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StartseiteBüchermarktGegen die Welt, gegen das Leben. H. P. Lovecraft14.04.2003

Gegen die Welt, gegen das Leben. H. P. Lovecraft

Aus dem Französischen von Ronald Voullie

Nichts weist auf dem Umschlag des vorliegenden Buches daraufhin, dass es sich dabei um eine Art essayistisches Porträt oder einen biographischen Essay handelt. Der Porträtierte wird überhaupt nicht erwähnt. Groß dagegen der Name des Verfassers: Michel Houellebecq. Groß auch dessen Foto - auf allen Houellebecq-Büchern bei DuMont ist sein Foto drauf: dies fahle Kettenrauchergesicht mit der unreinen Haut und der abschätzigen Attitüde. Houellebecq ist zunächst unter der Hand, dann mit Macht zum Kultautor geworden; seine Romane gehören zu den anstößigsten, rebellischsten, aber auch hellsichtigsten Büchern, die wir im Augenblick lesen können. Trotzdem muss verwundern, dass der Umschlag den Gegenstand von Houellebecqs Untersuchung so schamhaft verschweigt, denn schließlich handelt es sich um keinen Geringeren als Howard Phillips Lovecraft.

Peter Urban-Halle

Auch Lovecraft ist ein Kultautor, in Deutschland zumindest seit den 70er Jahren, als sich Arno Schmidt für ihn interessierte und H. C. Artmann ihn sogar übersetzte. Seitdem gibt es so etwas wie eine Gemeinde, und schon die Namen Schmidt und Artmann sind der Gegenbeweis zu Houellebecqs These, Lovecrafts "Traumliteratur" werde "von der Kritik im gleichen Maße verachtet, wie sie vom Publikum geschätzt" werde. Nein, die Kritik mag ihn längst, das Ungeheuerliche an diesem Mann ist ja gerade, dass sich seine Leser in allen Gesellschaftsschichten finden.

Houellebecqs Lovecraft-Essay, auf deutsch erst jetzt erschienen, wurde bereits 1988 begonnen und 1991 in Frankreich veröffentlicht, das heißt, Jahre vor seinen großen Roman-Erfolgen wie "Ausweitung der Kampfzone" oder "Elementarteilchen" - ein Stichwort, das übrigens schon in seinem frühen Lovecraft-Essay zu finden ist.

Nur wenige andere Menschen waren wie Lovecraft in diesem Grade von der absoluten Nichtigkeit jedes menschlichen Strebens geprägt und bis auf die Knochen durchdrungen. Die Welt ist nur ein flüchtiges Gerüge von Elementarteilchen. Ein Übergangszustand in Richtung Chaos, das letztendlich siegen wird. (...) Alles wird verschwinden. Und die menschlichen Handlungen sind genauso frei und sinnleer wie die freien Bewegungen der Elementarteilchen.

Damit beschreibt Houellebecq die Welt der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Es ist Lovecrafts fruchtbarste Schaffensperiode, in der seine sogenannten "großen Texte" entstehen, von "Cthulhus Ruf über "Berge des Wahnsinns" bis "Der Schatten aus der Zeit". Diese Periode begann 1926, es war das Jahr, in dem er sich von der einzigen Liebe seines Lebens trennte, von seiner Frau Sonia Greene, und aus New York in seine Heimatstadt Providence zurückkehrte, und diese Periode endete 1937, mit seinem Tod, er starb mit 47 Jahren an Magenkrebs. Aber "im eigentlichen Sinne" - so Houellebecq nicht ohne Grund - war Lovecrafts "Leben schon 1926 zu Ende", sein "eigentliches Werk hingegen - die Reihe der 'großen Texte' - lag noch vor ihm".

Die "Welt als ein flüchtiges Gefüge von Elementarteilchen": damit beschreibt Houellebecq zugleich auch die hoffnungslose, die heillose Welt von heute, die ja der Handlungsraum seiner Romane geworden ist. Das ist nur eine von den vielen Verwandtschaften zwischen dem Autor und seinem Gegenstand. Es zeigt, daß Houellebecq mit diesem Essay über einen anderen im Grunde die Poetik seiner eigenen künftigen Werke geschrieben hat. Es ist verblüffend, wie sehr er, was er bei Lovecraft erkennen will, dann in seinen eigenen Büchern in die Tat umsetzt. Schon Ende der 80er Jahre formuliert er, was der theoretische Untergrund seiner Romanreflexionen werden sollte:

Der liberale Kapitalismus hat seinen Einfluss auf das Bewusstsein der einzelnen ausgedehnt, und damit einher gehen der Merkantilismus, die Werbung, der absurde und höhnische Kult wirtschaftlicher Effektivität und die ausschließliche und unveränderliche Gier nach materiellen Gutem. Schlimmer noch, der Liberalismus hat sich vom Bereich der Wirtschaft in den sexuellen Bereich ausgedehnt. Alle sentimentalen Fiktionen sind zerschmettert worden. Reinheit, Keuschheit, Treue und Anstand sind zu lächerlichen Stigmata geworden. Der Wert eines menschlichen Wesens bemisst sich heute nach seiner wirtschaftlichen Effektivität und seinem erotischen Potential, und das sind genau die beiden Dinge, die Lovecraft am meisten verabscheute.

Die "sprachlichen Entregelungen", die Grenzüberschreitungen, die Geschmacklosigkeiten, die aber nur dazu dienen, der Gesellschaft ihre Dekadenz unter die Nase zu reiben, genau das ist es, was Houellebecq an Lovecraft am meisten schätzt und verehrt. In dieser Hinsicht wirkt dieser nicht nur wie ein Vorbild, sondern wie ein Lehrer. Mit einer Ausnahme. Lovecrafts Rassismus, den Houellebecq mit der New Yorker Zeit und dem Anblick der Einwanderermassen aus aller Welt erklärt, den kann auch Houellebecq nicht gelten lassen - obwohl er das, als alter Provokateur, wohl gerne würde.

Heute weiß Houellebecq, was er wert ist: "Ich bin Kult, ich kann schreiben, was ich will", sagt er selbstbewusst und selbstironisch. Lovecraft wusste nicht, was er wert war. Aber er hat einen Kult geschaffen, wenn auch einen Antikult oder einen Antimythos, einen negativen Mythos. Was das Publikum davon hielt, war ihm egal. Gegenüber dem Erfolg bewies er eine beinahe unmenschliche Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit.

Diesem Mann, dem es nicht gelungen ist zu leben, ist es schließlich gelungen zu schreiben. Es fiel ihm schwer. Er hat Jahre gebraucht. New York hat ihm geholfen. Er, der so freundlich und höflich war, hat dort den Hass entdeckt. Zurück in Providence hat er wunderbare Geschichten geschrieben, die wie eine Beschwörung schwingen und präzise wie eine Sektion sind. Die dramatische Struktur der 'großen Texte' ist von beeindruckendem Reichtum; seine Erzähltechniken sind klar, neu und kühn; all das würde vielleicht nicht reichen, wenn man im Mittelpunkt des Ganzen nicht den Druck einer verzehrenden inneren Kraft spürte.

Für alle, die Lovecraft nicht kennen, ist Houellebecqs Text empfehlenswert: als Einführung und als Appetitanregung. Ob er auch dem Kenner etwas bringt, ist nicht ganz so sicher. Aber eins ist sicher: Dieses Buch ist ein Schöpfungsakt. Ein Autor erschafft sich selbst. Hier formuliert einer die Gedanken, die das Gerüst seiner späteren Bücher werden.

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