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StartseiteBüchermarktGegeneinander-Anschreiben07.08.2005

Gegeneinander-Anschreiben

"Thomas Mann - Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder"

Man hat in den vergangenen Jahren das Werk Thomas Manns oft aus seiner homoerotischen Neigung und dem Zwang, diese im Werk verstecken zu müssen, erklärt. Nicht weniger wichtig ist aber die Auseinandersetzung mit seinem Bruder Heinrich Mann. Helmut Koopmann erzählt in seinem Buch die Geschichte eines Konflikts, der tiefe Spuren im literarischen Werk der beiden Brüder hinterlassen hat.

Von Michaela Schmitz

Der Schriftsteller Thomas Mann im Juli 1949: Wichtiges Motiv seines Werkes war immer auch die Auseinandersetzung mit seinem Bruder Heinrich. (AP)
Der Schriftsteller Thomas Mann im Juli 1949: Wichtiges Motiv seines Werkes war immer auch die Auseinandersetzung mit seinem Bruder Heinrich. (AP)

Die Mann-Brüder: Thomas und Heinrich. Beide Schriftsteller. Ihre Gegensätzlichkeit ist bekannt: Heinrich, der Lebemann, schreibt schnell, Thema seiner Gesellschaftsromane ist das Soziale, Politische, er liebt den französischen Geist und die Darstellung hemmungsloser Erotik. Thomas, der Ästhet und Unpolitische, er entwickelt Seelenprotokolle, Nervenkunst, er schreibt langsam und diszipliniert, seine Prosa ist von kühler Distanz. Für Helmut Koopmann sind die literarischen Gegenentwürfe Ausdruck brüderlicher Abgrenzungversuche.

"Thomas Mann - Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder.", so heißt Helmut Koopmanns neue wissenschaftliche Untersuchung über die literarischen Wechselwirkungen im Werk der beiden Brüder. Der Germanist Helmut Koopmann gilt als profunder Kenner der Lübecker Autoren. Er erzählt in seinem Buch die Geschichte eines Konflikts, der tiefe Spuren im literarischen Werk der beiden Brüder hinterlassen hat. Kaum ein Roman ist frei davon.

Keiner hat die prekärste, seltsamste, verzwickteste aller Bruderbeziehungen treffender formuliert als Thomas Manns Tochter Erika. Sie stellt fest, Thomas habe - weich, verwundbar, liebebedürftig - unter der Überlegenheit und dem kühlen Hochmut des älteren Heinrich gelitten. Sie meint außerdem, dass, wenn Erotik unter anderem "Reiz" bedeute, die brüderliche Beziehung eminent erotischer Natur gewesen sei. Bis zur Lebensmitte - bis zu Bruch und Versöhnung - sei Thomas der Liebende (weil Leidende) gewesen. Schließlich, gegen Ende, stand es umgekehrt. Heinrich liebte.

Dem entspricht Helmut Koopmanns These auf literarischer Ebene: Für Thomas wie auch für Heinrich sei der Bruder lebenslang die wichtigste literarische Bezugsperson gewesen. Natürlich ist das nicht neu. 1968 hat André Banuls in seinem Buch über "Thomas Mann und sein Bruder Heinrich" und später Hans Wysling in seinem Vorwort zum brüderlichen Briefwechsel auf die Bedeutung der Bruderbeziehung für das literarische Werk hingewiesen. Koopmann nimmt auch ausdrücklich Bezug darauf, geht aber tiefer ins Detail der Werke. Und versucht in Absetzung zu den überwiegend auf Thomas fokussierten Betrachtungen, beiden Brüdern gleichermaßen gerecht zu werden. Denn beide orientieren sich in ihrem Selbstverständnis aneinander, und beide nutzen das Werk des anderen, um daraus zu übernehmen, oder, wichtiger noch, dagegen anzuschreiben. Es war brüderliche Konkurrenz, die nicht selten zu brüderlicher Rivalität wurde. Und am Anfang stand Thomas, so Koopmann

" zunächst einmal zurück, schrieb langsam, bekam auch erste Ablehnungen zu spüren (...), und während er noch auf das Erscheinen der Buddenbrooks wartete, war Heinrich schon ein junger Schriftsteller mit Renommee. Verständlich, dass die Konkurrenz (...) schwer auf dem Jüngeren lastete - und dass zugleich der Wunsch hochkam, es besser zu machen als der Andere, ihn zu überbieten. (...) Wenn der Bruder zu überbieten war, so heißt das allerdings nicht, dass der gleiche Stoff noch einmal auf andere Art abgehandelt werden sollte. Es gab Gegenentwürfe: Zeichnete der eine die patrizische Kaufmannswelt im nordischen Lübeck nach, so entwarf der andere Volksszenen im südlichen Palestrina, schwelgte der eine, Heinrich, in Lebensorgien und in einem "starken" Leben, so antwortete der andere mit kühlem Klassizismus, und schrieb der eine rauschhaft, hemmungslos, "schmissig", so der andere um höchste Disziplin bemüht - Scheinbar hemmungslose Erotik, bei Heinrich Mann - und unmissverständliche Distanzierung bei Thomas."

Die Spannungen beginnen früh. Schon in der 1895 bis 1897 gemeinsam in Italien verbrachten Zeit. Thomas Mann schrieb an seinen "Buddenbrooks". Parallel entstand Heinrich Manns "Im Schlaraffenland". Heinrich erinnert sich zwei Jahrzehnte später an eine Schlüsselszene mit seinem Bruder: "In inimicos, sagtest Du, 22jährig am Klavier sitzend (...), nach rückwärts gewandt gegen mich. So ist es geblieben für dich."

Als "Im Schlaraffenland" ein großer Erfolg wird, verschärft sich der Konflikt. Heinrichs schriftstellerische Anerkennung wird für Thomas zur Gefahr. Diese Bedrohung findet in den Buddenbrooks im Verhältnis der Brüder Thomas und Christian ihren Ausdruck. Ihre Beziehung: Spiegelbild brüderlichen Gegeneinanders. Koopmann entdeckt in Thomas' Bilanz des lebenslangen Disputs zwischen beiden ein "Bekenntnis zur feindlichen Brüderschaft, zur brüderlichen Feindschaft - aber mehr noch eine alles enthüllende Selbstanalyse: (...) die Sicherung des eigenen Ich durch die Abgrenzung dem Bruder gegenüber":

"Am Ende einer langen Reihe von Invektiven, die Christian hervorschleudert und die Thomas mit gleicher Münze heimzahlt, kommt das Bekenntnis zur Brüderlichkeit als Abwehr, versichert sich Thomas der eigenen Identität aus dem Gegensatz heraus. (...) Thomas weiß auch um seine Gefährdung durch den Bruder, und so wehrt er ihn denn ab: "‘Ich bin geworden, wie ich bin", sagte er endlich, und seine Stimme klang bewegt, "weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß, weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist ... Ich spreche die Wahrheit". (...) Ein Egoist sei er, so sagt ihm Christian, ohne Mitleid und Liebe und Demut, selbstgerecht, jemand, dem sein ‚Gleichgewicht‘ über alles geht und der ‚kalt und mit Bewußtsein‘ zurückweist, was ihn einen Augenblick beirren oder in diesem Gleichgewicht stören könnte."

Für Thomas Mann wird das Bruderproblem "das eigentliche, jedenfalls das schwerste Problem meines Lebens". Ja, er sieht im Bruderkonflikt sogar das "Hauptmotiv einer intellektuellen Dichtung". Heinrich antwortet viel später jovial: "mein Welterlebnis ist kein brüderliches, sondern eben das meine. Du störst mich nicht." Und er entgegnet seinem Bruder: "Du hast (...) Deine Bedeutung in meinem Leben unterschätzt, was das natürliche Gefühl betrifft, und überschätzt hinsichtlich der geistigen Beeinflussung." Aber auch Heinrich bleibt von der Auseinandersetzung nicht unberührt, und er hat sie ebenfalls literarisch verarbeitet. Heinrich, so die These Koopmanns, hat sogar auf Buddenbrooks viermal mit Romanen geantwortet: mit "Die Jagd nach Liebe", mit "Die Göttinnen", mit "Professor Unrat". Und, Jahre später, mit "Die kleine Stadt", in der Koopman eine direkte Kontrafaktur sieht:

"Die kleine Stadt" ist auch ein Gegenroman zu Thomas Mann "Buddenbrooks". "Buddenbrooks" ist die Geschichte eines Abstiegs und eines Endes - Heinrich Manns Roman ist eine Aufstiegsgeschichte (...). Thomas Manns Roman spielt in einer aristokratisch-großbürgerlichen Umgebung, Heinrich Manns Geschichte im "Volke". (...) eine Familiengeschichte in den "Buddenbrooks", eine republikanische Geschichte in der "Kleinen Stad"t, in Lübeck Verfall, Untergang und Tod, in Palestrina Freiheitskriege, (...) ein (...) lichtloses Norddeutschland, der strahlende Süden in der "Kleinen Stadt"."

Die Spur der literarischen Gegenentwürfe zieht sich durch. Und Thomas Mann versteht sie als Kampfansage. So antwortet er schon auf "Die Jagd nach Liebe" mit einem von Koopman als "Vernichtungsbrief" bezeichneten Pamphlet vom 5. Dezember 1903. Thomas spricht von dick aufgetragener "Colportage-Psychologie" "eines Buchs, dessen Titel lieber lauten sollte: "Die Jagd nach Wirkung‘". Und in einem Brief vom 19. August 1904 an Ida Boy-Ed wettert er anlässlich von "Die Göttinne"n gegen Schriftsteller, die, so Thomas Mann, "mit Kunst weniger auf Erkenntnis als darauf aus sind, was sie die Schönheit nennen, und zu ihnen gehört mein Bruder. (...) Seine Bücher sind schlecht, aber sie sind es in so außerordentlicher Weise, dass sie zu leidenschaftlichem Widerstand herausfordern."

Und Heinrich Mann war weiterhin ungeheuer produktiv. Bis 1909 hatte er etwa zehn Romane verfasst und eine große Zahl von Novellen. Eine Bedrohung für Thomas, von dem erst ganze zwei Romane und zwei Novellenbändchen erschienen waren. "Prof. Unrat" war im Sommer 1904 mehr oder weniger in einem Zuge niedergeschrieben worden. Gegen diese "Schnellfertigkeit" des Bruders, aber auch gegen den literarischen Angriff Heinrichs mit "Professor Unrat" auf den brüderlichen Ästhetizismus, das esoterische Gehabe, die priesterliche Aura, das Selbstquälerische und Zweifelsüchtige, schreibt Thomas Mann in sein Notizbuch:

""Anti-Heinrich". Ich halte es für unmoralisch, aus Furcht vor den Leiden des Müßigganges ein schlechtes Buch nach dem anderen zu schreiben. (...) Das Alles ist das amüsanteste und leichtfertigste Zeug, das seit Langem in Deutschland geschrieben wurde. (...) Aber vielleicht ist Produktivität nur eine Form des Leichtsinns."

Die Invektiven sind endlos und der Streit wird von Thomas Mann sogar als produktiver Motor für das literarische Schaffen gepflegt. So profiliert er sich im Drama "Fiorenza" in der Rolle des Mönchs Savonarola gegenüber Lorenzo di Medici. Thomas schreibt in sein Notizbuch: "Ich bin im Vergleich mit H., dem Vornehmen, Kalten, ein weichmüthiger Plebejer, aber mit viel mehr Herrschsucht ausgestattet. Nicht umsonst ist Savonarola mein Held ...". Und er fordert in "Königliche Hoheit" sogar die Abdankung des Bruders. "Königliche Hoheit": Ein Roman, der nicht zufällig mit zum Teil wörtlichen Zitaten der brüderlichen Korrespondenz gespickt ist. Wie hier, wo Klaus Heinrich zu Albrecht sagt:

"Was soll ich sagen, Albrecht? Du bist Papas ältester Sohn, und ich habe immer zu dir emporgeblickt, weil ich immer gefühlt und gewusst habe, dass du der Vornehmere und Höhere bist von uns beiden und ich nur ein Plebejer bin, im Vergleich mit dir."

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 kommt es schließlich zum harten Bruch zwischen den Brüdern. Anlass ist unter anderem Thomas Manns "Gedanken im Kriege". Heinrich antwortet 1915 in seinem "Zola-Essay", mit unmissverständlich gegen den Bruder gerichteten Äußerungen. Die Auseinandersetzung des Jahres 1903, so Helmut Koopmann, wiederholte sich, über Jahre hinweg, in der mit dem Krieg beginnenden Kontroverse. Die Beziehung sollte für Jahre zerstört sein. Thomas Mann hatte Heinrichs Attacken verstanden und ihm Sätze wie diese nie verziehen:

"Sache derer, die früh vertrocknen sollen, ist es, schon zu Anfang ihrer zwanzig Jahre bewusst und weltgerecht hinzutreten. Ein Schöpfer wird spät Mann. (...)
Wie, wenn man Ihnen sagte, dass sie das Ungeheure, das jetzt Wirklichkeit ist, (...) eigenhändig mit herbeigeführt haben, da sie sich ja immer in feiner Weise zweifelnd verhielten gegen so grobe Begriffe wie Wahrheit und Gerechtigkeit. Wir fanden nichts daran, in der ästhetischen Duldsameit der friedlichen Zeiten. (...) Im äußersten Fall, nein dies glaubten wir nicht, dass sie im äußerten Fall Verräter werden könnten am Geist, am Menschen. Jetzt sind sie es."

Thomas Mann, tief verletzt, entgegnet Heinrichs Vorwürfen 1918 mit "Betrachtungen eines Unpolitischen". Heinrich Mann wird sie niemals lesen. Obwohl sie ein einziger Abgrenzungsversuch gegen ihn sind. Thomas stellt Seele gegen Geist, Kultur gegen Zivilisation, Tiefe gegen Oberflächlichkeit, Moral gegen Politik, Kunst und Humanität gegen Fortschritt und Aufklärung. Er verficht die Antithese in dem umstrittenen Essay mit unversöhnlicher polemischer Härte:

"Kultur (...) gegen Zivilisation, Geist gegen Politik, Geist ist deutsch, Zivilisation ist französisch, der Weltkrieg der Krieg der Zivilisation gegen Deutschland, die Zivilisation "deutschfeindlich" und der Bruder: "romanisiertes Literatentum", ein "Boulevard-Moralist" und "Bummelpsychologe", (...) Vertreter der "französischen Bösartigkeit und Rhethorik"."

Thomas Mann überschlägt sich in verbalen Verunglimpfungen gegenüber dem brüderlichen Feind. Er nennt ihn Busen-Rhetor, Menschheitsschmeichler, poetischer Volksverführer, Wollüstling des Rhetorischen Enthusiasmus, Freiheitsgestikulant, radikaler Allgemeinheitskrämer. Der brüderliche Konflikt war eskaliert. Die Kommunikation auf Jahre unterbrochen. Wenn man sich auf der Straße traf, wich man einander aus. Erst 1922 ist eine schwere Erkrankung Heinrichs Anlass zur Versöhnung. Die 20er Jahre stehen im Zeichen des "modus vivendi".

Aber die literarische Auseinandersetzung besteht fort. Thomas, so Koopmann, macht die Idee der Vertauschbarkeit zum Erzählprinzip. Der beste Weg, Heinrich zu neutralisieren und ungefährlich zu machen, ihn auf produktive Weise zu widerlegen. So wird Settembrini im "Zauberberg" zum Medium der Integration des Bekämpften. Settembrini, ursprünglich Sprachrohr Heinrich Manns, wird zum Sprachrohr des Autors. Aber auch in Heinrichs Werken taucht der Bruderkonflikt nach wie vor auf. So im Roman "Kopf", wo er sich in der Gegensätzlichkeit der Romanhelden Terra und Mangold spiegelt. Terra ist in vielem ein Selbstbildnis Heinrich Manns, Mangolf ein Porträt des Bruders Thomas. Es ist kein Zufall, dass Heinrich beinahe wörtlich die "in inimicos"-Szene übernimmt:

"Sie sahen einander glühend an, (...) jeder (...) tödlich gespannt, zu kämpfen für seine Wahrheit. Dann trat einer zurück, so weit er konnte, und der andere strich sich über die Stirn. Sie sahen einander nicht mehr an, jeder wusste: ‚Ich habe ihm den Tod gewünscht.‘ (...) Mangolf setzte sich an das Klavier, er begann ‚Tristan‘ zu spielen. Er sprach in Pausen in die Musik hinein. "Ich denke hier nicht sitzen zu bleiben. Ich weiß noch nicht wie, aber ich komme zur Macht". Terra dagegen: "Wenn ich zur Macht käme, weiß ich, wie. Nur, wenn die Vernunft zur Macht käme". "Deine Vernunft ist die ärgste Tyrannei. Du sollst mich mit ihr nicht länger unterjochen. In inimicos!"

Die 30er Jahre sind vom Exil in Frankreich, der Schweiz und Spanien geprägt. Die Brüder sind sich früh über die Gefahr einig, die vom Nationalsozialismus ausgeht. Sie halten Kontakt, wenn auch distanziert. Während des Exils entstehen Thomas "Joseph und seine Brüder" und Heinrichs "Henri Quatre", dessen zweiter Band die Widmung trägt: "Dem Einzigen, der mir nahe ist". Dann die Ausreise in die USA. Erst Thomas. Er holt Heinrich nach. In Kalifornien ist das Verhältnis der Brüder, so Koopmann, durch brüderliche Distanz bestimmt, bei aller brüderlichen Nähe des Daseins. Thomas will von seinem Bruder im Grunde genommen nicht mehr sehr viel wissen, empfindet dessen Anwesenheit, dessen Notlage als störend, hätte auch die finanziellen Belastungen gerne abgeschoben. Denn er muss den zunehmend erfolg- und mittellosen Heinrich unterstützen. Obwohl Heinrich weiter schreibt, erst seinen Roman "Empfang bei der Welt", dann sein letztes Werk "Der Atem", wird er von der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen. In seinen Büchern aber ist der Bruder nach wie vor präsent. Für Koopmann unübersehbar, dass Heinrich Mann in "Der Atem":

" zugleich die Geschichte ihrer Brüderlichkeit geschrieben und von seinem Bruder Abschied genommen hat. (...) die Kobalt genannte Baronin Kowalsky trägt nur zu deutliche Züge Heinrich Manns, die Schwester Marie-Louise steht für Thomas Mann. Zum Rollenspiel gehört Vertauschung. Hier sind aus den Brüdern Schwestern geworden, und zudem sind die Altersverhältnisse der Schwestern umgekehrt worden. (...) Es ist ein Gespräch am Rande des Lebens, aufgezeichnet als Selbstgespräch, aber nur so war der Bruder noch einmal einzuholen."

Es ist Heinrich, den wir durch die Worte der verarmten Kobalt an ihre Schwester sagen hören: "Dich verstimmte, dass ich den Wettbewerb ausschlug, anstatt trotz Widerstand besiegt zu werden. (...) Wir kränkten uns mit unserer Unabänderlichkeit, gleichwohl habe ich dich geliebt, (...) Sogleich werde ich vergangen sein, du allein bist meine Nachwelt, bei der ich fortlebe."

Thomas, so Helmut Koopmann, antwortet seinem Bruder ein letztes Mal: mit "Felix Krull". Es ist seine späte Antwort auf Heinrich Manns frühen Roman "Im Schlaraffenland". Krull stellt nicht nur ein Gegenentwurf zu Romanheld Andreas Zumsee, sondern auch eine Reaktion auf den letzten Roman Heinrichs "Der Atem" dar. Der Hochstapler entwickelt sich mehr und mehr zum Selbstbildnis. Es kann kaum Zufall sein, dass Thomas Mann das ursprüngliche Geburtsdatum des Felix Krull, 1871, das Geburtsjahr Heinrichs, auf das Jahr 1875, sein eigenes Geburtsjahr umschrieb. Felix Krull soll Thomas Mann letzter literarischer Triumph über den Bruder werden. Es ist, so Helmut Koopmann, ein Roman über das Leben und auch gegen den letzten Roman des Bruders gerichtet:

"Lebensabsage, Lebensverneinung im "Atem". Aber bei Thomas Mann im "Felix Krull" ein Lebenshymnus, so als antworte er noch einmal auf den in seinen Augen so fragwürdigen Lebenskult des Bruders. Leben: Das war hier, im "Felix Krull" (...) ein grandioses Lebenslied, das hier gesungen wurde, der Lobgesang auf das Sein, auf die Unzerstörbarkeit unserer Existenz."

Auch wenn das Leben dem jüngeren Bruder das letzte Wort zugeteilt hat: Niemand, so Helmut Koopmann, hat Thomas Manns Schreiben stärker beeinflusst als der Bruder, von niemandem war Heinrich innerlich stärker abhängig als von Thomas. Die Geschwister antworteten sich unablässig: in Familien- und Gesellschaftsromanen, Künstlerbildern, literarischen Selbstporträts. Nirgendwo war der Bruder, oft unter dem Namen von Romanfiguren, weit entfernt.

Eine plausible These, die Koopmann in seinem Buch umfassend und bis ins Detail erschöpfend zu belegen weiß. Mit einer beeindruckenden Kenntnis der umfangreichen Werke beider Brüder, die von seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Mannschen Opus zeugen. Für Wissenschaftler hält die Untersuchung sicherlich einige überraschende Erkenntnisse bereit. Denn Koopmann hat bei seiner Recherche so manch interessante Fundstücke zum Bruderkonflikt im literarischen Werk beider gefunden, wenn ihn auch die Suche nach Analogien ab und zu ins Spekulative abtreibt.

Wissenschaftlich interessierte Laien dagegen werden in dem fundierten, aber in seiner Ausführlichkeit doch oft langatmigen und manchmal auch ausschweifenden Buch, wohl eher nicht die geeignete Lektüre finden. Koopmanns Verdienst besteht besonders darin, dass er das gigantische Werk der Brüder auf gegenseitige Einflüsse auch bis in unbekanntere Publikationen - vor allem Heinrich Manns - untersucht hat. Das regt an, die Bücher der Mann-Brüder, vor allem die des eher vergessenen Bruders Heinrich, noch einmal zu lesen.

Helmut Koopmann: Thomas Mann - Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder
C.H. Beck 2005
531 Seiten
29,90 EUR

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