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StartseiteBüchermarktGegen Kapitalismus und für freie Liebe12.03.2007

Gegen Kapitalismus und für freie Liebe

Der Aurtor Hans Henrik Jaeger erschütterte Norwegen

Für seinen Roman "Kristiania-Boheme" musste der norwegische Autor Hans Henrik Jaeger bitterlich büßen. Der Autor geißelt in seinem Werk die "unvernünftige Gesellschaftsordnung". Die Fundamentalkritik brachte ihm 60 Tage Gefängnis und eine Geldstrafe ein.

Von Peter Urban-Halle

Norwegen erschüttert: "Ich weiß wohl, daß dieses Buch ein Monstrum von einem Buch ist". (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Norwegen erschüttert: "Ich weiß wohl, daß dieses Buch ein Monstrum von einem Buch ist". (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Im schönen und traditionsreichsten Kaffeehaus Oslos, dem Grand Café an der Karl-Johan-Straße, erstreckt sich über die hintere Wand ein mit den Jahren vergilbtes Gemälde des Malers Per Krogh. Es zeigt, mit Blick auf die Straße, das drangvolle Innere des Cafés: abgebildet sind etwa 35 angesehene Bürger des damaligen Kristiania, die sich alle gegenseitig zu beobachten scheinen.

Das Bild stammt aus dem Jahre 1928 und war schon damals eine nostalgische Reminiszenz auf die große Zeit geistiger und künstlerischer Blüte in Norwegen am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich im Grand Café Berühmtheiten wie Henrik Ibsen und Edvard Munch trafen. Der junge Maler sitzt im rechten Drittel des Bildes und teilt sich den Tisch mit einem bärtigen Herrn, den er 1889 auch porträtiert hat. Es handelt sich um Hans Jaeger, der seit der Veröffentlichung seines Romans "Aus der Kristiania-Boheme" ein stadtbekannter Skandalautor war. Wahrscheinlich zeigt ihn das Wandgemälde nach Erscheinen des Romans und seinen Folgen, so finster, wie Jaeger hier dreinschaut – für seine libertären Ideen musste der 30jährige bitterlich büßen, letztendlich mit 60 Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe von 1600 Kronen.

"Ich weiß wohl, daß dieses Buch ein Monstrum von einem Buch ist – in literarischer wie in sozialer Beziehung. In literarischer Beziehung, weil ich ohne ursprüngliches literarisches Talent mich genötigt sah, an eine Aufgabe heranzutreten, deren Lösung ich eine Reihe von Jahren vergeblich von einem andern erhofft hatte: die Aufgabe nämlich, eine moderne norwegische Romanliteratur einzuleiten. Und in sozialer Beziehung, weil diese Aufgabe nur auf naturalistischem Wege gelöst werden konnte, und weil jedes wirklich naturalistische Werk durch seine Form wie durch seinen Inhalt notwendigerweise aufs schärfste gegen das verstoßen muß, was zur Zeit als guter sozialer Ton angesehen wird", schreibt der 30jährige Hans Jaeger im Vorwort seines Romans.

Bescheiden klingt es nicht, auch wenn die Furcht, den künstlerischen Ansprüchen nicht zu genügen, in jeder Zeile zu spüren ist. Mit gewissem Recht, denn sein "naturalistischer" Roman ist auch ein Ideenroman, die Figuren sind alle ein wenig holzschnittartig, ihre Unterhaltungen kommen Vorlesungen nahe, und die Szenen ihres Lebens sind eher einfallslos aneinandergereiht. Aber aus der Luft gegriffen war sein "Monstrum von einem Buch" nicht, die beschriebene Boheme mit ihren skandalösen Tabubrüchen war ein europäisches Phänomen, und der Autor war bald auch im Ausland bekannt. Sein Buch hat Norwegen erschüttert, Jaeger wollte das auch, Reaktionen scheint er sich geradezu herbeigewünscht zu haben.

"Kristiania-Boheme" ist die vorgezogene Verwirklichung des ersten der neun Gebote, die sich die Künstlerszene der norwegischen Hauptstadt vier Jahre später gegeben hat. Es lautet: "Du sollst dein Leben schreiben." Das hat Jaeger getan. Auslösendes Moment war der Selbstmord seines guten Bekannten Johan Seckman Fleischer, der im Roman Jarmann heißt. Jaeger selbst ist der Ich-Erzähler und nennt sich Herman Eek. Jaeger bleibt dicht an den tatsächlichen Gegebenheiten und ändert stellenweise nicht einmal den Namen. Die Episode mit Lily Brun zum Beispiel hat sich wirklich so zugetragen. Der Student Eek alias Jaeger, der sich eben noch mit einer andern jungen Dame verloben wollte – nur um zu sehen, wie das ist –, hat sich bei der Familie Brun einquartiert, er sieht, dass die Tochter Lily Liebeskummer hat und nimmt sich ihrer an, sie wird zu einer Art Versuchskaninchen für seine Menschen befreienden Experimente.

"Die Unzufriedenheit mit der Welt, deren Berechtigung sie schon früh gefühlt, an deren Beseitigung sie aber trotzdem nicht zu glauben gewagt hatte, die wollte ich fördern – und dann ausbeuten. Sie sollte diese unvernünftige Gesellschaftsordnung hassen lernen, so wie ich sie haßte, und dann wollte ich versuchen, ihre Kräfte im Dienst der Vernunft und Freiheit zu verwenden – ja, das war eine Idee. Und ich, der ich nicht gewußt hatte, was ich mir vornehmen sollte – hier hatte ich ja gerade eine Aufgabe, und dazu noch eine, die viel amüsanter war als das Verlobungsprojekt."

Zum Hass auf die "unvernünftige Gesellschaftsordnung" gesellt sich der Ekel, der Überdruss, der berühmte Ennui des Fin de siècle. Er hat tatsächlich mit Faulheit, obwohl manchmal schwer davon zu unterscheiden, nicht viel zu tun, er ist eher eine Protesthaltung, die sich freilich gegen alles richtet: nicht nur gegen alles, was der Gesellschaft nützen könnten, sondern auch gegen sich selbst; Selbstverachtung ist immer im Spiel. Richtiggehende Lebensfreude ist nicht einmal bei den erotischen Abenteuern und sexuellen Ausschweifungen die eigentliche Triebkraft, dafür gehen die jungen Helden viel zu pflichtbewußt und angestrengt zu Werke, so als ob sie etwas hinter sich zu bringen hätten. Das Überraschende an diesem Roman ist freilich, dass er über die typisch symbolistische Melancholie hinausgeht: Sein Alter ego Eek wiederholt in langen Passagen die politischen Angriffe, die Hans Jaeger einige Jahre zuvor im Arbeiterverein gegen den Staat, die Eigentumsverhältnisse und die bürgerliche Moral vorgebracht hatte.

Mit seinen Schimpfkanonaden gegen Kapitalismus und Ehe und seinem Eintreten für die freie und freiwillige Liebe und für eine geregelte Prostitution ist "Kristiania-Boheme" fast ein Agitationsroman. Künstlerisch ist er unbedeutend. Was es hieß, nicht nur mit modernen Ideen aufzuwarten, sondern auch modern zu schreiben, sollte ihm sein Landsmann Knut Hamsun fünf Jahre später vormachen, mit dem Debüt "Hunger". Was man Jaeger zugute halten muss, ist sein ehrlich empfundenes, visionäres Anliegen, geschrieben mit ungeheurer Verve und existentieller Not: Hans Jaeger, der 1910 an Magenkrebs starb, hatte immer darunter zu leiden, dass er fünfzig Jahre zu früh auf diese Welt gekommen war.

Hans Henrik Jaeger: Kristiania-Boheme, Belleville Verlag, München.

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