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StartseiteEine WeltGegenseitige Anschuldigungen belasten die Beziehungen18.08.2012

Gegenseitige Anschuldigungen belasten die Beziehungen

Der Iran und Aserbaidschan

Das Verhältnis zwischen Aserbaidschan und dem Iran ist äußerst kompliziert. Im Iran nämlich gibt es eine große aserbaidschanische Minderheit; Schätzungen sprechen von etwa 30 Millionen Menschen. Sie sehen sich tendenziell unterdrückt. Die Führung des Iran wirft dem Nachbarstaat hingegen vor, diese Minderheit aufzuhetzen.

Von Gesine Dornblüth

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Das iranische Atomprogramm
Iran nach der Wahl
Zankapfel Berg-Karabach

Ein Hinterhaus in einem Randbezirk der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Eine Treppe führt in einen fensterlosen Raum. Scheinwerfer. Mikrofone. Ein Tisch. Vorhänge in verschiedenen Farben. Eine Staffelei. Eine Buchstabentafel mit dem aserbaidschanischen Alphabet.

Es ist das Studio des privaten Fernsehsenders Günaz TV. Güney heißt Süden, Günaz steht für Südaserbaidschan. Der Kanal sendet aus Baku für Aserbaidschaner im südlichen Nachbarland Iran.
Araz Obali leitet das Programm.

"Wir wollen den Südaserbaidschanern eine Stimme geben. Damit die Welt von ihren Problemen erfährt."

Günaz TV sendet auf aserbaidschanisch und persisch. Das Hauptprogramm kommt aus den USA, ein Exiliraner aserbaidschanischer Herkunft finanziert es. Das kleine Studio in Baku liefert einige Sendungen zu: Malkurse, Volkstanz, zwei Mal täglich Aserbaidschanisch-Unterricht, eine wöchentliche politische Talkshow. Aserbaidschaner im Iran und Aserbaidschaner im heutigen Aserbaidschan waren mal in einer Nation vereint. Günaz TV tritt für die Wiedervereinigung ein.

"Wir sind ein Volk, wir haben dieselben Bräuche, dieselbe Sprache, dieselbe Kultur. Natürlich muss das Volk darüber entscheiden – aber wir sind dafür, dass der Norden und der Süden vereinigt werden. So kann hier ein starker demokratischer Staat entstehen."

Solche Äußerungen aus den USA und aus Aserbaidschan sind aus Sicht Teherans eine Provokation. Im Iran sitzen mehrere aserbaidschanisch-stämmige Journalisten im Gefängnis – wegen regierungskritischer Veröffentlichungen oder verbotener Kontakte zu Ausländern. Baku hetze die aserbaidschanische Minderheit im Iran auf, heißt es in Teheran.

Die Anschuldigungen beruhen auf Gegenseitigkeit. Aserbaidschanische Regierungsvertreter werfen dem Iran wiederum vor, dass ihre geistlichen Führer islamistisches Gedankengut in Aserbaidschan verbreiten.

Aserbaidschan ist ein säkularer Staat. Anfang des Jahres nahmen die aserbaidschanischen Behörden mehrere Personen fest - angeblich Agenten des Iran. Es hieß, sie hätten Anschläge auf die Botschaften Israels und der USA in Baku geplant. Der Politologe Elhan Shahinoglu hält das für schlüssig. Er ist ein engagierter Gegner des Regimes im Iran.

"Es gibt hier eine gut organisierte fünfte Kolonne der iranischen Regierung. In unseren Moscheen. Der Iran kann jederzeit den Knopf drücken, damit sie zum Einsatz kommt. Besonders an der Südgrenze zum Iran, aber auch rund um unsere Hauptstadt Baku gibt es Dörfer, in denen fast die ganze Bevölkerung mit dem Iran sympathisiert."

Dass die Islamisten in einigen Dörfern Aserbaidschans Gehör finden, hat sich allerdings auch die Regierung Aserbaidschans selbst zu zuschreiben. Sie gilt als korrupt, und weite Teile der Bevölkerung fühlen sich vom Staat allein gelassen. Auch daher die Begeisterung für islamistisches Gedankengut.

Die Konflikte zwischen Aserbaidschan und Iran haben aber noch mehr Facetten. Beide Staaten streiten miteinander und mit weiteren Anrainern des Kaspischen Meeres um die Gasvorkommen auf dem Meeresgrund. Der Grenzverlauf im Kaspischen Meer ist nicht geklärt. Vagif Alijew leitet die Abteilung für Investitionen des staatlichen aserbaidschanischen Ölkonzerns Socar, der auch Gas fördert. Der Konflikt mit dem Iran schädige das Geschäft, sagt der Manager.

"Wir können deshalb nicht langfristig planen. Es wird Zeit, die Seegrenzen endlich festzulegen."

Ein weiterer kritischer Punkt im Verhältnis zwischen den Nachbarn: Aserbaidschan pflegt beste Beziehungen zu Israel, dem Erzfeind des Iran. Israel liefert Waffen nach Aserbaidschan: Drohnen und Flugabwehrsysteme im Wert von mehr als einer Milliarde Euro. Im Gegenzug bekommt Israel aserbaidschanisches Öl. Der Iran betrachtet diese Geschäfte mit Argusaugen. Zu Unrecht, meint der aserbaidschanische Politologe Elhan Shahinoglu.

"Unsere Staatsführung erklärt dem Iran ständig, dass diese Waffen nicht gegen den Iran gerichtet sind. Wir wollen Berg-Karabach zurück. Daher brauchen wir die Waffen."

Berg-Karabach ist Teil Aserbaidschans und seit etwa 20 Jahren von Armeniern besetzt. Aserbaidschan fordert das Gebiet zurück. Internationale Versuche, in dem Konflikt zu vermitteln, schlugen bisher fehl. Aserbaidschanische und armenische Soldaten liegen sich in Schützengräben gegenüber. Dieser Konflikt mit Armenien um Berg-Karabach bestimmt nahezu die gesamte Politik Aserbaidschans. Und hier liegt noch ein weiterer Stachel in den Beziehungen zum Iran: Der Iran pflegt nämlich recht gute Beziehungen zu Armenien. Insbesondere in der Energiewirtschaft arbeiten beide Staaten eng zusammen – und das können die Aserbaidschaner nicht ertragen. Shahinoglu:

"Bei offiziellen Treffen sagt der Iran ständig: Wir sind für die territoriale Integrität Aserbaidschans. Aber in Wirklichkeit unterstützen sie Armenien. Ich denke, solange die Führung im Iran nicht abgelöst wird, dürften sich die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und dem Iran nicht bessern."

Manche Beobachter fürchten, dass Aserbaidschan einen möglichen Krieg im Iran nutzen könnte, um im Zuge der allgemeinen Wirren selbst zu den Waffen zu greifen und Berg-Karabach mit Gewalt zurückzuholen. Vertreter der Regierung und der Opposition weisen dies jedoch zurück. Der Ölmanager Vagif Alijew vom Staatskonzern Socar meint:

"Niemand hat Interesse an einer Eskalation im Iran. Und deshalb hoffen wir sehr, dass die internationalen Vermittler den Konflikt um das Atomprogramm entschärfen. Denn ein Krieg nützt niemandem."

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