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StartseiteBüchermarktGeistesriese und Muskelprotz19.04.2011

Geistesriese und Muskelprotz

Philipp Meyer: "Rost". Klett-Cotta

Philipp Meyer geht in seinem Buch der Frage nach, was man bereit ist, füreinander auf sich zu nehmen: Zwei ungleiche Freunde suchen in diesem Roadmovie vor dem Hintergrund einer auseinanderbrechenden Gesellschaft nach dem Glück.

Von Hartmut Kasper

4000 Dollar hat Isaac seinem Vater gestohlen. (Stock.XCHNG / Bob Smith)
4000 Dollar hat Isaac seinem Vater gestohlen. (Stock.XCHNG / Bob Smith)

Ein wenig klingt es, als seien in diesem Roman Tom Sawyer und Huckleberry Finn endlich erwachsen geworden. Ihre Familien sind kaputt wie ehedem; die beiden heißen jetzt Isaac Englisch und Billy Poe. Isaac und Poe leben auch nicht mehr am malerischen Mississippi, sondern in dem fiktiven Städtchen Buell in Fayette County, Pennsylvania.

Das Städtchen ist fiktiv, die Probleme seiner Bewohner sind es nicht: Die Region, durch Kohle und Stahl reich geworden, versank mit dem Niedergang der Stahlindustrie seit den 1970er-Jahren in Armut.

Wer konnte, machte sich auf und davon, sein Glück anderswo zu suchen. Wer nicht konnte, blieb:

Harris kannte Leute, die von einem Stundenlohn von dreißig Dollar auf vierfünfzehn abgesackt waren, stämmige Stahlarbeiter, die mit steinernem Gesicht die Lebensmittel an der Kasse in Tüten einpackten, es fiel keinem leicht, mit so was umzugehen, leicht, das gab es gar nicht.

Isaac und Poe sind, obwohl grundverschieden, lang und eng befreundet. Befreundet ist Poe auch mit Isaacs Schwester Lee, mehr als befreundet natürlich, was die Sache verkompliziert.

Isaacs und Lees Mutter hat Selbstmord begangen; ihr Vater ist nach einem Unfall im Stahlwerk ein Invalide. Der Krug familiären Elends bis an den Rand gefüllt.

Auch bei Poe sieht es kaum besser aus. Sein Vater ist ein Herumtreiber und Schürzenjäger; Poe wohnt mit seiner Mutter in einem Trailer, einem stationären Wohnwagen. Sie ist intim befreundet mit Chief Bud Harris, dem leitenden Polizisten von Buell.

Diese Beziehung hat sich schon einmal ausgezahlt, als Poe einen jungen Burschen verprügelt hat, ohne dafür belangt zu werden.

Jugendsünden. Nun aber werden die Sachen ernster. Isaac hat seinem Vater Geld gestohlen, 4000 Dollar, und will damit nach Kalifornien, einen Neuanfang wagen. Poe soll ihn ein Stück begleiten. In einer verlassenen Maschinenhalle treffen sie auf drei Obdachlose. Es kommt zum Streit. Die drei attackieren Poe; Isaac tötet einen von ihnen.

In Verdacht gerät jedoch nicht Isaac, sondern Poe. Poe wird verhaftet, verrät den Täter aber nicht. Isaac macht sich auf den Weg nach Kalifornien.

Isaacs privater Roadmovie Richtung Kalifornien scheitert. Das Geld, das er gestohlen hat, wird ihm gestohlen; am Ende wühlt er in einer Abfalltonne nach Essensresten. Er macht sich endlich auf den Heimweg, stellt sich.
Chief Harris aber hat mittlerweile die Dinge rustikal in die Hand genommen und die beiden Obdachlosen, die gegen Poe als Zeugen aussagen könnten, erschossen.

Warum?

Philipp Meyer hat sich und seinen Lesern eine Reihe grundsätzlicher Fragen gestellt:

"Was sind wir bereit, für unsere Freunde auf uns zu nehmen? Für wen würden wir unser Leben geben? Für wen würden wir töten?"

Sein Roman wirkt wie ein literarisches Laboratorium zur Beantwortung dieser Fragen. Das Buch ist spannend, der Tonfall einzigartig. Die Protagonisten werden dem Leser nah und immer näher gerückt; die Sätze sind von geradezu gläserner Klarheit; die Sprache schlägt Funken aus einfachsten Beobachtungen:

In den Wäldern an der Bahnstrecke gab's ein paar Pennerlager, und er hielt nach Lagerfeuern Ausschau. Ja, der Kleine wird es schaffen, dachte er. König der Schlangen, Pennerherzog. Hoch am Himmel über ihm zischte ein Licht entlang. Ein Satellit, Genosse der arabischen Händler, der Astronauten. Alles Wanderer.

Schön und sinnerweiternd.

Erst beim Nachdenken darüber, was man da gerade gelesen hat, kommen Bedenken. Das Ensemble ist dann doch ein bisschen melodramatisch gewählt: Die Hauptfiguren sind mal wieder ein Geistesriese mit einem Muskelprotz als treuem Freund, eben Hirn und Herkules:

Isaac, dem konnte man zwei x-beliebige Zahlen geben und sagen, die multiplizierst du mal im Kopf: 439 mal 892. Binnen weniger Sekunden hatte er die Lösung raus.

Der starke Mann ist auch Liebling der Frauen, nicht nur Lees. Beide gehen auf ihre ganz persönliche Höllenfahrt: Isaac auf seine Odyssee; Billy steigt in die Niederungen der Knastgesellschaft. Am Ende aber steht man füreinander ein wie Damon und sein Bürge.

So weben die Protagonisten ihre Freundschaft- und Familienbande und geben Antwort auf die Frage, was wir für Freunde auf uns nehmen: alles.

Das hat viel Blutsbrüderisches und überzeugt nur, weil die Antagonisten der Helden blass bleiben: die drei lieblos gezeichneten und jeder Vergangenheit entkleideten bösen Buben, um die es uns nicht schade scheinen soll.

Viel mehr als dieses Ensemble überzeugen da die Nebenfiguren wie der Friedensrichter Glen Patacki, der dem Polizisten einmal von dem besten Job erzählt, den er je hatte:

"Es war in der Eiskremproduktion. Große Wannen voller Pistazien und frischen Früchten, Pfirsiche und Kirschen, alles, was man sich nur denken konnte, wurde dort zusammengerührt. Da drin zu sein, war einfach himmlisch. Wenn die Ladung fertig war, wurden die Fässer zum Gefrieren aufgestapelt, und manchmal fing es in dem Gefrierraum tatsächlich zu schneien an, die Eiskrem steht gestapelt, bis zur Decke, und es schneit auf dich herab, mitten im Sommer."

Meyer ist ein großer Porträtist. Was hingegen die Szenerie anbelangt, die industriellen Inseln und Relikte, wird dämonisiert wie in alten Zeiten:

Er nickte ein, und als er aufwachte, war es fast Mitternacht. Licht kam einzig von der Kokerei, der Sicherheitsbeleuchtung. Wie viele Meter Rohr – Millionen, locker, Hunderte Gebäude, Koksöfen, Fließbänder, Kräne, wusste irgendjemand noch, wozu die Bauten einmal dienten, Dampf stieg auf von jedem Rohr, jedem Bau. Hitze, Dampf und Kohleschwärze. Unterwelt.

Der Roman heißt im original nicht "Rost", sondern "American Rust", so, als wäre der Autor einer besonderen, US-amerikanischen Spielart dieses Verfalls auf der Spur.

Die Konventionalität des Ensembles aber degradiert die verrottende Industrielandschaft zur Kulisse. Nur selten stellt sich die Perspektive auf amerikanische Verhältnisse scharf, wenn etwa Isaacs Vater, der ehemalige Stahlkocher, überlegt:

"Penn Steel hatte seit fünfzehn Jahren keinen Pfennig in die Werke investiert, und bei den meisten anderen Großwerken in Amerika war es genauso, überall fiel alles auseinander. Die Japsen und die Deutschen steckten immer Geld in ihre Werksanlagen. Investierten in die neue Infrastruktur. Investierten immer in sich selbst. All die Wohlfahrtsstaaten, Deutschland oder Schweden, stellten immer noch in rauen Mengen Stahl her. Dabei sollten sie eigentlich bankrott gehen."

"Rost" ist von der Komposition her kein sensationelles, sprachlich aber mehr als überzeugendes Buch – die Ankündigung eines großen Talentes.

Philipp Meyer: "Rost". Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
464 Seiten, EUR 22,95,Roman. J. G. Cotta´sche Buchhandlung/Klett-Cotta, Stuttgart 2010

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