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StartseiteDie neue PlatteGeistliche Musik zwischen Avantgarde und Tradition22.04.2011

Geistliche Musik zwischen Avantgarde und Tradition

Onute Narbutaite und Alexander Schtschentsky mit neuen Alben

Beim Label Naxos sind zwei Künstler aus Osteuropa erschienen, die sich der geistlichen Musik widmen. Während Onute Narbutaite eher der Avantgarde seines Landes Litauen angehört, orientiert sich Alexander Schtschetinsky eher der zweiten Wiener Schule und an der historischen Musiktradition seiner Heimat, der Ukraine.

Von Klaus Gehrke

Plattenspieler in Aktion (Stock.XCHNG / Dave Dyet)
Plattenspieler in Aktion (Stock.XCHNG / Dave Dyet)

"Onute Narbutaite
Tres Dei Matris Symphoniae
für Chor und Orchester"

Mein ganzes Leben habe ich abseits von dem Gewirr der zeitgenössischen Musik verbracht. Das ist weder ein Vor- noch ein Nachteil, sondern einfach eine Situation, in der die Musik eher aus der Stille und aus der Isolation entsteht, ohne jeden Anspruch, etwas entdecken oder manifestieren zu wollen.

Das sagte Onute Narbutaite 2002 über ihre Musik. Dennoch gehört die 1956 in Vilnius geborene Litauerin zu den bedeutendsten Vertreterinnen der musikalischen Avantgarde ihres Landes und ihre Werke werden in Deutschland mittlerweile nicht nur bei zeitgenössischen Festivals häufig aufgeführt. Wie viele Komponisten aus dem Baltikum verbindet Onute Narbutaite in ihrer Klangsprache die heimische Musiktradition mit zeitgenössischen Elementen: aus dieser Verbindung entstehen emotionsgeladene, lyrisch-melancholische und gleichzeitig auch verstörende Werke - wie beispielsweise die 'Tres Dei Matris Symphoniae', die 'drei Symphonien der Mutter Gottes' für Chor und Orchester, die 2003 als Auftragswerk des Brandenburgischen Staatsorchesters entstanden und die nun in einer Einspielung mit dem litauischen Sinfonieorchester und dem Staatschor Kaunas unter der Leitung von Robertas Servenikas beim Label Naxos erschienen sind.

"Narbutaite
Sinfonia prima "

Nicht himmlisch verklärend sondern eher bedrohlich angsteinflößend klingt die Erscheinung des Erzengels Gabriel in Onute Narbutaites erster der drei 'Mariensymphonien', die die Verkündigung an die Mutter Gottes darstellt. Möglicherweise verarbeitete die Komponistin in dem Werk über das Seelenleben der Mutter Gottes auch eigene Erfahrungen aus der Sowjetzeit, in der eine freie künstlerische Entfaltung kaum möglich war: Nach ihrem Studium in Vilnius wandte Onute Narbutaite sich bewusst der litauischen Musik zu, schrieb elegante Kammermusikwerke und mied den offiziellen sowjetischen Musikstil. Nach der Unabhängigkeit Litauens 1991 wagte sie sich zögernd an die Öffentlichkeit - und an große sinfonische Formen. 1997 entstand das Oratorium 'Centones mea urbi', eine Huldigung an ihre Heimatstadt Vilnius; fünf Jahre später komponierte die gläubige Katholikin die drei 'Mariensymphonien'. Die Zweite schildert die Geburt Jesu; und auch hier überwiegen eher irritierende Töne und Klangfarben als die Freude über den Retter der Welt. Da macht auch die Lobpreisung der himmlischen Heerscharen keine Ausnahme.

"Narbutaite
Symphonia seconda"

Die Schmerzen der Mutter Gottes beim Anblick Jesu am Kreuz stehen im Mittelpunkt der dritten Mariensymphonie. Onute Narbutaites Vertonung des berühmten Stabat Mater-Textes zeigt das Leiden Marias zunächst mit düsterem trauermarschartig stolperndem Rhythmus; nach einer dramatischen Steigerung wirken die Worte von der Hoffnung auf das Paradies durch Jesu Tod wie eine bedrückend angsterfüllte Halluzination.

"Narbutaite
Symphonia tertia"

Onute Narbutaites 'Tres Dei Matris Symphoniae', das der Staatschor Kaunas und der Aidija Kammerchor sowie das litauische nationale Sinfonieorchester unter Robertas Servenikas in dieser Live-Aufnahme hervorragend interpretieren, ist ein überaus hochdramatisches Werk mit fesselnder Suggestionskraft und einer unglaublichen Klangfarbigkeit. Und es wirkt erheblich avantgardistischer im Vergleich zu den geistlichen Werken des ukrainischen Komponisten Alexander Schtschetinsky, die ebenfalls bei Naxos erschienen sind.

"Alexander Schtschetinsky
Symphonie für Chor a cappella 'Erkenne dich selbst'
Chorsinfonie, 1. Satz"

Alexander Schtschetinsky, Jahrgang 1960, erhielt wichtige kompositorische Impulse von Edison Denisov, Alfred Schnittke, Arvo Pärt und Sofia Gubaidulina. Darüber hinaus orientierte er sich ebenso an der zweiten Wiener Schule wie auch an der historischen Musiktradition der Ukraine. Letztere klingt in der Sinfonie für Chor a cappella 'Erkenne dich selbst' nach verschiedenen geistlichen Texten aus dem Jahr 2003 deutlich an. Dagegen standen bei seinem Requiem für gemischten Chor und Streicher von 1991, das Schtschetinsky 2004 überarbeitete, eher Pärt und Philipp Glass Pate.

"Schtschetinsky
Requiem, Sanctus"

Die jetzt bei Naxos erschienenen interpretatorisch guten Einspielungen der Werke Alexander Schtschetinskys und Onute Narbutaite sind für mich zwei sehr interessante Beispiele dafür, wie jüngere osteuropäische Komponisten sich mit alter Religion und jüngster Geschichte sowie Musiktradition und Avantgarde auseinandersetzen. Und die Ergebnisse finde ich durchaus spannend und mitunter auch überraschend.

"Schtschetinsky
Requiem, Agnus Dei"

Das war der Schluss des Agnus Dei aus dem Requiem von Alexander Schtschetinsky mit dem ukrainischen Gloria Kammerchor und dem Leopolis Kammerorchester unter Roman Rewakowicz. Diese Aufnahme sowie die Mariensymphonien von Onute Narbutaite mit dem Staatschor Kaunas, dem Aidija Kammerchor und dem litauischen nationalen Sinfonieorchester unter Robertas Servenikas sind beim Label Naxos erschienen. Soweit für heute unsere Sendung 'Die neue Platte' - vorgestellt von Klaus Gehrke.

Diskografie:
Onute Narbutaite
Tres Dei Matris Symphoniae für Chor und Orchester
Staatschor Kaunas, Aidija Kammerchor, Litauisches nationales Symphonieorchester, Leitung: Robertas Servenikas (Live-Aufnahme vom 14.06.2008 in Vilnius)
Naxos 8.572295 LC 05537
EAN 747313 229574

Alexander Schtschetinsky, Symphonie für Chor a cappella
Erkenne dich selbst’
Cantus Kammerchor Uzhhorod
Leitung: Emil Sokach

Alexander Schtschetinsky
Requiem für Chor und Streichorchester
Gloria Kammerchor, Leopolis Kammerorchester
Leitung Roman Rewakowicz
Naxos 8.579005 LC 05537
EAN 747313 900574

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