzehntäglichen Besuche bei Sarah im Gefängnis, Augenblicke der Hoffnung, sind ihm Wirklichkeit genug.

Graham Swift
Das helle Licht des Tages
Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk
Hanser, 327 S., EUR 19,90

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