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StartseiteForschung aktuellGekauftes Lob12.08.2009

Gekauftes Lob

Pharmafirma verschleiert Herkunft medizinischer Studien

Ethik.- Immer wieder versuchen Pharmafirmen, sich der Leistungen von Auftragsschreibern zu bedienen, um ihre Produkte in ein günstiges Licht zu rücken. Vergangenes Jahr war solch ein Fall in den USA bekannt geworden.

Von Arndt Reuning

In den beauftragten Studien wurden die Risiken der Hormonersatztherapie offenbar herunter gespielt.  (Stock.XCHNG / Carlos Paes)
In den beauftragten Studien wurden die Risiken der Hormonersatztherapie offenbar herunter gespielt. (Stock.XCHNG / Carlos Paes)

Laut den Vorwürfen von Senator [Charles E.] Grassley hat Wyeth bei dem PR-Büro DesignWrite Übersichtsstudien in Auftrag gegeben, welche die Vorzüge der umstrittenen Hormonersatztherapie besonders betonen – um den Umsatz der eigenen Präparate anzukurbeln. Bekannte Mediziner seien gewonnen worden, unter deren Namen die Ergebnisse veröffentlicht wurden. Die Verbindung zu dem Pharmakonzern sei nachher nicht mehr zu erkennen gewesen. Diese Vorwürfe sind nun erhärtet worden. Die "New York Times" hat Dokumente aus einem Gerichtsprozess präsentiert, aus denen hervorgeht, dass insgesamt 26 Studien auf diese Weise entstanden sind. Der Mediziner Joseph Ross von der Mount Sinai School of Medicine zeigt sich kaum überrascht.

"In der Industrie zum Beispiel hat es eine ganze Reihe von Fällen gegeben, die erst durch ein Gerichtsverfahren ans Licht gekommen sind. Dabei sind die Studien von Firmenangehörigen entworfen und durchgeführt worden. Und erst später wurden dann externe Mediziner oder andere Forscher rekrutiert, die ihren Namen als Autor auf das Papier gesetzt haben – um den Eindruck zu erwecken, dass die Studie wissenschaftlich unter sehr viel strengeren Bedingungen durchgeführt worden sei, als es möglicherweise tatsächlich der Fall war."

Joseph Ross gehört zu den wenigen Experten, die sich mit der Frage von Ghostwritern in Medizin und Pharma beschäftigen. Im April 2008 hatte er im US-Ärzteblatt "JAMA" ganz ähnliche Anklagen gegen den amerikanischen Konzern Merck erhoben, wie sie nun in Verbindung mit Wyeth laut geworden sind. Auch damals ist es um Übersichtsstudien gegangen, in denen viele verschiedene Fachpublikationen zusammengefasst worden waren.

"Eine große Zahl solcher Übersichtsartikel wird jedes Jahr veröffentlicht, und es scheint zusehends verdächtig, dass so viele davon, die sich für ein bestimmtes Produkt aus der Industrie aussprechen, sich auf Studien einer bestimmten Firma stützen. Diese Übersichtsartikel werden mit der Absicht ausgestreut, dass Ärzte das empfohlene Präparat öfters benutzen oder verschreiben."

Die von Wyeth finanzierten und von DesignWrite verfassten Studien spielen offenbar die Risiken der Hormonersatztherapie herunter. Diese Behandlung war Millionen von Frauen gegen Beschwerden in den Wechseljahren verschrieben worden. Im Jahr 2002 hatte dann eine großangelegte staatliche Untersuchung ergeben, dass durch die Hormonpräparate allerdings auch das Risiko steigt, an Brustkrebs oder Herz-Kreislauf-Störungen zu erkranken. Die letzte der von Wyeth manipulierten Studien ist sogar noch ein Jahr nach dieser einschneidenden Erkenntnis veröffentlicht worden.

"So etwas entwertet die komplette Arbeit von Ärzten und der Industrie. Arbeit, die in gutem Glauben, objektiv und ehrlich geleistet wird. Es ist unmöglich, zwischen beiden Arten zu unterscheiden. Zwischen anständigen Studien und solchen, für die Gastautoren ihren Namen geliehen haben."

Eine Universallösung für das Problem hat Joseph Ross nicht. Aber Sanktionen müsse es geben, sagt er. Und außerdem:

"Eine gewisse Aufsicht muss geleistet werden – von den Dekanen an den medizinischen Fachbereichen. Wenn sie sehen: Da gibt es jemanden am Institut, der selbst nicht forscht, aber plötzlich Aufsätze veröffentlicht. Oder wenn ein Wissenschaftler extrem viele Studien publiziert. Dann sollten sie das unter die Lupe nehmen und klären, ob hier nicht einfach jemand seinen Namen hergibt für eine Arbeit, die von einem anderen geschrieben worden ist."

Und bisher haben auch nur wenige Fachzeitschriften einen Kodex eingeführt, nach dem alle Autoren dazu verpflichtet sind, ihre genaue Rolle beim Entstehen eines Artikels offen zu legen.

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