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StartseiteEssay und DiskursDie Gestalt des Engels22.03.2015

GegenwärtigkeitDie Gestalt des Engels

Das wissenschaftlich-rationalistische Denken versucht seit Jahrhunderten zu beweisen, dass Engel - die Boten - überflüssige, nicht notwendige Nicht-Wesen sind. Ein Aberglaube aus grauer Vorzeit. Philosophen und Dichter aber sehen das anders.

Von Thomas Palzer

Eine Malerei des Erzengels Gabriel von Guido di Pietro (ca. 1400-1455) . (imago / Leemage)
Eine Malerei des Erzengels Gabriel von Guido di Pietro (ca. 1400-1455) . (imago / Leemage)

1987 kam "Der Himmel über Berlin" in die Kinos - jener Film, mit dem Wim Wenders auch dem breiten Publikum bekannt wurde und der die Geschichte zweier männlicher Engel erzählt, die von der Siegessäule oder anderen exponierten Punkten aus das meist vergebliche Treiben der Menschen beobachten.

Engel? Geht das überhaupt noch?

Für das wissenschaftlich-rationalistische Denken sind Engel oder "Boten" - was man meist unter ihnen versteht -, überflüssige, nicht notwendige Nicht-Wesen, ein geflügelter Aberglaube aus grauer Vorzeit.

Doch Astronomie und Astrophysik behaupten auch, die Sonne sei ein Stern vom Typ Gelber Zwerg. Heute gilt die Wissenschaft als Theorie der Wirklichkeit. Sie bestreitet, dass ihr Bild von der Sonne nur ein Bild ist - genauso wie van Goghs Sonnenblumen.

Der Rationalismus, der nur das akzeptiert, was sich in irgendeinem Sinn messen lässt verwechselt sein Modell mit dem, was von keinem Modell je ausgeschöpft werden kann - der Wirklichkeit selbst. Nicht alles, was wirklich ist, lässt sich auch messen. Deshalb könnte es sich bei der Negation des „Engels" durch die Naturwissenschaft ganz analog verhalten. Es ist möglich, dass die Leugnung der Engel nur das Negativ abgibt zu dem, was positiv betrachtet die Gestalt des Engels ausmacht.

Doch wie ist das zu verstehen?

Wer den Engel leugnet, behauptet, dass er nicht in unser Raum-Zeit-Kontinuum passt

Wer den Engel leugnet, behauptet im Grunde nur, dass er nicht in unser Raum‑Zeit‑Kontinuum passt. Er passt nicht zwischen die Planeten, Sonnen, Asteroidengürtel und Galaxien. Engel lassen sich nicht wiegen oder der Höhe, Breite und Tiefe nach vermessen. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es keine Engel gibt. Es heißt nur, dass die Ausdehnung unseres Universums nicht gleichbedeutend ist mit: Wirklichkeit - Wirklichkeit geht über das physikalische Raum-Zeit-Gefüge weit hinaus. Wenn die Engel von Wim Wenders die Menschen von exponierter Stelle aus beobachten, dann heißt das, dass sie die Menschen von einem Außerhalb betrachten, von außerhalb des Einstein'schen Raum-Zeit-Gefüges.

Der Engel befindet sich gemäß der hergebrachten Ordnung des Kosmos genauso weit über dem Menschen, wie das Tier unter ihm steht. Der Mensch steht in der Mitte zwischen diesen beiden Polen - den Polen Tier und Engel. Der Legende nach sind Engel so stumm wie die Tiere, beide sind sie Infanten, sprachunfähig, brabbelnd, zum Sprechen nicht begabt. Wie das Tier mit seinem Instinkt völlig eins ist, so ist der Engel vollkommen identisch mit dem Licht des Augenblicks, weshalb er - jedenfalls nach Ansicht von Dante Alighieri - aus Feuer besteht.

Wenn Tier und Engel sich so ähnlich sind, was zeichnet dann den Menschen aus?

Als Wesen, die ein Selbstverhältnis haben, sind die Menschen getrennt von der Welt und getrennt von sich selbst. Sie erkennen die Sonne, doch sie sind sie nicht. Sie erkennen sich selbst, doch sie sind der Andere ihrer selbst. Erkenntnis ist durch das Anderssein von ihrem Gegenstand geschieden. Aber erkennen immerhin können wir. Und weil wir erkennen können, sind wir anders als Tiere und Engel in der Lage, eine Angelologie zu entfalten - das heißt, einen Diskurs über Engel zu führen, über ihn und die Gestalt, die er heute angenommen hat - als Angelus Novus, als neuer, zeitgemäßer Engel.

Nicht der Engel selbst, aber das Bild, das wir uns von ihm machen, ist historisch und wechselt die Gestalt.

"Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht."

So dämpft der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal alle Illusionspädagogik.

Engel sprengen den Begriff der Zeit. Für uns sind sie "unsterblich", und das sind sie tatsächlich, wenn man sie als kulturelles Phänomen versteht, als Figur, die zwar nicht in Wirklichkeit, aber in der Literatur vorkommt, in Kunst und Religion.

Nicht nur sind sie Titelgeber für Romane und Filme - Nachtschwarzer Engel; Schau heimwärts, Engel; Der blaue Engel und viele andere - es gibt sie außerdem in den unterschiedlichsten Funktionen: als Schutzengel, Friedensengel, Racheengel, als Höllenengel, Erzengel, Todesengel oder Rauschgoldengel, als blauer oder gefallener Engel.Bis zum Jüngsten Gericht geht die Frist, die Gott dem gefallenen Engel zugestanden hat, um den Menschen zu verführen und seine Seele zu zerstören.Muslime glauben, dass es der Erzengel Gabriel gewesen ist, der das Heilige Buch, den Koran, dem Propheten Mohammed diktiert hat. Für die Christen hat er Maria davon unterrichtet, dass sie die Mutter Gottes sein wird.Für den Kirchenvater Augustinus ist der Begriff „Engel" die Bezeichnung einer Aufgabe, nicht die eines Geistwesens.

In den ältesten Überlieferungen nehmen die Engel nicht ausschließlich menschliche Gestalt an, sondern kommen auch im Hauch des Windes und der Strömung des Wassers daher, in den Bewegungen der Hitze und Kälte und der Elemente überhaupt. Für die Figur des Engels scheint zu gelten, dass sie deshalb wahr ist, weil sie sich bewährt hat. Von der Wahrheit wird ja genau das, was sich bewährt hat, bewahrt. Die Dimension, die der Engel bewohnt, ist die Utopie zwischen Dasein und Jenseits, zwischen Zeit und Zeitlosigkeit, zwischen welchen Polen er nach Ansicht der abrahamitischen Religionen entlang der Himmelsleiter auf- und niedersteigt - ein Mittler zwischen Himmel und Erde, ein Überbringer von Botschaften, einer, der vom Sichtbaren ins Unsichtbare geleitet.

"Und Jakob nahm einen von den Steinen, die da lagen, und legte ihn unter sein Haupt und schlief an dem Orte [...] Und er sah im Traume eine Leiter, die da stand auf der Erde und mit der Spitze den Himmel berührte; und die Engel Gottes stiegen auf und nieder auf derselben. Und der Herr stand auf der Leiter und sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der Gott Abrahams, deines Vaters, und der Gott Isaaks."

Erstes Buch Mose, Kapitel 28, Vers 11 - 13.

Engel als Medium

In den Anfängen christlicher Kunst hat man Engel oft mit einer Buchrolle dargestellt. Später verleiht man den Engeln Flügel. Modern gesprochen wird im Engel ein Medium gesehen. Engel sind leicht, luftig, durchsichtig. Sie stif­ten Beziehungen und Verbindungen, sind Künder von Heil oder - wie die Engel der christlichen Apokalypse - von Unheil. Geflügelte Götter kannten schon die Ägypter, Babylonier, Assyrer und Griechen. Hermes, der Götterbote, bringt den Menschen die Schrift und das Schachspiel. Die Galerie der Bilder, die sich die europäischen Kulturen von den Engeln gemacht haben, beginnt mit dem Porträt von Hermes, dem Götterboten und Oberengel. Der Cherub wiederum stammt aus Nordafrika.

Er hat seinen Namen von den ge­flü­gelten Stieren mit Menschenkopf aus Stein, welche die Tore babylonisch-assyrischer Tempel und Paläste be­wacht haben. Das assyrische Wort "kerub" bezeichnet dieses Zwitterwesen, in dem ein Mittler zwischen den Sphären gesehen wurde, zwischen den Göttern und dem Volk. Den Unsterblichen und den Sterblichen. Cherubim und Seraphim stützen Gottes Thron und bewachen das Paradies; Gabriel, der Engel der Verkündigung, stellt die Beziehung zur Erde her. Gemäß jüdischer Tradition erschafft Gott unentwegt Engel, um sie seinen Lobpreis singen und gleich darauf wieder vergehen zu lassen. Engel vergehen, wie die Momente vergehen, aus denen sich die Gegenwart zusammensetzt.

Die abendländische Tradition, die hebräische Mystik und der Islam stellen sich das Umfeld Gottes als eine Art Hofstaat vor, wo der König umgeben ist von Myriaden Dienern und himmlischer Heerscharen. Für diesen Hofstaat fällt allerdings der Mensch aus der Rolle. Er ist ein Skandal.

Der Engel aus philosophischer Sicht

Engel sind Wesen, die Sichtba­res in Unsichtba­res verwandeln - die, philosophisch gesprochen, das, was ist, zurückbinden an das, was dieses "ist" gibt.

Sprecher 1:

Es gibt.

Wer gibt?

Die Zeit gibt.

Es gibt Bäume, Blumen, den Himmel, Vögel, Katastrophen, Glück. Es gibt Tatsachen und Gedanken über Tatsachen. Aber gibt es auch Engel? Zumindest gibt es den Engel als Idee.

Für Platon war die Idee, die hinter allen Erscheinungen steht, etwas, das außerhalb der Zeit steht. Für Platon sind Ideen ewig. Die Idee des Tisches ist ewig, der reale Tisch hier vor mir vergänglich. Vergänglich ist alles, was in der Zeit ist. Und so, wie alles Zeitgebundene nur auf das Ewige verweist, alles Sichtbare auf das Unsichtbare, ist der Engel, der zwar nicht sichtbar ist, anders als Gott aber vergänglich, ein Zwischending.

Als unsichtbare Boten, die still vorüberschreiten und nur gelegentlich und nur für den jeweils angesprochenen Menschen sichtbar werden, erscheinen und verschwinden die Engel in der jüdisch-muslimisch-christlichen Überlieferung. Es heißt, sie durcheilten den Raum mit der Schnelligkeit ihrer Gedanken.

Als Bote durchquert der Engel Räume, Zeiten und Mauern, durchschreitet geschlossene Türen. Nichts bleibt ihm verschlossen. Fast so schnell wie Gedanken durcheilen heute Bits und Bytes das globale Kommunikationsnetz, das die Erde umspannt. Sie sind die einfältigen materiellen Zwillinge der Ende des 17. Jahrhunderts von Leibniz postulierten Monaden. Monaden stammen von Platons Ideen ab - und Platons Ideen von Cherub. In der abendländischen Tradition stehen also Cherub, Hermes, Engel, Ideen und Monaden in einem gewissen Zusammenhang.

Im Zuge postmoderner Nobilitierung alles Magischen und Mystischen sieht der französische Philosoph Michel Serres Mitte der 1990er Jahre die Wiederkehr des Engels im modernen Primat der Kommunikation sich vorbereiten. Nonstopp sind Flugzeuge in der Luft; was wechselt, sind nur die Passagiere. Eine stabile Stadt der Engel inmitten von Luft. Dazu der Funk, Sendeschluss gibt es nicht. Der Personen-, Informations- und Warenaustausch hat die Welt in einen Signalraum im Dauerfeuer verwandelt.

Und ist nicht die Erde selbst mit ihren Gezeiten und Winden, mit ihren Strömungen, Neigungen und Wirbeln, mit ihren Furchen und Maserungen, Möwenschreien, Böen und Stürmen, mit ihren Reflexen, Kraftlinien, Wellen und Zirkulationen ein gigantisches Kommunikationsnetz?

Serres sieht überall dort, wo ein Austausch und wo Resonanz stattfindet, wo es Interfaces gibt, Kommunikation, Diplomaten, wo Wellen im Sand auslaufen, die Erneuerung der Legende vom Engel am Werk.

Engel sind Halbleiter, Wendeschalter, Transformatoren, Umformer, Adapter, Gleichrichter, Transistoren, Chips, Mikroprozessoren. Der Engel ist in den Augen des französischen Philosophen die ideale Metapher, um das gegenwärtige Dauerfeuer zwischen Sender und Empfänger zu beschreiben das Dauerfeuer der Neuronen im Gehirn. Erinnern wir uns: Engel, sagte Dante, bestehen aus Feuer. Wenn unsere Welt dominiert wird vom unentwegten Austausch der Nachrichten und Botschaften - muss uns da der Engel, der von altersher als Bote gedacht wird, nicht wieder interessieren?

Kein Zweifel, die moderne Welt ist um den Strom der Nachrichten, den sie unablässig erzeugt und von dem sie selbst im gleichen Zug geschaffen wird, organisiert - um diesen Informationsfluss herum. Serres' Engel ist ein Engel, der zur Erde herabgestiegen ist, um auf dieser zu bleiben. Signale knüpfen ein ständig sich erweiterndes Netz aus Relationen - und in einer notwendigen "Philosophie der Relationen" spielte nach Serres der Engel eine Hauptrolle. Aber ist der Engel tatsächlich eine innerweltliche Angelegenheit? Sind Engel Teil der Wirklichkeit?

Engel erscheinen, wenn sie eine Botschaft überbringen

Engel erscheinen, wenn sie eine Botschaft überbringen - erscheinen vor Maria, Mohammed oder - wie Seraphim mit dem Stoß in die Posaune - vor den Toten. Damit der Empfänger aber nicht den hört, der ausgesandt worden ist, sondern die Mitteilung des Absenders, muss der Engel hinter die Botschaft zurücktreten. Er muss in ihr verschwinden. Der Engel bringt jene unübersetzbare Botschaft, die allen Botschaften vorausgeht und eine solche überhaupt erst möglich macht.

Engel sind Bewohner einer utopischen, nirgendwo auffindbaren Dimension. Sie sind die offenen Momente in einem verzweckten Leben, sind momentane Ortlosigkeiten in einem stählernen Raum-Zeit-Gefüge, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Aus dem Orient entflogen, schieben sie sich zwischen Absender und Empfänger, zwischen Zeichen und das, was es bezeichnet; zwischen Sein und Seiendes. Von diesem Dazwischen-Sein, dem Inter-esse, ist der Raum des Engels bestimmt - von dieser Mitte, dieser Ver-mitt-lung, diesem Medium, dieser Meditation, weshalb Engel als geschlechtslos gedacht werden. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Der Engel ist Übersetzer - aber ein Übersetzer, der zwischen Gott und den Menschen übersetzt - also zwischen Seinsstufen, wo es aufgrund des unermesslichen Abstands keine Übersetzung geben kann.

Mahaf muss deshalb ein Engel sein, jener Fährmann, der gemäß der ägyptischen Mythologie auf seine Fähre die Toten ins Totenreich übersetzt. Auch in der christlichen Mythologie ist es ein Engel - ein Bewohner des Dazwischen -, der die Seele beim Sterben in den Tod begleitet. So sagen es die polytheistischen Religionen des antiken Rom, Ägyptens oder Griechenlands, und so sagen es die monotheistischen Religionen des Judentums, Christentums und Islam. Doch Leben und Tod trennt ein unauslotbarer Abgrund, ein unermesslicher Abstand. Nur Engel können ihn überbrücken. Aber wie machen sie das? Wie überbrücken Engel etwas, das nicht überbrückbar ist?

Es war ein Cherub, der die Geburt Je­sus verkündete, in dem seinerseits etwas verbunden wurde, was nicht zu verbinden geht, wo die Verbindung von Gottessohn und Menschensohn Fleisch wurde. Im Inter-esse, im Dazwischen-Sein haben wir das Wesen des Engels.

"Nach dem Sabbat, in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grabe zu sehen. Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat ans Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Die Wächter zitterten und bebten vor Schrecken und fielen wie tot zu Boden. Der Engel aber sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, denn er wurde auferweckt ..."

Matthäus Kapitel 28, Vers 1- 6

Paul Klees Angelus Novus

Im Winter 1912 hält sich der Dichter Rainer Maria Rilke über dem Golf von Triest in dem Städtchen Duino auf, das seinen "Duineser Elegien" den Namen geben wird - einem der schönsten Gedichtzyklen der Weltliteratur. Scharenweise sind da dem Castello bei Duino die Engel entflogen.

"Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling, drum zeig
ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
als ein Unsriges lebt neben der Hand und im Blick."

Acht Jahre später, 1920, kommt aus Berlin ein anderer Engel geflogen: Angelus Novus.

Er kommt in Gestalt eines Aquarells des Malers Paul Klee. Das Bild gefällt dem Berliner Walter Benjamin so gut, dass er 1922 plant, nach ihm eine Zeitschrift zu benennen.

Benjamin schreibt:

"Die wahre Bestimmung einer Zeitschrift ist, den Geist ihrer Epoche zu bekunden [...] unerbittlich im Denken, unbeirrbar im Sagen und unter gänzlicher Nichtachtung des Publikums, wenn es sein muss, sich an dasjenige zu halten, was als wahrhaft Aktuelles unter der unfruchtbaren Oberfläche jenes Neuen oder Neuesten sich gestaltet."

Im November 1939, knapp zehn Monate vor seinem Freitod, verfasst Benjamin einen geschichtsphilosophischen Aufsatz, in dem er sich erneut auf das Aquarell von Klee und dessen Angelus Novus bezieht. In der neunten These formuliert er jenen wohlbekannten Aphorismus über den "Engel der Geschichte", dessen Paraphrase wie folgt lauten könnte:

"Auf das Trümmerfeld der Vergangenheit zurückblickend, möchte der Engel die Verwüstungen rückgängig machen, aber vom Sturm, der vom Paradies her im Namen des Fortschritts bläst, wird er in die Zukunft geweht."

Neben Michel Serres gibt es in der Gegenwart nur noch einen, der sich mit dem Engel in der Philosophie befasst hat: der Italiener Massimo Cacciari. Im Zentrum der Arbeiten des Philosophen und ehemaligen Bürgermeisters von Venedig steht die Krise der modernen Vernunft. Zwei Sätze aus Kants "Kritik der reinen Vernunft" können diese Krise illustrieren - jeweils der erste Satz aus der ersten und aus der zweiten Auflage:

"Erfahrung ist ohne Zweifel das erste Produkt, welches unser Verstand hervorbringt."

So die erste Auflage. In der zweiten aber heißt es:

"Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel."

Offenbar ein Widerspruch, auf den Cacciari in seinem 1990 publizierten Hauptwerk

"Dell'inizio - Vom Anfang" aufmerksam macht. Entweder ist der Verstand das Erste - oder die Erfahrung. Oder beide stehen in einem vertrackten Verhältnis zueinander - etwa wie Ufer, Insel und Meer - unauflösbar aufeinander verwiesen. Cacciari will sagen: Jeder Anfang ist bedingt, das heißt er setzt als Anfang das Voranfängliche voraus, von dem er sich abstößt. Bekannt als Henne-und-Ei-Problem.

Wenn wir mit dem Ei anfangen - wo ist dann die Henne, die es gelegt hat? Fangen wir aber mit der Henne an, müssen wir uns wundern, wo das Ei abgeblieben ist, aus dem diese notwendig geschlüpft sein muss. Vielleicht ist es darum nur folgerichtig, wenn dem Buch über die Krise der Vernunft ein Buch um vier Jahre vorausgeht, dem Cacciari den Titel verliehen hat: "Der notwendige Engel".

In der angelologischen Abhandlung beschäftigt sich der italienische Philosoph mit den Vorstellungen und Bildern, die die Moderne im Hinblick auf den Engel entwickelt hat, namentlich eben Rilke, Klee und Benjamin. Für Rilke ist der Engel Zeuge des unaufhörlichen Prozesses, bei dem Sichtbares in Unsichtbares verwandelt wird, Vergängliches in Zeitloses. Bei Benjamin sind Engel arm-selig, das heißt nur schwach manifest - und gleichwohl gerade deshalb Vermittler zwischen Himmel und Erde. "Ein jeder Engel ist schrecklich", sagt Rilke in den "Duineser Elegien".

Benjamins Engel der Geschichte hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.

Der Engel bezeugt das Mysterium als Mysterium

Anders als Michel Serres erkennt Massimo Cacciari vor dem Hintergrund der Aussagen von Rilke und Benjamin im Engel gerade keinen Vermittler und Pontifex, also Brückenbauer, sondern das Symbol für eine ursprüngliche Spannung, für einen Unterschied, den er als Bote nicht vermittelt, sondern dessen Exegese er ist. Cacciaris Engel sprengt den Begriff der Zeit.

Der Engel ist Ewigkeit im Augenblick, ist "Nunc stans" - aber nicht als Vermittlung zwischen dem, was eben vergangen ist, und dem, was gleich passieren wird - sondern Darstellung dieser Spannung zwischen den beiden Polen, Darstellung des Dazwischen, Exegese dieser "[...] kleinen Pforte, durch die der Messias treten konnte [...]", wie Benjamin in seinem berühmten Geschichtsaufsatz sagt.

Dabei bezog sich Benjamin auf den englischen Dichter William Blake, der Halluzinogene einmal als die "Pforte der Wahrnehmung" bezeichnet hatte, so wie Gilles Deleuze und Félix Guattari im Wahn des Schizoiden Botschaften der Engel Gottes vermuteten.

Der Engel bezeugt das Mysterium als Mysterium - nicht, indem er - um das griechische Wort "Apokalypse" etymologisch zu nehmen - enthüllt, sondern indem er enthüllt, das es sich bei ihm um das schlechthin Unenthüllbare handelt. Um beim vorherigen Beispiel zu bleiben: Insel, Ufer und Meer sind nur in der Gegenwärtigkeit gegeben - und nicht auflösbar gemäß irgendeiner Logik, und sei es die der Chronologie. Weder war das Ufer zuerst da, noch das Meer, noch die Insel. Auch ist keines für sich, gewissermaßen separiert möglich - sondern alles ist nur als Ganzes und auf einmal gegeben.

Die Zeit gibt.

Damit ist der Engel nicht mit Logik greifbar, denn Logik beruht auf der Unterscheidung von Ursache und Wirkung - statt die grundlose Gegebenheit der Gegenwart anzuerkennen. Das, was der Engel darstellt, ist also keine Folge eines Phänomens, das seiner Darstellung vorausgeht. Logik unterscheidet immer in ein Vorher und Nachher. Vorher gibt es den Engel, dann geben wir ihm den Namen. Der Engel weist den Weg aus der Buchstäblichkeit: Nicht vom Zeichen oder der Zeichnung zum Ding, sondern vom Ding zum Unsichtbaren, vom konkret Seienden zu dem, was das Seiende allererst gibt - zum Sein.

Was der Engel darstellt, was er bezeugt, vernichtet nicht das Geheimnis; der Name besitzt das nicht, von dem er Name ist. Der Engel ist Exegese der Zeit, der das an ihr hervortreten lässt, was im Dunkel des Nicht-Gewordenen verborgen ist. Jeden Augenblick erneuert sich die Welt, aber das nehmen wir nicht wahr, weil die Welt uns beständig und ewig erscheint. Der Engel will die Anerkennung seiner Gegebenheit im Namen. Im Namen rettet er die Phänomene, die er repräsentiert. Er erlöst sie aus dem Vorher und Nachher. Daraus, etwas gewesen zu sein, bevor es einen Namen bekommen hat. Nur die augenblickliche Zeit, der gegenwärtige Moment ist Zeit ohne Kronos, Zeit ohne Chronologie, ist Zeit ohne das Joch der Uhr. In der Zeit ohne Kronos zu sein, das können wir von den Engeln lernen.

Der Engel schlüpft durch die Maschen des physikalischen Zeitnetzes, das sich von einem Moment zum nächsten wälzt und einen Exzess der Dauer zelebriert. Deshalb ist der Engel notwendig, also jemand, der die Not wendet - denn Strom der fliehenden, vergehenden, rastlosen, gefräßigen Zeit, der Trümmer um Trümmer anhäuft, kann nur im Augenblick angehalten werden, im Momentum, der als Riss verstanden werden muss, als Spalt und Pforte, durch die Licht einbricht. Zeit gibt es nur, damit nicht alles auf einmal passiert.

Cacciaris Engel

Der Moment wiederholt die Zeit, ohne dass sie wiederkommt. Das Leben des Menschen spielt sich zwischen diesen beiden Ordnungen von Kronos und Kairos ab, zwischen physikalischer Zeit und Gelegenheit, die man im richtigen Moment ergreifen muss, um sie zu nutzen. Der Kairos ist die Gestalt des Engels - jene Dimension der Zeit, die im Ausschnitt jeden Augenblicks enthalten ist. Das Lateinische "tempus" leitet sich ab von Griechischen "temnein", schneiden, Ausschnitt, Fragment. Der Engel ist Peripetie - Umschlag der Handlung, Wendepunkt, "tipping point". Der Engel ist da, wenn jener Moment gekommen ist, in der ein vormals stabiler Zustand plötzlich instabil wird und kippt.

Cacciaris Engel bricht mit der messbaren Zeit, mit der mechanischen Kontinuität der Zeitpunkte, die mit eiserner Logik aufeinanderfolgen - bricht damit zugunsten des Augenblicks und lichten Moments, zugunsten jener Pforte, durch die der Messias schlüpft. Zwischen dem Namen und dem, was er benennt, und zwischen dem, was vergangen ist, und dem, was noch kommen wird, gibt es den messianischen Augenblick das Mysterium nämlich, dass sich in der Gegenwärtigkeit der Gegenwart zeigt. Dass etwas ist und nicht vielmehr nichts.

Es gibt.

Wer gibt?

Die Zeit gibt.

Die Zeit gibt den Engel in der Gegenwärtigkeit dessen, was ist. Angesichts dieses Mysteriums verschwindet der Unterschied zwischen Bote und Botschaft wie der zwischen Ufer, Insel und Meer. Benjamin sagt in der Fragmentsammlung "Zentralpark", die kurz vor seinem Selbstmord 1940 entstanden ist:

"Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es 'so weiter geht', ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. Strindbergs Gedanke: die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde - sondern dieses Leben hier. [...] Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe." Gerade, dass sich die Gegenwart immer weiter in die Zukunft entrollt, ist für Benjamin und für Massimo Cacciari die Katastrophe, die, wortwörtlich genommen, im Griechischen eine Wendung nach unten bedeutet: "katastrephein". Eine Gegenwart, die sich entrollt, entrollt sich in ein Vorher und Nachher, was Gegenwärtigkeit zum Verschwinden bringt. Denn Gegenwart haben wir nie - bevor wir den Moment ergreifen können, ist er schon vorbei gegangen - lautlos und unsichtbar wie ein Engel. Die Gestalt des Engels selbst aber ist - Gegenwärtigkeit. Jeder Engel hat Anteil am Göttlichen - und das Göttliche bekommen wir nie zu fassen, denn wenn wir versuchen, nach dem Engel zu greifen, ist er bereits an uns vorbeigegangen. Der Dichter Gerhard Falkner imitiert Rilke in den Duineser Elegien, der, wie wir gehört haben, einen recht intimen Umgang mit Engeln pflegte und die neunte Elegie dem Engel widmete:

"Wer, wenn nicht ich, hörte mich denn /
aus der Enge der Ordnungen /
dem Ingrimm der Zeichen / in entsprechender Zeit? /
Wer führte mich denn /
aus der Unhintergehbarkeit /
von Sprache /
ins endlich Offene - Welches Tier soll ich denn anschreien?"

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