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Geist statt Geld und Gene

Zafer Senocak: "Deutschsein". Edition Körberstiftung

Was heißt eigentlich Heimat, was "Deutschsein"? Das fragt sich der türkischstämmige Dichter Zafer Senoczak, der als Achtjähriger mit seiner Familie nach Deutschland kam - und entdeckt das Deutschsein in einer geistvollen Sprache und nicht in den Genen.

Von Christiane Florin

Wer die Sprache liebt, sollte Zafer Senocaks "Deutschsein" lesen. (J&D Dagyeli Verlag)
Wer die Sprache liebt, sollte Zafer Senocaks "Deutschsein" lesen. (J&D Dagyeli Verlag)

Unlängst kündigte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer an, ein Bekenntnis zur deutschen Sprache in die Verfassung seines Landes zu integrieren. "Fördern und fordern" müsse man Migranten, sprach er in Bierdunst und Deutschland-schafft-sich-ab-Angst hinein. Donnernder Applaus. Zafer Senocak ist ein Dichter, den der Kulturbetrieb gern mit der Bindestrich-Identität "deutsch-türkisch" versieht. In seinem neuen Buch "Deutschsein" schreibt er gegen diese Sortier-Routine an. Schon auf der ersten Seite benutzt er eines der deutschesten Wörter überhaupt: das Wort "gemütlich". Er meint damit zunächst die kleine Wohnung in einem oberbayerischen Ort; 1970, als er acht Jahre war, zog seine Familie von Istanbul dorthin. Ein türkischer Junge findet also Oberbayern gemütlich – davon müsste der oberste Bayer begeistert sein. Jetzt noch schnell ein paar Mittelgebirge genannt und den Erlkönig rezitiert – und fertig ist das CSU-kompatible Bekenntnis zur deutschen Sprache. Aber ein Dichter hört genauer hin. Wörter sind für ihn mehr als abfragbare Vokabeln. Eine Sprache beherrschen, ihrer mächtig sein – das fordern Politiker. Künstler jedoch fördern die sinnliche Seite. Eine Sprache kann, wie ein alpenländisches Braustüberl, Geborgenheit und Wärme verströmen. Wörter wie Gastarbeiter und Ausländer, aber auch Integration und Migrationshintergrund klingen kalt und abweisend. "Mach es dir hier bloß nicht zu gemütlich!", signalisieren sie dem Fremden. Zafer Senocak schreibt dazu in seinem Buch "Deutschsein":

Sprache fließt, berührt und erzeugt Lust. Nichts ist von dieser Lust spürbar, wenn in Deutschland über Integration und Sprachdefizite gesprochen wird. Es herrscht die kühle Atmosphäre eines Labors. Man spricht über Einwanderung oft so, als ginge es dabei um chemische Formeln. Wo bleiben die Wörter, die schmecken, berühren und berauschen?

An Rausch mangelt es beim Thema Integration nicht. Auf dem Debattenmarkt haben sich einerseits Islamkritiker etabliert; anderseits gibt es seit dem Erscheinen von Patrik Bahners' Buch "Die Panikmacher" das Berufsbild des Islamkritiker-Kritikers. Beide Seiten neigen zum Marktgeschrei und pflegen ihre Publikationen als "Streitschrift" zu kennzeichnen. Senocak hat sein Buch im Untertitel "Aufklärungsschrift" genannt, auch deshalb, weil er aus Liebe zur gefühlsmächtigen Sprache einen klaren Kopf bewahren will. Denn ausgerechnet im Dichter- und Denkerland herrscht seiner Meinung nach ein Denknotstand:

In Deutschland ist die Fallhöhe zwischen dem hohen geistigen Niveau des philosophischen Erbes und der gegenwärtigen Verflachung öffentlicher Diskurse besonders groß. Eine stark polarisierende Sprache des Kulturkampfes hat an Raum gewonnen, verhinderte eine nüchterne Analyse der Zustände und ersetzt inzwischen mehr und mehr Reflexion und Analyse.

Thilo Sarrazins umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab" strotzt nur so von Statistiken, mit kühlen Daten lässt sich eben gut zündeln. Senocak braucht für sein Deutschsein keine einzige Mikrozensuszahl, dafür viele Gedichte. Er blickt zurück in die Geistes- und Gefühlsgeschichte Deutschlands und der Türkei, eingehend analysiert er Thomas Manns Kulturbegriff. Als "Gebrochen deutsch" umreißt er den Seelenzustand der verspäteten Nation. Den Deutschen fehle es an Selbstbewusstsein. Sie definierten sich selbst nur über die Abgrenzung vom anderen. Deutsch sei das, was der Fremde nicht ist und auch bei größter Anstrengung – Stichwort fördern und fordern – kaum werden kann. Das Exklusive ist den Deutschen wichtiger als das Gemeinsame, die eigene Kultur wichtiger als die universelle Zivilisation. Schon die Romantik reagierte auf die moderne Welt mit Weltflucht. Und heutige Leitkulturdebatten sind in Senocaks Lesart nichts anderes als der Versuch, Einfalt in die allzu vielfältige Welt zu bringen. Aus einer vielschichtigen Weltreligion wird so schlicht "der Islam", dem angeblich eine "christlich-jüdischen Leitkultur" gegenübersteht. Da wächst aus Angst zusammen, was nie zusammengehörte:

Dieser tumbe Identitätsentwurf eines christlich-jüdischen Abendlandes bezweckt nur eines: die Abgrenzung gegenüber dem Islam. So wird sie zur schrillen Begleitmusik der Migration von Muslimen nach Europa. In diesem christlich-abendländischen Kulturkreis geht es nicht um Fragen der Spiritualität in der säkularen Gesellschaft, um ein christliches Menschenbild, um das Erbe der Religionskriege, es geht dabei vor allem um die anderen, die angeblich nicht dazugehören. In der islamischen Welt wird eine ähnliche Denkweise von religiösen Fanatikern verfochten.

Anti-islamische Fanatiker, die sich digitale Pro-Sarrazin-Buttons auf ihre Homepage heften, sind für die Differenzierung zwischen Kultur und Zivilisation kaum empfänglich; auch der weniger fanatische Politikbetrieb will sich kaum so viel Feinsinn leisten. Natürlich kann man Senocak vorwerfen, er selbst sei romantisch-weltfern in seiner Hoffnung, mit Gedichten die Probleme in Berlin-Neukölln und anderswo zu lösen. Sollen Politiker und Journalisten etwa in Stadtteile gehen, in denen der Migrationshintergrund im Vordergrund steht? Sollen sie dort Zeilen von Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Nazim Hikmet rezitieren? Warum eigentlich nicht? Das Buch "Deutschsein" ist mitnichten naiv. Um sich zwischen den Marktschreiern im Integrationsmassengeschäft Gehör zu verschaffen, müsste der Autor wohl wesentlich schlichter argumentieren. Er müsste von Geld und Genen erzählen anstatt von Geist. Geistvolle Sprache ist nun einmal keine Sortiermaschine mit hoher Verletzungsgefahr, sie ist kein Kommunikationsapparat, der nach Lektüre der Betriebsanleitung beherrscht werden kann. Senocak wünscht sich einen Sprachtest der anderen Art: Er fordert von der Mehrheitsgesellschaft heilsame, aufhellende, inspirierende Wörter. Wörter wie die Wunderlampe Aladins. Er selbst hat davon reichlich. Wer die Sprache liebt, sollte "Deutschsein" lesen. Vergelt's Gott, Herr Seehofer.

Christiane Florin über Zafer Senocak: "Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift". Das Buch kommt aus der Edition Körberstiftung, umfasst 190 Seiten und kostet 16 Euro, ISBN 978-3-896-84083-7.

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