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StartseiteTag für TagAuf der Suche nach der Religiosität01.07.2014

GehirnforschungAuf der Suche nach der Religiosität

Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung sind religiös. Eine gewaltige Zahl - und das, obwohl es keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz eines Gottes oder mehrerer Götter gibt. Auch Gehirnforscher beschäftigen sich mit dem Phänomen und entwickeln Theorien. Eine lautet: Religion ist das Ergebnis menschlicher Kreativität.

Von Monika Konigorski

Ein Gläubiger hat seine Hände zum Gebete gefaltet. (dpa picture alliance / Maurizio Gambarini)
Ein Gläubiger hat seine Hände zum Gebete gefaltet. (dpa picture alliance / Maurizio Gambarini)
Weiterführende Information

Schwerpunktthema | Von Jupiter zu Jesus (Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 29.05.2014)

Religion ist das Ergebnis menschlicher Kreativität, ist sich der Gehirnforscher Robert-Benjamin Illing sicher. Er leitet im Universitätsklinikum Freiburg das Neurobiologische Forschungslabor und lehrt kognitive Neurowissenschaften. Entsteht für ihn also die Religion im Gehirn?

"Die kernige Antwort darauf könnte sein: ja, aber. Sie entsteht im Gehirn, aber wer meint, es wäre eine Herabwürdigung des Gedankens der Religiosität, der würde irren."

Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung sind als religiöse Menschen einzustufen. Das hat eine Studie des amerikanischen Pew-Forschungsinstituts im Jahr 2012 ergeben. Mehr als vier Fünftel der Menschheit, eine gewaltige Zahl – und das, obwohl es keinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz eines Gottes oder mehrerer Götter oder eines Lebens nach dem Tod gibt.

Im Jahr 2010 erschien das Buch "God's Brain", "Gottes Gehirn", und bot eine evolutionsbiologische Erklärung an: Die These der Autoren Lionel Tiger und Michael McGuire lautet: Religion hilft, den "BrainPain", den Gehirnschmerz, zu heilen. Der entstehe dadurch, dass das Gehirn des Menschen nicht ausgelastet sei. Das Buch sorgte für großes Aufsehen, weil es versuchte, Religion wissenschaftlich zu erklären, ohne sie – wie Richard Dawkins beispielsweise - als gedanklichen Virus zu denunzieren.

Betende Muslime vor dem Innenministerium in Tschechien - aus Protest gegen eine Polizei-Razzia in einem islamischen Zentrum. (picture alliance / dpa / Michal Krumphanzl)Betende Muslime in Tschechien (picture alliance / dpa / Michal Krumphanzl)

Ein Boden aus Jenseitsgedanken

Ähnlich argumentiert auch Robert-Benjamin Illing. Sein Erklärungsmodell beruht auf drei Säulen, die er als Grundlagen für die Entstehung von Religion ausmacht. Als erste Säule bezeichnet er das menschliche Denken in Kausalzusammenhängen.

"Die andere Säule ist unser hochbewehrtes System der Bildung von Theorien des Fremdpsychischen, das heißt, dass wir uns ständig Gedanken machen müssen, was geht in unseren Mitmenschen vor, um zu wissen, wie wir uns sinnvoll in einem sozialen Zusammenhang bewegen, also ständig die Generierung von Bildern: Was sind die Absichten in anderen? Und drittens die möglicherweise ganz furchtbare Entdeckung irgendwann mal in der Menschheitsgeschichte, als die Menschen sich bewusst wurden: Wir können sterben, wir können erkranken, wir sind vergänglich, irgendwann gibt es uns nicht mehr. Diese drei Dinge zusammen schaffen einen Boden aus dem Jenseitsgedanken entstehen können, die als Ursprung von Religion gesehen werden können."

Religion funktioniert dann im Grunde wie eine Art Selbsttröstung.

"Die Menschen schaffen sich Bilder und Hoffnungen, darüber dass das Ende, das der Tod zu sein scheint, nicht endgültig ist."

Religion wird damit zur Methode des Angstmanagements, die im Gehirn gründet, sich als Überlebensvorteil erwiesen hat und aus einem übersteigerten Kausalitätsdenken sowie der Angewohnheit entstanden ist, Theorien über das Fremdpsychische zu erstellen.

Das sei durchaus ein wesentliches Moment der Entstehung von Religion, erklärt der evangelische Theologe Dirk Evers von der Universität Halle. Als systematischer Theologe und Mitglied verschiedener Forschungsgesellschaften hat er sich intensiv mit dem Verhältnis der Theologie zu den Naturwissenschaften beschäftigt. Seiner Ansicht nach ist es dabei allerdings von Bedeutung, zwischen religiösen Phänomenen und Vorstellungen von Vulkangöttern, die in Bergen sitzen und sie zum Speien bringen einerseits und einer reflektierten Theologie andererseits, zu unterscheiden.

Eine Frau in einer Moskauer Kirche. (picture alliance / dpa)Glaube, eine Sache der Gemeinschaft (picture alliance / dpa)

Zusammenleben als Wurzel von Religiosität

"Dass religiöse Vorstellungen mit kognitiven Mechanismen zu tun haben, scheint mir augenscheinlich zu sein. Wir werden die auch nicht ganz los, auch in christlicher Hinsicht reden wir von Gott als dem Vater zum Beispiel, wir brauchen, um Gott zum Ausdruck zu bringen, anthropomorphe Bilder. Die Vorstellungskategorien, die uns selber vertraut sind. Das ist wichtig. Andererseits würde ich sagen: Es ist in der Tat zu kurz gegriffen, wenn man sagt: Nur in diesem Angstmanagement zusammen mit der Hyperaktivität von kognitiven Modulen entsteht das, was wir Religion nennen."

Den Ursprung und die Wurzel von Religiosität beim Menschen sieht Evers im Zusammenleben. Wie Menschen miteinander umgehen, was Familie und Gemeinschaft bedeuten, wie man sich in der Welt als Einzelner oder als Gemeinschaft orientiere – daraus entstehe auch ein Wechselspiel von religiösen Vorstellungen.

"Denken Sie zum Beispiel an die etablierten religiösen Vorstellungen im alten Israel und die Propheten, die immer wieder gemahnt haben und dagegen gesprochen haben. Es entsteht also ein Prozess von Religion, der immer auch dieses kritische Selbstverhältnis mit umschreibt. Und der zwei Aspekte hat: Auf der einen Seite in der Tat die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit und der Begrenztheit des Menschen, auf der anderen Seite aber auch sich selber in seiner Lebensfreude zum Ausdruck zu bringen. Und aus diesem Gesamtwechselspiel entstehen glaub ich, die verschiedenen Formen von Religion, wie wir sie in den Kulturen finden."

Die Deutung hirnwissenschaftlicher Erkenntnisse fällt sehr unterschiedlich aus – während die einen Neurowissenschaftler im Nachweis kognitiver Vorgänge deutlich machen wollen, dass Religion eine Illusion ist, nehmen andere Forscher dieselben Vorgänge zum Anlass, um zu beweisen, dass Gott den Menschen so geschaffen habe, dass der ihn erkennen könne.

"Die Faktenlage ist die gleiche, aber die Interpretation ist sehr, sehr unterschiedlich, und ich sehe im Moment noch nicht, dass das irgendwie wirklich konvergiert."

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