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StartseiteBüchermarktGeisterstadt17.02.2002

Geisterstadt

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.

In dem 1913 erschienenen Sammelband "Betrachtung" mit kleineren Prosa-Stücken von Franz Kafka findet sich ein Text von wenigen Zeilen Länge. Er heißt "Wunsch, Indianer zu werden":

Joachim Scholl

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.

Es ist eine Kinder- und Jugend-Sehnsucht, die sich in dieser literarischen Miniatur artikuliert, wohl jedem vertraut, der früher selbst gerne Indianer spielte, Karl May verschlang und davon träumte, mit Pfeil und Bogen durch die Prärie zu streifen. Zugleich hat Kafkas kleiner Text seine ästhetischen Tücken. Er entwirft eine Realität, die nur in der Vision, als Vorstellung existiert. Machtvoll entwickelt Kafkas Stil den prototypischen Indianertraum, um ihn in den letzten zwei Zeilen wieder zurückzunehmen und als bloße Fiktion zu enthüllen. An solchen trickreichen Spielen haben vor allem literarische Akademiker ihre Freude, und mit ziemlicher Sicherheit läßt sich das im vorliegenden Fall für den Amerikaner Robert Coover sagen, dem Literaturprofessor mit dem besonderen Geschmack für das Schwierige, Unangepaßte. Hypertext, Deconstruction, literarische Palimpseste und Parodien - je komplizierter die Interpretationsmodelle und Methoden, desto interessanter, könnte man seine akademische Devise wohl bezeichnen. Franz Kafka ist nach eigener Aussage einer seiner Götter, und vermutlich ist ihm jener Indianerritt des Pragers wohl vertraut. Ob er daran gedacht haben mag, als er sich selbst in den Wilden Westen zurückversetzte? Dort, wo jetzt sein neuer Roman spielt? Vielleicht.

Bleicher Horizont unter einem glasigen Himmel, flaches Wüstenland, Gestrüpp, in der Entfernung ein Hügel, ein einsamer Reiter. Es ist ein Land aus Sand, trockenen Steinen und toten Dingen. Geierland. Und er zieht hindurch. Denn: Es ist da, wo er jetzt ist, und hier draußen gibt es nichts, für das er anhalten oder umkehren würde - hinter ihm ist nichts, wohin er umkehren könnte. Sein schmales Gesicht wird von einem runden Filzhut mit breiter Krempe beschattet, sandfarben wie das Land ringsum, alt und verknittert. Ein vermutlich einst rotes Tuch um seinen Hals fängt den Schweiß auf, der ihm, ausgedörrt und sattelmüde, wie er ist, noch aus den Poren tritt. Eine weiche, löchrige Weste, ein graues Hemd, abgewetzte, rindslederne Chaps über dunklen Jeans, die in schmutzverkrusteten spitzen Stiefeln stecken, das alles verschlissen und staubig, nass geworden vom Regen, getrocknet von Sonne und Wind. Das ist das Bild, das er abgibt, ein einsamer Reiter in der ebenen Halbwüste, der eigensinnig seinen Weg geht. Er ist ledrig und sonnenverbrannt und so alt wie die Berge. Und doch ist er bloß ein Junge. Wird auch nie was anderes sein.

Zumindest in diesem Text nicht, der auf knapp 200 Seiten eine 1a-Westernlandschaft entwirft, wie sie authentischer und zugleich literarischer nicht sein kann, d.h. alles sieht so aus, wie man sich den wilden Westen je vorgestellt hat, und dennoch ist nichts so, wie es scheint. Zunächst aber hat sich Robert Coover in seinem 70. Lebensjahr einen opulenten Ausflug in einen Jugendbilderbuchtraum genehmigt, der alles enthält, was kleine Cowboys so begeistert und zumindest in den meisten westlich-abendländischen Köpfen als festes ikonographisches Muster eingebrannt ist: der einsame Ritt über die Prärie, die leergefegte Straße der endlich erreichten Stadt, durch die der Präriewind trockenes Gestrüpp bläst, das Knarren der Bohlen unter staubbedeckten Stiefeln, bevor der Held durch die quietschende Schwingtür den Saloon betritt. Drinnen: ein klimperndes Piano, ein schmieriger Wirt, Kartenspieler an rundem Tisch, die Spucknäpfe in ständigem Einsatz. Und am Klavier steht und singt Belle, die Dame des Hauses, natürlich mit ausladendem Dekolletée und auf die Wange geschminktem Schönheitsfleck. Ihre Augen verschleiern sich beim Anblick des gutgewachsenen Fremden. Alles verstummt, als er sporenklirrend zum Tresen schreitet. Nur ein Wort kommt aus seinem Mund: "Whisky". Selbstverständlich. - Ganz so ungebrochen klassisch geht es aber dann doch nicht zu. Zwar folgt postwendend der unvermeidliche Shoot-out, den der Held glänzend besteht, doch was macht dieser Sheriff-Stern plötzlich auf seiner Brust? Und ist der ‚lonesome' Cowboy zuvor nicht in eine veritable Geisterstadt eingelaufen, mit verfallenen Gebäuden und geplünderten Läden? Auch der Saloon war nur eine verlassene Bruchbude, in der die Ratten tanzten. Aber sowie der Ankömmling den Raum betritt und eine verlorene, geheimnisvoll aussehende Spielkarte vom Boden klaubt, tobt das pralle Western-Leben. Doch als Leser ist man darauf schon vorbereitet. Draußen in der Wüste hat sich nämlich schon was ähnlich Kurioses ereignet, das auch nicht mit rechten, realistischen Dingen zuging:

Sein Mustang und er waren so lange unter der glühend heißen Sonne dahingeritten, daß es ihm wie Jahre vorkam, als sie mit einem Mal auf ein Wasserloch stießen - es schien einfach aus dem Nichts aufzutauchen. Ringsumher lagen die gebleichten Knochen von Menschen und Pferden, und darum nahm er an, das Wasser sei vergiftet, und ließ das Pferd zuerst trinken. Als nichts geschah, legte er sich neben das Pferd auf den Boden und trank, anfangs direkt aus dem Wasserloch, dann aus seinem Hut. Das Wasser war klar und süß und so kalt, daß ihm die Zähne wehtaten. Er übergoss sich damit, füllte seine Flasche undwollte weiterreiten, doch das Pferd hatte andere Pläne und rührte sich nicht von der Stelle. Das war idiotisch, denn es gab dort nichts zu fressen und keinen Schutz vor der sengenden Sonne. Er redete dem Tier gut zu, er lockte es, verfluchte es, bearbeitete es mit Fußtritten, zerrte an den Ohren und am Zaumzeug, schlug es mit der Peitsche, doch das verdammte Vieh rührte sich nicht von der Stelle, es war so reglos und unnachgiebig wie ein Felsen. Und nachdem er es unbarmherzig geschlagen hatte, bis seine Arme kraftlos herunterhingen, sah er, dass das, was er da schlug, tatsächlich ein Felsen war und der verdammte Gaul noch immer mit gesenktem Kopf auf der gegenüberliegenden Seite des Wasserlochs stand und zufrieden trank. Er war scheißwütend und pfiff das perverse Tier herbei, und es kam auf ihn zu, trat in das Wasser und war verschwunden. In Panik sprang er ihm nach, doch das Loch war nur einen halben Meter tief, und er prallte schmerzhaft auf den Grund. Das Wasser war jetzt wärmer, schmeckte nach Salz und brannte ihm in den Augen. Als er wieder sehen konnte, stand das Pferd an der Stelle, wo er zuvor auf es eingeschlagen hatte, dafür war jetzt der Felsen verschwunden. Also erschoss er es. Was zu viel war, war zuviel.

Na das ist doch die Höhe - mag ein Tierfreund da denken, aber keine Bange: soviel in diesem Roman auch geschossen wird, außer Pferden müssen noch eine Menge anderer Protagonisten dran glauben: es ist alles Theater, Literaturblut, das da vergossen wird, nur auf's Papier gezaubert in grellen Kinobildern, mit dem Finger herbeigeschnippt vom allwissenden und zu allem fähigen Autor. Ein Pferd verschwindet magisch, genau wie später dann unversehens der Sheriff-Stern am Hemd unseres einsamen Reiters hakt, und nachdem Saloon-Vamp Belle dem Helden die alten Plünnen vom edlen Leib gezerrt und diesen gründlich verarztet hat, stolziert er fürderhin in feinem Leder mit glänzenden, perlmuttverzierten Revolvern wie weiland Henry Fonda in "Spiel mir das Lied vom Tod". Bis dem Erfinder und Schriftsteller eine neue Grille durch's Hirn zirpt und er weitere Geister produziert, in dieser Stadt, die es nie gegeben hat und immer nur "Ghost Town" bleiben wird, weil sie nur real ist auf den Seiten eines Buches, nur als Wirklichkeit und Wunder der Literatur. - Und was soll das Ganze denn, bekomme ich nun eine Geschichte oder nicht? fragt der irritierte Leser, aber der eingefleischte Coover-Fan winkt ab: Das ist alles ganz normal und voll in Ordnung bei diesem Autor, der seit seinen literarischen Anfängen mit jedem Buch ein Experiment anstellt, immer neue Möglichkeiten des Schreibens auslotet und dabei stets auf originelle, verblüffende Ideen kommt. Ein stattliches Werk ist in den letzten drei Jahrzehnten zusammengekommen, sieben Romane, ein Band Erzählungen unter dem Titel "Schräge Töne", und eben diese schrägen Töne habe Robert Coover neben Thomas Pynchon, John Barth und William Gaddis zum berühmtesten amerikanischen Vertreter der Avantgarde gemacht. Natürlich fällt, wann immer seine Arbeit diskutiert wird, die Vokabel "postmodern", die ja mittlerweile eher einer Verurteilung gleichkommt à la ‚unlesbarer, intellektuell überanstrengter Quark' und kaum noch als Kategorie zur konkreten Beschreibung eines Textes taugt. Im Falle Coovers ist das Wort jedoch durchaus am Platz, wenn man jene spezifische Poetologie der Postmoderne in den Blick nimmt, wie sie etwa durch Umberto Ecos "Der Name der Rose" populär wurde: als literarisches Spiel der Formen und Genres, immer in direktem, bewußtem Kontakt mit einer ästhetischen Tradition, auf die man sich bezieht, von der man sich abstößt, die man parodiert. Dem 1989 erschienenen Roman "Von den Anfängen der Brunisten" legte Coover beispielsweise die Offenbarung des Johannes zugrunde, die Geschichte einer obskuren religiösen Sekte war formal und stilistisch der biblischen Apokalypse angeglichen, aus dem starkem Kontrast ergaben sich fulminante satirisch-humoristische Effekte, die inzwischen als Markenzeichen der Prosa Coovers gelten. Am erfolgreichsten gelang diese Erzählstrategie mit dem 1991 vorgelegten Roman "Pinocchio in Venedig", einem glänzend ausgeflippten Kabinettstück postmoderner Literatur, das die weltbekannte Holzfigur mit Thomas Manns Gustav Aschenbach auf grandiose Weise verschmilzt. Als alternder Professor kehrt Pinocchio in seine Heimat Venedig zurück und trifft dort alle Märchengefährten von einst, muß noch einmal alle Widerlichkeiten des Lebens durchleiden, um seine lange Nase am Ende glücklich in den Ausschnitt der blauen Fee stecken zu dürfen. Auch das ist typisch für Coovers Stil: er liebt Anzüglichkeiten, hat eine herrlich versaute Phantasie und stöbert noch im vornehmsten Text der Weltliteratur die Stellen auf, über die man zotige Witze reißen kann. Mit "Pinocchio in Venedig" schaffte Robert Coover auch in Deutschland endgültig den Durchbruch, während man in den USA allerdings recht ratlos dieses hochkulturelle Feuerwerk literarischer Anspielungen und Verweise betrachtete. In seinem nachfolgenden, knapp 700seitigen Opus magnum, "Johns Frau", 1996 publiziert, hat Coover, vielleicht auch mit Blick auf die kärgliche Resonanz in der Heimat, seine gelehrt-vergnüglichen Exkurse in die europäischen Traditionen vorerst eingestellt und sich ganz auf amerikanische Verhältnisse konzentriert. Das Buch ist eine großangelegte, donnernde Satire auf den American way of life, im Mittelpunkt stehen John und seine Ehefrau, er der Prototyp des erfolgreichen, durchsetzungsstarken, hemdsärmeligen Geschäftsmannes mit dröhnender Stimme, sie eine rätselhafte Schönheit und Persönlichkeit, die automatisch alles Interesse auf sich lenkt und dabei doch seltsam flüchtig bleibt. Zum Beispiel kann man sie nicht fotografieren, auf Fotos ist sie einfach nicht drauf - womit wir wieder bei Coovers magischen Motiven wären. Auch in diesem Roman dürfen sie den Realismus der Erzählung immer wieder aufmischen, Johns Frau ist eben auch ein Geist, eine weitere Luftgestalt aus Coovers literarischen Geisterstädten, in denen sich die seltsamsten Dinge auf ganz natürliche Weise ereignen, weil es der Natur seiner Kunst entspricht. Das amerikanische Thema aus "Johns Frau" hat Coover nun in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt und -verwandelt. "Geisterstadt" ist ein Roman über den Mythos der ‚frontier', der Grenze, der Eroberung des Westens durch Tatendrang, Kampf, Gier nach Land und Reichtum. Im Buch erzählt ein alter, vertrottelter Trapper von diesem amerikanischen Traum:

"Wie bist du in diesem versengten Scheißloch gelandet, Kleiner? Was hat dich hergetrieben?" "Weiß nicht. Ich kann mich nicht erinnern. Ich hab das Gefühl, ich war schon immer hier." "Ich weiß, was du meinst. Hier ist es anders als anderswo - das heißt, eigentlich ist es gar kein Wo, eher ein Nirgendwo. Du denkst, du gehst auf es zu, aber es kommt zu dir, und so groß es auch ist, es geht in dich rein und du gehst in es rein, bis du und es so ziemlich dasselbe sind. Komisch, nicht?" "Kann sein. Da denk ich nicht viel drüber nach." "Kann ich mir vorstellen. Tut mir leid, Kleiner, dass ich dich so vollquatsche, aber das ist alles, was ich noch kann. Aber, Scheiße, Wörter kommen da nicht ran, das weiß ich - was man TUT, das sind die echten Wörter hier draußen im Terror-Torium, steht sogar irgendwo im Gesetz. Aber wo führt das hin, all das Tun? Es kommt einem ganz wirklich vor und gleichzeitig kommt es einem vor wie gar nichts. Wie das, was ich in den Taschen hab, wenn ich überhaupt noch Taschen hab. Ja, ich weiß genau, warum ICH hierher gekommen bin, was MIR Feuer unter meinem armen kleinen Arsch gemacht hat. Was mich hierher gelockt hat, war die gute alte goldene Verheißung. Ich hab gehört, dass es alles gibt, was man nur wollen oder sich bloß vorstellen kann. Ich hab gehört, hier gibt es offene Goldadern und Flüsse, in denen reiner Whiskey fließt, und heiße, schöne Weiber und sogar den verdammten Jungbrunnen, und Scheiße, ja, ich wollte was davon abhaben, ist doch klar. Ich wollte, wie es so schön hieß, auf der abenteuerlichen Bühne eines edlen Unterfangens stehen."

Der Wilde Westen ist im Grunde Amerikas einziger Mythos, die einzige große Geschichte und Sage, von der sich literarisch erzählen ließe, die jedoch merkwürdigerweise kaum Spuren im Feld der ernsthaften Literatur hinterlassen hat. Cormac McCarthy ist die bedeutende Ausnahme, vielleicht noch Larry McMurty, ein Ranchersohn, der mit seinem monumentalen Epos "Lonesome Dove" den Pulitzerpreis gewann. Doch eine eigenständige Tradition jenseits trivialer Schmachtfetzen und Heftchenromane hat sich nie herausgebildet, kein Homer besingt den Westen. Wahrscheinlich kam der Film zu schnell, überholten die Bilder die Sprache, nur auf der Leinwand, im Kino erzählt sich Amerika von seinem Ursprung, in immer wieder gleichen Klischees und Mustern, die mit der historischen Realität des Westens genausowenig zu tun haben wie der Marlboro-Mann. Es ist dieser gewissermaßen konfektionierte Mythos, den Robert Coover mit aggressiver Lust zelebriert und attackiert. Sein Wilder Westen lebt von den selben Bildern, wie sie alle unsere Vorstellungen prägen, aber in Coovers Darstellung werden sie ganz schön schmutzig. Seine Protagonisten stinken im Wortsinn zum Himmel, gebadet wird nie, und ebenso dreckig wie eine Wüstenstadt sind die Gedanken und Taten der Beteiligten. Man schießt sich über den Haufen, übt fröhlich Lynchjustiz und richtet auch den Helden ein ums andere Mal übel zu. Was eine weitere Spezialität von Coover ist: Stets mutet er seinen Figuren das Schlimmste zu, aus seinen Roman taucht kaum einer körperlich und geistig unversehrt wieder auf. Auch dem jungen Cowboy bleibt wenig erspart, rau und gar nicht herzlich wird er durch die Mangel gedreht, es ergeht ihm schlecht auf Schritt und Tritt. Ehrlichkeit, Edelmut und ritterliche Fairness gibt es in Coovers Western-Welt so gut wie gar nicht. Und auch weisen alten Indianern muß man auf die Finger sehen, während sie einem den Himmel erklären.

Während er nach oben starrte, stolperte er über eine alten, zahnlosen Indianer, der allein auf einem flachen Stein vor einem Häufchen glühender Holzkohlen saß. Wäre beinahe auf ihn getreten, einen Medizinmann, dem Aussehen nach, obwohl es ebenso gut eine alte Squaw mit eingefallenen Brüsten hätte sein können. Dieses uralte Wesen, das an einer langstieligen Pfeife zog und dabei ebenfalls den gestirnten Himmel betrachtete, begrüßte ihn nicht, schien aber auch nicht überrascht, dass er ihn auf diese Weise gefunden hatte. Was meinst du?, fragte er. Was sagen die Sterne? Das Wesen wandte den Kopf. Nach langem Schweigen antwortete es: Sie sagen, dass das Universum schweigt. Nur die Menschen sprechen. Obwohl es gar nichts zu sagen gibt. Dann drehte er sich um und stocherte in der Glut, die anscheinend nur dazu diente, die Pfeife von Zeit zu Zeit auf's Neue zu entzünden. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, die Sache auf sich beruhen zu lassen und weiterzuziehen. Stattdessen tauschte er einen Streifen getrocknetes Büffelfleisch gegen ein paar Züge aus der Pfeife, und im nächsten Augenblick drehte sich alles um ihn - und der alte Indianer haute mit seinem Pferd und all seinen Sachen ab.

Solche drolligen Szenen sind die Regel in diesem Roman, wobei der Literat Coover es natürlich nicht lassen kann, hier wie dort ein kleines schmuckes Zitat in seinen Text einzuschmuggeln, in diesem Falle: Beckett, damit man mal wieder weiß, wo man sich aufhält, nämlich in der schönen, endlosen Prärie der Literatur. Allenthalben flimmern Texte, mit den guten alten Geschichten. Coovers Cowboy hat zum Beispiel auch keinen Namen. Als er einmal gefragt wird, wer er sei, antwortet er: "Kann ich nicht so genau sagen." Es hätte gerade noch gefehlt, daß er "Niemand" sagt, aber auch so merken wir, daß hier ein amerikanischer Odysseus seine Irrfahrt abhält. Im Saloon warten später die Menschenfresser, und Barfrau Belle, die Circe redivivus, darf an einer Stelle lautstark ihre Berufserfahrung in der Sentenz komprimieren, daß Männer eh samt und sonders dumme Schweine seien. Von der Listigkeit und Stärke des Odysseus muß der Held jedoch zwischendurch oft absehen, denn sein Autor hat ihn außerdem mit einer ordentlichen Portion Tugendhaftigkeit geimpft, die von einem anderen berühmten Vorfahren stammt. Als Ritter von der traurigen Gestalt streitet er nämlich mannhaft um Traumfrau Dulcinea, die in Gestalt einer schönen Lehrerin daherkommt und immer in Gefahr ist, von der Dorfbaggage geschändet zu werden. Mehrmals bewahrt sie unser Held davor, um dann von der Holden eine geknallt zu bekommen, weil sich seine aufgeregte Männlichkeit unter den Jeans doch allzu deutlich abzeichnet, auf diesen Gag kann ein Coover nicht verzichten. Und wie Don Quijotes verzweifelte Schlacht mit den Windmühlen gehen alle Kämpfe des Cowboys aus: am Ende fliegt er vom Pferd und weiß nicht, wie und ob überhaupt tatsächlich etwas stattgefunden hat. Mit links hebt Coover solche Anspielungen unter seinen Text, aber dennoch unterschlägt diese leichthändige humoristische Arbeit am Mythos nicht die Seriosität des ästhetischen Programms, das in diesem Roman rotzig und elegant zugleich durchgezogen wird. Wir leben von Geschichten, wir leben mit Geschichten, und unsere Wahrnehmung der Welt wird durch sie bestimmt und angeleitet. Durchbreche die Regeln der Erzählung, so könnte Coovers Maxime lauten, greif' ein in ihre Mechanik, und du wirst ihren Sinn begreifen. Aber obacht: mach' dich nicht abhängig davon. Denk nach, was Geschichten mit dir anstellen können. Es könnte ein böses Ende nehmen, wie etwa bei diesem Zugräuber:

Der amtierende Hilfssheriff, ein großer hässlicher Mann mit unregelmäßig im Mund verstreuten Goldzähnen und langem, fettigen Haar, dessen Strähnen aussehen wie verfilzte Drahtseile, setzt sich mit Pfeife, Flasche und Kartenspiel in einen quietschenden Drehstuhl, während die anderen hinaus in die Finsternis poltern, den Saloon ansteuern und über die Aufteilung der Belohnung streiten. Was er jetzt, zusammengekrümmt auf dem Zellenboden, wirklich bereut, ist, dass er nicht auf den Zug gesprungen ist. Er hat einfach nicht nachgedacht. Oder jedenfalls nicht darüber. Einmal, erinnert er sich, hat man ihn nach einer nächtlichen Saloonschlägerei eingesperrt. Die Zelle war bereits besetzt, und zwar mit einem berühmten Zugräuber, der bei Sonnenaufgang gehängt werden sollte. In dem Kaff, wo ich herkomme, sagte der Zugräuber, wurden immer scheißviele Geschichten erzählt. Aus denen konnte man sich überhaupt nicht mehr raushalten. Ich hatte Angst, ich muss den ganzen Rest meines Lebens in Lügenmärchen verbringen, die sich andere Leute ausgedacht haben. Hauptsächlich tote Leute. Also bin ich hierher gekommen. Um meinen eigenen Tod zu erzählen, könnte man sagen. Tja, sieht so aus, als hättest du das geschafft, sagte er, denn damals war er jung und ungestüm und bewunderte den anderen. Doch der starrte ihn an wie einen Dorftrottel und sagte: Von wegen.

Soll man sich also besser aus den Geschichten raushalten? Will man das? Es gibt ja auch tolle. So wie diese hier? Die nicht nur eine ausgefuchste Geschichte über das Geschichtenerzählen erzählt, und dabei ohne jeden intellektuellen Pomp auskommt. Sondern selbst eine hochkomische, abgedrehte, stilistisch funkelnde und flotte Story darstellt, die einen großartig unterhält. Man muß sich nur ein bißchen darauf einstellen. Mit Robert Coover geht man immer auf eine Abenteuerreise des Lesens. Sie trainiert Muskeln im Kopf, von denen man manchmal gar nicht glaubte, dass man sie hatte. Das erste Mal kann's ein bißchen weh tun. Beim zweiten Gang ist's wie im Fitneß-Studio. Der Muskelkater verfliegt, man fühlt sich stark und gesund. Und hat den größten Spaß dabei.

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