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StartseiteBüchermarktGeistiger Punk05.02.2009

Geistiger Punk

Vilém Flusser: Kommunikologie weiter denken, S. Fischer Taschenbuch

Von Kant über ein Erlebnis in der Diskothek bis hin zur Etymologie des Wortes "Begreifen" - die Welt des Prager Kulturphilosophen Vilém Flusser ist voller Gedankensprünge. Seine Vorlesungen, die er 1991 kurz vor seinem Tod in Deutschland hielt, sind nun als letztes Vermächtnis veröffentlicht worden: Geistiger Punk von einem Genie ohne Ordnungssinn.

Von Florian Felix Weyh

"Kommunikologie weiter denken" von Vilém Flusser. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
"Kommunikologie weiter denken" von Vilém Flusser. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die Studenten bezeichnet er als "Buben und Mädel", und keinesfalls will er "noblen Blödsinn" verkünden, weil ihm Plattitüden gegen den Strich gehen. Als Vilém Flusser 1991 ein Semester an der Ruhruniversität Bochum liest, ist das ein Happening, allein schon deswegen, weil er nicht liest, sondern in freier Rede denk-spricht: Die Gedanken entwickeln sich aus den Worten, der Stoff folgt weniger einem roten Faden als kühnen Analogieschlüssen und einer Vorliebe für polyglotte etymologische Forschung.

An den Wurzeln unserer Sprache, ist Flusser überzeugt, lassen sich noch viele versteckte Erkenntnisse aufspüren. Auf der anderen Seite ist er ein Mathematikbegeisterter, der dem berühmten Wittgensteinschen Grenz-Verdikt forsch entgegensetzt: "Vieles, worüber man nicht sprechen kann, kann man rechnen." Die Zukunft gehöre dem mathematischen Code, nicht der Sprache mit ihrer Uneindeutigkeit. Widersprüche durchziehen seinen Vortrag wie Ackerfurchen ein frisch gepflügtes Feld, und ein freundschaftlicher Kritiker urteilt, er sei ein "Spekulant, der mit seinen Sophismen dialektisch spielt".

Achtzehn Jahre hat es gedauert, bis aus verrauschten Tonbandfragmenten posthum Vilém Flussers letztes Buch wurde. Das Ergebnis ist verstörend schön - also verstörend und schön -, vielleicht nur mit der von Flusser selbst zitierten Kantschen Kategorie des "interesselosen Wohlgefallens" zu rezipieren: Man darf von diesem wilden Philosophen nichts erwarten denn einen Einblick in seine eigene, flirrende Welt.

Ideen und Gedankenblitze werden von apodiktischen Setzungen eingerahmt. Eine davon lautet, Kultur sei ein Apparat, der erworbene Informationen speichere, und das seit Jahrtausenden vornehmlich in der Schrift; eine andere hingegen: "Das sprachliche Denken steht vor dem Bankrott."

Der Zwiespalt zwischen dem steten Zuwachs an Informationen und der gleichzeitigen Entwertung allen Wissens durch die digitale Informationsflut macht Flusser schon 1991 sichtlich zu schaffen. So oszilliert sein Geist zwischen Entscheidungsfreiheit, Thermodynamik, Geometrie, Demokratie, Videokunst, Wissenschaftsgeschichte, Politik und Kulturkritik hin und her. Der damals aktuelle erste Irakkrieg spielt ebenso eine Rolle wie Flussers zerstückelte Biografie zwischen den Kontinenten und seine philosophischen Wurzeln in der Antike und bei Heidegger.

Tragikkomisch wirkt seine Überschätzung des Videos als philosophisches Erkenntnisinstrument, erhellend seine Ausführungen zur räumlichen Existenz des Menschen oder zur Metamorphose des Imperativs vom göttlichen Gebot hin zur Gebrauchsanweisung. All dies hat man in den Neunzigern der Popkultur zugeordnet, aber es ist noch radikaler: Es ist geistiger Punk.

Ein Deutschlehrer würde sagen, Thema verfehlt, mangelhaft, bestenfalls: "Genie ohne Ordnungssinn." Und ernsthafte Menschen auf der Suche nach Wahrheit mögen sich von der Geisteswolke, die sich in alle Richtungen ausbreitet, vor den Kopf gestoßen fühlen. "In der Lebenswelt gibt es drei Kategorien, das Essbare, das Kopulierbare und das Gefährliche", beginnt etwa eine Vortragsstunde Flussers und weckt Neugier. Nach fünf Minuten ist der Philosoph jedoch schon bei der Etymologie des Wortes "begreifen" angelangt, nach zehn bei Erlebnissen in einer Diskothek. Er hopst und springt, assoziiert und dekonstruiert, dass es eine Freude und eine Qual ist.

Warum also soll man diese Vorträge lesen, die die Herausgeber vorzüglich in Schriftform übersetzt haben? Weil sie reicher machen. Um eine Metapher à la Flusser zu wagen: Es gibt in der Geistesgeschichte drei Sorten von Büchern: Die Erde, den Humus und den Dünger. Die meisten Bücher sind Erde, gut genug, um ein, zwei Gedanken keimen zu lassen und zum Erblühen zu bringen. Andere Bücher dienen nur als Dünger, der Erde fruchtbarer macht, ohne selbst eine originelle Potenz aufzuweisen.

Hier, bei Vilém Flusser, haben wir es mit sattem, schweren Humus zu tun, mit Mutterboden, in dem der Geist nach Belieben keimt, wächst und wuchert. Dass bei abwesender Hand eines Gärtners daraus nur ein wild-wirrer Naturgarten entsteht, bleibt unvermeidlich. In Flussers eigener Diktion ist dieser Garten noch "uninformiert" - niemand hat ihm Regeln und Muster aufgezwungen. Der Leser muss pflücken, was ihm gefällt und sein eigenes Bukett zusammenstellen.

Am Ende wird er doch Flusser widersprechen, der sich in Bochum scheinbar selbst richtete: "Texte", sprach er damals, "sind nicht nur nicht mehr wertvoll, sie sind Unrat". Manchmal Unfug, durchaus, aber niemals Müll.

Vilém Flusser: Kommunikologie weiter denken
Herausgegeben von Silvia Wagnermaier und Siegfried Zilinski
S. Fischer Taschenbuch, 320 Seiten, 12,95 Euro

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